Reformation und Gegenreformation

von Inge-Irene Janda

Die Handelsverbindungen Waidhofens, das seine Eisenerzeugnisse in die deutschen Städte lieferte, waren vielfältig. In diesen Absatzmärkten wie z.B. Nürnberg oder Augsburg war der Protestantismus bereits zur Geltung gekommen. So war es der Fall, dass auch die Kunde über Händler und Handwerksburschen nach Waidhofen kam. Reiche Familien schickten ihre Söhne gerne zur Ausbildung an auswärtigen Universitäten, u. a. an die in Wittenberg, wo Martin Luther und sein Freund Philipp Melanchthon lebten und wirkten und die neue Lehre verkündeten. So wissen wir etwa, dass zwei Waidhofener Bürgersöhne bereits 1528 in Wittenberg studierten. Dies kann man in den Universitätsmatrikeln nachlesen. Auch Paul Rebhuhn, Rotgerbersohn aus Waidhofen, studierte wohl ebenfalls dort. Er wurde ein Weggefährte Luthers, reformierte das deutsche Drama mit seinem Moralstück „Susanne im Bade“ und starb als Superintendent in Ölsnitz (Sachsen).

Die protestantische Bewegung verändert Waidhofen

Die neue Lehre, verbunden mit ihrem Freiheitssinn, fand in der Stadt bald Anhänger, besonders unter den Patriziern, da sie durch den Bischof von Freising, den Grundherrn, vertreten durch seinen Pfleger, öfters Repressalien zu erdulden hatten und gegenüber den landesfürstlichen Städten immer im Nachteil waren. Ein lateinischer Bericht des Pflegers aus Waidhofen an Bischof Heinrich III. von Freising, „Dissertatio de reformatione“, aus dem Jahre 1535 ist ein schriftlich erhaltener Nachweis einer Beschwerde über das vermehrte Auftreten des evangelischen Glaubens und über den Verkauf von Kirchengütern hierorts.

In all diesen bewegten Jahren lebte ein Mann in Waidhofen, der maßgeblich die Geschicke dieser Stadt bestimmte. Es war dies Wolf Ebenperger. Er war Stadtschreiber, war 1553 aus des Kaisers Diensten in die Stadt gekommen und wurde später Ratsherr und Führer der Protestanten. Als eifriger Lutheraner war ihm die Herrschaft des katholischen Bischofs nicht genehm. Er ließ kein Mittel unversucht, die Stadt dem Grundherren zu entziehen, um landesfürstlich zu werden. Der von Freising aus gesandte Pfarrer Wilhelm Kronberger verließ Waidhofen nach kurzer Zeit, da der Stadtrat alle Benefizien eingezogen und über das Kirchenvermögen Laien als Verwalter bestellt hatte. Adam Edlinger kam als neuer Seelenhirt, der sich zunehmend zum protestantischen Ritus bekannte. Er änderte die Messordnung und hielt nur mehr sonntags Gottesdienste. 

Das Bürgerspital mit Kirche, eine schon lang bestehende Stiftung, wurde von der Stadt verwaltet und damals mit evangelischen Prädikanten beschickt, die die Kranken zu betreuen und Gottesdienst zu halten hatten. Zu dieser Zeit lebte auch das kinderlose Ehepaar Prechtel in Waidhofen, die den evangelischen Glauben angenommen hatten und sehr vermögend waren. Sie spendeten ihr gesamtes Hab und Gut in die Stiftung Bürgerspital, aus der u. a. an arme Handwerkstöchter noch 1907 Gelder flossen. 

Waidhofen war durch das handwerkliche Können seiner Bürger sowie über den Handel zu einem beträchtlichen Wohlstand im 16 Jahrhundert gekommen. Jedoch blieb es nicht von Katastrophen verschont, die große Auswirkungen hatten. Die türkischen Akindschireiter, die 1532 die Umgebung von Waidhofen verwüsteten und die Stadt belagerten, wurden durch einen geglückten Ausfall vertrieben, auch litt Waidhofen unter verheerenden Hochwassern, zusätzlich noch unter den Folgen von Bränden, insbesondere unter der im Jahr 1571 ausgebrochenen Feuersbrunst, die angeblich 160 Häuser vernichtet hatte. Im Jahr 1585 wütete eine ganz arge Seuche, der sehr viele Menschen zum Opfer fielen. All dies brachte Probleme mit sich und machte den Inwohnern, wie die Stadtbürger damals hießen, zu schaffen. So kam es auch zu Auseinandersetzungen zwischen einigen Bürgern und den protestantischen Ratsherren wegen alter Rechte, insbesondere wegen des Weinausschenkens, wobei sich die Bürger beim Bischof beschwerten. Bischöfliche und landesfürstliche Kommissionen sollten den Streit klären, kamen jedoch zunächst zu unterschiedlichen Ergebnissen. Viele landesfürstliche Entscheidungen zu Gunsten der Stadt ließen den Rat gestärkt gegen die freisingische Obrigkeit vorgehen. Geld - und Haftstrafen wurden über die Handwerker verhängt. Auch bestrafte man die Rädelsführer der Gruppe, die mit der religiösen Entwicklung nicht einverstanden waren. 

Das inzwischen jedoch vom habsburgischen Landesfürsten erlassene Religionsedikt, das keine andere als die katholische Religion erlaubt sei, wurde vom evangelischen Rat ganz einfach negiert. Der freisingsche Pfleger Christoff Murhamer sammelte damals Beweise gegen den evangelischen Rat. So kam es im Jahr 1586, dass dem Rat durch eine nunmehr gemeinsame landesfürstlich-freisingsche Kommission mitgeteilt wurde, dass jede protestantische Bewegung in der Stadt verboten sei, wie auch keine geheimen Zusammenkünfte erlaubt wären. 

Ebenperger ergriff im Namen des Rates das Wort, wobei er sagte, dies sei gegen sein Gewissen und sie wollten eher all ihr Hab und Gut verlassen, als ihren Glauben aufgeben. Mit einer List lockte Murhamer den ganzen Rat ins Schloss, das Sitz des Pflegers war. Der gesamte Rat erschien und wurde festgenommen. Es begannen sofort die Verhöre. Die Anklage lautete: Missachtung der kaiserlichen und bischöflichen Autorität, Verursachung von Aufständen und Tumulten, Unterdrückung von Witwen und Waisen, Missbrauch der Amtsgewalt, Einziehung der Kirchengüter sowie Verschwendung der Stadteinkünfte als Hauptpunkte und noch vieles mehr. Am 26. September 1587 setzte man den evangelischen Rat ab, schaffte alle Akten, Geld sowie alle Werte vom Rathaus in das Schloss.  Ein neuer Rat wurde bestellt und die Mitglieder mussten alle katholisch sein. Am 9. Mai 1588 wurde der gesamte Rat in allen Punkten der Anklage schuldig gesprochen. Die Urteilsverkündigung geschah öffentlich auf dem Platz vor dem Schloss. Dabei stand als Haupträdelsführer Ebenperger – weiß gekleidet - auf einem Podest, für alle sichtbar Ebenperger verbüßte seine Strafe im Turm des heutigen Rotschildschlosses zu Waidhofen hinter den Steinmauern unter schwersten Bedingungen. Die letzte Eintragung über ihn finden wir am 5. Mai 1589. Vermutlich ist er auch um diese Zeit seinen Leiden, hervorgerufen durch die elenden Haftbedingungen, erlegen. 

Rekatholisierung und Gegenreformation

Vor Ostern des Jahres 1590 entstand ein großer Tumult in der Stadt. Es war ein Kind eines Messerers, namens Thomas Weighamer, gestorben und der Pfarrer weigerte sich, es katholisch zu begraben, weil es nach protestantischem Ritus getauft worden war. Im selben Jahr kam es auch noch zu anderen Übergriffen. Die Protestanten wollten die Bürgerspitalkirche als evangelische Kirche weiter behalten. Mit aller Strenge wurde nun gegen den Protestantismus vorgegangen; das Bürgerrecht konnten nur Katholiken erhalten, jeder musste zur österlichen Zeit beichten und öffentlich kommunizieren und am Fronleichnamsumzug teilnehmen. Wer dies vernachlässigte, wurde bestraft. Die Bürger wurden aufgefordert, dem evangelischen Glauben abzuschwören und katholisch zu werden. Bei Fortführung der „Irrlehre“ wurden hohe Geldstrafen vom Rat erlassen. Man arretierte die Beschuldigten und erst nach Erlegung der Geldstrafe hat man sie aus dem Arrest entlassen. Damit war zwar dem Protestantismus die Spitze gebrochen, aber auch zugleich der Wohlstand der Stadt verspielt. Viele arbeitsame Bürger von der Messererzunft etwa, welche dem protestantischen Glauben treu geblieben waren, wanderten aus. 

So kam es, dass angeblich von den 130 Feuerstätten nur ein halbes Dutzend übrig blieb. Dies war der Beginn des Abstiegs der Eisenerzeugung in Waidhofen. Es erfolgten Repressalien, Hausdurchsuchungen und der Einzug von Lutherbibeln und Gesangbüchern. Bekannt ist die Ausweisung eines protestantischen Messerers 1617 durch den bischöflichen Pfleger Alexander Negele. Aus dem Jahr 1671 ist ein Schreiben des Pflegers Wilhelm von Lampfrizham an den Stadtpfarrer Johann B. Pocksteiner bekannt, das ihn zu einem strengeren Vorgehen gegen die verbliebenen Protestanten ermahnte. Dieser ging dann mit gebührender Härte gegen sie vor. Unter seiner Amtszeit entstanden die Marienkapelle der Stadtpfarrkirche und die Mariensäule am Oberen Stadtplatz. Sie sind wie die barocken Altäre der Bürgerspitalkirche - nach der damaligen Renovierung - Symbole der Gegenreformation in Waidhofen.

Die Abwanderung aus der Stadt, die weiter zum Bevölkerungsrückgang beitrug, erfolgte aber, sofern sie nicht wirtschaftlich bedingt war, nicht wegen der Reformation, sondern wegen der gewaltsamen Durchsetzung der Gegenreformation, die für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt negativen Einfluss ausübte. Denn die freisingsche Stadtherrschaft mit ihrer nunmehr verstärkten Kontrolle bedeutete nicht nur vielfach innerstädtische Gegensätze, sondern brachte auch manche Benachteiligungen gegenüber den Städten der österreichischen Landesfürsten wie etwa Steyr. 


Mitgift für Jahrhunderte 

Das Legat der Margarethe Prechtlin

Lebensdaten: um 1500 bis ca. 1560

Eva Zankl

Beziehungen

Die historische Forschung leidet auch heute noch allzu oft an fehlenden Informationen zu Frauenbiografien, die uns ein schlüssiges Bild einer Zeit geben könnten, das durch die Konzentration auf die männliche Rezeption von Geschichte nur unvollständig ist. Eine dieser Frauengestalten, die wir nur durch bruchstückhafte Quellen erfassen können, ist die Gattin des Waidhofner Eisengeschmeidehändlers Hans Prechtl. Als Margarethe Pruggner, bzw. Prugkhner in Freistadt, Oberösterreich geboren, wuchs sie als Tochter des Messerermeisters Hans Pruggner und seiner zweiten Frau Magdalena in begüterten Verhältnissen auf. Über die genauen Lebensdaten von Margarethe ist nichts bekannt, doch lässt sich vermuten, dass sie kurz nach der Erstellung ihres Testamentes um 1559 verstorben ist. 
Die Familie, besaß mehrere Häuser in Freistadt und pflegte sicher wirtschaftliche und teilweise auch freundschaftliche Beziehungen zu den beiden anderen wichtigen Eisenstädten dieser Zeit Steyr (OÖ) und Waidhofen an der Ybbs (NÖ). Diese waren umso wichtiger als Margarethe vier Schwestern hatte, und diese Kontakte sicher auch als Heiratsmarkt genutzt wurden. 
So wissen wir, dass Margarethes Schwester Katharina mit dem Waidhofner Stadtrichter Erhart Wild verheiratet war, einem Mann, der sich als Befehlshaber eines Ausfalls von Bürgern und Handwerkern gegen die vor der Stadt lagernden osmanischen Akindschi 1532 einen Namen machte. Dass die jedem Kampf ausweichenden Osmanen bei Ihrer Flucht viele Pferde und geraubtes Geld, aber auch 500 ermordete Gefangene zurück ließen, ist aus heutiger Sicht ein zu hoher Preis für diesen „Erfolg“, verschaffte in jener Zeit Erhardt Wild jedoch hohes Ansehen. Vor allem eine Lieferung von Pferden nach Freising erfreute den Bischof, der als Grundherr von Waidhofen, seit dem großen Waidhofner Stadtbrand von 1515 größere Steuereinbußen bewältigen musste. 

Mit einem Teil des erbeuteten Geldes bauten die Waidhofner Bürger den Stadtturm aus, der als ehemaliger Eckturm der Stadtbefestigung nun zur stolzen Höhe von 30 m erweitert wurde. 
Es kann vermutet werden, dass Katharina Wild die Ehe ihrer Schwester Margarethe mit einem wohlhabenden Bürger Waidhofens arrangierte. Wie Erhart Wild war auch Hans Prechtl Mitglied des Stadtrats und als Witwer interessiert an einer klugen Verbindung. Margarethe erfüllte diesen Wunsch reichlich, indem sie eine Mitgift einbrachte, die sich auch heute noch beachtlich liest: Zwei Höfe zu Partzheim, eine Hube zu Ölling, die Mühle zu Partzheim, zwei Lehen am Oberen Dürnberg, drei Lehen zu Arbing, eine Hube zu Arbing, die Luftenhube in der Talheimer Pfarre und eine Wiese zu Windpassing mit allen Rechten. Damit war sie sicher mehr als eine gute Partie und man kann annehmen, dass sie in die Ehe nicht nur Vermögen sondern auch das entsprechende Selbstbewusstsein einbrachte. 

Wirkungsbereich

Die Stadt, in die sie kam, bot die Basis, um dieses bürgerliche Selbstverständnis zu leben. Waidhofen war das Zentrum der Besitzungen des Hochstifts Freising im österreichischen Ybbstal und durch die lange Tradition der Eisenverarbeitung auch ein wohlhabendes Lieblingskind des Bischofs. Die Erzvorkommen am steirischen Erzberg wurden in den waldreichen Voralpentälern südlich und nördlich des Erzberges verhüttet und zu fertigen Produkten weiter verarbeitet. Außerdem erzeugte das fruchtbare Bauernland an der Donau die Lebensmittel, die in einem regen Tauschhandel zu den Bergleuten transportiert wurden. Von diesem Handel profitierten vor allem die Eisenhändler, die durch ihre weitreichenden Handelsbeziehungen bis ins Baltikum und in den Mittelmeerraum auch einen weltoffenen Lebensstil mit nach Hause brachten. Das Stadtbild Waidhofens zeugt mit seinen Häuserzeilen, die gotische Grundstrukturen mit Renaissance- oder Barockelementen verbinden, bis heute von den architektonischen und künstlerischen Einflüssen aus den Metropolen Europas. 
Aber nicht nur neue Architekturstile erreichten die Stadt. Auch neue religiöse Ideen verbreiteten sich schnell. Da der bayerische Grundherr kaum nach Österreich kam und die Pfleger häufig auf sich allein gestellt waren, konnte sich der Protestantismus rasch in der gesamten Region verbreiten. Er war nicht nur Ausdruck eines anderen Glaubens, sondern auch einer demonstrativen Opposition gegen das Hochstift Freising, das den Waidhofnern häufig wirtschaftliche Nachteile gegenüber den habsburgisch landesfürstlichen Städten wie Steyr bescherte. Das energische Eingreifen des Bischofs 1587 mit der Absetzung und Vertreibung des Stadtrates setzte die Gegenreformation in Waidhofen in Bewegung und besiegelte durch diesen wirtschaftlichen Aderlass das Ende der finanziellen und kulturellen Hochblüte der Stadt. 

Reformatorische Impulse

Soweit die Rahmenbedingungen, in denen sich Margarethe Prechtl zurecht finden musste. Man kann davon ausgehen, dass auch die Familie Pruggner dem protestantischen Glauben angehörte, sonst hätten sie wohl kaum ihre Tochter nach Waidhofen verheiratet. Obwohl viele Häuser der Innenstadt mit ihrer ersten Nennung erst im 17. Jahrhundert aufscheinen, ist es recht wahrscheinlich, dass Margarethe mit ihrem Mann ein repräsentatives Stadthaus mit Dienstboten bewohnte, wie es bei einem reichen Eisengeschmeidehändler erwartet wurde. Das heißt, dass sie einem großen Haushalt vorstehen musste und als Gastgeberin auch regelmäßig Handelspartner ihres Mannes zu beherbergen hatte. Da Hans Prechtl auch Hammerwerksbesitzer und Messerermeister war, lebten im Haushalt sicher auch Lehrlinge und Gesellen, die mit versorgt werden mussten. Da ihr Mann 1541, 1549 und 1555 zudem auch noch Stadtrichter war und damit Oberhaupt der städtischen Verwaltung, lag in diesen Jahren sicher noch mehr Verantwortung für den Betrieb bei Margarethe Prechtl. 

Ein Ratsprotokoll von 1555 berichtet eher kurz, dass Hans Prechtl im Dezember verstorben war und Margarethe als reiche Witwe zurück ließ. Ob es aus der Verbindung Kinder gab, ist nicht bekannt. Mit ihrem bereits aus der Mitgift vorhandenem Vermögen und der Hinterlassenschaft ihres Mannes, die den Prechtl`schen Meierhof, das Hammerwerk und das Wohnhaus in der Stadt beinhaltete, konnte Margarethe über eine Summe von ca. 6.740 Pfund Pfennige verfügen, was trotz der schwierigen Umrechnung etwa einem heutigen Vermögen von 1,7 Millionen Euro entspricht. 
Nur wenige Jahre später, am 21. Juni 1559 ließ Margarethe Prechtl ihr Testament vom bekannten Stadtschreiber Wolf Ebenperger aufsetzen, der in Waidhofen sehr viel Einfluss hatte und auch das führende Haupt der Protestanten war – eine Aufgabe, die er 1587 nach dem Eingreifen des Bischofs mit lebenslanger Haft bezahlen musste. Das Testament trägt die typische Schrift Ebenpergers, die in ihrer Ausdruckskraft jedem Waidhofner Archivar sofort ins Auge sticht. Es umfasst 20 handgeschriebene Seiten, die Siegel der Erblasserin und von 7 Zeugen und sollte dazu beitragen, dass Margarethe Prechtl über nahezu vierhundert Jahre in der Erinnerung Waidhofens blieb. 
Die Erblasserformel, die lediglich die heilige Dreifaltigkeit, jedoch nicht Maria erwähnt, macht deutlich, dass es sich um das Testament einer Protestantin handelt. Schon im ersten Punkt erkannt man die gläubige Christin: „ Erstlich stelle ich meinen willen in den Willen Gottes…willig zu sterben und seinem göttlichen willen gehorsam zu sein bis in den Tod…“ Die Testamente dieser Zeit zeigen allesamt das Bemühen, durch fromme Zuwendungen für das eigene Seelenheil oder nahestehender Personen vorzusorgen. So stiftete auch Margarethe Prechtl einen Teil ihres Vermögens den armen Leuten im Bürgerspital und dem Siechenhaus. Die je 300 Pfund Pfennige sollten von der Stadt verzinslich zu 2% angelegt werden und die jährlichen Erträge von 15 Gulden den Institutionen ausbezahlt werden. 
Besonderes Augenmerk verdient das Legat, das in Punkt 5 des Testaments behandelt wird und mit 400 Pfund Pfennigen beziffert wurde. Die jährliche Verzinsung von 20 Gulden sollte je zwei „erbarn, frumben Armen Bürgers- oder Handtwerchstöchtern, weliche sich mit wissen Irer Eltern oder nechsten Freundt Eerlich verheuratten…“ zu Gute kommen. Erstmalig genannt wurde eine Auszahlung von 10 Pfund Pfennig an die Tochter des Michaeln Zehetleutner im Jahr 1563, wodurch vermutet werden kann, dass Margarethe Prechtl zu diesem Zeitpunkt schon verstorben war. 
Die letzte Eintragung in einem Rechnungsbuch des Oberkammeramtes der Stadt Waidhofen an der Ybbs aus dem Jahr 1907 bestätigt die Auszahlung von 16,80 Kronen an Maria Bastl, Josefa Schinagl und Magdalena Egger zur je K 5.60. Unglaubliche 344 Jahre lang hatten jährlich junge Frauen in Waidhofen Grund zur Freude über diese Zuwendung und oftmals auch einzige Möglichkeit zu heiraten. 

Kommentar

Inwieweit Margarethe Prechtl mit diesem Legat reformatorische Impulse gesetzt hat, ist wohl schwer zu beurteilen, da testamentarische Zuwendungen auch bei den Katholiken üblich waren. Interessant ist jedenfalls, dass das Vermögen nicht einfach verteilt wurde, sondern verzinslich angelegt wurde, um auf lange Sicht Kleinbeträge für eine schnelle Hilfe zur Verfügung zu stellen. Das lässt auf die Denkweise einer tüchtigen Geschäftsfrau schließen, die ihre Investition mit Blick auf eine nachhaltige Nutzung tätigt. 
Margarethe Prechtl war sicher eine Frau, die von den Erziehungsnormen ihrer Zeit geprägt war, in eine zweifellos arrangierte Ehe geschickt wurde und als gläubige Lutheranerin ihre Rolle als Bürgerin, Hammerherrengattin und Wohltäterin ausfüllte. Doch sie lebte auch in einer Zeit, die von technischen, künstlerischen und wirtschaftlichen Impulsen regelrecht überflutet wurde. Die weltoffene Händlermentalität Waidhofens integrierte diese Impulse in das tägliche Leben der Bürger und gestattete sicher auch den Frauen, vor allem jenen, die ein eigenes Vermögen besaßen, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Das Legat mit dem Wunsch, auch armen jungen Frauen ein Stück Unabhängigkeit zu verschaffen, lässt auf eine bemerkenswert selbstbestimmte Frau schließen und es ist für den Leser hoffentlich eine gewisse Genugtuung, dass das Legat so lange Zeit Wirkung hatte. 

Quellen und Literatur: 

Legat der Margarethe Prechtlin, Stadtarchiv Waidhofen(STAW) Kt. 58, Fasz.2/26 
Ausschüttungsprotokoll der Margarethe Prechtl-Stiftung 1640-1907; STAW 1/426 
Ratsprotokolle der Stadt Waidhofen 
Richter, Friedrich; das Legat der Margarete Prechtl aus dem Jahre 1559; in: Waidhofner Heimatblätter, S. 27-38; Hg. Musealverein, Waidhofen 1996