Die Biedermeierzeit in der Commerzialstadt Waidhofen an der Ips

1. Einleitung

Der Begriff Biedermeier tritt erstmals um die Mitte des 19. Jahrhunderts auf und bezeichnet jene 33 Jahre, die zwischen dem Ende der napoleonischen Herrschaft in Europa 1815 und der Revolution des Jahres 1848 liegen.
Den europäischen Monarchen sitzt noch der Schrecken der französischen Revolution in den Gliedern, und mit der Gründung der „Heiligen Allianz“ im Jahre 1815 versucht man, alle in Hinkunft auftretenden revolutionären Bestrebungen im Keime zu ersticken. In diesem Bündnis versprechen sich die europäischen Herrscher gegenseitige Hilfe im Falle nationaler oder liberaler Aufstandsbewegungen.
Aus dieser Angst heraus versucht man auch in Österreich alle Neuerungen und Veränderungen zu verhindern bzw. erst gar nicht aufkommen zu lassen. Der österreichische Staatskanzler Klemens Wenzel Fürst Metternich prägt mit seiner konservativen Politik die Epoche des Biedermeier in Österreich. Unter Kaiser Franz I. einflussreicher Minister, wird er 1821 Haus-, Hof- und Staatskanzler. 1835 stirbt Kaiser Franz I. und die letzte Anweisung an seinen Nachfolger lautet: „Regiere und verändere nicht!“
Mit der Thronfolge des regierungsunfähigen Kaisers Ferdinand I. im Jahre 1835 führt eine „geheime Staatskonferenz“ die Regierungsgeschäfte. Metternich ist auch in dieser Staatskonferenz weiterhin tonangebend und somit dauern der Polizeiüberwachungsstaat und die Politik der Reformfeindlichkeit und Unterdrückung bis zu seinem Sturz im Revolutionsjahr 1848.
Die Angst vor Umsturzbestrebungen und geheimen Verschwörungen ist auch in den Waidhofner Quellen nachweisbar. So endet der Eid, den der beim Waidhofner Magistrat angestellte Kanzleischreiber Christian Aufschläger am 22. Oktober 1824 ablegen muss, mit folgendem Absatz:
Schließlich schwöre ich auch, dass ich mit keiner geheimen Gesellschaft oder schädlichen Verbrüderung weder im In- noch im Auslande in Verbindung stehe, und mich immerfort als getreuer österreichischer Staatsbürger verhalten werde. So wahr mir Gott helfe!
Ähnliche Eidesformeln finden sich auch am Ende vieler anderer Dokumente des Waidhofner Stadtarchives aus dieser Zeit.
Die Sicherheitsmannschaft in Waidhofen besteht damals aus vier Personen. Es sind dies der Polizey=Wachtmeister, der Gerichtsdiener, der Polizeymann und der Gehilfe. In der Instruction für die Patrouille- und Sicherheits-Mannschaft vom 6. September 1839 werden die Amtsorgane zur genauen Überwachung der Bevölkerung angehalten. Unter §10 wird ihnen unter anderem aufgetragen, verdächtige Personen und Handlungen einer genauen Spähe zu unterziehen:

a) Auf das herumziehende Gesindel, Bettler, Vaganten aller Art, Hausirer, Juden und andere verdächtige Leute, welche, wenn sie keine legalen Pässe, und die Juden, wenn sie sich irgendwo über 3 Tage aufhalten, oder die ihnen vorgezeichnete Marschroute nicht genau einhalten, ohne weiters dem Magistrate einzuliefern sind.
b) Bei Hochzeiten, Jahrtägen und Freytänzen ist Ruhe und Ordnung herzuhalten, und kann im Erforderungsfalle in die obrigkeitliche Tanzbewilligung Einsicht genommen werden, um die bestimmte Zeit überwachen zu können.
c) Raufungen, Gassentumulte und Excesse sind abzustellen, die Raufer und Excedenten zu arretieren, und zur Amtshandlung zu übergeben.
d) Winkelschenken, unbefugte Beherbergungen, Winkeltänze etc. sind der Spähe zu unterziehen und anzuzeigen.
l) In den Gasthäusern ist eine genaue Spähe zu halten, ob irgendwo verbothene Karten= oder Würfelspiele geduldet, oder ärgerliche Spottreden wider die Landesverwaltung, Religion, Obrigkeit, gute Sitten ausgestoßen, anstößige Lieder gesungen, oder sogar Amtspersonen verunglimpft werden. Derlei Wahrnehmungen sind sogleich unter Geheimhaltung einzig und allein der Polizeidirektion anzuzeigen.
q) Bleibt es unerläßlich, daß alle Häuser vorzüglich in der Hinsicht überwacht werden, welche Partheyen drinnen wohnen, und ob sie mit Erlaubniß der Obrigkeit eingezogen seyen.

Dass die Polizei in der hier besprochenen Epoche durch die vielen zusätzlichen Aufgaben auch in einer Kleinstadt wie Waidhofen weit mehr gefordert war als früher, geht aus dem Ansuchen des Gerichtsdienergehilfen Johann Scheibenflug aus dem Jahre 1825 hervor:
Der hiesige Gerichtsdienergehilfe, Johann Scheibenflug bittet um Bewilligung auf einen Kragen=Mantl von grünem ordin: Tuche, zum Schutze gegen Kälte und Witterung bey häufigen Streifungen und Nachtvisitationen; welche Bitte ihme auch gewähret wird, ...
Diese Auslage darf nunmahls um so weniger gerüget werden, als bey gegenwärtigen Zeitverhältnissen die Polizeyaufsicht ungemein erschwert ist, und ohne Unterschied der Witterung jederzeit verrichtet werden muß.

Der Waidhofner Magistrat ist stets bemüht, seine kaisertreue Haltung zu demonstrieren, und so wird das 40. Regierungsjubiläum Kaiser Franz I. am 4.März des Jahres 1832 besonders feierlich begangen:
Der Magistrat, stets vom Patriotismus beseelt, bestimmt, daß der kommende 4:März als der Tag des Regierungsantrittes vor 40 Jahren S. kk. Majestät unseres angebetheten Kaisers Franz I. durch Ausrückung des BürgerCorps, Abhaltung eines feyerlichen Gottesdienstes, dann durch Salven sowohl mit kleinen Gewehren als auch Abfeuern 3 Kanonen vom Krautberge verherrlicht werden solle.
Auch bei dieser Feierlichkeit wird die Bürgerschaft genau registriert, und so fallen dem 2. Hauptmann des Bürgercorps vier Waidhofner Bürger auf, die den Feierlichkeiten ferngeblieben sind. Diese werden in der unmittelbar auf das Fest folgenden Ratssitzung deswegen zur Rede gestellt:
Uiber Anzeige des 2 Hauptmann Jos. Ratz sind wegen Ausbleibens bey der Jubiläums-Feierlichkeit am 4ten d. Monats die Bürger Ant. Sterr, Franz Ametzhofer, Joh. Resitz und Jos. Pichlhuber zur Rede gestellt worden.

Als sich gegen Ende der Biedermeierzeit die Situation immer mehr zuspitzt, werden auch in Waidhofen Dekrete verlautbart, die immer deutlicher die Angst der Regierenden vor einem Umsturz zeigen. So wird in der Ratssitzung vom 9. Mai 1845 folgendes Verbot erlassen:

Das Zusammenstehen und Zusammenrotten an Sonn = und Feiertagen auf dem hiesigen oberen Stadtplatze wird ... wiederholt strenge untersagt, welches durch Affigierung der Dekrete zur Kenntniß zu bringen ist.
Auch die Gründung des Waidhofner Männergesangvereins fällt in diese letzte Phase der Biedermeierzeit. Da der 1843 gegründete Verein national-liberale Tendenzen erkennen lässt, muss er 18 Monate lang seine Tätigkeit unterbrechen und erst ein Gesuch an die kaiserliche Hofkanzlei führt zur Genehmigung. Die ursprüngliche Bezeichnung Liedertafel muss auf Männergesangverein geändert werden, und im §1 der Statuten die Stelle Patriotismus für das gesamte Deutschland als das gemeinsame Vaterland aller Vereinsmitglieder gestrichen werden. Unter diesen Voraussetzungen wird der Verein dann 1847 genehmigt. Dass der Männergesangverein tatsächlich national-liberale Tendenzen aufweist, zeigt eine Aussage des Stadtpfarrers Augustin Beer (1842-1860). Er stellt im Memorabilienbuch der Stadtpfarre fest, dass Liedertafel (Männergesangverein) und die 1848 gegründete Nationalgarde praktisch ein und dasselbe waren.

In der Zeit des Vormärz sind die Bürger von jeglicher politischer Mitwirkung ausgeschlossen und nationale sowie liberal-demokratische Gesinnung werden radikal unterdrückt. Die Folge ist der Rückzug vieler Bürger in die behagliche Welt ihrer Häuser, die Beschäftigung mit Musik, Theater und Malerei und die Entwicklung eines Architektur- bzw. Möbelstils, für den heute noch der Begriff „Biedermeier“ in Verwendung steht.
Als Beispiel für eine solche biedermeierliche Hausmusik möchte ich hier die Schilderung einer Musikalischen Akademie im Hause des Stadtchronisten Sebastian Petter anführen. Er selbst berichtet in seiner Chronik darüber:
Den 19.Jänner 1825 war bey mir, von Klaviermeister Joh: Schreiber, eine kleine Akademie mit meinen beyden Kindern Karl und Theres veranstaltet. Sie schlugen ein schön hübsches 4 händiges Stück. Es waren an Zuhörern zugegen: H. Weber et Frau samt Babet, H. Fischer , Frau und die zway Töchter, H. Krabed, Vater und Mutter, Thoma, und zwey Turnergesellen. Nach Ende dieß, war ein klein Suppe, und zum Schluß ein kleines Tröpfchen.
Wie wir seinen Aufzeichnungen entnehmen können, finden in Petters Haus am Hohen Markt 25 wiederholt sogenannte Musikalische Akademien aber auch Theaterveranstaltungen mit bis zu 80 Besuchern statt.
Aber auch in anderen Waidhofner Häusern finden abendliche Hausmusikkonzerte statt. So zum Beispiel im Gasthof Preitenlahner (heute Gendarmerie) im Sommer des Jahres 1833:
Den 30. August 1833 kamen zum Wirth Preitenlahner Musiker an, dabey eine Sängerin war. Sie gaben Abends Akademie, welche aus einer Harfe und 2 Violinen bestand, daneben die Sängerin, die wirklich sehr brav sang und aus mehreren Opernstücken sich producierte. Sie war wirklich eine Meisterin im Gesang.
Die Besucher dieser Veranstaltungen dürfen wir uns in der damals typischen Biedermeierkleidung vorstellen. In der Damenmode werden geschlitze Puffärmel, hohe gefaltete Krägen oder Krägen mit breit ausladenden Spitzenornamenten modern. Die Kleidung verkürzt sich bis über die Knöchel, ansonst aber wird der Körper wieder stärker verhüllt. - Die Männermode ist durch den schwarzen Frack mit Zylinder, das „Vatermörderkragen“-Hemd, lange Hosen, gestreifte oder geblümte kurze Westen sowie durch kunstvoll geknüpfte Krawatten gekennzeichnet.
Ein weiteres Phänomen der Biedermeierzeit ist die große Anzahl umherziehender Menschen, die auf unterschiedlichste Weise versuchen, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In einer Zeit, in der das Unterhaltungsangebot für einen Großteil der Bevölkerung sehr begrenzt ist, können Komödianten, Gaukler, Artisten und Musiker immer wieder mit großem Interesse an ihren Darbietungen rechnen. Laut Petterscher Chronik vergeht fast keine Woche, in welcher nicht irgendeine Attraktion von auswärtigen Unterhaltungskünstlern angeboten wird. Es handelt sich dabei unter anderem um Musiker, Sänger, Schauspieler, Seiltänzer, Schnellläufer, Zauberer, Bärentreiber, Ringelspielbesitzer, Reiter, Marionettenspieler, Schaubudenbesitzer, Bauchredner und Leute, die mit Gas gefüllte Ballons steigen lassen. Sie nehmen üblicherweise in einem der Einkehrgasthöfe der Stadt ihr Quartier, hängen sogenannte Anschlagzettel aus, und producieren sich dann meist abends in den jeweiligen Lokalitäten.
Eine spezielle Gruppe bilden jene Personen, die mit mehr oder weniger exotischen Tieren von Ort zu Ort ziehen, und diese auf den Gassen und Plätzen zur Schau stellen. Zwei Beispiele aus der Petterschen Chronik seien hier angeführt:
Den 19. Februar 1835 kam hier ein Italiener mit einem Affen, Adler und einem Stachelschwein an, welche Thiere auf einen Esel geladen, von ihm herumgeführt wurden.
Den 21. July 1835 befand sich hier ein sogenannter Bärentreiber; er hatte ein Trampeltier, worauf 2 Affen waren, dann 2 Eseln, jeder mit einem Affen beladen, dann einen ziemlich grossen Bären
.

Aber der äußere Schein der biedermeierlichen Idylle trügt. Ein Großteil der Bevölkerung lebt in bitterer Armut und die Unzufriedenheit wächst in allen Bevölkerungsschichten. Auch in Waidhofner Quellen gibt es immer wieder Hinweise auf die Armut vieler Bewohner. Das Bürgerspital sowie das Siechen- und Armenhaus in der heutigen Wienerstraße sind oft übervoll und Bittsteller müssen längere Wartezeiten in Kauf nehmen, um in eine dieser Waidhofner Sozialeinrichtungen aufgenommen zu werden. Trotz der Versorgung in diesen Häusern gehen die Insassen dennoch öfters betteln, und so sieht sich der Magistrat im Jahre 1847 zu folgender Verordnung veranlasst:
Die Verwaltung des Bürgerspitals dann des Armen= und Siechenhauses sind angewiesen, daß sie den Pfründlern das Betteln in der Stadt und in den Vorstädten mit dem Beisatze strenge zu untersagen haben, daß jeder bei Betretung eingesperrt und bestrafet werden wird.

In Waidhofen trägt auch der 1819 einsetzende Niedergang der Sensen- und Geschmeidekompanie zur wirtschaftlich angespannten Lage bei. Sickingen führt den Konkurs dieser beiden Kompanien auf die Franzosenkriege zurück:
Die traurigste Folge dieses Krieges für Waidhofen ist, daß sich fast aller Orten die sonst blühende Handelschaft nicht mehr thätig zeigen kann, vorzüglich wegen außerordentlichen Geldmangel, woher es nebst anderen Ursachen kam, daß in Waidhofen zwei Handlungsgesellschaften ganz eingegangen sind, die der Stadt und Umgebung jährlich eine sehr große Summe einbrachten, nämlich die Sensen- und die Geschmeidehandlungs-Gesellschaft, wodurch viele thätige Hände arbeitslos wurden, und Nahrungslosigkeit die Folge sein mußte, ...

Als eines der vielen persönlichen Schicksale sei der reiche Waidhofner Bürger Anton Freysmuth erwähnt. Er galt als einer der wohlhabendsten Männer der Stadt, verlor aber sein gesamtes Vermögen und fristete seine letzten Lebensjahre als Gemeindeschreiber. Petter beschreibt Freysmuths Niedergang in seiner Chronik:
Anton Freysmuth besaß das Haus des Herrn Großmann (Oberer Stadtplatz 28) und noch 4 Häuser, war Handelsmann und Mitinteressent eines halben Sensenhammers und selbst bei der Kompagnie, wurde bei all seinem Vermögen Kridatar und zuletzt Schreiber bei dem Magistrat allhier. Bei Antritt des Handlungshauses und bei seiner Heirat war er Millionär und auf die letzte Zeit sehr arm.
Als im Jahre 1826 in der Stadt eine Diskussion um die Fortführung der Hauptschule geführt wird, die der Stadt sehr teuer kommt, wird von Seiten des Magistrats das Argument angeführt, dass die hiesigen Bürger so arm wären, daß sie kaum ihre Steuern berichtigen können.
Auch Postmeister Johann Humpel, der eine Abhandlung über die März-Ereignisse des Jahres 1848 in Waidhofen verfasst, erwähnt die materielle Notlage, in der sich die Stadt befindet. Er schreibt, dass zu jener Zeit allhier die Eisenindustrie bereits den Todeskampf gerungen und der Pauperismus über deren Bahre hohläugig und gespensterhaft hereingeblickt hatte.
Eine Eintragung im Ratsprotokoll der Stadt vom 9. Juli 1847 bestätigt diese Aussage Humpels. Der Stadtrat fordert darin von den Sensenschmiedknechten, dass sie einen größeren Beitrag aus ihrer Kassa an das Armenhaus der Stadt entrichten, da bereits 7 Sensenschmiedknechte untergebracht sind, und zu erwarten steht, daß sich die Zahl derselben in dieser Anstalt noch vermehren wird.
Eine ungefähre Quantifizierung der Armen im Bereich der Stadt Waidhofen und des Marktes Zell läßt sich auf Grund einer Angabe Sebastian Petters erstellen. Beim Begräbnis des großen Wohltäters der Armen, Herrn Johann Preißl am 12. Mai 1826, gibt Petter die Zahl der Armen an, die beim Trauerzug mitgehen:
Ganz vorn gingen, sowohl von hier alle Armenhäußler, Siechenhäußler, Spitaller Haußarmen, als auch von der Zell dergleichen, so daß man selbe gut 300 sagen darf... Es starb ein grosser Wohltäter der Armen und Nothleidenden.
Wenn man bedenkt, dass Waidhofen und Zell damals knapp 4000 Einwohner zählten und bei dem oben erwähnten Trauerzug nur die gehfähigen Personen teilnehmen konnten, so kann man einen offiziellen Armenanteil von ca. 10% der Bevölkerung für den Bereich Waidhofen und Zell annehmen.
Im März des Jahres 1848 entlädt sich dann der Druck in einer Revolution, die beinahe ganz Europa erfasst. Auch in Waidhofen sind Spannungen zwischen kaisertreu-konservativen (Bürgerkorps) und national-liberalen Gruppierungen (Nationalgarde) nachweisbar. Es kommt jedoch zu keinerlei Blutvergießen und im Oktober 1849 werden beide Einheiten aufgelöst. Mit der Einführung des Neoabsolutismus unter dem neu eingesetzten Kaiser Franz Josef I. dominieren wieder die monarchisch-konservativen Kräfte. Im August 1851 wird bestimmt, dass die Nationalgarde aufgelöst bleibt, das Bürgerkorps jedoch weiterbestehen darf.

Das Eigenschaftswort „bieder“ hatte ursprünglich eine positive, vorbildhafte Bedeutung und stand für „ehrenwert“, „verlässlich“ und „aufrichtig“. Erst um die Mitte des19. Jahrhunderts setzt sich der Begriff „Biedermeier“ als Spottname für den bürgerlichen Spießer durch, dem man brave, angepasste Beschränktheit, vorauseilenden Gehorsam und Unterwürfigkeit vorwarf. So heißt es im Spottgedicht „Der gute Bürger“ von Ludwig Pfau aus dem Jahre 1847:

Schau, dort spaziert Herr Biedermeier
Und seine Frau, den Sohn am Arm;
Sein Tritt ist sachte wie auf Eier,
Sein Wahlspruch: Weder kalt noch warm!

Die Epoche des Biedermeier in Waidhofen/Ybbs ist in den Quellen sehr gut dokumentiert. An erster Stelle steht die Chronik des Sebastian Petter, die auszugsweise in Thomas Mayrs „Chroniken der Stadt Waidhofen an der Ybbs“ abgedruckt ist, aber auch im Stadtarchiv noch zur Gänze im Original erhalten ist. Eine weitere wichtige Quelle stellen die Ratsprotokolle dieser Epoche dar, die zum Teil sehr detaillierte Einblicke in den Alltag gewähren. Für das äußere Erscheinungsbild der Stadt um diese Zeit steht uns die ausführliche Beschreibung Sickingens aus dem Jahre 1838 zur Verfügung. Daneben ist noch eine Vielzahl anderer Arbeiten von Mayr, Friess, Richter, Sengseis, Stepanek, u.a. zu erwähnen, die es dem Verfasser möglich gemacht haben, einen Rundgang durch das biedermeierliche Waidhofen anbieten zu können.
Das Bildmaterial stammt überwiegend aus dem Waidhofner Heimatmuseum. Es sind dabei Künstler wie Frey, Hollensteiner, Grünschachner, Springenschmied, Reim und Seher vertreten. Ein genauer Bildnachweis befindet sich im Anhang der Arbeit.

2. Daten und Fakten zur Biedermeierzeit in Waidhofen an der Ybbs

A) Kaiser

1792 - 1806 / 1804 - 1835 Franz (II.) I.
1835 - 1848 Ferdinand I.

B) Pfarrherren

1795 - 1825 Gottfried von Dreger
1825 - 1841 Jakob Wagner
1842 - 1860 Augustin Beer

C) Bürgermeister

1799-1828 Florian Frieß
1828-1829 Franz Braun
1829-1838 Leopld Pichler
1839-1843 Johann Haller
1843-1845 Franz Neuwirth
1845-1848 Johann Vinzenz Großmann
(2.Amtsperiode: 1858-1861)
1849-1858 Josef Riedmüller

D) Häuser und Einwohner:

1796: 390 Häuser
1838: 420 Häuser, 3167 Einwohner
1860: 431 Häuser, 3427 Einwohner

E) Betriebe im Stadtbereich und in den Vorstädten um 1838 (nach Sickingen38)

a) Eisenverarbeitende Betriebe:
2 Ahlenschmieden
6 Bohrerschmiede
1 Büchsenmacher
2 Eisendrahtzieher
9 Feilhauer
2 Hammer= und Zeugschmiede
2 Hufschmiede
3 Klingen= und Gabelschmieden
1 Kneipschmied
1 Kupferschmied
5 Löthschlosser
6 Messerschmieden
7 Nadler
1 Nadelrolle, durch welche die Stricknadeln glänzend gemacht werden.
4 Nagelschmieden
2 Pfannenschmiede
2 Pfrimschlosser
2 Reifmesserer
4 Sägblätterschmieden
6 Scheerenschmieden
6 Scheermesserer
6 Schleifmühlen (davon 4 städtische und 2 private)
17 Sensen- und Knittelhämmer
3 Striegelmacher
3 Zerrennhämmer
5 Zirkelschmiede
2 Zeug= und Schrotschmieden

b) Sonstige Betriebe und Handwerke
6 Bäcker
1 Buchbinder
1 Bürstenbinder
2 Brauhäuser (beide Privateigenthum)
1 Drechsler
4 Eisenhändler
2 Färber
3 Faßbinder
1 Glaser
1 Gürtler
2 Hafner
1 Handschuhmacher
2 Hutmacher
7 Fleischer
1 Kammmacher
1 Kaffeehaus
1 kaiserliches Postamt
2 Kirschner
2 Krämer
1 Lackierer
1 Lebzelter
3 Lederer
1 Lederstampfe
1 Leimsieder
1 Lottokollektur
5 Mahlmühlen (von denen zwei mit Sägewerken versehen sind)
2 Maler (wovon einer auch Vergolder ist)
3 Maurermeister
1 Posamentierer
1 Riemer
1 Rosogliofabrik
1 Sägemühle (städtisch)
1 Sattler
8 Schneider
6 Schuhmacher
1 Seifensieder
1 Siebmacher
1 Silberarbeiter
1 Spengler
1 Steinmetz
1 Strumpfwirker
1 Tabakverlag
5 Tischler
7 Trafiken
1 Tuchscherer
3 Uhrmacher
8 vermischte Waarenhandlungen
12 Viktualienhändler
2 Wagner
2 Weber
1 Weißgärber
1 Weißgärberwalke
50 Wirtshäuser (unter denen sich 7 größere und 6 kleinere
Einkehrwirtshäuser befinden)
3 Zimmermeister
1 Zinngießer

F) Medizinische Versorgung

1 Apotheke
1 Distriktsarzt (Medizine Doktor)
4 Hebammen
2 Wundärzte

G) Währung und Maße

Wiener Währung (W.W.) von 1812 bis 1819
Conventionsmünze (C.M.) von 1819 bis 1858
250fl W.W. = 100fl C.M.
1 Gulden (fl) = 60 Kreuzer (kr) a 4 d = 240 Pfennige (d)
1 Schilling (ß) = 7,5 Kreuzer
1 österreichische Meile = 7,685 km
1 Wiener Klafter = 6 Fuß oder Schuh = 72 Zoll = 1,896m
1 Wiener Schuh oder Fuß = 12 Zoll = 0,316m
1 Elle = 2 Schuh = 24 Zoll = 0,63m
1 niederösterr. Joch = 1600 Quadratklafter a 3,597 m2 = 0,575 ha
1 Eimer = 40 Maß oder Achtering = 56,589 l
1 niederösterr. Landmetzen = 61,49 l
1 Scheffel = 6 Metzen
1 Wiener Maß = 1,414 l = 4 Seidel
1 Seidel = 0,3535 l
1 Wiener Pfund = 2 Mark = 32 Lot a 4 Quentchen = 0,56001 kg

3. Chronologie

1816     Brand in der Vorstadt Leithen
1819     Der Konkurs der Sensen- und Geschmeidekompanie setzt ein. Die Flößerei auf der Ybbs wird eingestellt (bis 1865)
1822     Die Stadt und die Vorstädte werden von 38 Laternen (mit Öl) beleuchtet
1824     Am 1. Dezember stirbt der Waidhofner Maler Sebald Grünschachner (1777-1824)
1827     Der Landschaftsmaler Ludwig Halauska wird als Sohn des Syndikus Josef Halauska im Rathaus (heute Bezirksgericht) geboren
1829     Errichtung einer Poststation in Waidhofen im Haus Unter der Burg 15 (heute Reifen Renner), Überschwemmungen (besonders am Schwarzbach)
1831     In Waidhofen geht die Angst vor der in Wien bereits ausgebrochenen Cholera um
1833     Verlegung der Poststation in die Untere Stadt (heute Alte Post)
1834     Das Stadttheater im Roten Krebsen wird nach der Renovierung wieder bespielt (heutiges Rathaus), Wiedereinweihung der Klosterkirche
1839     Abbruch des Vorbaus beim Ybbsturm
1840     Die hölzerne Schlossbrücke wird durch eine Brücke aus Tuffstein ersetzt
1841     Beginn des Stellwagenverkehrs nach Steyr
1842     Erster Stellwagen nach Amstetten, Errichtung einer Industrieschule
1843     Gründung der Liedertafel (Männergesangverein)
1844     Der Thurnermeister Alois Schiffner löst Alois Glöggl ab, Errichtung eines Holzsteges über die Ybbs (Vorläufer der Unterzellerbrücke)
1845     Abriss des Turmes bei der Zellerbrücke + Mauthaus
1846     Abbruch des Amstettnertores, Errichtung des Hartner-Durchganges
1847     Abbruch des alten Rathauses am Freisingerberg, Abtragung der Befestigungsmauer rund um die Spitalskirche, Errichtung des Krautbergkreuzes
1848     Abbruch des Spitaltores, Abbruch der Fleischbänke beim Stadtturm

4. Allgemeine Beschreibungen der biedermeierlichen Stadt Waidhofen an der Ybbs

Aus der Epoche des Biedermeier sind drei allgemeine Beschreibungen der Stadt Waidhofen überliefert. Die erste stammt von Franz Xaver Schweickhardt von Sickingen, der mit seiner Darstellung des Herzogthums Oesterreich unter der Ens in 34 Bänden mit 108 Ansichten eine außerordentliche Leistung auf dem Gebiet der Topographie vollbrachte. Die einzelnen Bände erschienen in den Jahren 1831 - 1841 und bieten somit eine flächendeckende Beschreibung Niederösterreichs in der Biedermeierzeit. Trotz einiger Ungenauigkeiten ist die darin enthaltene Beschreibung der Commerzialstadt Waidhofen an der Ips ein einmaliges Zeitdokument. Die äußerst ausführliche, über 20 Seiten lange Beschreibung der Stadt beginnt mit einer allgemeinen Einleitung, die dem Leser einen ersten Einblick in die biedermeierlichen Verhältnisse gewährt:
Waidhofen (an der Ips).
Eine Commerzialstadt von 150 Häusern, der Vorstadt Leithen von 111 Häusern, und der Wasservorstadt von 159 Häusern, wovon die nächste Poststation an der Linzerpoststraße Amstetten, in der Stadt hier aber selbst eine Post ist.
Kirche und Schule befinden sich hierselbst, welche erstere zugleich den Sitz des Waidhofner Decanates bildet. Das Patronat ist landesfürstlich. Das Landgericht wird von der k.k. Cameralherrschaft Waidhofen ausgeübt; Grund-, Orts- und Conscriptionsobrigkeit4 ist der Magistrat der Stadt Waidhofen.
Die innere Stadt zählt 252 Familien, 561 männliche, 615 weibliche Personen und 99 schulfähige Kinder; an Viehstand 45 Pferde und 18 Kühe; die Vorstadt Leithen enthält 160 Familien, 413 männliche, 403 weibliche Personen und 96 Kinder; an Viehstand 12 Pferde, 2 Ochsen und 11 Kühe; die Wasservorstadt bilden 257 Familien, 580 männliche, 595 weibliche Personen und 97 schulfähige Kinder; der Viehstand beträgt 23 Pferde, 5 Ochsen und 85 Kühe.
Die Stadt, zum Unterschiede von der Stadt gleichen Namens, unweit der böhmischen Gränze im V.O.M.B.50), in früheren Zeiten „baierisch“, jetzt Waidhofen an der Ips genannt, liegt hart an dem Flusse Ips, der in dem Hochgebirge, nahe bei Mariazell, entspringt, und einen sehr starken Fall hat, in einem theils von hohen Bergen, theils von Hügeln gebildeten engen Thale, sechs Stunden von Amstetten, drei Stunden von Weyer in Oberösterreich und zwei Stunden von Ipsitz, gewissermaßen zwischen erstem und letzterem Orte.
Der Ipsfluß trennt die Stadt Waidhofen von dem gegenüber liegenden Markte Zell, fließt an ihr von Osten nach Westen vorüber, und nimmt gleich unterhalb der Stadt bei dem alten Schlosse den Schwarzbach, und am anderen Ufer den Urlbach auf, welch ersterer eine Vorstadt, die sogenannte Wasserstadt51), durchfließt, dergestalt, daß die Stadt an zwei Seiten von Wasser umgeben wird, gleichwie auf einer Landspitze, nämlich wie Passau in Baiern, liegend.
Die Stadt Waidhofen besteht aus der eigentlichen Stadt und den zwei schon oben bemerkten Vorstädten, welche erstere nördlich vom Ipsflusse begränzt wird. Die innere Stadt bildet nebst einigen Nebengäßchen, zwei mehr lange als breite Plätze, welche die obere und die untere Stadt heißen, da die gegen den Schwarzbach zu tiefer liegt als die andere, wobei die obere Stadt die Verbindungsstraße nach Ipsitz, und die untere die Poststraße von Amstetten nach Weyer durchzieht, welche Straße von Amstetten bis an den Waidhofner= oder Schwarzbach, das Aerarium52) von da aber in beiden Richtungen nach Weyer und Ipsitz, bis zur Gränze der Gerichtsbarkeit, der Magistrat zu erhalten hat. An derselben befinden sich eine aerarische Mauth bei dem Siechenhaus der Stadt an der Amstettner Poststraße, dann an der Straße nach der Wasservorstadt, eine privilegierte städtische Wagenmauth, und eine gleiche an der Straße nach Ipsitz; ...

Neben diesem Ausschnitt aus der sehr umfangreichen Beschreibung Sickingens, aus welcher in weiterer Folge noch öfters zitiert werden wird, gibt es im Boten von der Ybbs aus dem Juli des Jahres 1896 eine zweite Beschreibung der Stadt. Diese über mehrere Folgen erscheinende kürzere Abhandlung trägt den Titel Waidhofen vor und seit einem Halbjahrhundert. Der Verfasser ist unbekannt, lediglich die letzte Folge ist mit dem Buchstaben „V“ signiert. Wie der Titel schon sagt, handelt es sich auch hier um eine Beschreibung der Biedermeierzeit in Waidhofen. Im Gegensatz zu Sickingen, der sich hauptsächlich auf die Topographie konzentriert, erfahren wir hier auch etwas über den Charakter der Bevölkerung:
Noch in den vierziger Jahren mochte ein Fremder im Vergleiche mit den belebteren östlichen Gegenden Niederösterreichs in Waidhofen, als Stadt in Betracht gezogen, in ein abgeschlossenes Stillleben mit seinen Licht- und Schattenseiten sich versetzt glauben. Von der Reichsstraße Wien – Linz – Salzburg, auf welcher damals noch ein lebhafter Personen- und Frachtverkehr stattfand, abgelegen, verirrte sich auch selten ein Fremder hierher. Ein unansehnlicher offener Wagen mit einem auf Eisenstangen ruhenden Dache und Seitenvorhängen aus Zwilch, wie man solche gegenwärtig kaum mehr sieht, vermittelte täglich einmal den Postdienst von und nach Amstetten und Weyer.
Dieser Abgeschlossenheit entsprechend, waren denn auch in manchen Schichten der Bevölkerung die Anschauungen und Gepflogenheiten der nachbarlichen Alpenbewohner vorherrschend, die sich besonders in einer ausgesprochenen Abneigung gegen Neuerungen kund gaben. Der seinerzeitige Bürgermeister, Herr Johann Großmann ließ, um den Fremdenbesuch zu fördern, Alleen mit Sitzbänken anlegen. Die Bänke wurden nach und nach weggerissen und verschleppt, die Bäume muthwilliger Weise arg beschädigt.
Der im Jahre 1843 gegründete und nach langen Verhandlungen im Jänner 1848 behördlicherseits sanctionierte Männergesangsverein wurde mehrseitig mit Mißtrauen betrachtet und demselben von Uebelgesinnten gelegentlich auch unpatriotische Bestrebungen angedichtet.

Die dritte Beschreibung der Stadt Waidhofen stammt von Pfarrer Augustin Beer, der gegen Ende der Biedermeierzeit im Jahre1842 nach Waidhofen kommt. Er lobt vor allem die unter Bürgermeister Großmann erfolgten Veränderungen in der Stadt, die aber schon zu seiner Zeit nicht unumstritten waren:
Als ich (Pfarrer Augustin Beer) im Jahre 1842 hier eintraf, fand ich noch so manche Gasse, so manchen Punkt in der Stadt, vorzüglich aber in den Vorstädten so unästhetisch und gegen allen besseren Geschmack, ja, man könnte mit Recht sagen, zurückschreckend und selbst ekelhaft, daß es gewiß hoch an der Zeit gewesen, in dieser Beziehung für etwas Besseres Sorge zu tragen.
Diese schöne Hoffnung und Aussicht für dringend notwendige Verbesserungen ergab sich im Jahre 1845 durch die Wahl eines neuen Bürgermeisters, nämlich des Herrn  Joh.Vinz.Gro ßmann, eines wohlhabenden Handelsmannes in der Oberen Stadt.

Da viele Gassen und Plätze, besonders in den Vorstädten mit Kohlstadeln, Holzkammern, Rumpel- und Vorratshütten verbaut waren, sah sich der Bürgermeister veranlasst, energisch durchzugreifen. Augustin Beer fährt mit seiner Beschreibung fort:
Bei diesem unangenehmen Bestand der Dinge war es nun notwendig, daß mit einem energischen und ernstlichen Einwirken, vom ästhetischen Sinn und Geschmack geleitet, allen genannten Uebelständen entgegengetreten und ohne alle Nachsicht für die Zukunft dieselben abgestellt und die bereits bestehenden möglichst und soviel tunlich entfernt werden mögen und daß man so gegen alle Widersprüche und verkehrten Ansichten unempfindlich und kalt bleiben möge.
Und gerade in dieser Stimmung und Gemütsverfassung trat der neue Herr Bürgermeister sein Amt an, verbesserte gleich im ersten Jahre recht vieles in der ökonomischen Gebarung des städtischen Einkommens, verbesserte gleich anfangs die schmutzigen Wege und Straßen durch die Vorstädte, die Stadtpflasterungen, bewerkstelligte den teilweisen Umbau des Armen= und Siechenhauses, die Abbrechung des die Einfahrt hindernden Turmes beim Amstettner Tor, die Regulierung und Einfriedung des Redtenbaches oder Flusses durch die Wasservorstadt, die Einfassung der Ufer mit Geländern und die Anpflanzung derselben mit Bäumen.
Viele ekelerregende Gassen und Gässchen wurden gereinigt und gangbar gemacht, Wasserleitungen an mehrere Orte der Stadt neu hingeführt, wo dieses das Bedürfnis dringend gefordert. Und dann weiter, was gewiß unumgänglich notwendig war, das alte, alle gute Einfahrt verwehrende Rathaus abgebrochen und so eine schöne Verbindung der Oberen und
Unteren Stadt und die nötige Einfahrt da und dorthin bequem und leicht gemacht.

Nach dieser kurzen Einführung in die Situation der Stadt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, möchte ich den Leser nun zu einem Rundgang durch das biedermeierliche Waidhofen einladen.

5. Rundgang durch Waidhofen um das Jahr 1838

Zell

Beginnen wir unseren biedermeierlichen Stadtrundgang am rechten Ybbsufer, im heutigen Stadtteil Zell, damals noch zur Herrschaft Gleiß gehörig. Die erst in josephinischer Zeit errichtete Zeller Pfarrkirche ist noch mit Schindeln gedeckt. In ihrem Inneren finden sich einige Einrichtungsgegenstände aus dem im Jahre 1786 aufgelassenen Kapuzinerkloster am Graben: die Kanzel, Kirchenstühle, eine Muttergottesstatue, der Taufstein als Weihbrunnkessel, 2 Stützbilder, eine Monstranz und ein Ciborium. Eine Beschreibung der Zeller Kirche aus der Biedermeierzeit gibt Sickingen in seinem 11. Band:
Die hiesige Localpfarre, zu Ehren des heiligen Florian geweiht, wurde erst im Jahre 1784 auf Kosten des Religionsfonds erbaut; denn früher gehörte der Markt Zell größtentheils zur Stadtpfarre Waidhofen.
Die Kirche ist in einfacher schöner Form nach Josephinischer Vorschrift neu gebaut, und befindet sich in der Mitte des Marktes. Das Innere ist blos mit einem Hochaltar allein ausgeschmückt, der ringsum frei steht; die Mensa ist gemauert, und der Tabernakel von Holz mit einigen vergoldeten Schnitzwerk niedlich geziert. Vier gut gebildete Engelsgestalten stimmen das Herz des Frommgläubigen zur Andacht. Merkwürdigkeiten sind keine vorhanden.

Übrigens, im Jahr unseres Rundganges (1838) finden einige Wechsel in der Führung der Pfarre Zell statt. Paul Hietzger betreut die Pfarre Zell bis Juni 1838, gefolgt von Provisor Ambros Röhrich, der die Pfarre bis August leitet. Ab September wird dann Johann Baumstark als Pfarrer eingesetzt:
Den 2.7ber 838. Heute wurde im Markte Zell die Installation des am 25. August angekommenen Pfarrers Baumstark feyerlich abgehalten.

Nach diesem kurzen Besuch in der Kirche gehen wir nun langsam flussaufwärts und schauen uns ein wenig im Markt Zell um:
Ein Markt und Gut von 114 Häusern im Hofamte, zunächst der Stadt Waidhofen, welche die Poststation bildet. Kirche und Schule befinden sich hierselbst im Waidhofner Decanate; das Patronat ist landesfürstlich. Landgericht, Grund-, Orts- und Conscriptionsobrigkeit ist die Herrschaft Gleiß. Der Werbkreis ist zum 49. Linien=Infantrie=Regiment einbezogen.
Hier befinden sich 144 Familien, 321 männliche, 335 weibliche Personen und 68 schulfähige Kinder; an Viehstand besitzen sie 7 Pferde, 4 Ochsen, 26 Kühe, 7 Ziegen, 5 Schafe und 109 Schweine.
Die Einwohner sind meist Marktbürger und besitzen daher wenig Grundstücke, weil sie sich mit ihren Gewerben, größtentheils mit Erzeugung verschiedener Eisenwaaren beschäftigen; es gibt auch Kleinhäusler und Inwohner, die vom Tagwerk leben.
Im Markte sind hier vorhanden: 1 Groß-, 2 Klein-Pfannenschmiede, 7 Feilhauer, 4 Schermesser-, 4 Neiger-, 1 Striegel-, 1 Sägblätter-, 3 Scheer-, 2 Nagel-, 1 Messer=-und 1 Schlageisenschmieden, 2 Eisenhändler, 1 gemischte Waarenhandlung, 4 Krämer, 2 Viktualienhändler, 9 Wirthe, 2 Müller, 3 Bäcker, 2 Fleischhauer, 1 Seifensieder, 1 Hufschmied, 1 Riemer, 1 Handschuhmacher, 1 Hutmacher, 1 Tuchscherer, 2 Weber, 1 Büchsenmacher, 1 Tischler, 1 Glaser, 5 Schuhmacher, 3 Schneider, 1 Uhrmacher, 1 Wagner, 1 Drechsler und 2 Musikus.

Der Markt Zell, eine geschlossene Ortschaft bildend, liegt theils eben, theils hügelig, an und ober den steilen Felswänden des Ipsflusses; gegenüber desselben ist die gewerbsame Stadt Waidhofen an der Ips situirt; und abwärts grenzet der Markt bei dem Urlbache an die Rotten Unter=Zell und Schilchermühle, am oberen Ende aber an Arzberg. Die hiesige Gegend mit dem Arzberge kann als Mittelgebirg betrachtet werden, daher ist auch das Klima gemäßigter, und das Wasser gut. Am Ipsflusse stehet die Rohrhofermühle und eine herrschaftliche Bretersäge, am Urlbache die Reichhörmühle. Zwischen Zell und der Stadt Waidhofen besteht eine Communicationsbrücke, dann eine Brücke über den Urlbach. - Die Fischerei wird in dem Ipsfluß betrieben; die Jagdbarkeit ist herrschaftlich, aber unbedeutend.
Am 4. Mai jeden Jahres, am Tage des Kirchenpatrons St. Florian, besuchen einige Krämer den Markt.
Hier im Markte Zell ist der Amtssitz der Herrschaft Gleiß. Das Schloß steht auf einem Felsen, an dem Ufer der Ips; es ist ein im Quadrat erbautes, zwei Stockwerke enthaltendes Gebäude mit einem Thurme, und enthält nur die Verwalters= und Gerichtsdienerswohnung nebst drei Arresten. Bemerkenswerthes ist an demselben nichts zu finden; das Alter ist unbekannt, doch soll es schon einige hundert Jahre alt seyn. ... Philipp Joseph Graf von Ursini und Rosenberg besaß es im Jahre 1760; darauf im Jahre 1767 dessen Sohn Vinzenz; im Jahre 1798 Franz Fürst von Ursini und Rosenberg, und seit dem Jahre 1829 Herr Ferdinand Fürst zu Ursini und Rosenberg.

Nach diesem kurzen Blick auf das biedermeierliche Zell wenden wir uns nun der Commerzialstadt Waidhofen zu.

Die Zellerbrücke

Die Zeller Hochbrücke existiert noch nicht, und so müssen wir unsere Schritte in Richtung Wassergasse lenken. Beim Brunnen vorbei fällt sie relativ steil zum Brückenkopf der alten Zellerbrücke ab. Während wir die Brücke betreten, lassen wir nun langsam den Markt Zell hinter uns zurück.
Auf der Mitte der Zellerbrücke angelangt, können wir wenige Meter unter uns das klare Wasser des im felsigen Bette dahineilenden Ipsflusses rauschen hören, welcher gleich dem Innflusse meergrün an Farbe, ganz hell und rein dabei, übrigens auch sehr reißend ist. Die alte Holzbrücke wird immer wieder durch Hochwässer in Mitleidenschaft gezogen. Erst im Februar 1830 ist sie durch einen Eisstoß beschädigt worden. Da sie zur einen Hälfte der Stadt, zur anderen dem Markte gehörig, müssen sich der Magistrat von Waidhofen sowie die Herrschaft Gleiß zu Zell die Kosten teilen. Die Fischerei liefert Forellen, bisweilen auch Asche, und nicht selten Fischottern und in den Sommermonaten wird die Ybbs auch zum Baden genutzt. Dabei dürften sich die Badenden aber nicht immer nach den Vorstellungen des löblichen Magistrates verhalten haben:

Es ist die Anzeige gemacht worden, daß mehrere Schmidbuben in der Ybs auf die unanständigste Art sich baaden und alle Arten von Unfug treiben. Diese Buben sind mit ihren Lehrherrn u. Eltern vor den Magistrat gerufen, und mit 5 stündigem Arrest abgestrafft, ihnen aber ist das Baaden für immer verbothen worden. Uibrigens hat man auch den Gleißerischen die Anzeige gemacht, damit auch die Zeller Buben abgestrafft werden sollen.
Ein weiterer Fall ungebührlichen Badeverhaltens wird aus dem Jahr 1847 berichtet. Wieder ist es ein Mitglied des Schmiedehandwerkes, das den Unmut der Behörden erweckt:

Den 1. August 1847 hat sich ein Schmiedgesell, der wohl etwas betrunken seyn mochte, bey der Ybbs durch Hinabspringen von der Zellerbrücke in die Tiefe der Ybbs gebadet, und schwamm jederzeit auf die Waidhofnerseite hinaus, wo er dann wieder auf die Brücke ging und hineinsprang. Dieß wiederholte er so oft bis er gerichtlich abgeschafft wurde.

Flößerei wird auf der Ybbs derzeit keine betrieben. Sie wurde bis zum Jahr 1819 ausgeübt und wird erst wieder im Jahr 1865 aufgenommen werden.
Auf der Waidhofner Seite mündet die Brücke noch immer in das alte Zellerbrückentor, ein turmartiges Gebäude, das erst in den 40iger Jahren des 19. Jahrhunderts abgerissen wird. Bis 1819 wird das Zellerbrücken Thor, so wie die anderen Stadttore, noch jeden Abend versperrt. Im August dieses Jahres wird diese Torsperre aber aufgehoben, da eine solche Spörr in keinem Orte mehr bestehet.

Unter der Leithen

Durch dieses Tor begeben wir uns nun auf das linke Ybbsufer und betreten somit das Gebiet der ehemals freisingischen und seit 1803 landesfürstlichen Stadt Waidhofen. Zu unserer Linken befindet sich eine noch bis heute bestehende Fassbinderei, damals im Besitze der Familie Möst (später Mayrhofer). An einem Bierwirt, Klingenschmied, Bohrerschmied, Schlosser, einer Vermischten Warenhandlung, weiteren zwei Bierwirten und einem Schermessererbetrieb vorbei, gehen wir nun die gegen das Ende hin steil ansteigende Straße zum Ybbsturm hinauf. Dort sehen wir das Ybbstor, wie es Sickingen beschreibt:
Das Ipsthor, über welchem ein großer viereckiger Thurm sich erhebt mit Uhr und Schindelkuppel, wobei über den Thorbogen gegen die Vorstadt Leithen, zu lesen ist: ferrum chalybsque urbis nutrimenta (Eisen und Stahl die Hauptnahrungsquellen der Stadt)
Zur Erinnerung an die Türkenzeit hängt über dem Ybbstor (wie auch über dem Amstettnertor) damals noch ein erbeuteter Türkensattel. Die Turmuhr funktioniert wieder ausgezeichnet. Die Reparatur wurde erst vor kurzem dem bürgerlichen Uhrmachermeister Preiner mit dem beysatze überlassen, daß er sogleich an dieses Werk Hand anzulegen, und diese Arbeit auf die zweckmäßigste Art herzustellen habe.
Zusätzlich zur Inschrift über dem Tor erhält der Ybbsturm am 30. Oktober 1841 unter Bürgermeister Johann Haller einen Adler mit zwei Schildern, so wie er sich bis heute dem Betrachter präsentiert:
30.Xmber 1841. Man ist ganz einverstanden, daß nach dem vom H. Bürgermeister producirten Profil das Ybbsthor gegen die Vorstadt Leiten mit einem Adler und zwei Schildern bei der Uiberschrift geziert wird, und die Besorgung dessen dem Herrn Bürgermeister überlassen werden solle.
Durch dieses Tor fährt im Winter des Jahres 1847 eine Schlittengesellschaft in die Stadt. Für uns bietet diese Eintragung in die Pettersche Chronik die einmalige Möglichkeit, einer biedermeierlichen Schlittenfahrt beizuwohnen:

Den 28.Jänner 1847 kamen gegen 2 Uhr eine Schlittengesellschaft von den Bewohnern von Ybbsitz hier an. Die Gesellschaft bestand aus 20 Schlittenzügen, dann einem seperirten Musikschlitten und 3 Vorreithern. Sie fuhren beym Ybbsthor herein, beim Schloß hinaus, durch die untere Stadt durch, über den Graben und zum Wirthe Stummer (Gasthaus Zum goldenen Löwen bei der Zellerbrücke), wo die Gesellschaft ein Soupe veranstaltet hatte.

Graben und Klosterkirche

An der Florianikapelle vorbei wenden wir uns nun dem Graben zu. Der alte Stadtgraben ist ja schon 1806 zugeschüttet worden und an seiner Stelle wurden Gärten angelegt. Wie man auf einer der Lithographien von Josef Gabriel Frey sehen kann, führt ein mit Pappeln bepflanzter Spazierweg vom Ybbsturm bis fast zur Spitalkirche. Einige Waidhofner Kinder dürften die Bäume im August 1831 zu Spielzwecken missbraucht haben: Es wurden einige Kinder wegen Beschädigung der Pappelbäum auf dem Graben zu Rede gestellt, und ihnen dieser Frevel mit der Warnung verwiesen, daß in der Folge in dieser Hinsicht körperliche Züchtigung statt finden werde.
Gleich nach der Kapelle fällt uns das um 1820 errichtete Haus des Schuhmachermeisters Franz Radlberger (heute Gollner) auf, ein schönes Beispiel biedermeierlicher Architektur.
Während der Zeit des Jahrmarktes werden am Graben immer wieder Belustigungen für die Bevölkerung von fahrendem Volk angeboten. Stellvertretend für die vielen Berichte in Petters Chronik zwei Beispiele:
Am 26. July 1845. Bey den jetzt eingetretenen Jahrmarkte ist wieder einer mit einem Ringelspiel Namens Anton Labrü angekommen, und sein Spiel auf dem Graben aufgestellt, und wird den ganzen Markt hier verbleiben. Er führt einen maschinösen Wagen mit breiten Rädern mit sich, worauf Sie wohnen, schlafen, kochen sowie in einem kleinen Haus, alle Bequemlichkeit finden können. Das Ringelspiel selbst aber wird auf einem extra Beiwagen transportiert.
Beim zweiten Beispiel handelt es sich um eine nach heutigem Verständnis diskriminierende, öffentliche Zurschaustellung eines Behinderten, quasi als Jahrmarktsattraktion:
Am 25. July 1847. Bei der eingetretenen Jahrmarktszeit ist auch hier eine Ausstellung auf dem Graben, in der Gegend beym Schuhmacher Radlberger, eines Zwerges erschienen, welchen ein paar Tyroler Eheleut zur Schau bei sich hatten. Diese menschliche Figur hatte keine Hände schon von Geburt aus, und machte mit den Füßen alle nur möglichen Gegenstände, was oft der gehörig gestaltete Mensch nicht zu erzeugen vermag. Er hatte auf dem Anschlagzettel den Titel: Der Christen Mensch, das größte Wunder in der Welt, oder der Spannlange Sepl. Er maß 2 Schuh 3 Zoll Höhe (ca. 72 cm) und war 19 J. alt.
Dominiert wird der Graben von der Klosterkirche. 1786 unter Josef II. aufgelassen, wird sie 1834 wieder eingeweiht. Die vor allem 1831 in Wien auftretende Cholera hat einige Waidhofner dazu veranlasst, sich der entweihten Kirche zu erinnern. Gemeinsam mit dem späteren Bischof von St.Pölten, Anton Puchmayr, setzt man alles daran, die als Kohlenlagerplatz, Wagenremise und Schweinestall verwendete Kirche zu renovieren und wieder einweihen zu lassen. Die Cholera erreicht damals Waidhofen aber gottseidank nicht. In den Sterbebüchern der Pfarre, die damals schon bei jedem Verstorbenen die genaue Todesursache angeben, ist für den Zeitraum 1830 - 1832 kein einziger Cholerafall nachweisbar. Es werden jedoch Vorkehrungen für den Fall einer Choleraepidemie getroffen: Im Februar 1831 erhalten die Waidhofner Wundärzte vom Magistrat ein Exemplar über die Behandlung der Cholera morbus zum nöthigen Gebrauche. Im August legt der Stadtrat folgendes fest: Für den Fall, als die Cholera morbus nach Waidhofen kommen sollte, wird das Armenhaus zum Lazareth bestimmt, und zur Bedienung und Wartung der Kranken 6 männliche dann 7 weibliche Individuen aufgenommen. Aber auch durch Gebetsstunden in der Kirche versucht man, eine Epidemie von der Stadt abzuwenden. Dies geht aus einem Ansuchen des Mesners Johann Georg Stockreiter hervor, dem für das 48 mahlige Cholera-Bethstundläuten der Betrag von 14f 24x Con.M. aus städtischem Oberkammeramte gegen Quittung ausbezahlt werden.

Tatsächlich gelingt es den Bewohnern der Stadt, die Renovierung der Kirche im Jahre 1834 abzuschließen. Der gebürtige Waidhofner und spätere Bischof von St.Pölten, Propst Anton Puchmayr, nimmt selbst die Weihe der Kirche am 5. Oktober 1834 im Rahmen einer großen Feierlichkeit vor:
Um 8 Uhr wurde zuerst wie alle Jahre das Geburtsfest  Sr. Majestät Franz I. gefeiert, ... Nach vollbrachter Funktion begann nun das so sehnlich allgemein gewünschte Freudenfest, nämlich die Einweihung der entweihten und zu einem Schweinestall versetzten Kapuzinerkirche. Dieses Fest wurde nun auf nachstehende Art begonnen: Beiläufig zwischen 9 und 10 Uhr eröffneten die Spitäler, Armen- und Siechenhäusler den feierlichen Zug, darauf folgte die Bauernschaft mit ihrer Fahne, nach diesen alle Zünfte mit ihren Fahnen, dann eine Abteilung des Bürgerkorps samt der Musikbanda, nach dieser Abteilung kam die hohe Geistlichkeit, bestehend aus dem infulierten Propst von Ardagger, Domherrn zu St.Pölten und wirklichen Hofrat Anton Puchmayr mit Inful und Stab, dann dem Herrn Dechant Jakob Wagner allhier samt den zwei Kooperatoren, dann dem Herrn Pfarrer von Wieselburg, von Markt Zell und Konradsheim und Spitalpfarrer, an die Geistlichkeit schloß sich der löbl. Magistrat samt Ausschußmännern und dann die zweite Abteilung des Bürgerkorps, nach diesen kam noch wie am Fronleichnamstag eine ungeheure Menschenzahl männlichen und weiblichen Geschlechts. Dieser feierliche Zug ging von der Pfarrkirche unter dem Geläute aller Glocken beim Ybbstor hinaus und von da gerade zur Johanniskirche, versteht sich von selbst, sehr langsam.
Die wiederhergestellte Kirche ist dem heiligen Franziskus geweiht und das Ratsprotokoll vermeldet mit sichtlichem Stolz und großer Genugtuung, dass diese Kirche den Namenspatron Sr. Majestät auf dem Hochaltar führet.

Aber schauen wir uns zunächst den Vorplatz der neu eingeweihten Kirche an, wie er sich dem Chronisten Sebastian Petter im Oktober1834 präsentiert hat:
Diese Kirche besitzt einen sehr angenehmen Platz, nämlich mitten auf dem Promenadenplatz, und ist auf beiden Seiten, rechts und links, mit einer Kapelle bekränzt, wo eine Vormauer mit Gitter und mitten der Eingang über 3 Staffel sich befindet. Die Kapelle rechts, wenn man von der Kirche herausgeht, stellt Christus vor in Statue, wie er am Stock angeschlossen worden war, genannt „Unser Herrgott auf der Wies“, links die Kapelle mit Statue, die hl. Anna vorstellend, und von der Kirche gegenüber, im Mittelpunkt, ebenfalls gegen die Kirche gewendet, die Statue des hl. Johann v. Nepomuk. Diese Kapelle ist aber bedeutend größer als die anderen zwei. Diese drei Kapellen vereinen ein anmutiges Kleeblatt. Alle drei Kapellen sind mit eisernem Gitter versehen und jede hat in der Mitte ihre eigene Lampe hängend, welche sehr oft von Wohltätern beleuchtet werden.

Eine Beschreibung der Kirche selbst findet man bei Sickingen: Die ehemalige Kapuzinerkirche, zum heiligen Franziskus von Assisi, trifft der Wanderer zunächst des neuangelegten Spazierganges, in der Vorstadt Leithen. Sie ist von ganz einfacher Bauart mit Schindeldache, und einem kleinen hölzernen Thurme mit zwei Glocken. Der Hochaltar enthält das Bildniß des heiligen Franziskus, des Kirchenpatrons, die Seitenaltäre sind dem heiligen Moritz und Valentin gewidmet, welche aber Altarblätter haben, die noch unter der Mittelmäßigkeit stehen. An die Kirche an ist die einstöckige Wohnung des Geistlichen.

Wenn wir nun von der Klosterkirche weiter in Richtung Friedhof gehen (heute Schillerpark) kommen wir am Gasthaus des Wirtes Preitenlahner, (heute Gendarmerie) vorbei. In dieses Gasthaus (Zur Weißen Rose, später Haus Österreich86) wurde am 5. Oktober 1834, dem Einweihungstag der Franziskuskirche, nach den Feierlichkeiten zur Tafel gebeten:
So dauerte dieses so hohe, merkwürdige, höchst erfreuliche und nie erlebte Fest bis 1 Uhr mittags. Sodann ging die Geistlichkeit, von dem Magistrat, Ausschußmännern, dem Offizierskorps und mehreren Honoratioren begleitet, zur Tafel zum Wirt Fr. Preitenlahner, wo auch vom H. Hofrat Puchmayr auf seine Rechnung 70 Arme abgespeist wurden, welche eine Mahlzeit von 9 Speisen, jedweds 1/2 Bier und 1 Seitel Wein empfingen. Die Tafel der Honoratioren, bei 30 an der Zahl, wurde von dem Wirt Preitenlahner auf das prächtigste ausgerichtet, so daß er alles Lob von dem  H.Hofrat und allen anderen Herren erhielt.
Das eben erwähnte Gasthaus Preitenlahner (vormals Leopold Pichler, später Joseph Pamer) ist in den 30iger Jahren des 19. Jahrhunderts. eines der Zentren des gesellschaftlichen Lebens in Waidhofen. Die Bürgergarde hat ihren Versammlungsplatz vor diesem Gasthaus am Graben und am 6. Oktober 1833, dem Namensfest des Kaisers, finden nach Kirchgang und Parade die abschließenden Festlichkeiten in diesem Hause statt. Petter schildert uns sehr ausführlich, wie die Waidhofner damals ihrem Monarchen huldigen:
... Als auch dies beendet war, eröffnete sich erst die Tafel beim Wirth Preitenlahner, wobey zugleich das Lied „Gott erhalte Franz den Kaiser“ abgesungen wurde. Als dies Lied begann, eröffnete sich das letzte Zimmer, und das Brustbild Sr. Majestät mit einem sehr schönen Transparente mit einem egyptischen Opferfeuer stellte sich feierlich dar, und auch ein allgemeines
B r a v o und l e b e h o c h scholl aus jedem Munde. Auf beiden Seiten dieses Transparentes standen 3 Mann von der Bürgergarde mit ober und unter Gewehr da, und auf dem Holzplatze nahe beym StadtStadl wurden die Böller abgefeuert. Den Schluß dieses feyerlichen Tages machte der Ball, der auch rechtmäßig und ordentlich ablief.

Aber auch große musikalische Aufführungen finden im Saal dieses Hauses statt. Ein für die biedermeierliche Musikszene einmaliges Zeitdokument ist Petters Schilderung einer Aufführung von Haydns Schöpfung in den Räumlichkeiten dieses Gasthauses. Er gibt dabei am Rande auch die genaue Besetzung an:
Chor: 12 Diskantisten, 6 Altisten, 6 Tenoristen, 6 Paßisten
Orchester: 2 Oboen, 2 Clar., 2 Flöten, 2 Horn, 2 Fagot, 2 Tromp, Pauk, Violin 10, Viola 2, Pasetl u. Pahs 4, 1 Director
Wie man dieser Aufstellung entnehmen kann, wirken an dieser Aufführung 60 Musiker mit. Über den Ablauf berichtet Petter folgendes:
Große Musikalische Academie
Den 17tenMerz 1834 wurde bey dem Wirth Hr. Preitenlahner am Graben, von den hiesigen Diletanten zum besten der Armen aufgeführt die Schöpfung von Haiden. Hierbey beliefen sich die Einnahmen über 38 f CM. Dieser Betrag ist ... mit Abzug aller Auslagen an das hiesige Armen=Institut abgeführt worden. Dieses große Werk ist auf dem hiesigen Ort so aufgeführt worden, daß es wirklich zu bewundern war, und auch von dem zahlreichen Auditorium allgemein belobt worden, mit dem Beisatz, daß sie es nicht auf hier erwartet hätten, und (man) wirklich diß auf der Breit /:außer Wien und Linz:/ nicht gefunden oder gehört hat. Denn auf diese kleine Stadt kommen doch 60 Musiker zusammen, und diß nur die vorzüglichsten, denn Waidhofen hat deren sehr viele.

Nach diesem kurzen Besuch beim Preitenlahner lenken wir unsere Schritte nun zum Friedhof im heutigen Schillerpark.

Der Friedhof im heutigen Schillerpark

Auf dem noch unverbauten Platz, auf welchem erst im Jahre 1905 das Gebäude des heutigen Bundesrealgymnasiums errichtet werden wird, befindet sich zur Zeit unseres Rundganges der städtische Holzplatz mit den Tischlerhütten. An diesen vorbei gelangen wir dort, wo sich heute der Schillerpark befindet, zu einem der damals schönsten Friedhöfe in unserer Gegend. Sickingen erwähnt den Friedhof leider nur sehr kurz als am Fusse des sich daselbst erhebenden Leim- oder Lehmberges liegend. Laut Aussagen von Zeitgenossen aus der Zeit um 1870 soll dieser Friedhof mit seinen Laubengängen auf toskanischen Säulen, der Michaelskapelle, den Epitaphien und kunstvollen Schmiedeeisengittern den Namen eines Kunstbaues verdient haben. Fahrngruber behauptet sogar, dass Waidhofen im ganzen Umkreise auf viele Meilen hinaus - den weitaus schönsten Gottesacker besitzt.
Ein biedermeierliches Detail am Rande: Der oben erwähnte Bischof Anton Puchmayr (auch Buchmayer) ließ sich in der Michaelskapelle dieses Friedhofs eine Gruft errichten. Da ihm aber die Waidhofner im Revolutionsjahr 1848 einen zu großen Freiheitsdrang entwickelten (der genaue Grund ist leider nicht bekannt), beschloss er aus Protest seine Grabstätte anderswohin zu verlegen. Fahrngruber beschreibt ein Treffen einer Waidhofner Abordnung mit dem Bischof in St.Pölten, wo dieser gesagt haben soll: Was sind das für unbesonnene Streiche, die man hört von Euch? - Der Bischof dürfte über seine Waidhofner schwer verärgert gewesen sein, denn seine Strafpredigt endete mit dem Satz: Jetzt will ich nicht’mal tot bei meinen Landsleuten bleiben! - Und so blieb die Gruft leer.
Die Einsegnung der Toten sowie das Requiem fanden damals üblicherweise in der Stadtpfarrkirche statt, wohin der Sarg vom Trauerhaus aus gebracht wurde. Danach nahm der Trauerzug seinen Weg über den Oberen Stadtplatz durch das Ybbstor und über den Graben an der Klosterkirche vorbei zum Friedhof im Schillerpark. Sebastian Petter überliefert uns in seiner Chronik sehr viele, zum teil äußerst detaillierte Schilderungen von Begräbnissen. Sie waren aber nur in Ausnahmefällen so prunkvoll wie das Leichenbegängnis des Schneidermeisters Johann Preißl:

Den 12ten May 1826 war die grosse Leichen:begängniß des am 9ten dieses Monats Abend 8 Uhr verschiedenen, reichen, und sehr grossen Wohltäter der Armen, Spenditeurs der Kirchen, dem Unterstützer nothleidender Bürger, H:  Joh.v.Gott Preißl, bürgerl: Schneidermeister, und zweyten Kirchenpropst. Dieser Leichenzug war einer der größten, seit viellen Jahren her. Es war fürs erste ein ganzer Conduct, mit 6 Geistlichen. Über die Baare ein auf beyden Seiten sehr langen Überthan, den sowohl vorne als rückwärts 6 Schneidergesellen, schwarz gekleidet mit Kerzen in der Hand und ebenso dazwischen überall 4 Knaben mit Kerzen trugen.
Verner beym Trauerfan, welchen der seelige schon früher dazu spendirte, gingen vorn und rückwärts, zwey mit Trauermäntel, von da ging der große Zug der Bürgerschaft, sodann die Geistlichkeit, dann die Leiche, hernach die Freundschaft, oder Klagleute, dann kam erst wieder der unzählige Zug der Frauen und Kinder. Ganz vorn gingen, sowohl von hier alle Armenhäußler, Siechenhäußler, Spitaller Haußarmen, als auch von der Zell dergleichen, so daß man selbe gut 300 sagen darf. Nach diesen folgte der enorm grosse Zug der Schulkinder, die gewiß über 400 waren. Es starb ein grosser Wohltäter der Armen und Nothleidenden.

Ein Jahr zuvor verstarb das 16-jährige Mädchen Maria Schilder, ein Mädchen von sehr gutem Talente und eine sehr brave forte piano spiellerin. Sie wurde am 6. September 1825 bestattet und Petter gibt auch hier wieder eine sehr ausführliche Schilderung des Trauerzuges:
Ausserordentlich groß und prachtvoll war dies Begräbniß, anfangs gingen die Armen, dann die ungeheure Menge der Bürger, 8 Mußikus, mit meinem Harmonie Marsch96), der sehr schön und rührend war, dann 8 ganz kleine, ganz weiß gekleidete in der Mitte mit schwarzen Band umgürtete Mädchen ohne Haube, dann 3 Geistliche, dann folgte die Leiche, welche von 8 ledigen jungen Leuthen, ganz schwarz gekleidet, getragen wurde. Auf der Seite gingen wiederum 4 Junggesellen mit Windlicht, dann von allen Handwerken, zwey Meister mit Windlicht, wo Hr. Schilder Comisär ist. Die Leiche selbst war mit Kränze und Gürlanden prächtig umwunden. Nach dieser folgten wieder 7 Paar aber grössere Mädchen, ebenfalls ganz weiß mit schwarzen Binden, dann kamen erst die Trauernden selbst, welcher Zug auch nicht unbedeutend war. Kurz, es war eine der größten Leichen ...
Aber nur die wenigsten Leichenbegängnisse waren so prunkvoll wie die beiden eben beschriebenen. So berichtet Petter am 28.Jänner 1825 über das Begräbnis der Frau des Sebastian Ramsner:
Den 28ten Jänner, wurde die Sebastian Ramsnerin auf der Leuten begraben. Sie starb in Kindbette, in einem Alter von 40 Jahren, und hinteließ einen armen Mann, mit 7 unmündigen Kindern. Herr Dechant mußte sie, auf Anordnung des Magistrat, unentgeldlich begraben.

Der Buchenberg

Bevor wir uns nun vom Friedhof hinunter in die Stadt begeben, wenden wir unseren Blick kurz dem Buchenberg zu, an dessen Fuß der Friedhof liegt:
Unter den Waidhofens Lage so reizend bildenden Bergen, zeichnen sich an Höhe besonders aus, und sind als Eigenthum der Stadt zu bemerken: der gegen Süden und zwar ganz zunächst der Vorstadt Leithen sich erhebende Buchenberg, dessen unterer Theil, ebenfalls eine besondere Höhe bildend, der Lehmberg genannt wird, und durchaus mit Nadel=und Laubholz bewachsen ist, dessen Flächenraum 363 Joch 57 Quadr.Klafter beträgt; ....
Der Buchenberg sowie die übrigen Waldgebiete der Stadt sind für die Bevölkerung eine wichtige Rohstoffquelle. Neben dem Wasser bietet der Buchenberg den Menschen damals vor allem Bauholz, Klaubholz (=Brennholz), Laubstreu, Grass und Lehm. Um unbefugten Entnahmen aus den städtischen Waldungen entgegenzutreten, werden auch in der Biedermeierzeit immer wieder Verordnungen erlassen:
Zur Vermeidung des überhandnehmenden Waldfrevels werden folgende Directiven republiciert:
I. Zur Sammlung des Klaubholzes in den städtischen Waldungen werden wöchentlich die zwei Tage und zwar Montag und Freytag Vor- und Nachmittag bestimmt.
II. Niemand darf ohne besondere Bewilligung ausser diesen Tagen den Wald betreten, und es wird auch strenge untersagt, selbst an den Klaubholztagen eine Hacke, Säge, Sichel, Sense oder ein Schießgewehr in den Wald mitzunehmen.
III. Ohne Bewilligung der Waldaufsicht darf niemand Lehm vom städt. Grunde nehmen, oder aus den Waldungen Streu nach Hause führen oder tragen. Für eine Fuhr Lehm muß ein jeder Bürger zehn Kreuzer CM. fremde Unterthanen aber Achtzehn Kreuzer CM. zum städt. Oberkammeramte abführen. Eine Fuhr Laubstreu muß mit Vier und zwanzig Kreuzern und für einen Tragbund aber Sechs Kreuzer Conv.Münze eben dahin erlegt werden.
IV. Die Wald-Aufsicht hat jedesmahl den Platz anzuweisen, allwo entweder Lehm geladen, oder Streu gesammelt werden soll.
V. Wer gegen diese Bestimmung handelt, der wird ohne Unterschied als Wald-Frevler zur Verantwortung gezogen, und nach Umständen auch nach dem Strafgesetze wegen Walddiebstahls als schw. Pol. Uibertreter, oder sogar als Verbrecher behandelt werden.
Geschlossen und gefertigt
Joh. Haller
Bürgermeister

Obwohl außer dem Kleinen Kreuz (auch Josephi Kreuz) und dem Großen Kreuz damals im Bereich des Buchenberges noch keine Kapellen existieren, muss es aber bereits in der Biedermeierzeit einen ersten Vorläufer der in der 2.Hälfte des 19. Jharhunderts entstandenen Kapellen auf dem Berg gegeben haben. Warum diese Kapelle aber auf Anzeige des damaligen Dechants Gottfried von Dreger entfernt wurde, warum das Marienbildnis um 5 Uhr früh (!) in die Kreuzkapelle übertragen wurde und welche Art von Unfug den Dechant dazu veranlasste, ist nicht bekannt:
Dem Creisämtl. Auftrags Dt:28 ... gefolgt, soll über Anzeige des hiesigen Hr Dechants das Marienbild im Buchenberge zur Vermeidung des bis jetzt Stell gehabten Unfuges auf eine den Zeitumständen angemessene Art herabgeschafft werden.
Resolution.
Mit Einvernehmen des Herrn Dechant soll dieses Marienbild in Gegenwart 2 Magistratualen auf eine bescheidene Art herabgetragen, die dort befindliche Kapelle zerstört, und dieses geschnitzte Bild soll dann in die sogenannte Kreuzkapelle, unweit der Vorstadt Leithen aufgestellt werden. Da das eingehende Opfergeld in dieser Kreuzkapelle ohnehin zum Normalschulfond bestimmt ist, so soll nebst dem Kirchenverwalter Plankh, der Steuereinnehmer Czerny die Sperre von den Opferstöcken haben, und gemeinschaftlich sich controllierend Rechnung hierüber führen. Dieser Resolution ist der Hr. Dechant mit dem beysatze in die Kenntniß zu setzen, daß morgen um 5 Uhr früh diese Transportierung auf eine den Umständen angemessene Weise vorgenommen werden solle.

Wie das Aquarell Carl Springenschmidts mit dem Titel Ansicht des Untern Stadt Platzes in Waidhofen an der Yps aus dem Waidhofner Heimatmuseum zeigt, sind im Bereich des Fuchsbichl Kraut- und Gemüsegärten angelegt.
Die Jagd auf den die Stadt umgebenden Bergen steht der Stadt zu und liefert Rehe, Hasen und Füchse, doch nicht in großer Zahl.

Der Viehmarkt

Nach diesem kurzen Blick auf den Buchenberg gehen wir nun vom Friedhof den Berg hinunter zum Bürgerspital. Auf dem gesamten Areal zwischen Friedhof, Spitalkirche und Ybbsturm (Städtischer Holzplatz, ehemaliger Ochsenplatz und Graben) wird damals der Viehmarkt abgehalten. Sickingen erwähnt zwei Viehmärkte, am Dienstag in der zweiten Osterwoche und am Dienstag in der zweiten Oktoberwoche. Es werden vor allem Ochsen (als Zugtiere unentbehrlich) aber auch Kühe, Jungvieh und Schweine gehandelt.
Einer der größten Viehmärkte findet am 8. Oktober 1839 statt. Petter nennt ihn seit Entstehung dieses Hornviehmarktes den größten derselben, indem mehr als 2500 Stück am Platze waren. Er berechnet weiters, dass dieser Markt für das städtische Kammeramt, das pro Stück Vieh 3 Kreuzer CM einhebt, eine Einnahme von 125 Gulden CM bedeutet. Die Anzahl der Menschen auf diesem Viehmarkt war, laut Petter, grenzenlos.
Diesen, das ganze 19. Jahrundert stets sehr gut besuchten Viehmarkt erwähnt auch Bürgermeister Plenker in seinen Erinnerungen. Er schreibt:
Bis dahin (1895) wurden die Viehmärkte am Graben, Holzplatz und in der Pocksteinerstraße bis zur Zelinkagasse abgehalten. Die Märkte waren stark besucht, und oft standen die Rinder vom Ybbsthore bis zur Spitalkirche, bis zum alten Friedhofe (Schillerpark) und bis zur Zelinkagasse.
An diesen Markttagen musste sogar schulfrei gegeben werden, da es für die Kinder aus der Stadt unmöglich war, zum Schulgebäude im ehemaligen Kapuzinerkloster (heute RIZ) zu gelangen.

Das Bürgerspital

Über den unterhalb des Holzplatzes liegenden Teil des Grabens gelangen wir nun in den Bereich des alten Waidhofner Bürgerspitals. Wir betreten ihn durch das um 1838 noch bestehende Spitaltor. Es befindet sich bei der Einfahrt vom Kreisverkehr in die Stadt und fällt erst 1848 der Spitzhacke zum Opfer. Der obere Teil der Befestigungsmauer rund um das Spital wird bereits ein Jahr früher (1847) abgerissen. In diesem, aus der alten Katharinenkirche und dem daran angebauten Spitalsgebäude bestehenden Stadtteil haben viele alte und verarmte Bürger ihren Lebensabend verbracht:

Das Bürgerspital befindet sich am Thore nach Weyer, oder dem Spitalthore in der unteren Stadt; es hat eine eigene Dominikal=Gülten=Einlage, wird vom Magistrat verwaltet, und enthält 33 Pfründner, männlichen und weiblichen Geschlechts. Das Gebäude ist einstöckig mit Schindeldach, sehr gut bestiftet, und bestand bereits im XII. Jahrhundert.
Dabei ist auch eine Kirche, allgemein die Spitalkirche genannt, von gothischer Bauart, mit Thurm und Blechkuppel, zwei Glocken und einer Uhr. Das Innere hat gothische Wölbung, der Hochaltar, zu Ehren der heiligen Katharina geweiht, und mit ihrem Bilde geschmückt, ist von Holz und vergoldet. Die daselbst bestehenden drei Seitenaltäre, zum heiligen Kreuz, zur Maria=Himmelfahrt und der Frauenaltar sind sämmtliche von Holz mit Vergoldung, letzterer mit besonders guter Schnitzarbeit. In einem der gothischen Bogenfenster gewahrt man eine alte Glasmalerei, das Wappen der hiesigen Messerer oder Messerklingenverfertiger, und daneben die Monstranze darstellend, die sie an die Pfarrkirche schenkten. Die Wohnung des Beneficiaten ist im Spitalgebäude.
Das Spital ist vorwiegend für die Altenversorgung von Waidhofner Bürgern zuständig, es werden aber auch Sozialfälle, Behinderte und Waisenkinder in diesem Hause untergebracht. Mit dem Abriss des Spitaltores im Jahre 1848 wird auch die Kirche einer Renovierung unterzogen, über die Petter folgendes berichtet:
Bei dem jetzt begonnenen Umbau des Bürgerspitales wurde von dem vielen erzeugten Schotter eine eigene, von Herrn Bürgermeister Großmann angeschaffte Verwendung vorgenommen. Die nebenstehende Kirche, Spitalkirche, hatte eine Vertiefung beim Eingang von 3 Stufen und beim Speisgitter wieder 3 Stufen gegen den Hochaltar aufwärts. Um dies zu vermeiden, ließ Herr Bürgermeister das Pflaster in der Kirche aufreißen und verwendete den Schotter zur Ebenmachung dieser Kirche. Nun ist selbe schön und ordentlich hergestellt. man hat jetzt nur die kleine, abwärtsgehende Türschwelle und übrigens ist der ganze Raum der Kirche bis zum Altar ebenhin. Nur bei der Kapelle der hl. Mutter Gottes blieb die alte Tiefe, weil selbe sich nicht heben ließ und man in selbe über 3 Stufen kommt, was aber dieser Kapelle sehr gut zusteht. An dieser Kapelle läßt sich ersehen, wie tief die Kirche früher war.
Für die ärztliche Versorgung im Bürgerspital muss der Stadtphysikus laut Anstellungsdekret unentgeltlich sorgen.
Das Bürgerspital ist auch in der Biedermeierzeit oft überfüllt, und die Bittsteller müssen manchmal längere Zeit auf ihre Aufnahme warten. Stellvertretend für die vielen Ansuchen zwei Beispiele aus den Jahren 1835 und 1839:

Da das hiesige Bürgerspital mit Pfründlern gänzlich besetzt ist, so kann der Bitte der Josepha Wagner, Bürgerswitwe von hier, nicht entsprochen werden. Und auch die im Jahre 1839 63-jährige mühselige städtische Brunnführers-Witwe Theresia Auer kann erst ins Spital aufgenommen werden, sobald sich ein Platz eröffnet.

Der Untere Stadtplatz

Das Areal des Bürgerspitals ist durch zwei Tortürme begrenzt. Durch das Spitaltor haben wir vom Graben her den Spitalsbereich betreten und durch das Weyrertor (heute: Engstelle beim Unimarkt) gelangen wir nun in die Untere Stadt. Dieses Stadttor bleibt bis zum Jahre 1872 bestehen. Es ist auf den Lithographien Freys noch gut zu erkennen.
Der Untere Stadtplatz ist jener Platz, auf welchem seit den Anfängen der Stadt der Wochenmarkt abgehalten wird. Er dient der Nahversorgung, ist aber nach wie vor auch ein wichtiger Getreidemarkt, auf welchem Proviantgetreide für die Region um Eisenerz gehandelt wird. In der Biedermeierzeit findet der Wochenmarkt am Dienstag statt. Sickingen bemerkt, dass der Waidhofner Wochenmarkt sehr bedeutend ist, da sich vorzüglich die benachbarten Steiermärker hier mit den Fruchtkörnergattungen versehen.
Es werden vor allem Weizen, Korn, Gerste, Hafer und Wicken auf diesen Markt gebracht. Öfters ist der Untere Stadtplatz zu dieser Zeit am Markttag mit über 100 mit Getreide beladenen Wägen, die vom Amstettnertor bis zum Weyrertor stehen, überfüllt. Für den 19. April 1825 zum Beispiel wird die Rekordzahl von über 150 Getreidewägen und 4500 Metzen Getreide (ca. 200 Tonnen) am Wochenmarkt angegeben. Aber auch Erdäpfel, Wein, Branntwein, Most, Schmalz, Eier, Geflügel, Salz, Mehl und Grünzeug werden auf diesem Markt angeboten.
Für den Gemüsemarkt ist aus dem Jahre 1837 eine Verordnung erhalten. In dieser wird dem Wochenmarkts-Commisär aufgetragen, die Qualität der angebotenen Lebensmittel zu kontrollieren. Sollte er Mängel feststellen, so sind diese Lebensmittel allsogleich und ohne Schonung zu vertilgen.
Um die Reinigung des Unteren Stadtplatzes nach dem Wochenmarkt zu regeln, wird vom Magistrat unter Androhung einer Geldstrafe bestimmt, daß jeder Hausbesitzer oder Miether der unteren Stadt nach jedem Wochenmarkte nach der Breite seines Hauses zu reinigen und den Unflat wegzubringen habe.
Der Untere Stadtplatz besitzt links und rechts einen gepflasterten Gehsteig, der Rest ist aber noch Staubstraße und bei Regen, Schnee oder Tauwetter dementsprechend schmutzig.
In der Unteren Stadt sind um 1838 folgende Gewerbe nachweisbar:

Bierwirt und Bäcker (1)
Bierwirt und Greißlerei (1)
Bürstenbinder (1)
Chirurg (1)
Eisenhändler (6)
Fleischhauer (2)
Gastgeb (1)
Großfuhrmann und Wirt (1)
Hufschmied (1)
Hutmacher (1)
Greißler (1)
Kleidermacher (1)
Kürschner (1)
Lebzelter (1)
Nadler (1)
Posamentierer (1)
Postmeister (1)
Riemer (1)
Schuhmacher (3)
Seifensieder (1)
Sensenhändler (3)
Silberarbeiter (2)
Strumpfwirker (1)
Vermischte Waren und Spezereien (1)
Weinwirt (1)
Wirt (3)


Am Gasthaus Zum goldenen Hirschen (heute Unterer Stadtplatz Nr.28) und am Brunnen vorbei gelangen wir zum Seifensieder Greiner (Nr.18) auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes. Die Seifensieder, die aus tierischen und pflanzlichen Fetten Seifen, aber auch Kerzen und Öl herstellen, sind in der Biedermeierzeit für die Beleuchtung von großer Bedeutung. So werden die 38 Laternen, mit denen die Stadt damals in der Nacht beleuchtet wird, regelmäßig mit Öl vom Seifensieder aufgefüllt.
Im heutigen Haus Nr.32 (Sorgner) befindet sich damals die Lebzelterei des langjährigen Waidhofner Bürgermeisters Florian Frieß (1799 - 1828). Er lenkte die Geschicke der Stadt während der schweren Zeit der Franzosenkriege und steht auch am Beginn der Biedermeierzeit der Gemeinde vor. Florian Frieß stirbt im Alter von 65. Jahren am 6. April 1828. Über seine Beerdigung schreibt Petter:
Unerhört großer Leichenzug. Die untere und obere Stadt war angefüllt mit Leuten und da auch das Bürgerkorps paradieren mußte, so kam es einem Fronleichnamszug ähnlich.
Gegenüber der Lebzelterei Frieß liegt das Gasthaus Zur roten Rose (Nr. 14/15, Pöchhacker). Für dieses wie auch für alle anderen Waidhofner Gasthäuser gilt die vom Magistrat erlassene Verordnung vom 6. September 1839:
Diese dermahlen hier aus dem Polizey=Wachtmeister, dem Gerichtsdiener, Polizeymanne und Einem Gehilfen bestehende Sicherheits Mannschaft hat unter dem Vortritte des Ersteren alle Sonn- und Feyertage in den Gasthäusern Patrouillen zu machen, und von Zeit zu Zeit nachzusehen, ob die Polizeystunden genau eingehalten werden.
Beim Gastwirt Joseph Maure Zur goldenen Krone (Nr. 10, Trafik Desch) geht es öfters über die Sperrstunde hinaus lustig zu. Daher erhalten er und der für die Tanzmusik zuständige Thurnermeister Schiffner am 3. Juli 1846 eine Ermahnung des Magistrates, sich an die Sperrstunde zu halten:
Gastwirth Maure und Thurnermeister Schiffner sind dekretaliter zu ermahnen, daß sie bei Abhaltung der Tanzmusik sich strenge nach den bestehenden Polyzeivorschriften zu benehmen haben, da sonst die gesetzliche Strafe eintreten würde.
Angrenzend an das Gasthaus Zur goldenen Krone befindet sich in der Biedermeierzeit die Eisenhandlung Plank (Nr.9, Funke). Obwohl der langsame Niedergang der Eisenindustrie in Waidhofen bereits eingesetzt hat, wird in einem im Jahr 1821 angelegten Verzeichnis noch eine Vielzahl von Erzeugnissen angegeben, die nach wie vor in Waidhofner Schmieden erzeugt werden. Hier eine Auswahl:
Ahlen, Pfannen, Bohrer, Pferdebiß, Bügeleisen, Pistolen, Feilen, Rasiermesser, Fischangeln, Raspeln, Flinten, Säbel, Gabeln, Sägen, Hacken, Schaufeln, Hafteln, Scheren, Hämmer, Schlösser, Hufeisen, Schlüssel, Ketten, Sensen, Klaviersaiten, Sicheln, Krampen, Steigbügel, Löffel, Stemmeisen, Messer, Striegel, Mistgabeln, Strohmesser,Nadeln, Töpfe, Nägel, Zangen, Ofentürl, Zirkel

Gegenüber der Gastwirtschaft Zur goldenen Krone und der Eisenhandlung Plank liegt eines der markantesten Gebäude des Unteren Stadtplatzes, die Poststation mit ihrem gotischen Laubengang.
In dieses Haus (heute Nr.35, Alte Post) wird im Jahre 1833 die Post verlegt. In Waidhofen besteht ab 1829 eine k.k. Poststation. Diese wird ursprünglich von Franz Steiner, Postmeister in Kemmelbach, im Haus Unter der Burg 15 (heute Reifen Renner) betrieben und 1833 vom Waidhofner Tabakverleger Johann Humpel übernommen. Dieser übersiedelt die Poststation dann in sein Haus in der Unteren Stadt 35, wo er als pensionierter Offizier seit dem Jahr 1830 als Tabak= und Stempelverleger lebt. Die Poststation mit dem k.k. Wappen ist auf beiden Lithographien des Unteren Stadtplatzes von J. G. Frey zu sehen. Über die damaligen Reisebedingungen berichtet die folgende Quellenstelle:
Von der Reichsstraße Wien – Linz – Salzburg, auf welcher damals noch ein lebhafter Personen- und Frachtverkehr stattfand, abgelegen, verirrte sich auch selten ein Fremder hierher. Ein unansehnlicher offener Wagen mit einem auf Eisenstangen ruhenden Dache und Seitenvorhängen aus Zwilch, wie man solche gegenwärtig kaum mehr sieht, vermittelte täglich einmal den Postdienst von und nach Amstetten und Weyer.
Wenn wir unseren Weg von der Poststation in Richtung Amstettnertor fortsetzen, kommen wir rechterhand bei einem Gebäude vorbei, das heute nicht mehr existiert. Es handelt sich um das sogenannte Alte Rathaus, das am unteren Ende des Freisingerberges steht. Dieses Gebäude war bis zum Jahre 1650 das Rathaus der Stadt:
Das sogenannte a l t e R a t h a u s in der unteren Stadt, ein uraltes massives Gebäude, von gewöhnlicher Bauart, einstöckig mit Schindeldachung, worin sich das Abwagamt befindet.
Die einzige erhaltene Darstellung findet sich auf einer der Lithographien J. G. Freys , die den Unteren Stadtplatz darstellt. Das Gebäude versperrt fast die ganze Breite des Freisingerberges und nur rechts ist eine Gasse freigelassen, durch die man zum Oberen Stadtplatz gelangt. Der namentlich nicht bekannte Verfasser des Artikels Waidhofen vor und seit einem Halbjahrhundert beschreibt es folgendermaßen:

Das alte Rathaus, ein alter, unförmlicher Bau, stand in der Häuserreihe des unteren Stadtplatzes zwischen den beiden gegenwärtigen Eisenhandlungen. An der unteren Seite führte ein durch ein Gitter abgeschlossener Zugang nach dem rückwärts befindlichen Gemüsemarkte und an der oberen, der Südseite, eine schmale, steile Zufahrt nach dem oberen Stadtplatze. Das nach Abtragung frei gelegte Terrain ist der heutige Freisingerberg.

In den Dreißigerjahren des 19. Jhdts. wird im Hof dieses Gebäudes an den Wochenmarktstagen der Gemüsemarkt abgehalten. Nach längeren Streitigkeiten unter der Bürgerschaft wird 1847 zur Förderung des Verkehrs zum Abbruch dieses Gebäudes geschritten. Das Abbruchmaterial des Alten Ratshauses wird zur Auffüllung des Grabens zwischen Schloss und Stadt verwendet.
Wir queren nun beim Brunnen vor dem Alten Rathaus den Unteren Stadtplatz und gelangen zum Bierwirt und Bäcker Springenschmied (heute Nr.39, Piaty). Wegen des zu geringen Gewichts einiger Brotlaibe erhält der Bäckermeister im November 1831 einen Verweis des Magistrates:
Dem Bäckermeister Franz Springenschmid sind vom magistratlichen Polizeydiener wegen schlechten Gewichts 10 Laib Brot abgenommen worden. Der ehrsame Magistrat bestimmt, daß dieses confiscierte Brot unter die Local-Armen vertheilt und jedes weiter Vergehen dieser Art strenge nach den Polizeygesetzen geahndet würde.
Übrigens, beim Bierwirt Springenschmied kann man Billard spielen, da dieser die Regierungs-Bewilligung zum Billard hat.
Gegenüber, im heutigen Pelzhaus Holubovsky, befindet sich in der Biedermeierzeit der Gastgeb Georg Helmhart, Zum goldenen Stern. Folgende Verordnung des Magistrats wird am 16. April 1826 auch in diesem Gasthaus verlautbart:
Den 16. April 1826 ist eine Verordnung von H: Syndikus bekanntgegeben worden. Es ist hierin alles hohe Spielen gänzlich verboten, sowohl mit Karten als auch auf der Schießstatt, alle Freymusiken, alles Lärmen von Gesängen oder Disput, alles Schimpfen über Staatsanordnungen und Magistratliche Befehle.   In einem der Häuser beim Amstettnertor wohnt bis zum Jahr 1824 der städtische Holzknecht Michael Stangel. Er übersiedelt aber im selben Jahr in die Vorstadt Leithen, da der Stadtrat sein Ansuchen um Eheschließung befürwortet. Für Personen aus den ärmeren Schichten ist es noch immer notwendig, die Erlaubnis des Magistrats zur Eheschließung (Ehekonsens) einzuholen:
Dem Michael Stangel städtischen Holzknechte, und Inwohner beim Amstettner Thor wird bewilligt, sich mit der Johanna Bachnerin bei ihrer Mutter, Kleinhäuslerin Consc.No-17 in der Vorstadt Leuthen, bereits großjährig, verehelichen zu dürfen, und sich allda inwohnungsweise niederzulassen.

Am 13. April 1846 wird mit dem Abbruch des Amstettnertores begonnen. Mit den Abbrucharbeiten wird der Hufschmiedmeister Meisinger beauftragt, der mit dem Abbruchmaterial sein Haus neu aufbaut (heute Kröller). Gegenüber wird 1847 das neue Maut- und Abwaghaus mit der Wagmaschine errichtet. Dieses befand sich zuvor im Alten Rathaus.
Tritt man vor das Amstettnertor (auch Landtor oder Walchertor genannt) so gelangt man über eine hölzerne Brücke zum Haus des Wirtes Walcher Zum Halbmond. Wie in anderen Gasthäusern der Stadt steigen in der Biedermeierzeit auch hier immer wieder Musikanten ab, um für einige Tage die Gäste mit ihren Darbietungen zu unterhalten:
Den 9ten Jänner 1838. Gestern sind beym Wirth Jos. Walcher 5 ausgetretene Lanner’sche Musikus aus Wien angekommen, welche sich also heute hören ließen. Sie spielten meist in Quartett, und im Singen producirten sie sich ebenfalls. Am meisten war das Fliglhorn auffallend, und sehr gut vorgetragen worden. Sie hatten sehr grossen Beifall.

Aber auch andere Unterhaltungen werden immer wieder von durchziehenden Künstlern und Gauklern, die auf ihrem Weg durch die Städte der Monarchie auch hie und da ihren Weg nach Waidhofen finden, angeboten:
Den 7tenApril 1838. Gestern sind bey dem Wirth Joseph Walcher 5 Alpensänger angekommen, darunter einer nahmens Schreiber, sich als Bauchredner producirte, und sein Sohn von 8 Jahren producirte sich als Affe mit ausserordentlich affenähnlichen Stücken zur Bewunderung aller Anwesenden. Sie haben sich mehrmahlen auf den Wiener=Theater mit großen Beifall producirt, und so auch in der Kreisstadt St.Pölten.
Im Sommer des Jahres 1840 verblüfft ein Zauberer und Bauchredner aus der Residenzhauptstadt Wien die Gäste des Halbmondwirtes:
Den 31. July 1840 ist beim Wirthe J. Walcher in der Wasservorstadt zum Schilde Halbmond, der berühmte, fast unbegreifliche Zauberer und Bauchredner Schulz aus Wien hier angekommen und hat sich allda producirt. Seine Künste waren erstaunungswürdig und man behauptete mit Gewißheit, nie hat Waidhofen einen besseren Zauberer in seinen Mauern gehabt als Schulz einer war.

Der Krautberg

Hinter dem Walcherschen Gasthaus Zum Halbmond erhebt sich der Krautberg, der damals natürlich noch keinerlei Verbauung aufweist:
Die beste Aussicht gewährt Waidhofen vom sogenannten Krautberge , einer kleinen Höhe gegen Süden, wo man die Stadt, die beiden Vorstädte, wenigstens größtentheils, und den langgedehnten, durch den Ipsfluß geschiedenen Markt Zell, ein Ganzes bildend, überblicken kann.
Ähnlich wie am Buchenberg besitzen die Bürger der Stadt vor allem am Krautberg ihre Gemüsegärten. Von der Stadt werden, wie in früheren Zeiten auch, sogenannte Krauthüter angestellt, die besonders in der Nacht den Diebstahl von Gemüse aus diesen Gärten verhindern sollen.
Zu besonderen Anlässen und Feierlichkeiten werden vom Krautberg die dazugehörigen Pöllerschüsse abgegeben. Als Beispiel sei die Feier zum 40-jährigen Regierungsjubiläum Kaiser Franz I. angeführt. Damals beschließt der Waidhofner Magistrat, dass dieser Festtag durch Salven sowohl mit kleinen Gewehren als auch Abfeuern 3 Kanonen vom Krautberge verherrlicht werden solle.
Gegen Ende der Biedermeierzeit, im Jahre 1847, wird auf dem Krautberg ein Kreuz errichtet und ein Jahr später vom Maler Kandler mit einer Christusdarstellung versehen. Den Hintergrund zur Errichtung dieses Kreuzes hoch über der Stadt überliefert uns wiederum Sebastian Petter in seiner Chronik:
Den 7. November 1847 wurde auf Veranlassung des Herrn Bürgermeisters Großmann auf dem hiesigen Krautberg oder Rabenberg , nahe bei der sogenannten Kanonenhütte, ein kolossales Kreuz ohne Christus, welcher später nachgebracht werden wird, aufgesetzt, das man weit und breit sieht. Man sagt allgemein, Herr Bürgermeister soll schon mehrmalen von einem so schönen Kreuz an diesem Platz geträumt haben und da ihm sehr daran lag, dieses Kreuz in Wirklichkeit zu haben, so stellte er das Ansuchen bei dem Magistrate und es wurde ihm ohne Anstand bewilligt.

Die Wasservorstadt

Als Wasservorstadt bezeichnet man jenen Teil Waidhofens, der sich vom Schloss aus entlang des Schwarzbaches bis zum Seebergbach, bzw. ybbsabwärts bis zur heutigen Kläranlage erstreckt. Sickingen beschreibt diesen Stadtteil zur Biedermeierzeit:
Die Wasservorstadt, nordwestlich die Stadt umgebend, zieht sich in einer und zwei Reihen zum Theil einstöckiger Häuser, längs des Schwarzbaches, der hier Waidhofnerbach heißt, und sich beim herrschaftlichen Schlosse in den Ipsfluß mündet, fast eine Stunde weit, gegen Ende in einzelnen Häusern und Eisenwerken bestehend, zwischen bewaldeten Bergen hin, über welchen Bach in derselben mehrere hölzerne Brücken bestehen, von welchem Bache sie auch Wasservorstadt heißt, und wo alle nach der Stadt gehörenden Wasser- und Manufakturwerke sich befinden. Durch diese Vorstadt führt die Poststrasse nach Weyer in Ober-Österreich.
Bei unserem Rundgang wenden wir uns zuerst ybbsabwärts und besuchen das Siechenhaus sowie das Armenhaus der Stadt. Wir kommen dabei gleich unterhalb des Schlosses an der Überfuhr vorbei, die vom Zeller Müllermeister Reichhör betrieben wird. Ein hölzerner Steg über die Ybbs wird erst 1844 errichtet werden. Entlang der Amstettnerstraße (heute Wienerstraße) gelangen wir zu jenem Gebäude, in welchem das Siechenhaus untergebracht ist. Es existiert heute noch (Familie Diewald, Wienerstraße 4), während das schräg gegenüberliegende Gebäude des Armenhauses in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts abgerissen wurde. Sickingen beschreibt beide Gebäude:
Das Armenhaus mit der Krankenanstalt in einiger Entfernung von der Wasservorstadt an der Amstettnerstraße, besteht blos für verarmte städtische Dienstleute und Gesellen, für 22 Personen beiderlei Geschlechts. Es hat ein Stockwerk, und wurde im Jahre 1740 von der Stadt bestiftet.
Daneben befindet sich das Siechenhaus, ebenfalls mit einem Stockwerke und für 22 Personen. Dieses ist uralt, denn es bestand schon im Jahre 1277.
Für das Jahr 1839 wird der Belegstand offiziell für das Armenhaus mit 30 Pfründlern und das Siechenhaus mit 20 Pfründlern angegeben.
Ähnlich wie das Bürgerspital ist auch das Siechenhaus für die Aufnahme Behinderter zuständig.
Im Gegensatz zum Bürgerspital, das für Menschen aus den wohlhabenderen, bürgerlichen Schichten vorgesehen ist, sind Siechen- und Armenhaus die Versorgungshäuser der Gesellen, Dienstboten, Knechte und Mägde. Dass aber in allen drei Versorgungshäusern der Stadt die Menschen ihr Leben am bzw. unter dem Existenzminimum fristen, beweist folgende Eintragung im Ratsprotokoll vom 11. Juni 1847:
Die Verwaltung des Bürgerspitals dann des Armen- und Siechenhauses sind angewiesen, daß sie den Pfründlern das Betteln in der Stadt und in den Vorstädten mit dem Beisatze strenge zu untersagen haben, daß jeder bei Betretung eingesperrt und bestrafet werden wird.

Eine Beschreibung des neu renovierten Armenhauses aus dem Jahre 1845 überliefert uns Petter:
30. Juli 1845. Nun ist auch das Armenhaus (Wienerstraße Nr.29) restauriert und schön hergestellt. Es ist erhöht worden, alle Zimmer „stokatort“ und auf das solideste hergestellt, von außen schön abgeputzt und mit großen, schwarz lackierten, blechernen Buchstaben der Name „Armenhaus“ auf der Straßenseite ersichtlich gemacht. Alle Betten, deren sehr viele hineinkommen, werden silberfarben angestrichen, kurz, das Ganze ist sehr nett hergestellt.
Nach diesem Besuch in den beiden Versorgungshäusern an der Amstettnerstraße gehen wir wieder an der Sandleiten151) vorbei zur Stadt zurück. Zur Zeit unseres Rundganges gibt es hier noch keine Spazierwege und Ruhebänke. Diese werden aber noch in der Biedermeierzeit im Jahre 1847 auf Anregung des Stadtpfarrers Augustin Beer angelegt, der dazu im Memorabilienbuch der Pfarre folgendes schreibt:
Im Jahre 1847 trug ich auch auf einige Verschönerungen im pfarrlichen Garten und auf dem Grundstück, die „Sandleite“ genannt, an. Nachdem bereits in den vorhergegangenen Jahren viele Birn- und Apfelbäume im Patertalweg hergerichtet und auf der Sandleite gepflanzt worden waren, nachdem der Patertalweg hergerichtet und als Spaziergang mit Ruhebänken versehen sowie auch früher schon an der städtischen Waldgrenze ein Spaziergang mit Ruhebänken gemacht worden war, ließ ich an der Vorderseite der Sandleite einen Spaziergang mit Obstbäumen anlegen und an dem oberen Teil ein „Paraplie“ mit Ruhebänken und Gestrüpp herum machen zum allgemeinen Genuß der schönen Aussicht von diesem Platze.
Der heutige Abschnitt zwischen Unterzellerbrücke und Gasthaus Zacharias ist noch auf beiden Seiten der Straße verbaut. An diesen Häusern sowie am Haus des Braumeisters Riedmüller vorbei gelangen wir nun zu den Häusern Wasservorstadt 43 bis 52. Den Bürgern dieser Häuser wird im Jahr 1842 bewilligt, den an ihre Häuser angrenzenden Platz Stock im Eisen benennen zu dürfen:
Den in der Wasservorstadt No 43-44-45-46-47-48-49-50-51-52 ansässigen Bürgern wird über bittliches Einschreiten die Bewilligung ertheilt, daß sie den dortigen Platz durch einen soliden Hackstock bezeichnen, und nach Art der Wiener, Stock im Eisen benennen können, daher eine derlei Aufschrift an schicklichem Ort angeschafft werden kann.
Der Stock im Eisen wurde später an die der Unteren Stadt zugewandten Seite des Stadtturmes versetzt, der Platz am Schwarzbach trägt aber bis heute den Namen Stock im Eisen.
Wenn wir den Bach nun weiter flußaufwärts gehen, gelangen wir an der nach Weyer führenden Straße zum Gasthaus Zur Sonne (ehemaliges Gasthaus Mayerhofer in der Weyrerstraße). Dieses Gasthaus besitzt eine wunderschöne Holzdecke aus dem Jahre 1623 und mit seinem 1830 neu erbauten Saal im oberen Stockwerk ist es ein weiteres Zentrum biedermeierlicher Kultur in Waidhofen. Die strengen behördlichen Bestimmungen gelten aber natürlich auch für Veranstaltungen in diesem neuen Saal und wer sich nicht daran hält, hat mit Konsequenzen zu rechnen:
Den 19. Oktober 1830. Die sich im Puchmayrschen Gasthause „Zur Sonne“ beim Bach gesammelte Dilettantengesellschaft hat wider das Verbot des Magistrats ihr Ritterstück in dem neu erbauten Saale des benannten Wirtes gegeben. Sie nahmen zwar keine Einnahmen und hatten viele Leute, handelten jedoch wider das Gesetz und der Wirt mußte eine Strafe von 8 fl.CM. bezahlen, was zum Armeninstitute abgegeben wurde. Dieses Gasthaus ist heuer erst neu erbaut worden und man darf es wirklich unter die schönsten zählen.

Die Gegend entlang des Schwarzbaches ist immer wieder von Hochwasser bedroht. Besonders die vielen Fluderanlagen und Wasserräder sind bei ergiebigen Regenfällen von den Überschwemmungen betroffen. Das Hochwasser im Juni 1829 hat verheerende Folgen:
Den 4. Juni 1829. Da das Regenwetter seit Sonntag den 31. Mai fortdauerte und seit gestern die Ströme des Regens sehr gewaltig überhandgenommen hatten, so entstand eine sehr gewaltige Wassergüsse. Die Ybbs erreichte nicht gar die Höhe wie im Monat September 1813, der Bach war aber so stark und reißend groß, daß er, als er schon in den Werken am Bach selbst sehr viel zerriß und Holzwerk in die Menge mit sich mit Gewalt fortraffte, auch noch drohte, die Pirkmayr (beim Spital), Vetters= und Walcherbrücke (beim „Halbmond“) wegzureißen. Beim Vetters angefangen bis zur Walcher-Haustüre schoß das Wasser knietief an den Häusern vorbei und obwohl die Leute sich vor den Haustüren mit aller möglicher Vorsicht zu verwahren und zu beschützen suchten, so waren doch alle Zimmer zur ebenen Erde voll mit Wasser. Ebenso floß es auf der herübrigen Seite und füllte alle Gärten halb mannshoch an. ... Kurz, seit langer, ja sehr langer Zeit kann man am Bach eine solche Güsse nicht gedenken. Alle Werke nach dem Bach waren mit Wasser gefüllt und in vielen machte es sehr großen Schaden. Nicht nur, daß selber mehrere kleine Brücken wegnahm, sondern die Straßen sind, besonders vom Redtenbach herunter, sogar unfahrbar gemacht worden...

Nach diesem kurzen Hochwasserbericht aus dem Jahre 1829 gehen wir nun vom Gasthaus Zur Sonne wieder den Bach entlang zum Stock im Eisen zurück.

Freisingerberg und Stadtturm

Von dort aus gelangen wir durch das sogenannte neue Thor, welches blos für Fußgänger besteht , durch die mit Schwibbögen versehene Gasse (heute Am Thürl) wieder in die Untere Stadt. Wir überqueren den Stadtplatz und gehen durch die enge Gasse auf der rechten Seite des alten Rathauses beim Eisenhändler Plank vorbei auf den Freisingerberg. Dieser ist damals noch sehr steil und bietet für schwerere Fuhrwerke bis zu seiner Regulierung im Jahre 1897 immer wieder große Probleme.
Überragt wird der Freisingerberg von der imposanten Erscheinung des Stadtturmes. Die Fleischbänke unterhalb des Turmes werden 1848 abgebrochen und jeder Fleischhauer eröffnet seine eigene Hausbank.
Der Stadtturm, bis heute eines der Wahrzeichen Waidhofens, hat auch Sickingen in den Dreißigerjahren des 19.Jahrhunderts sichtlich beeindruckt:
Auf dem Stadtplatz steht der sogenannte Stadtthurm von ungemein starker massiver Bauart, viereckig, ziemlich hoch, mit rother Blechkuppel, unter welchem vier kleine Eckthürmchen hervortreten. Darin befindet sich eine Schlaguhr, wo außerdem noch bei jeder Stunde Tag und Nacht die Stundenschläge mit der Hand nachgeschlagen werden, von dem daselbst wohnenden Thurmwächter und seinen Gesellen.
Am 26. November 1847 wird der bisherige Turmwächter Gottlieb Geilhofer samt seiner Frau wegen seines hohen Alters in das Bürgerspital aufgenommen, und an seiner Stelle der Schneidermeister Johann Gohsak zum Turmwächter bestimmt. ) Fast gleichzeitig dazu erlässt der Stadtrat eine neue Instruction für den jeweiligen Thurmwächter:

1. Derselbe hat die Verpflichtung, ohne aller Unterbrechung bei tag und nacht auf dem Stadtthurme Wache zu halten, und jede Stunde an der Uhrschelle nachzuschlagen, um hiedurch allgemein seine Wachsamkeit kundzugeben.

2. Bei eintretender Feuersbrunst hat derselbe bei eigener Beobachtung oder nach erfolgtem Aufrufe ungesäumt die Feuerglocke in der Art ertönen zu lassen, daß er, wenn das Feuer in der inneren Stadt ist 5 Schläge - wenn es in der Wasservorstadt ausbricht 4 Schläge, wenn es in der Vorstadt Leiten ausbricht drei Schläge - wenn es im benachbarten Markte Zell brennt, 2 Schläge stäts nacheinander - und wenn dieses Unglück in der weiteren Umgegend bemerkt wird, 1 Schlag auf der Feuerglocke zu führen hat, welche Schläge aber bei wachsender Gefahr schneller nacheinander, und beim Abnehmen derselben langsamer und seltener zu geben sind.

3tens Ausser diesen von 5 zu 5 Sekunden abzusetzenden Zeichenschlägen hat der Thurmwächter die Gegend des Unglückes beim Tage mittelst des vorhandenen Fähnleins bei der Nacht aber mit einer beleuchteten Laterne zu bezeichnen, und den Brandort durch das Sprachrohr anzuzeigen und sich überhaupt nach der ihm eingehändigten Feuerlöschordnung zu benehmen.

Eine Rauferei am Fuße des Stadtturmes am Palmsonntag des Jahres 1825 nimmt ein für die Zeit typisches Ende. Der Polyzey Mann ist sofort zur Stelle und beendet den Streit:
Am 28ten März, als am Palmsonntag, geschah nach dem nachmittäglichen Gottesdienst, bey dem Stadtthurm, ein Auflauf von die Buben. Zwey fiengen zu raufen an, wobey dem unschuldig angepackten, so stark von seinen Gegner angegriffen und in Koth geworfen wurde, daß er erbärmlich blutete. Sogleich aber war der Polyzey Mann da, lief ihm nach, und brachte ihn, mitsamt seinem Spießgesellen ins Dienerhaus.

Ebenfalls in die Biedermeierzeit fällt die Neurenovierung der Stadtturmkuppel, welche am 12.September 1839 vollendet wird. Nach altherkömlichem Gebrauche trinken bei der Feier zur Fertigstellung der neuen Eindeckung die Handwerker (Zimmerleute und Spengler) hoch oben auf dem Gerüst auf die Gesundheit aller und werfen dann die Gläser auf den Stadtplatz hinunter. Petter bemerkt als Kuriosum, dass zwei dieser Gläser unbeschädigt blieben und als Rarität bei der magistratischen Registratur aufbewahrt wurden.
Der Stadtturm wird aber auch von Seiltänzern benutzt, um dem Publikum Kostproben ihres Könnens geben zu können:
Heute, den 24. März 1845, producirte der hier angekommene Seiltänzer und Seilgeher Knie auf dem Oberen Stadtplatze, allwo der Seilgeher bis in den 3ten Stock vom Stadtturme auf den aufwärts gespannten Seile ging. Er hatte auch ein Wachsfirguren=Kabinett ... bey sich. Diese Gesellschaft war 14 Mann, meist Familie, stark, und der Schauplatz war beim Wirthe Grundner.

Im August des Jahres 1821 hätte Waidhofen beinahe die Ehre eines kaiserlichen Besuches erfahren. Kaiser Franz I. besucht damals den Sonntagberg und einer Abordnung des Waidhofner Magistrates gelingt es, den Kaiser in Seitenstetten persönlich zu sprechen. In der Stadt hat man mittlerweile schon alles für den allerhöchsten Besuch vorbereitet. Bey dem alten Stadtthurm wird eine Triumphpforte errichtet, die folgende Aufschrift trägt:

TIbI  FranCIsCo  trIVMphantI  DVCI  Venerato  1821

Leider haben die Waidhofner damals ihre Triumphpforte umsonst errichtet. Der Kaiser erscheint nicht, und auch ein Besuch, den er für das Jahr 1822 verspricht, kommt nicht zustande.


Der Obere Stadtplatz (I)

Die gesamte Biedermeierzeit hindurch wird der Obere Stadtplatz wie auch in den Jahrhunderten zuvor, zur Abhaltung des zweimal im Jahre stattfindenden Jahrmarktes verwendet. In der Zeit um Dreikönig sowie im Sommer um Jacobi werden am ganzen Oberen Stadtplatz Holzhütten aufgestellt, in denen Händler aus der näheren und weiteren Umgebung ihre Waren anbieten. Für den Auf- und Abbau der Hütten ist der Stadtzimmerer zuständig. Überwacht werden die Hütten von einem eigenen Jahrmarkt=Hüttenwächter. Erst im Jahr 1858 wird der Jahrmarkt wegen Feuergefahr auf den Graben verlegt, bis er 1903 endgültig aufgelöst wird.

Über den Winterjahrmarkt im Jahre 1847 erfahren wir von Petter genaueres:
Den 26. Jänner 1847 bey diesen gegenwärtigen Winterjahrmarkt haben sich wieder sehr viele Verkäufer von Steyr, Steinbach, Linz und Wien eingefunden, worunter auch ein Optiker ... und ein Muschelfarben=Erzeuger ... sowie ein Lebzelter und ein Buch= und Gallanteriewarenhändler aus Wien auf dem Platze befanden.

Nun biegen wir beim Stadtturm links ab und bleiben vor dem unmittelbar an den Turm angrenzenden Gebäude (heute Rathaus) stehen. Es ist das Gasthaus „Zum roten Krebsen“ (1812 Johann Lenz, 1842 Josef Grundner mit angeschlossener Fleischhauerei. In dem dort seit dem 18. Jhdt. bestehenden Theatersaal (heute Großer Sitzungssaal) wird nach der Neurenovierung ab 1834 wieder Theater gespielt. Verschiedenste Theatergesellschaften kommen nach Waidhofen und bespielen das Theater, oft über mehrere Monate. Ein Theater=Journal des städtischen Theaters zu Waidhofen an der Ybbs aus dem Jahre 1846 führt alleine für den Monat Dezember 16 verschiedene Produktionen an:

Der Zerrissene, oder: Der gespenstige Schlosser. Lokal=Posse mit Gesang in 3 Akten.
Der Zauberschleier oder: Maler, Fee und Wirthin; Feenspiel mit Gesang in 3 Akten rep.
Gaugraf Philipp der Wilde, u. Hinko der Freiknecht; Schauspiel in 3 Akten.
Geld, oder: Die Testamentseröffnung, Posse mit Gesang in 3 Akten.
Der letzte Mensch, oder: Das Sternbild der Jungfrau. Märchen mit Ges. in 3 Akten.
Der Sohn der Wildniß, Dr. Gedicht in 5 Ak.
Die schlimmen Frauen im Serail. Posse mit Gesang in 2 Akten.
Louis, der Pariser Taugenichts. Lustsp. in 4 Akten.
Ein deutscher Krieger. Schausp. in 3 Akten.
Der verkaufte Schlaf. Zaubersp. in 3 Akt.
Der Zerrissene, rep.
Wastl, oder: Die böhmischen Amazonen P. mit Gesang in 2 Akten.
Kaspar Hauser, Findling v. Nürnberg, Sch. in 4 Akten.
Der Goldteufel, oder: Der Meeressturm, Schausp. in 3 Akten.
Sie ist verheirathet. Posse mit Ges. in 3 Akt.
Einen Jux will er sich machen. Lokal=Posse mit Gesang in 4 Akten.
Die beiden Galeerensclaven, oder: Die Mühle zu Alderon. Drama in 3 Akten.

Neben Theateraufführungen werden in diesem Saal aber auch Konzerte veranstaltet. Am 25.März 1845 kommt es sogar zur Aufführung des Oratoriums Die Schöpfung von Joseph Haydn durch Kunst-Freunde zu einem wohltätigen Zwecke.
Der Theatersaal wird aber auch für viele andere Unterhaltungen zur Verfügung gestellt:
Den 13. April 1839 ließ sich auf dem hiesigen Theater laut Anschlagzettel ein gewisser Johann Mayr ohne Instrument sondern blos durch Pfeiffen mit dem Mund, wo er alle nur möglichen Vögel im Gesange sehr teuschend nachahmte, und andere Stücke aufführte, hören. Er hat durch dreymahlige Production sehr viele Aufmerksamkeit erregt.

4. April 1846 Heute Abends 1/28 Uhr wurde von der angekommenen Fligelhorn=Gesllschaft, bestehend aus 12 Mann, eine Production als eine musikalische Abendunterhaltung im Städtischen Theater aufgeführt. Diese Gesellschaft unter der Leitung ihres Kapellmeisters Franz Scheipek war aus Wien, und producirten sich mit Overturen-Walzer-Polca u.d.g.

Über die Häuser in der Innenstadt sagt Sickingen folgendes:
Waidhofens Häuser, vorzüglich in der Stadt, sind alle von sehr alter Bauart, größtentheils von Stein und zwei Stockwerken, zum Theil mit großen Zimmern, doch nicht bequem oder gefällig gebaut, da der meiste Raum auf Gänge, Vorhallen und Treppen verwendet ist, wobei es nicht fehlen kann, daß so wie in anderen alten Städten, durch die winkelige Bauart, viele Wohnungen feucht und unfreundlich sind; auch stehen die Häuser meist mit dem Giebel nach der Straße, und sind durchaus mit Schindeln gedeckt, mehrere haben auch noch im ersten Stocke kleine Vorsprünge, viereckig oder thurmartig.
Vom Roten Krebsen weiter gelangen wir an einem Fleischselcher und Bäcker vorbei zum sogenannten Pocksteinerhaus, einem palazzoähnlichen Renaissancegebäude, das ursprünglich der Familie Pocksteiner gehörte. Es befindet sich 1838 im Besitz der Stadt und wird 1869 leider abgerissen, um den Bau der neuen Unterrealschule zu ermöglichen. Leopold Friess hat es noch in einem Aquarell festgehalten. - Heute befindet sich in diesem Gebäude das Museum der Stadt Waidhofen an der Ybbs.
Gegenüber dem Pocksteinerhaus steht ziemlich in der Mitte, eine hohe Mariensäule von rothen Marmor mit vergoldeter Statue, zu deren Erhaltung eine eigene Stiftung von dem schon bemerkten ehemaligen Pfarrer Pocksteiner besteht.
Am Gasthaus „Zum goldenen Schiff“ (heute Foto Filipits, Bandagist Müller) vorbei gelangen wir zum Benefiziatenhaus, das seit Johann Bernhard Pocksteiners Zeiten für den Benefiziaten an der Marienkapelle der Waidhofner Stadtpfarrkirche vorgesehen ist. Daran anschließend befindet sich der Pfarrhof.

Pfarrhof und Stadtpfarrkirche

Von Sickingen ist uns folgende Beschreibung des Pfarrhofes um 1838 überliefert:
Der Pfarrhof, zunächst der Kirche, ist ein großes massives Gebäude mit Schindeldachung, gegen den Schwarzbach zu mit zwei Stockwerken, und gegen die Stadt mit einem Stockwerke versehen; daran ist eine alte gewölbte Kapelle angebaut, worin die Kirchengeräthschaften aufbewahrt werden, welche einst ein Tempel der, einige Zeit lang im XVI. Jahrhundert hier bestandenen Protestanten, gewesen sein soll.
Den Gottesdienst und die Seelsorge versehen ein Pfarrer, der Dechant ist, und zwei Cooperatoren, nebst einem Beneficiaten für die Kapelle, in der alle Tage eine Frühmesse gelesen wird. Eingepfarrt sind zur hiesigen Pfarre die Stadt und zwei Vorstädte Waidhofen an der Ips, die Rotten Krailhof von 1 bis 21/2, Wirth(s) von 1 bis 21/2, Rien 1/2, Pöchler von 1/2 bis 11/4 und Pöchlau 1/2 Stunden entfernt, die mehr als 4000 Seelen enthalten.
Der Pfarrer und resp. Dechant besitzt zu seiner Pfründe 107 in verschiedenen Orten befindliche behauste Unterthanen, einige Gründe, Ueberlände, Zehente, Dienste, Waldungen und Fischnutzen etc.

Zur Zeit unseres Rundganges wohnen im Pfarrhof der Dechant und Stadtpfarrer Jakob Wagner, der erste Cooperator Joseph Rinner sowie der zweite Cooperator Anton Grudl. Im Benefiziatenhaus daneben lebt der Benefiziat der Marienkapelle, Herr Jakob Beglowetz.
Im Erdgeschoß des Pfarrhofes befinden sich, wie in vielen anderen Häusern der Innenstadt, Stallungen für Pferde, Kühe und Schweine. Für den Teil des Oberen Stadtplatzes, der vor der Kirche liegt, gibt es aus der Biedermeierzeit zwei für die Zeit typische Verordnungen des Waidhofner Stadtmagistrates. Die erste stammt aus dem Jahre 1839 und betrifft das Rauchen, welches auf dem Kirchenplatze wegen der Anständigkeit verbothen ist.
Die zweite Verordnung aus dem Jahre 1845 zeigt die immer größer werdende Angst der Regierenden vor einer Revolution. Sie untersagt nämlich strengstens das Zusammenstehen und Zusammenrotten an Sonn- und Feiertagen auf dem oberen Stadtplatze.
Wir betreten nun durch das Gittertor den Kirchhof. Wie die Stadtpfarrkirche in der Zeit um 1838 aussieht, beschreibt uns wiederum Sickingen in seiner Darstellung des Herzogthums Oesterreich unter der Ens. Das gotische Gotteshaus ist mit Schindeln gedeckt und besitzt noch die barocke Inneneinrichtung, die 1761-1765 von einem unbekannten Meister geschaffen wurde:
An bemerkenswerthen Gebäuden befinden sich in der inneren Stadt folgende: die Pfarrkirche mit dem Decanatssitze, am westlichen Ende des oberen Marktes, der heiligen Magdalena zu Ehren geweiht. Das ansehnliche und alte Gotteshaus ist von gothischer Bauart, mit Schindeldach, hohen viereckigen Thurm, mit großer, schöner Blechkuppel, Uhr, fünf Glocken, und mit einem kleinen mit Blech gedeckten Thürmchen über dem Presbyterium, worin das Zügenglöcklein sich befindet.
Das Innere ist geräumig und hell, aber dennoch im ganzen für die Gemeinde zu klein; es enthält durchaus gothische Spitzwölbung, getragen von acht schlanken Säulen im Schiffe.

Der Hochaltar ist großartig, von Holz mit Säulen und vergoldeten Verzierungen, dann mit dem Bilde der heiligen Magdalena geschmückt, welches an die Stelle eines älteren, von dem bekannten Maler, Kremser Schmid ist.
Die vorhandenen vier Seitenaltäre sind von Holz aufgerichtet, mit Säulen, marmorirt und vergoldet. Der erste, zum heiligen Sebastian, enthält dessen Bild von Schmid verfertigt (eine sehr gelungene Arbeit), darüber oben ein kleines Gemälde, den heiligen Rochus vorstellend, (vielleicht auch von diesem Meister), und unten am Altartische das Pastellgemälde in Brustbild, den heiligen Johann von Nepomuck, an welchem ganz vorzüglich der Ausdruck des Gesichts zu bewundern ist; der zweite, zur heiligen Mutter Anna, das Altarblatt von Schmid, darüber Johannes mit dem Lamm dargestellt, der dritte zur heiligen Barbara, gleichfalls ein gutes Gemälde von Schmid, die Enthauptung dieser Jungfrau darstellend, und jenem in der Peterskirche zu Wien ganz ähnlich, oben das Gemälde Joseph der Nährvater Christi; der vierte zum heiligen Lambert, dessen schönes Bildniß von demselben Maler, oben ein kleineres Gemälde, Maria Empfängniß mit der Erdkugel und Schlange. Sämmtliche Altäre sind mit Gypsmarmor bekleidet, und von gefälliger Form und Ausschmückung. )
Das hier erwähnte Schindeldach der Kirche wird noch in der augehenden Biedermeierzeit im Jahre 1847 ) durch eine Eisenblechdachung ersetzt um, wie der damalige Pfarrer im Memorabilienbuch schreibt, der Feuersgefahr in einer alten dicht zusammengebauten Stadt, wo gegenwärtig noch keine einzige feuersichere Dachung vorhanden ist, und in jedem 4ten oder 5ten Hause ein Feuerarbeiter beschäftigt und ansässig ist, vorzubeugen.
Wer sich heute in diesen Kirchenraum zurückversetzen will, braucht nur die Pfarrkirche zu Opponitz besuchen. Dort sind der alte Hochaltar der Stadtpfarrkirche sowie zwei Seitenaltäre zu bewundern. Das barocke Hochaltarbild mit der heiligen Magdalena befindet sich heute wieder in der Stadtpfarrkirche und auch einige andere Bilder der Barockeinrichtung haben sich in der Stadtpfarrkirche sowie im Pfarrhof erhalten. Ein weiterer Seitenaltar befindet sich in der Klosterkirche.
Mit dem von Sickingen erwähnten Zügenglöcklein wurden ursprünglich beim Bekanntwerden des Todes eines Einwohners ohne Unterbrechung 100 Schläge gemacht. In der Biedermeierzeit unter Pfarrer Gottfried von Dräger wurde dann verordnet, dass bei Armen und Kleinhäuslern ohne Absetzen, bei Bauern mit einmaligem, bei Bürgern mit zweimaligem, bei Geistlichen, Beamten und Magistratspersonen aber mit dreimaligem Absetzen geläutet werde.
Am 28. April 1841 findet in der Stadtpfarrkirche das pompöse Requiem der Frau von Reichenau, Sensenhammersgewerkin am Hartpichl, statt. Petters detaillierte Aufzeichnungen ermöglichen es uns, dieser biedermeierlichen Begräbniszeremonie beizuwohnen:
1tensdurch 2 Tage stets um 12 Uhr Mittag wurde eine Stunde mit allen Glocken geläutet.
2tensAm Begräbnistage selbst, wurde schon um 7 Uhr früh angefangen, das Zeichen zur Leichenbegängniß mit der grossen Glocken zu geben.
3tens Mußten die Turner sich schon um 1/28 Uhr im Hammer Hartbichl einfinden, um mit dem Posaunenschall die Trauer Ceremonie zu verkünden.
Die 3 Geistlichen, so wie alle jene, welche die Leiche begleiteten, sind bis zum Hause Hartbichl zu erscheinen ersucht worden.
Der Leichenzug begann um 9 Uhr und kam erst, da dieses Hammerwerk eine gute 1/2 Stunde von der Stadt entfernt liegt, um 1/211 Uhr zur Kirche an, allwo nach Einsegnung der Leiche, ein grosses solemnes Requiem mit allem möglichen Aufwande abgehalten wurde. Der Altar, sowie das Castrum war geschmackvoll geziert. Auch wurde bis die Leich im Gottesacker ankam, mit allen Glocken geläutet. Armenhäusler, Spitäler, Schulkinder und die Sensenschmied=Innung trugen zur Verherrlichung des Leichenzuges bey, so wie auch der schöne Tag viel dazu beitrug. Erst um 12 Uhr ist die Leiche zur Ruhestette gebracht worden. Nach vollbrachter Trauerfunction war eine Tafel beim Wirth Jos: Maure, waren jedoch nur die nächste Freundschaft geladen worden. Die Leichenkösten sollen sich nach Angabe sicherer Personen über 400 fl CM belaufen haben.

Doch nun von der Zehrung beim Gasthaus Zur goldenen Krone wieder zurück zur Stadtpfarrkirche. Über die daran angeschlossene Marienkapelle schreibt Sickingen:
Mit der Kirche hängt eine gegen die Stadt zu erbaute Kapelle neuerer Bauart zusammen, der heiligen Maria geweiht, worin ein schöner, zum Theil aus rothen Marmor bestehender Altar mit der Marienstatue sich befindet. Diese Kapelle wurde im XVII. Jahrhunderte von einem damaligen Stadtpfarrer, Augustin Pocksteiner, gestiftet, bei der, laut Stiftung, ein eigener Beneficiat angestellt ist.
In der Stadtpfarrkirche finden in der Biedermeierzeit neben den kirchlichen Festen große Feierlichkeiten zu Geburtstagen, Namenstagen und Regierungsjubiläen des Kaisers statt:
Am 27. May 1838. An diesem Tage wurde wie gewöhnlich unter der Paradierung des Bürgercorps, und mit einem Solemnen=Amte das Geburtsfest Sr. Majestät des Kaisers Ferdinand I gefeyert. )
Den 2ten Juny 1839 wurde, wie gewöhnlich, das Nahmensfest  Sr. Majestät Ferdinand des I durch Abhaltung eines Hochamtes in hiesiger Stadtpfarrkirche, und durch die Beiwohnung aller Beamten und Ausschußmänner, sowie durch die Kirchparad des hiesigen Bürgerkorps begangen.

In den hier behandelten Zeitraum fällt auch eine Zeremonie, die, wie Petter sagt, hier seit Menschengedenken nie gesehen und gehört worden ist. Sie findet am 14.Jänner des Jahres, in dem wir unseren Rundgang machen, statt:
Heute als am Namensfeste Jesu ist in der hiesigen Stadtpfarr=Kirche der Jude und Schauspieler Lion getauft worden. Eine solche function wurde hier seit Menschengedenken nie gesehen und gehört. Diese Taufe, welche nach der vorausgehaltenen Predigt, die von H: Cooperator Prien darauf bezug nehmend, vorgetragen worden war, wurde nach Beendigung derselben, bevor das Hochamt begann, beim Hochaltar in großer Solemnität vollbracht. Das Gedräng von Menschen war außerordentlich groß, und die wenigsten konnten etwas von dieser function sehen. Die Taufpathen des neuen Christen waren Karl und Magdalena Mitterbuchhamer zur k.k. Stadthft. alhier unterthänig. Herr Dechant Jacob Wagner vollzog die Tauf, und ist ihm der Taufnahme Karl beigelegt. Nach der Taufe folgte sodann das Hochamt.
Die Stadtpfarrkirche ist auch der Schauplatz vieler Hochzeiten. Am 22. November, dem Cäcilientag des Jahres 1841 heiratet der Sensenhammersgewerk und Witwer Mathae von Reichenau die Tochter des Sensenhammersgewerken Joh: Mich: Zeillinger, Elisabeth:
... Bei dieser Verlobung wurde alles aufgebothen, was nur möglich war. 12 Wägen schön geputzt standen stets in Bereitschaft und führten Brautzug hin= und von der Kirche; am Stadtthurme wurde abgeblasen, und sogar Böller wurden abgefeuert. Ebenso war auch der Anzug sowohl männlich als weiblich auf das Nobelste. Des H:Bräutigams=Arbeitsleute von beiden Hämmern zogen paarweise in die Kirche und stellten sich in mitteren Gange gegen das Speisgitter zu in Form einer Spallier auf; worauf die deutsche Messe mit ganzer Kirchenmusik erfolgte. Das Frühstück und Hochzeitsmahl war beim Wirte Pammer; sowie auch das Versprechen alda abgehalten worden war. An Hochzeitsgästen war die Zahl circa 112 Personen, welche pr Kopf 2 f CM zahlten. Abends war es sehr voll und lustig.
Dass in der Stadtpfarrkirche damals nicht nur, wie eben erwähnt, die deutsche Messe gesungen wird, sondern auch sehr anspruchsvolle Werke aufgeführt werden, geht aus einer Eintragung aus dem selben Monat hervor:
Den 2ten November 1841; heute als am Allerseelentag wurde zum erstenmahl das grosse Mozartische Requiem in hiesiger Pfarrkirche exekutirt.
Auch vom Dreifaltigkeitshochamt am 14. Juni 1835 berichtet Petter über die Aufführung einer Mozartischen Messe.
Dass auch Bergleute in der Stadtpfarrkirche das Fest ihrer Patronin Barbara feiern ist für uns heute eher überraschend, da ja im Raume Waidhofen weit und breit kein Bergbau mehr betrieben wird. In der Biedermeierzeit wird jedoch in Hinterholz (bei Ederlehen) und in der Großau (zwischen Konradsheim und Ertl) Steinkohle abgebaut:
Den 5. Dezember 1847. Heute, als dem Sonntag nach Barbara, hatte die Bergmannschaft vom Hinterholzer Kohlenbergwerk, welche sehr bedeutend ist, große Kirchparade. Dieses Fest war sonst stets in Ybbsitz, unter dessen Herrschaft sie eigentlich gehören und heuer hier in Waidhofen vollzogen. Um 10 Uhr zogen die Bergleute unter ihrer eigens gekleideten Musikbanda, welche unser Turnermeister Schiffner zu versehen hat, in militärischer Ordnung, in Zügen, unter Kommando ihres Obersteigers in die Pfarrkirche...
Wenn wir uns nun von der Kirche zum Schloss begeben, gehen wir durch das damals noch bestehende Schlossgatter. Dieses ist auf einer Seite direkt an die Kirchhofmauer angebaut. Die andere Seite schließt an das damals noch bestehende letzte Haus des Oberen Stadtplatzes an. Somit grenzt das Schlossgatter das Areal des Schlosses (heute Schlossweg) zum Oberen Stadtplatz hin ab.

Das Schloss

Zwischen Kirche und Schloss befindet sich damals noch ein Graben, der erst 1847 mit dem Abbruchmaterial des alten Rathauses am Freisingerberg aufgefüllt wird. Das Schloss selbst ist seit 1803 landesfürstlich und zur Zeit unseres Rundganges in einem etwas baufälligen Zustand. Dies bestätigt auch Petter in seinen Aufzeichnungen, wenn er schreibt:
Den 4. August 1840 war die Übersiedlung der Herrschaftskanzlei vom Kleinschen Hause (Obere Stadt Nr.18, heute Watzinger Schuhe) ins Schloß beendet und zum erstenmal eröffnet worden. Seit 1. November 1822 bis ultimo Oktober 1840 war selbe im Kleinschen Hause, ... Die Veranlassung, daß die Kanzlei vom Schloß ins Kleinsche Haus kam, war, weil dieses Schloßgebäude an der Wasserseite einen Einsturz drohte, doch aber bis zur Stunde kein Stein weiter mehr sich löste und die Herren Beamten, Verwalter von Hohenfels (gest. 30. Dezemebr 1836) und Kontrollor Schneider (gest. 16.März 1840), mit Tod abgingen, die diese Gefahr so scheuten, so wurde auf Ansuchen des jetzigen Verwalters Alois Kraus das Schloß zum Teil repariert und die Kanzlei vorne gegen die Kirche ganz neu hergestellt.
Bis zum Jahre 1854 befindet sich im Schloss das k. k. Bezirkscollegialgericht. Ein Beispiel für die Rechtsprechung im Schloss zur Zeit des Biedermeier ist der Fall des Brandstifters Alois Krenslehner aus dem Jahr 1841, den uns Sebastian Petter in seiner Chronik überliefert:
26. Juni 1841. Heute wurde der Bauernbub Alois Krenslehener, ein lediges Kind der Magdalena Krenslehener, vulgo Bartschlena, allhier in der Wasservorstadt, genannt in Ladendorf, welche ihn zu dem Bauern am Hinterkönigslehen in der Pfarre St. Michael , Georg und Maria Groß, zur Erziehung übergab, auch immer bis zu seiner Arretierung bei selben stets war und noch sein könnte, wenn er nicht wegen dem Brand von Hinterkönigslehen beschuldigt worden wäre, auf die Bühne ausgestellt. Er hat alles sofort eingestanden und bemerkt, daß er nicht einmal, sondern dreimal diesen Versuch schon gemacht hat. Die Bühne war inner des Schloßgatter und das Urteil wurde ihm vom Altan der Schloßkanzlei publiziert. Er ist geboren den 26. Juni 1825, war daher bis am heutigen Tag 16 Jahre alt und mußte an diesem seinem Geburtstag auf der Bühne zur Schau ausgestellt werden. Er wurde von hiesiger Herrschaft als Landesgericht aus Schonung seiner Jugend  auf 15 Jahre Strafhaus verurteilt. Denn, wäre er älter gewesen um einige Jahre, so würde er nach dem Gesetze auf 20 Jahre, und würde er majorem gewesen sein, so würde er mit dem Tode bestraft worden sein, indem die Brandlegung zu wiederholtem Male geschah. Von dem hohen Obergerichte aber wurde ihm die Strafe auf 9 Jahre herabgesetzt. Der Bub, welcher wohl als solcher Verbrecher mit Ketten versehen war, verhielt sich sehr resolut. Übrigens war er nach Aussage seiner Zieheltern ein sehr zorniger und heimtückischer Mensch. Seine Größe betrug höchstens 31/2 Schuh.
Nach diesem kurzen Exkurs betrachten wir nun das Schlossgebäude in seinem damaligen Zustand:
Zunächst der Pfarrkirche steht das herrschaftliche Schloß (ein Eigenthum der von der Stadt abgesonderten k. k. Kameralherrschaft Waidhofen auf einem Felsen, welchen von einer Seite der Ipsfluß bespült, während auf der andern Seite denselben ein tiefer Graben umgibt, so, daß das Schloß getrennt von der Stadt steht, gegen welche zu der Graben beim Eingange in dasselbe gedeckt ist, daher man solchen von hier aus nicht bemerkt.
Es ist dies ein sehr altes, schon zu verfallendes Gebäude, daneben sich ein hoher viereckiger fester Thurm mit neun Schuh dicker Mauer erhebt, der oben mit einem Gange ringsherum, wie sie zur Beobachtung in alten Zeiten dienten, dann darüber mit einer von Schindeln gedeckten Spitze versehen ist, und welcher von dem schon vorne bemerkten Bischof Berthold von Freisingen erbaut wurde.

In früheren Zeiten war dieß Schloß öfters der Aufenthalt der Bischöfe von Freisingen, gleichwie Ulmerfeld, beständig aber für den bischöflichen Pfleger und Beamten, gegenwärtig dient es zum Theile zur Wohnung des herrschaftlichen Oberbeamten, zum Theil, wie auch die ehemalige Kapelle, als Schüttkasten, und hängt mit der Pfarrkirche durch einen hölzernen Gang zusammen. Vom Schloßhofe aus führt eine bereits erwähnte hölzerne Brücke über den Schwarz= oder Waidhofnerbach zur Amstettner Poststraße.
Die hier erwähnte hölzerne Schlossbrücke wird bereits 1840 abgerissen und durch eine neue aus Tuffstein ersetzt. Die steinerne Fußgängerbrücke direkt unterhalb der Stadtpfarrkirche wird erst um 1893 durch Baron Albert von Rothschild angelegt.

Der Obere Stadtplatz (II)

Wir gehen nun durch das Schlossgatter wieder zum Oberen Stadtplatz zurück. Direkt an das Schlossgatter angrenzend befindet sich das Haus Oberer Stadtplatz 1, welches heute nicht mehr existiert. Es wurde gemeinsam mit dem Nachbarhaus im Jahre 1914 abgerissen, um für den Park des Rothschildschlosses Platz zu schaffen. In der Biedermeierzeit befindet sich in diesem Haus das Kaufmannsgeschäft von Gottfried und Barbara Frieß (Kirchenfrieß). Gottfried Frieß war einer der Söhne des Waidhofner Bürgermeisters Florian Frieß, der 29 Jahre (unter anderem auch während der Franzosenzeit) die Geschicke der Stadt lenkte.
Beim Mesnerhaus, einem Hutmacher, einem Tischler und einem Messerer vorbei, gelangen wir zum ehemaligen lateinischen Schulhaus (heute Klosterkindergarten), das der Chirurg (und ab 1839 Bürgermeister) Johann Haller im Jahre 1831 erwirbt.
Am unteren Teil des oberen Stadtplatzes gegen die Apotheke hin finden wir unter anderem  einen Sattler, Nadler, Fleischhauer, Eisengeschmeidehändler, Rauchfangkehrer und Leinenweber. Auch das Haus des städtischen Thurnermeisters Josef Glöggl befindet sich dort (heute Nr.15, Volksbank). Der Thurnermeister ist für das Musikwesen innerhalb der Stadt (Kirchenmusik, Tanzveranstaltungen, Hochzeiten, Begräbnisse) zuständig. Im Fasching des Jahres 1818 tritt er auch als Ballveranstalter auf und verspricht in der Einladung durch eine wohlbesetzte Musik, neue Menuette und Deutsche, und durch die beste Bedienung mit verschiedenen Erfrischungen, seine verehrten Ballgäste zufriedenzustellen.  
Die strengere Überprüfung der Einhaltung der Sperrstunden, die der Magistrat im Jahre 1831 ankündigt, bringt nicht nur für die Wirte sondern auch für den Thurnermeister eine empfindliche Schmälerung der Einnahmen:
Obwohl schon seit mehreren Jahren die Verordnung besteht, daß alle Musiken ohne Ausnahme um 12 Uhr beendet seyn müssen, diese Verordnung aber ganz und gar nicht geachtet wurde, daher alle Musiken dauern konnten, solange es beliebte, so wurde nun neuerdings von Seite des Kreisamtes diese Verordnung dem hiesigen Magistrat nicht nur auf das schärfste aufgetragen, sondern derselbe  erhielt sogar über diese Leichtfertigkeit einen sogenannten Wüscher....
Die nun sehr verschärfte Verordnung ohne Rücksicht ist sehr nachtheilig für den Wirth= und Thurnermeister, weil sie erst nach Mitternacht ihren besten Nutzen haben.      
Im heutigen Haus Nr.18 (Watzinger) wohnt in der Biedermeierzeit die Familie des Rauchfangkehrermeisters Steininger. Er ist für die Feuersicherheit in der Stadt zuständig:
Über Anzeige des Rauchfangkehrermeisters Adam Steininger wurde die Herstellung der Rauchfänge folgenden Partheyen aufgetragen:
a) Joseph Damberger hat den Rauchfang binnen 14 Tagen schliefbar und 
    begehbar herzustellen.
b) Josef Pfusterschmied hat den Rauchfang höher zu bauen.
c) Die Krauthütte auf dem Lehmberge ist ergen Feuergefährlichkeit unverzüglich
    zu untersuchen.
d) Anna Aflenzer hat ein eisernes Thürl beym Kamin herzustellen.
e) Josef Reinberger hat das Fenster im Rauchfang zu vermauern und den
    Rauchfang zu erhöhen.

Auch bei Feierlichkeiten, bei denen das Bürgerkorps Gewehrsalven abgibt, sind der Rauchfangkehrermeister und seine Gesellen verpflichtet, Bereitschaftsdienst zu machen:
Zur Verhütung eines Unglücks wird bey dem Feste am 5. Oktober 1834 wegen des Namensfestes Sr. Majestät des Kaisers und der Wiedereröffnung der Kapuzinerkirche der bürgerl. Rauchfangkehrermeister aufgefordert, zur besseren Bewachung der Localitäten, wo das Bürger-Corps Salven gibt, seine Gesellen gehörig aufzustellen.

Am unteren Ende des oberen Stadtplatzes gelangen wir nun zur Apotheke. Es ist dies jenes Haus, in dem sie sich bis heute befindet. Von hier aus wird die Waidhofner Bevölkerung in der Biedermeierzeit von der Apothekerfamilie Schielder mit Medizinen versorgt. Bedürftige Bürger erhalten die Arzneimittel auf Gemeindekosten, wenn der Bürgermeister zustimmt:
Es wird dem Gutachten des Herrn Bürgermeisters überlassen, welchen Kranken er die Medizinen auf Kosten der Communität verabreichen läßt, jedoch dergestalt, dass in der Apotheke jeder Irrung vorgebeugt werde. Der Bürgermeister erklärt, ein ordentliches Journal über die vorkommenden Rezepte zu führen.
Die Forderung des Magistrats nach zwei ausgebildeten Ärzten für die Stadt wird auch damit begründet, dass dies eine bessere Kontrolle der Apotheke ermöglichen würde:
Der Magistrat hat beschlossen, dass es zum Wohl des allgemeinen Besten zweckdienlicher sein wird, wenn hier in der mit beynahe von 4000 Seelen bewohnten Stadt wenigstens zwey Medicinal Doctores sein würden. Dies würde auch dazu beitragen, die sich in der Apotheke manchmal einschleichende Quacksalberei gänzlich abzuschaffen.
Im Gebäude der heutigen Raiffeisenbank befindet sich ursprünglich der Sensenhändler J. G. Seiler. Gegen Ende der Biedermeierzeit wird aber in diesem Haus das Gasthaus Zum goldenen Pflug eröffnet.
Zwei weitere Wein- und Bierwirte auf dieser Seite des Oberen Stadtplatzes liegen gleich nebeneinander. Es sind dies der Wirt Zum schwarzen Adler (das Haus Ecke Oberer Stadtplatz - Ölberggasse) und das Gasthaus Zum goldenen Ochsen (heute Gasthaus Kropf). Ähnlich wie in den anderen Waidhofner Gasthäusern steigen auch bei diesen beiden Wirten immer wieder fahrende Musikanten, Schauspieler und sonstige Unterhaltungskünstler ab, um sich ihren Lebensunterhalt durch verschiedenste Darbietungen zu verdienen. So producirt sich zum Beispiel beim Wirt Blasius Holl (Zum schwarzen Adler) am 9. Oktober 1847 der J. Schmadl aus Hall in Tyroll mit verschiedenen Theaterstücken durch Kunst mit Marionetten.
Beim Wirt Josef Grundner (Zum goldenen Ochsen) kommt am 30. August 1839 eine Gruppe mit einem sogenannten Panorama an, einer Art Schaukasten mit Bildprojektionen verschiedenster Städte und Sehenswürdigkeiten:
Heute wurde das hier angekommene Panorama oder Optische=Zimmerreise bey Wirth Grundner, eröffnet. Selbes war täglich von 9 Uhr früh bis 6 Uhr Abends zu sehen; und Abend 8 Uhr wurde Theatralische-Vorstellung mit magischen Figuren vorgestellt.
Aber auch Artisten steigen bei Grundner ab, wie die am 8. April 1844 angekommene Seiltänzergesellschaft, die gimnastische Künste producirt und sehr schwere, kunstreiche Stücke ausführt.
Das Eckhaus zum Freisingerberg (heute „Kaufhaus zum Stadtturm“) gehört ursprünglich einem der reichsten Waidhofner, dem Bürger Anton Freysmuth. Durch den Niedergang der Sensenkompanie verliert er sein ganzes Vermögen und das Haus geht 1829 in den Besitz des späteren Bürgermeisters J. V .Großmann (1845-1848) über.

Der Hohe Markt

Wenn wir nun bei der Apotheke rechts abbiegen, gelangen wir zum Hohen Markt. Hier wollen wir uns drei interessanten Gebäuden zuwenden: dem Schulhaus (heute Bäckerei Hartner) , dem Haus des Stadtchronisten Sebastian Petter, (dieses Haus mit der Nummer Hoher Markt 25 beherbergt heute die Blumenstube Friesenegger sowie das Geschäft „rudi-spiele“)  und dem Gasthaus Wedl (heute Bio Bauern - Hoflieferanten).
Das Schulhaus besitzt noch keinen Durchgang (dieser wird erst 1846 hergestellt) und somit ist der Hohe Markt noch in seiner Geschlossenheit erhalten:
Die städtische Hauptschule steht in der obern Stadt am Platze, der auch der hohe Markt heißt, und ist ein eigenes städtisches, mit einem Stockwerke versehenes Gebäude, welches die Lehrerswohnung und drei Normalklassen enthält.
Man kann sich gut vorstellen, was sich am Hohen Markt zu Schulbeginn bzw. Schulende täglich von Montag bis Samstag abspielt. 1828 werden in diesem Schulgebäude vom Direktor, einem Lehrer sowie drei Schulgehilfen vormittags und nachmittags 345 Kinder unterrichtet. 1839 sind es dann bereits 435 Kinder. Sie stammen aus der Stadt und den Vorstädten, von der k. k. Staatsherrschaft  sowie von der Herrschaft Gleiß zu Zell. Unterrichtet werden die Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren in Abteilungsunterricht. Eine im Stadtarchiv erhaltene Stunden Vertheilung bey hiesiger Hauptschule 1827 gibt uns auch einen Einblick in die unterrichteten Gegenstände:

Religion                  Schönschreiben
Evangelium           Sprachlehre
Lesen                     Rechnen
Buchstabieren      Kopfrechnen
Schreiben              Latein
Dictando Schreiben

    
Und wie heißen sie, die Kinder die damals am Hohen Markt die Schule besuchen? Laut einer Beschreibung der schulfähigen Kinder von der Stadt und den Vorstädten Waidhofens 1828 sind die beliebtesten Mädchennamen damals Maria, Theresia, Anna, Catharina und Josepha. Bei den Buben dominieren die Namen Franz, Joseph, Johann, Carl und Leopold.  Es ist sicherlich kein bloßer Zufall, dass die häufigsten Namen wie Franz, Joseph, Johann, Maria, Theresia und Anna auch in der kaiserlichen Familie dieser Zeit zu finden sind.
Dass die Biedermeierzeit neben bürgerlichem Wohlstand und häuslicher Idylle auch bittere Armut kennt, kann man ebenfalls aus dieser oben erwähnten Beschreibung ersehen. So sind die Eltern von 118 der insgesamt 289 Kinder von der Stadt und den Vorstädten so arm, dass sie unter der Rubrik Zahlungs Unfähig geführt werden, d. h. dass die Gemeinde für das Schulgeld dieser Kinder  aufkommen muss.
Auch die Sonntagsschule für Lehrlinge wird in diesem Schulgebäude abgehalten. Eine der Voraussetzungen für das Freisprechen von Lehrjungen ist ja der Nachweis eines sogenannten Christenlehrzeugnisses, das man  durch den Besuch des sonntäglichen Unterrichtes erwerben kann. Disziplinäre Fälle werden mit körperlichen Strafen geahndet und die Verwarnungen an die Eltern und Lehrherren sogar vom Bürgermeister unterschrieben. Der folgende Brief flattert am 3. Mai 1830 der bürgerlichen Striegelschmiedmeisterin Susanna Voitzberger ins Haus:
Nach Zeugnis der hiesigen Hauptschul=Direction sowohl als des übrigen Lehrpersonales führt sich ihr Lehrbube Jakob Kuchelreiter so ordnungswidrig und ungezogen sowohl in der Sonntagsschule und Kirche auf, daß demselben bey nicht schneller und gänzlicher Besserung von Seite des löbl. Magistrates ehestens eine empfindliche körperliche Strafe bevorstehe.
Man will sie daher als Lehrfrau in der Absicht davon verständigen, daß auch sie verpflichtet sind, zu seiner Besserung aus allen Kräften mitzuwirken, um ihn vor der bevorstehenden strengen Ahndung zu bewahren.
Zugleich aber werden sie hiermit angewiesen, diese Wahrnung eigenhändig zu unterschreiben.
Stadtmagistrat Waidhofen an der Ybbs, den 3ten May 1830
Leopold Pichler
Bürgermeister

 
Was man von einem Lehrer in einer Schule zur Zeit des Biedermeier erwartet, geht aus der Eidesablegung des neuernannten 3.Lehrergehilfen Johann Hütter aus dem Jahr 1847 hervor. Auch in dieser Eidesformel ist wieder die Angst der vorgesetzten Behörden vor geheimen Gesellschaften, die einen Umsturz planen könnten, erkennbar:
Ich, Johann Hütter, Lehrergehilfe an der Hauptschule zu Waidhofen an der Ybbs, schwöre zu Gott, dem Allmächtigen einen Eid, und gelobe bei meiner Ehre und Treue, daß ich dem  Allerdurchläuchtigsten, Großmächtigsten Fürsten und Herren
Ferdinand dem Ersten
Kaiser und Erzherzog von Österreich, König von Ungarn und Böhmen etc. etc. etc. als meinem rechtmäßigen Erb= und Landesfürsten, und nach demselben den aus dero Geschlechte nachkommenden Erben, dann dem Consistorium, der Schuldistrikts=Aufsicht und dem jedesmaligen Director der Hauptschule treu, gehorsam und gewärtig seyn werde, das mir anvertraute Lehramt genau nach den bestehenden Vorschriften zu versehen, an der Ausbildung meiner Schüler nach Kräften zu arbeiten, die Sittlichkeit derselben fleißig zu beobachten, und alles, was zur Verbesserung ihrer Moralität zuträglich ist, einzuleiten, durch mein Betragen sowohl in als außer der Schule den Schülern mit gutem Beispiel voranzugehen, die Anhänglichkeit derselben an den Landesfürsten und an das Vaterland zu befestigen, besonders aber bei den Prüfungen und Classifikationen die Schüler ohne Rücksicht auf Vermögen, Rang oder Ansehen der Ältern, Vormünder oder Anverwandten zu behandeln, mich nicht durch Geschenke von der strengen Erfüllung der Lehrerpflicht ableiten zu lassen.
Endlich schwöre ich auch, daß ich mit keiner geheimen Gesellschaft oder Verbrüderung weder im In= oder Auslande verflochten bin, noch für das künftige mich in derley Verbindungen unter was immer für einem Vorwande einlassen werde.
So wahr mir Gott helfe!
Waidhofen an der Ybbs den 23. Dezember 1847
Johann Hütter

 3. Lehrgehilfe

Wir wenden uns nun dem heutigen Haus Hoher Markt 25 zu. Dieses Haus ist zum Graben hin mit zwei Marienfresken aus der Zeit um 1727 versehen und zur Zeit unseres Stadtrundganges das Wohnhaus Sebastian Petters. Seiner einmaligen Chronik verdanken wir einen Großteil der Informationen über Waidhofen zur Zeit des Biedermeier. In diesem Hause (der ersten Niederlassung der Kapuziner in Waidhofen) werden, wie schon eingangs erwähnt, Theatervorführungen und so manche Musikalische Akademien abgehalten.
Sebastian Petter wird 1787 als Sohn des Eisenhändlers Franz Petter geboren. Er führt später die Eisenhandlung seines Vaters, der 1814 starb, weiter. Wegen des Zusammenbruchs der Geschmeidekompanie übrnimmt er 1822 eine Diurnistenstelle beim Steueramt der Staatsherrschaft in Waidhofen. Petter führt die Chronik seines Vorgängers Fidelis Koller (der übrigens sein Nachbar im Hause Hoher Markt 23 war) weiter. Die Chronik umfasst 8 Bände. Ein 9. Band wird von ihm noch begonnen, die Eintragungen darinnen sind aber unleserlich. Sebastian Petter stirbt am 3. Juli 1866.
Als Beispiel für eine der Theateraufführungen in Petters Haus sei folgende Eintragung aus seiner Chronik angeführt:
Den 14. März 1825 gab Herr v. Weber bei mir das zweite Theaterstück ohne Prolog unter dem Titel „Die deutsche Treue“. Diesem folgte „Die Großmama“. Da man diesmal vorsichtsweise nicht mehr so viel einlud, als Raum im Zimmer war, so kamen doch 80 Personen zusammen. Es wurde wiederum allgemein belobt und außerordentlich applaudiert. Um 7 Uhr war der Anfang, das Ende Punkt 9 Uhr. Es brannten im Vorhaus 8 Laternen. Die Hängelampen und das Orchester waren mit Wachs beleuchtet.             

Im Gasthaus Wedl am Hohen Markt (heute Bio Bauern - Hoflieferanten) wird 1843 der Männergesangverein Waidhofen an der Ybbs gegründet. Er ist nach dem Wiener Männergesangverein der zweitälteste Männergesangverein Österreichs. Wie bereits eingangs erwähnt, muss dieser ursprünglich als Liedertafel gegründete Verein laut behördlicher Verordnung seinen Namen auf Männergesangverein umändern. Obwohl die Passage Patriotismus für das gesamte Deutschland als das gemeinsame Vaterland aller Vereinsmitglieder  gestrichen werden muss, wird dieser Verein dennoch zum Sammelpunkt national-liberaler Bestrebungen in Waidhofen an der Ybbs. Das Vereinslokal am Hohen Markt wird aber bald verlassen und 1845 findet man den Verein bereits in Stummers Gasthaus „Zum Goldenen Löwen“ in der Vorstadt Leithen.

Das Rathaus

Nach diesem kurzen Besuch am Hohen Markt gehen wir wieder zurück zur Apotheke. An die Apotheke angrenzend, gegenüber dem Gasthaus Zum schwarzen Bären des Thomas Kren befindet sich das städtische Rathaus (heutiges Bezirksgericht):
Das Rathaus in der oberen Stadt, an dem Ipsthore, ist ein Gebäude von neuerer massiver Bauart, ein Stockwerk hoch mit Schindeldach, und über dem Eingangsthore mit der Inschrift Iustitia civium salus. Darin befinden sich die Wohnung des Syndikus und die Amtslokalitäten. Der gegenwärtige Körper des Magistrates besteht in einem Bürgermeister, einem geprüften Rath und Syndicus, zwei bürgerlichen Magistratsräthen, einem Rathsprotokollisten, Waisenrechnungsführer, Steuereinnehmer, Kanzelisten, Kanzleipraktikanten, Ober- und Unterkämmerer, Förster, Wagmeister und Wochenmarktsbeamten.
Was in diesem Rathaus, das dann 1849 in die Untere Stadt (Ecke Hoher Markt, Unterer Stadtplatz 22) übersiedeln wird, in der Biedermeierzeit abgehandelt wird, sollen die nun folgenden Ausschnitte aus den entsprechenden Ratsprotokollen zeigen. Es geht darin unter anderem um den nachlässigen Schulbesuch, das Tabakrauchen, Überprüfungen von Bäckern und Fleischhauern, das Einhalten der Sperrstunden, die städtische Beleuchtung, das Billardspiel, Eheschließungsansuchen, die Abschiebung schwangerer Frauen aus dem Stadtbereich, die Einhebung der städtischen Wagenmaut, den Aufenthalt von Juden in der Stadt, liederlichen Lebenswandel, Obstdiebstahl, Anweisungen für die Sicherheitsmannschaft, Nachtwächter, Polizeiuniformen, die Besetzung der Turnermeisterstelle, Torwärter und vieles mehr:

Beym Stadtmagistrate Waidhofen an der Ips, am 19. May 815
1. Die Ältern derjenigen Kinder, welche nach von der hiesigen Hauptschuldirektion eingelegten Verzeichnisse dieselben in die Schule zu schicken vernachlässigen, wurden heute vorgerueffen, ihnen die Pflicht des Schulschickens an das Herz geleget, und schärfstens eingebunden, hierinfalls um so weniger saumselig zu seyn, als sie sonst nach den bestehenden Gesetzen unnachsichtlich bestraft werden müßten.

Stadtmagistrat Waidhofen an d Ybs den 14ten=July815
1. Uiber das Verboth in der Stadt alhier auf öffentl: Strassen Tabak zu rauchen, welches schon oft, und vor 8 Wochen neuerdings öffentlich angeschlagen und publiciert worden ist, wird den Pollizey Dinnern alhier neuerdings bedeutet, sich mit Bürgern in keinen Wortwechsel einzulassen, sondern ihnen dieses Verbott mit Anständigkeit zu sagen. Jene nun, die dagegen ihnen Grobheiten erzeigen, sollen sogleich hier angezeigt werden, damit sie vor den Magistrat geruffen, und gesetzmäßig berstraft werden sollen. Den Pollizey Diennern ist alle unanständige Behandlung aufs strengste untersagt, jedoch denselben Genugtuung zugesichert, wenn sie in ihren Amtsverrichtungen beleidigt werden.

14. Juny 816
Am 12. Juny 816 wurden in der ganzen Stadt bei allen Müllnern, Bäckern und Fleischhauern Brod und Fleisch nachgewogen, und alles zünftig befunden.

7. August 818
VI Den beiden Gastwirthen Siembrunner und ...steiner in der Wasser Vorstadt wird hiemit strenge verbothen, in ihren Gasthäusern über die vorgeschriebene Zeit Spiele u. Tänze, oder Dienstleuthe zu halten; oder solche verbothene Sachen unter dem Gottsdienst gelten zu lassen. In Uibertrethungsfall hat die Polizeywache den Auftrag, alles ohne Ausnahme zu Gericht zu bringen.

Waidhofen den 4.Jänner 822
4. Mit Gottfried Dami ist wegen Anzündung der Latternen in der Stadt und den Vorstädten alhier der Accord getroffen worden, daß er vom 1.Jänner 822 an auf das ganze Jahr 822 in der Stadt und den Vorstädten die gesamten 38. Latternen anzuzünden und die Lampen vom Seiffensieder abzuhollen und von Zeit zu Zeit genau aufzuschmihrn habe.

18.7bris 823
2. Da Leop Pichler bis dato noch keine Regierungs=Bewilligung zum Billard halten besizt, so muß demselben auf Ansuchen der Berechtigten Billard Besitzer Pacher und Springenschmid aufgetragen werden, bis zur Entscheidung seines bereits im Zuge begriffenen Gesuchs auf seinem aufgestellten Billiard nicht spiellen zu lassen, weil man sonst mit gerichtlicher Versiegelung fürgehen müßte.

9.Jänner 1824   
I. Daniel Fabian ledigens großjähriger Feilhauergesell von hier gebürtig, welcher mit der Josefa Damisch einer vom Markte Ybbsitz gebürtigen ledigen und großjährigen Krautmessergesellens Tochter bereits zwey uneheliche Kinder erzeugt, und ein drittes in Hoffnung hat, suchet um Bewilligung an, dieselbe ehelichen zu dürfen, indem er als Feilhauergesell durch seine Arbeit seine Familie zu ernähren sich im Stande finde; und diese Bewilligung wurde ihm auch ertheilt.
 

19. Nov. 1830
Es sind mehrere Schwangere, hier ohne Bewilligung domicierende Weibspersonen zu Ruck gestellt, und in ihre Heimath gewiesen worden.
       
18.März 1831   
III. Rücksichtlich der Einhebung d. städtischen mauth per 2 Xr Con.Münze für einen jeden beladenen Wagen wurde die Vorsehung getroffen, daß ein Wehrschranken bey den 3 Häuseln in der Vorstadt Leithen, ein anderer Wehrschranken bey dem Haus No 101 in der Wasservorstadt, und der 3te beym Walcherschen Gasthaus unweit des Amstetterischen aufgestellt werden ...

14. July 1837
Es ist wiederholt dem Polizey=Personale aufgetragen worden, darauf zu wachen, daß sich die Israeliten ohne besondere Erlaubniß nicht über die gesetzliche Zeit hier aufhalten. )

22. September 837
I. Es wurden die Knaben Ignaz Lospichler 15 J. alt, und der Franz Rimaßl 16 Jahre alt, wegen liederlichen Lebenswandels zur Aenderung und Arbeit mit dem Beysatze angewiesen, daß jeder Rücktritt zur Liederlichkeit strenge geahndet werden wird.

Raths=Sitzung dato 9:August 839
III. Der Jahrmarkt=Hüttenwächter Sebastian Gruber wurde nach der bestehenden Polizeyvorschrift wegen Tabakrauchen mit 2f .. CM. Zum Armen=Institute bestraft, und eben dieserwegen ist auch das geeignete Ersuchschreiben an die Löbl Hft Gleiß zu Zell wegen Bestrafung des Wächters und Zimmergesellen Stökl sogleich anzufertigen.

Raths = Sitzung dato 23=August 839
II. Wegen Obstdiebstahles sind nachstehende Knaben politisch abgestraft worden:
a) Ignaz Seif Lehrjung beym Hartunger mit 8 Ruthenstreichen
b) Ant. Auinger Nadlermeisterssohn mit 6 Rthst.
c) Ant. Gering Feilhauerssohn mit 5 Rthst.
d) August Krondorfer Huetinger Lehrj. mit 3 Rthst.

Raths=Sitzung ad 6. September 839
Instruction für die Patrouille= und Sicherheits =Mannschaft überhaupt

§5   Diese dermahlen hier aus dem Polizey=Wachtmeister, dem Gerichtsdiener, Polizeymanne und Einem Gehilfen bestehende Sicherheits Mannschaft hat unter dem Vortritte des Ersteren alle Sonn= und Feyertage in den Gasthäusern Patrouillen zu machen, und von Zeit zu Zeit nachzusehen, ob die Polizeystunde genau eingehalten werden.

§10
a) Auf das herumziehende Gesindel, Bettler, Vaganten aller Art, Hausirer, Juden und andere verdächtige Leute, welche, wenn sie keine legalen Pässe, und die Juden, wenn sie sich irgendwo über 3 Tage aufhalten, oder die ihnen vorgezeichnete Marschroute nicht genau einhalten, ohne weiters dem Magistrate einzuliefern sind.

b) Bei Hochzeiten, Jahrtägen und Freytänzen ist Ruhe und Ordnung herzuhalten, und kann im Erforderungsfalle in die obrigkeitliche Tanzbewilligung Einsicht genommen werden, um die bestimmte Zeit überwachen zu können.

c) Raufungen, Gassentumulte und Excesse sind abzustellen, die Raufer und Excedenten zu arretieren, und zur Amtshandlung zu übergeben.

d) Winkelschenken, unbefugte Beherbergungen, Winkeltänze etc. sind der Spähe zu unterziehen und anzuzeigen.

e) Die Passage besonders an Hauptstraßen muß überwacht werden, daher darf nicht gelitten werden, daß man Baumaterialien, Tischlerholz, ..... , beladen oder leere Wägen, Weinbänke, Standln etc. in den Gassen und Strassen aufstelle. Im Notfalle müssen ausgestellten Wägen zur Nachtzeit zweckmäßig beleuchtet werden.

f) Ebenso wenig kann die Ausleerung von Unrath, Koth und Schut geduldet werden, und muß sogleich angezeigt werden.

g) Muß den Kutschern das schnelle Fahren, Vorfahren, das Abfüttern der Pferde auf der Gassen, das übermässige Schnalzen mit der Peitsche / besonders den Schweintreibern/ strenge untersagt werden.

h.) Jeder, der an einem feuergefährlichen Orte Tabak raucht, muß arretiret werden, was auch bei Strafe von 30 kr ... auf dem Kirchenplatze wegen der Anständigkeit verbothen ist.

i) Das freye Herumlaufen der großen, bösen, oder bissigen Hunde auf den Plätzen und Gässen ist strenge zu überwachen ...
Nebstdem ist kein Hund, sobald es finster wird, aus dem hause allein zu belassen. Ein solcher Hund ist ohne weiters als herrenlos zu vertilgen.

k) Die Zügellosigkeit der Kinder auf den Gässen und öffentlichen Plätzen ist strenge zu überwachen, und darf nie geduldet werden, daß sie um Geld spielen, Unfüge aller Art treiben oder sich noch späth Abends auf den Gässen herumtreiben.

l) In den Gasthäusern ist eine genaue Spähe zu halten, ob irgendwo verbothene Karten= oder Würfelspiele geduldet, oder ärgerliche Spottreden wider die Landesverwaltung, Religion, Obrigkeit, gute Sitten ausgestoßen, anstößige Lieder gesungen, oder sogar Amtspersonen verunglimpft werden. Derlei Wahrnehmungen sind sogleich unter Geheimhaltung einzig und allein der Polizeidirektion anzuzeigen.

q) Bleibt es unerläßlich, daß alle Häuser vorzüglich in der Hinsicht überwacht werden, welche Partheyen drinnen wohnen, und ob sie mit Erlaubniß der Obrigkeit eingezogen seyen.

s) Es muß darauf gesehen werden, daß die Mährungen (?) und Abtritte niemahls in den Sommermonaten, sondern nur im späten Herbst und Winter d.i. vom 1ten November bis letzten April geräumt und mit dieser Arbeit vor 11 Uhr Nachts nicht angefangen werde.

u) Muß überwacht werden, daß Blumengeschirr, oder andere Sachen vor den Fenstern wider das Herabfallen gesichert bleiben. )

Raths=Sitzung dato 13.März 1840
III. Von heute angefangen werden folgende Nachtwächter aufgestellt, und mit neuen weißen Mänteln betheilt:
Stadt.
Vor Mitternacht    -    Philipp Stockinger
Nach Mitternacht    -    Simon Memlauer

Vorstadt Leiten
Vor Mitternacht    -    Ignaz Hofstetter
Nach Mitternacht    -    Joseph Truks (?)

Wasser=Vorstadt
Vor Mitternacht    -    Simon Furtner
Nach Mitternacht    -    Joh. Kopplinger )

21. Mai 841
Der Polizeymann Reisinger erhält nach der eingeführten Ordnung eine ganz neue Uniform, als:
1 KaputRock mit grünen Aufschlägen    (Kaput = (Soldaten)mantel)
1 Paar Pantallon mit grünen Streifen (Pantallons = lange Männerhose)
1 grautuchene Weste
1 schwarzseidenes Halstuch
1 Uniformrock mit grünem Aufschlage und weißen Knöpfen
1 Uniformhut

Raths=Sitzung dato 13. September 844
Über die Anzeige des bisherigen Thurnermeisters Alois Glöggl, daß er zu Gunsten des Ennser Thurnermeisters Alois Schiffner bei seiner nachgewiesenen sehr guten Qualification und sonstigen sehr empfehlenden Eigenschaften für die hiesige Jurisdiction als Thurnermeister unter den in separater Erledigung zu erwartenden ........ Bedingnissen aufgenommen, jedoch soll dieser Posten wegen Beobachtung der Form bis 15. Oktober d.J. durch die Wiener Zeitung ausgeschrieben werden.

4. April 1845
Das alte Papier im Archiv wird am 9.d.M. um 1/29 Uhr früh an die hiesigen Handelsleute verkauft, ...

9. May 845
IV. Die Thorwärter bekommen bei dem Umstand, als die Einhebung der Mauth schon lange aufgehört hat, die Auszahlung ihrer Gehalte blos noch für den Monat May d.J. für die folge hat diese Zahlung ganz aufzuhören.

9. Jänner 1846
XII. Auf das mündliche Ansuchen der 7 Nachtwächter wird denselben die alle 3 Jahre zu geschehende Anschaffung der Feuerwach=Mäntel bewilliget, ...

30. Jänner 1846
VIII. In puncto Möglichkeit zur Unordnung bei den in hierortiger Jurisdiktion abzuhaltenden Tanz- Unterhaltungen in den Gasthäusern vorzubeugen, wird bestimmt und angeordnet, daß bei ein jeder derlei Musik-Unterhaltung die magistratische Polizeiwache über die Ruhe und Ordnung zu sorgen haben werde. Dieses Geschäft wird gleich bei Ertheilung der Musik-Lizenz zugewiesen, und dieser Polizeimann hat für die Nacht 24 Xer aus dem städtischen Oberkammeramte zu beziehen.

19. Feb. 1847
I. Auf die Anzeige, daß in dem Hause des Joseph Buchberger Wasservorstadt No 87 mit offenem Lichte und brennenden Spanholze in den Stall gegangen wird, ist die nachdrücklichste Verweisung hinsichtlich dieser gefährlichen und strafwürdigen Handlungsweise an diesen Hausbesitzer zu erlassen.


Nach diesem kurzen Blick in die Ratsprotokolle begeben wir uns nun wieder vor das Rathaus. Der Platz davor wird am 16. Februar 1845 zum Start und Zielpunkt eines Schnellläufers:
Heute hat sich ein hier angekommener Schnellläufer namens Nowotny mit 12 Jahren producirt. Er hat die Tour vom Rathause an, durch die Obere Stadt, in das Pfarrgassl, sodann durch die ganze Untere=Stadt und den Hohen Markt bis wieder zum Auslaufplatz 10 Mahl in 42 Minuten, richtig bestanden. Der Einnahme, als solche Productionen nicht viel Eindruck oder Aufsehen erregen, wird allem Anscheine nach gering ausgefallen seyn.
Beim gegenüberliegenden Wirt Zum schwarzen Bären werden im November 1835 verschiedenste Vögel vorgeführt:
Den 14. November 1835 ist beim Wirth Martin Klinger, Wirth zum schwarzen Bären allhier, ein Reisender namens J: August Lehmann angekommen und hat sich mit verschiedenen abgerichteten Vögeln produciert.

Hintergasse und Fuchslueg

In der Hintergasse sind folgende Gewerbe und Handwerke  vertreten: Messerer, Schneider, Tuchscherer, Bierwirt, Leimsieder, Fleischhauer, Feilhauer, Greißler und Krämer, Fellfärber und Kleinstahlschmied.
Unterhalb der Hintergasse liegt der Stadtteil Fuchslueg. Dort wohnen zur Zeit unseres Stadtrundganges unter anderem ein Zimmerman, ein Taglöhner, ein Maurer und ein Binder. Bis in die frühe Biedermeierzeit hinein aber lebt hier der Waidhofner Maler Sebald Grünschachner (1777-1824) im Hause Nr. 110 (heute Fuchslueg 10, F. Fuchsluger). Drei Jahre vor seinem Tod, im Jahr 1821, muss er das Haus verkaufen und übersiedelt als Inwohner (=Mieter) in die Hintergasse Nr.147 (heute Hintergasse 23, J. Kindslehner). ) Von Grünschachner, der Autodidakt war, stammt eine Reihe von Ölbildern, die sich heute im Heimatmuseum befinden. Darunter sind hervorragende Beispiele seiner Kunst wie zum Beispiel die Franzosenbilder oder das Votivbild, das den Brand der Vorstadt Leithen aus dem Jahre 1816 darstellt. Auch die 14 Kreuzwegstationen in der Stadtpfarrkirche wurden von Grünschachner im Jahre 1819, also am Beginn der Biedermeierzeit, geschaffen. Über sein Leben berichtet uns Edmund Friess:
Sebald Grünschachner muß ein lebensfroher, reich begabter, aber auch leichtfertiger Mann gewesen sein. Petter nennt ihn flatterhaft. Nach dem Tode seiner Frau, der sie in einem Alter von 39 Jahren am 29. Juli 1812 von ihrem Gatten trennte, träumte er mit einer Konkubine das Leben weiter. Ein Haus in der „Hintergasse“ (richtig: Fuchslueg ) nannte er sein Eigen, doch die Schuldenlast, die ihn bedrückte, nahm ihm diese Habe. Im Jahre 1817, als er noch Hausherr war, im Advent, führte er in seinen Räumen, wie uns Sebastian Petter zu berichten weiß, ein „Tableau Theater“ vor, über dessen Inhalt uns Sebastian Mitteilung macht und eine Definition des Ausdruckes „Tableau Theater“ bringt: „Das ist, es war auf Art eines Theaters verschiedenes zu sechen, aus dem alten, und neuen Testament so die Beschneidung Christi, Sündflut, Geburt, Maria Heimsuchung, Noas Dankopfer usw. Eintritt 15 u. 6kr.
Sebald hatte bei keinem zünftigen Meister das Malen erlernt, er hatte bei sich selbst Schule gemacht. ... Lang andauernde Pausen in Sebalds Schaffen, die Unlust zur Arbeit, hatte den Künstler zu keinem Vermögen kommen lassen.
Petter schreibt: „Könnte auch einer der vermüglichsten Bürger hier gewesen seyn, wenn er nicht so flatterhaft alles verschlige. Er hatte früher ein Haus in der Hintergasse (richtig: Fuchslueg), die Schulden aber tranngen ihn von selben, weil er immer auf Kösten anderer lebte, und die Arbeiten darnieder liegen ließ.... Er war überigens ein Mann, der sich ansehen geben konnte; war gar nicht ungeschickt in seinen Unternehmungen, und hatte großen befahl in Nachahmungen verschiedener Menschlicher Mundarten. Ebenso kann man ihm auch in der Mahlerkunst, als guten, gedankenvollen befahl geben Übrigens, so promp, als er meistens lebte, so arm starb er, und diß in einen Alter von einige 50 Jahr.“
Als er am 1. Dezember 1824, „in der Wassersucht“ gestorben war, fand sich in seinem Nachlasse so wenig Bargeld vor, daß seine Leiche ohne Geläute der Kirchturmglocken zu Grabe getragen werden mußte. Ein halbes Jahrhundert und einige Jahre darüber sah Grünschachners Leben. Zwei legitime Kinder, ein Mädchen und einen Knaben, der „durch Hilfe guter Leute“ in Seitenstetten dem Gymnasialstudium oblag, hinterließ er. Doch schon seine Zeit hatte seine Gemälde gewürdigt.

Der Nachfolger Sebald Grünschachners wird übrigens Franz Lorenz Kandler, der 1825 seinen Dienst in Waidhofen antritt:
Den 21. Februar 1825. Ist der neue Mahler ... Kandler von Wallsee hier in die Stelle des Sebald Grünschachner, eingetroffen, und zum H: Kontrolor Schneider ins Quartier gekommen.
Nach diesem kurzen Blick in die Hintergasse und die Fuchslueg gelangen wir nun zum Haus Ecke Fuchslueg-Ybbstorgasse. Dort befindet sich eine Bäckerei und ein Wein-und Bierwirt. Für die Bäckerei gilt, wie für alle übrigen Bäcker Waidhofens, die folgende Ermahnung des Stadtmagistrates vom 27. März 1840:
Die bürgerl. Bäckermeister sind ernstlich ermahnt worden, das Publikum mit guter und echter Waare zur Zufriedenheit zu versehen.
Durch das Ybbstor verlassen wir nun die Innenstadt und gelangen in den Stadtteil Vorstadt Leithen zurück.

Die Vorstadt Leithen

Wie man den bildlichen Quellen entnehmen kann, ist die Vorstadt Leithen nur entlang der heutigen Ybbsitzerstraße, Zelinkagasse und Durstgasse teilweise verbaut. Die übrige Gegend (heute Plenker-, Pocksteiner-, Riedmüller- oder Ederstraße) heißt bezeichnenderweise „Im Feld“ und die Bürger haben dort Wiesen, Gärten und Äcker angelegt. Sickingen beschreibt die Vorstadt Leithen folgendermaßen:
Südöstlich von der Stadt liegt die Vorstadt Leithen, mit einer aus zwei Reihen, zum Theil einstöckigen Häusern, bestehenden Strasse und einigen Nebengäßchen, zwischen der Ips und dem Buchenberge eingeengt. In derselben befindet sich die besonders schöne und geräumige Schießstätte der Bürgerschaft, eine der größten in Österreich, wozu ein Theil des ehemaligen Kapuzinergartens verwendet wurde. Unweit davon liegt der mit einer Mauer umgebene Leichenhof, in welchem sich rings an  derselben überbaute Begräbnisstätten befinden, die einzelnen Familien angehören. Durch diese Vorstadt geht die Strasse nach Ipsitz. Wie schon erwähnt, steht auch in dieser Vorstadt die schon beschriebene ehemalige Kapuzinerkirche.
Wie aus der Beschreibung Sickingens hervorgeht, ist die Schießstätte eines der wichtigsten Gebäude in der Vorstadt Leithen. Sie liegt an jener Stelle, an der sich heute die Bezirksbauernkammer (Kapuzinergasse 9) befindet. Sie wurde in knapp fünfjähriger Bauzeit errichtet und 1812 eingeweiht. ) Auf der Lithographie Freys, die Waidhofen vom Fuchsbichel aus zeigt (Bild IV),  ist das Schießstattgebäude mit den zum Buchenberg hingerichteten Fensterbögen, aus denen geschossen wurde, sowie dem ummauerten Bereich, in dem sich die Zielscheiben befanden, klar erkennbar. Vorher war die Schießstatt im Bereich des Grabens in der Nähe des heutigen Bundesrealgymnasiums. (Vergleiche die Darstellung der Stadt bei Merian, wo die alte Schießstätte eigens angeführt ist.) Sie steht später als Stadtstadl in Verwendung und wird 1843 abgebrochen.
Mit dem unmittelbar angrenzenden Gasthaus Zum goldenen Löwen, das auch einen großen Gastgarten besitzt, ist die Schießstätte in der Biedermeierzeit neben dem Stadttheater beim Stadtturm und den bereits erwähnten größeren Gaststätten ein weiteres wichtiges Zentrum der städtischen Kultur. Viele Bälle, musikalische Darbietungen wie auch Theateraufführungen finden auf diesem Areal statt. Das Gasthaus Zum goldenen Löwen weist in der Biedermeierzeit folgende Besitzer auf: 1810 Engelbert Hohenwarter, 1821 Michael Moser und 1837 Franz Stummer.
Was sich so alles bei der Schießstätte und im Goldenen Löwen zugetragen hat, berichten die Quellen zum Teil sehr ausführlich:
Den 4. Juni 1827 war um 5 Uhr ein Schauspiel von der hier anwesenden Gesellschaft des H. Bratsch im Freien auf der Schießstatt aufgeführt, nämlich „Die Belagerung von Smolensk“. Das Theater war nicht gar schön und der starke Wind machte manche kuriose Szene. Die Gesellschaft spielte zwar mit ihrem gewöhnlichen Eifer und es machte dennoch sehr schlechten Beifall, obwohl man nur meistens den starken Wind beschulden kann. Es wäre auch bald ein Unglück entstanden, da der Spielende sich zu Pferde setzen mußte und nicht im Reiten geübt war, daß er bald die alte Madam Bratsch, welche im „Sovlerloch“ steckte und mit wenigen Gesträuchern, wie eine kleine Meisenhütte, umhüllt war, zusammengeritten hätte, wenn sie sich nicht schnell genug auf allen Vieren heraus über das ganze Theater mit einem entsetzlichen Angstschrei geflüchtet hätte. Diese Szene war angstvoll, jedoch gab es Stoff zum Lachen, indem die Flüchtige hübsch korpulent war. Das Schauspielhaus war sehr voll.
Den 9ten 7ber 1838. Gestern kamen beim Wirth Franz Stummer 10 Musikus, meistens Knaben an. Sie waren alle gleich mundirt, und haben sich 2 Tage aufgehalten, wo sie blos Abends alle Strassen und Gassen durchzogen, und bey beliebigen Häusern sich mit 1, 2 bis 3 Stücke, demnach die Gabe ausfiel, producirten. Ihre Musik war rein und gut, und wegen denen Kleinen wirklich bewunderungswürdig. Uibrigens spielten sie alles ohne Vorlage, daher diese Stücke, die sie producirten, gewiß oft genug gemacht worden seyn müssen.
Den 1sten September 1839 hat sich eine aus Wien angekommene musikalische Gesellschaft in Hr. Stummerischen Garten producirt. Diese Gesellschaft bestand aus 2 Violinen, 1 Viola und 1 Violon, welche aber ihre Opern Stücke, Polonese, Walzer sehr gut ausführten.
Den 27.7ber 1839. Heute producirte sich die bey H. Franz Stummer Gastwirth in der Vorstadt Leithen angekommene musikalische Gesellschaft. Sie bestand aus einer Violin, Guittar u. Zitter, welch letztere in seiner Produktion den meisten Beifall erhielt; insbesonders gefiel aber die Frau dieses Zitterspielers, mit ihrem Gesang.
Am 2.9ber 1839. Heute producirte sich der hier bey H: Stummer angekommene Violin u. Guittar=Spieler Noko, auf diesen beiden Instrumenten, in begleitung eines Quartets der hiesigen Diletanten, bey oben genannten Gastwirth Stummer.


Im Jahre 1845 wird vom Waidhofner Männergesangverein mit großer Stimmenmehrheit das Gasthaus „Zum goldenen Löwen“ als Vereinslokal erwählt. Über das dort stattfindende erste Jahresfest berichtet Petter in seiner Chronik:
Den 11. Dezember 1845. Gestern wurde, wie alljährlich, das Jahresfest des Männer=Gesangvereines im Gasthause des Herrn Franz Stummer abgehalten. Selbes übertraf alle bereits abgehaltenen Jahresfeste, weil durch Auswahl der Gesänge und auch der extra aufgeführten Musikstücke ein besonderes Fortschreiten hervorgebracht wurde, indem sich diese Gesellschaft sehr vervollkommnet hatte. Es wurde kurz sehr festlich begangen und die erschienenen Gäste waren sehr zufriedengestellt, indem selbe dies nicht erwartet hätten.
Ebenfalls in die Biedermeierzeit fällt die Errichtung einer Industrieschule in den Räumen des Schießstattsaales im Garten des Goldenen Löwen im Juni des Jahres 1842:
Der Schießstattsaal enthält die Ausstellung verschiedener Waren, das mittlere Zimmer oder Speisezimmer ist zur Schule gewidmet, wo täglich von 9 Uhr früh bis 11 Uhr und nachmittags von 2 bis 4 Uhr Unterricht gegeben wird. Das letztere Zimmer enthält die Bibliothek. Es soll übrigens sehr hübsch und auf die Zeit dieses so schweren Unternehmens auch sehr gut eingerichtet sein. Auch wird alle Samstage und Sonntage 3 Stunden Lehrunterricht für Gesellen und Lehrjungen erteilt.
Träger der Schule war der Industrieverein, eine Filiale des Grazer Hauptindustrievereines. Die Schule dürfte aber in Waidhofen nie recht angenommen worden sein. Nach häufigen Lehrerwechseln (Petter gibt die Namen von 5 verschiedenen Lehrern für den kurzen Zeitraum des Bestehens der Schule von 1842-1850 an) wird die schon sehr herabgekommene Industrieschule im Jänner 1850 endgültig aufgelassen.

Im Feld

Hinter der Schießstätte erstreckt sich, nachdem wir die letzten Häuser in der heutigen Zelinka- und Durstgasse passiert haben, die Gegend Im Feld. Es gibt weder die Allee noch die Ybbstalbahn und die markantesten Punkte auf dieser zum Buchenberg hin leicht ansteigenden riesigen Wiesenfläche sind zwei Kapellen, genannt das Kleine Kreuz (bei der heutigen ASKÖ Sportanlage in der Rehsulz) und das Große Kreuz (heute zwischen Friedhof und HTL gelegen). Besonders zum Großen Kreuz werden von den Waidhofnern in Krisenzeiten immer wieder Prozessionen abgehalten:
7. September 1831. In diesem Monate und auch schon in der Hälfte des August sind wegen der Cholera=Krankheit täglich fast Bittstunden, dann alle Freytag wird um 1 Uhr zum grossen Kreuz in Form einer Prozeßion /:jedoch ohne Geistlichen:/ gegangen, und alle Tage Abends 7 Uhr bey der Frauen Säule wieder ein Rosenkranz.
Den 27. July 1843. Von heute angefangen und durch 3 Tage hindurch, wird von der Klosterkirche aus in Prozession und laut bethend zum grossen Kreuz gegangen, um Gott zu bitten, daß er das grobe Wetter einmahl abwenden, und schönes Wetter eintretten lassen möge. Jetzt wo die sogenannten Hundstage sein sollen, trifft man an mehreren Orten geheizte Zimmer.

Mit einer Schilderung eines Vorfalles, bei dem die Stadt knapp einer Feuerkatastrophe entgeht, wollen wir unseren Spaziergang vor den Toren der Stadt Im Feld beenden. Es handelt sich bei diesem Ereignis um die Steigung eines Luftballons , diesmal beim Kleinen Kreuz, am 26. July 1847:
Heut ließ der hier beym Wirthe Lauda angekommene Martin Fiala einen Luft=Ballon steigen. Bestimmt hinzu war der Schau=Platz beim kleinen Kreuz, wobey sehr viele Menschen hinausströmten. Bevor er den Ballon steigen ließ, machte er mit seinen Leuten verschiedene Künste auf dem Boden, nach dessen Beendung wurde zur Füllung des Luft=Ballons geschritten; da aber der Wind sich gar nicht günstig zeigte, wollte Fiala selben nicht steigen lassen; allein auf Antrieb des H: Syndicus ließ er ihn denn doch steigen; doch kaum hatte er eine Höhe von mehreren Klaftern erreicht, stürzte in schon der Wind auf die Seite, und so flog er schon brennend gegen die Stadt, wo alle voll Angst und Schrecken in der größten Spannung eines schrecklichen Unglücks erfolgen, ... aber sich glücklich ausging, indem er sich durch den Wind getrieben, ober dem Pirkmayerschen Hause, wo schon durch das Sinken Gefahr drohte, auf einem Baume in sogenannten Fuchsbichel verhängte. Gott hat Waidhofen beschützt vor einer Gefahr, welche grosses Unglück hätte veranlassen können. Der Luft=Ballon hatte 27 Schuh Höhe und 16 Schuh Breite der nach Akündigung und bei guten Winde so hoch gestiegen, daß er wie ein Apfel sichtbar wäre.

6. Beschreibungen der umliegenden Pfarren um 1838
(nach Sickingen)

St. Leonhard am Wald

Ein Pfarrdorf von 8 Häusern, mit der nächsten, vier Stunden entfernten Poststation Amstetten. Kirche und Schule befinden sich im Orte. Diese gehören in das Decanat Waidhofen an der Ips, das Patronat davon aber der Herrschaft Ulmerfeld. Das Landgericht, die Orts=, Grund= und Conscriptionsobrigkeit besitzt die Herrschaft Ulmerfeld. Der Werbkreis gehört zum 49. Linien-Infanterie-Regiment.
Es leben hier 8 Familien, 16 männliche, 23 weibliche Personen und 3 schulfähige Kinder. Der Viehstand besteht in 20 Ochsen, 31 Kühen, 22 Schafen und 25 Schweinen.
Die Einwohner sind Bauern, welche etwas Weizen, im Allgemeinen aber Korn und Hafer bauen, wozu die Gründe mittelmäßig, häufig aber den Frösten ausgesetzt sind. Sie haben auch Obst, welches zur Erzeugung des Mostes und Branntweins verwendet wird. Die Hornviehzucht wird besonders cultivirt, jedoch wird dabei meist die Weide angewendet.
Der Ort besteht aus zerstreuten Häusern, welche auf dem Rücken einer Gebirgskette liegen, worüber die beschwerlich zu befahrende Straße nach Sonntagsberg und Randegg führt. Das Klima, obgleich etwas rauh, ist sehr gesund, das Wasser gut und die Gegend sehr schön. - In der hiesigen Umgebung befinden sich beträchtliche Waldungen, nämlich der Distlmaiß, der Breterwald und der steile Zauchberg. Die Jagd liefert Rehe, Füchse, Hasen und Schnepfen. Es werden hier zwei Jahr=oder sogenannte Kirchweihtäge abgehalten, der este am 26. Juni und der zweite am &. November.
Die Pfarrkirche liegt auf dem sogenannten St. Leonhardsberge, von welchem aus sich eine prachtvolle Fernsicht öffnet, die nicht bald ihres Gleichen hat. Das Gebäude ist von mittlerer Größe im gothischen Style aufgeführt und zu Ehren dem heiligen Leonhard geweiht. Es enthält im Innern einen Hochaltar und drei Seitenaltäre, wovon einer der unbefleckten Empfängniß Maria, einer zum heiligen Joseph und der dritte dem heiligen Johann von Nepomuck geweiht ist, die zwar alle von Holz, jedoch vergoldet und verziert sind. Auf der hintern Seite über den Haupt=Eingang in die Kirche erhebt sich der Thurm. - Sonstige Merkwürdigkeiten, Denk= oder Grabsteine sind keine vorhanden. - Filialen sind keine im Bezirke dieser Pfarre, blos eine niedliche Capelle befindet sich eine halbe Stunde von hier auf einem Berge, im Ober=Harreith genannt, die im Jahre 1829 von dem Besitzer des gedachten Bauerngutes, aus eigenen Mitteln zu Ehren der Mutter Gottes Maria erbaut wurde, und worin alle Samstage sich die Einwohner zum gemeinschaftlichen Gebete versammeln.
Hierher sind eingepfarrt: die 8 Häuser von St. Leonhard am Wald, Steingraben 1/2, Graben 11/2, Zauch 11/4, Buchberg 2, Steinholz 11/2, Hinterkogl 11/4, Aigen 11/2, Steinkeller 11/4, Walchenberg 1 und Stritzlöd 3/4 Stunden entfernt. - Der Leichenhof liegt um die Kirche herum.
Die hiesige Kirche ist eine der ältesten, und soll auch schon sehr früh eine Pfarre gewesen seyn, während der Reformationszeit ging sie aber ein, und sank zu einer Filiale von Neuhofen herab, erst im Jahre 1777 wurde sie wieder zur Pfarre erhoben, worüber das Präsentations=Recht dem jeweiligen Pfarrer von Neuhofen zusteht. - Von erlittenen Schicksalen ist bekannt, daß die Türken im Jahre 1683 dieses Gotteshaus in Brand steckten.

Windhaag

Eine Pfarre mit 3 Häusern, wovon Waidhofen die nächste Poststation ist.
Kirche und Schule befinden sich hierselbst, im Decanatsbezirke Waidhofen. Das Patronat besitzt das Stift Seitenstetten. Das Landgericht, die Orts=, Grund= und Conscriptionsobrigkeit ist die Herrschaft Gleiß zu Zell. Der Werbkreis gehört zum
49. Linien-Infanterie-Regiment.
Hier leben 3 Familien, 6 männliche, 8 weibliche Personen und 1 schulfähiges Kind; der Viehstand besteht in 4 Ochsen, 6 Kühen und 12 Schweinen.
Die Einwohner sind Waldbauern, welche nur so viel Viehzucht haben, als sie zum eigenen Bedarf benöthigen; übrigens bauen sie Korn und Hafer, etwas Obst, Klee und Erdäpfel.
Der Ort liegt hoch, fast in gleicher Höhe mit dem nur durch ein Thal getrennten, eine Stunde gegen Nordwest entfernten Sonntagberg, und ist eine Stunde von Zell und fünf Viertelstunden von Waidhofen entfernt. Die Kirche, der Pfarrhof, das Schul= und Wirtshaus bilden eine Gruppe, und werden von Wald und Feldern umgeben.
    Das Klima ist etwas rauh aber gesund, Wasser gibt es keines hier, sondern man muß solches aus dem nahe gelegenen Walde holen, wo sich eine gute Quelle befindet. Die Jagdbarkeit, von mittelmäßigem Ertrage und Eigenthum der Herrschaft Gleiß, liefert Rehe, Hasen, Füchse und auch bisweilen Dachse.
Man genießt hier eine weite Gebirgsübersicht, vorzüglich gegen Süden, wo das Auge den Oetscher, den Dürnstein, und viele Gebirge in Obersteier gleich wie ein wogendes Meer überblickt. Den Namen Windhaag hat der Ort deßhalb erhalten, da solcher bei seiner hohen Lage den größten Theil des Jahres hindurch dem Winde ausgesetzt ist.
    Die hiesige Pfarrkirche ist dem heiligen Nikolaus zu Ehren geweiht, war Anfangs blos eine Kapelle, und wurde mit Beistimmung des Vogtherrn, Sigmund von Eitzing, im Jahre 1474 durch den Abt Paul Pirmißer von Seitenstetten, zur Pfarre erhoben. Sie ist von einfacher Bauart, zum Theil gotisch, klein und mit Schindeln gedeckt, der viereckige Thurm ist gemauert, enthält eine Uhr am Thurm, und eine über dem Presbyterium, nebst drei
Glocken. Der Hochaltar ist von Holz, mit Säulen und vergoldetem Schnitzwerk geziert, auf welchem die hölzerne vergoldete Statue des heiligen Nikolaus steht. Auch der Seitenaltar, mit einem Frauenbilde, ist ganz einfach. Merkwürdigkeiten befinden sich keine hierselbst.
    Als eine Filiale gehört die St. Aegidenkirche hierher, welche fünf Viertelstunden gegen St. Leonhard entfernt liegt. Diese ist theilweise neuerer Bauart, mit einem gemauerten Thurm, einer Uhr und zwei Glocken. Das Innere ist zur Hälfte gewölbt, nämlich das Presbyterium, der hintere Theil aber oben mit Bretern bedeckt. Ein einfacher Hochaltar mit der vergoldeten Statue der heiligen Jungfrau Maria, ein Seitenaltar mit einem Frauenbilde, und eine uralte steinerne Kanzel aus Sandstein, sind die inneren Ausschmückungen. Dieses Kirchlein scheint von sehr hohem Alter zu seyn, und es wird in den Sommermonaten alle vier Wochen Gottesdienst darin gehalten.
Zur Pfarre Windhaag gehören bei 800 Seelen in zerstreuten Häusern von den Rotten Walcherberg, Schilchermühl, Stritzlöd und Kronhobel, wovon die weiteste Entfernung fünf Viertelstunden beträgt. Den Gottesdienst und die Seelsorge versieht ein Pfarrer, welcher ein Benediktinerpriester vom Stifte Seitenstetten ist.

Pöchelau. (Zweite Rotte.) Aus 47 Häusern bestehend, mit der Pfarre

KONRADSHEIM,

wovon Waidhofen die nächste Poststation ist. Kirche und Schule befinden sich hierselbst im Decanatsbezirke Waidhofen an der Ips. Das Patronat gehört dem Cameralfond. Das Landgericht, die Orts=, Grund= und Conscriptionsobrigkeit besitzt die k.k. Cameralherrschaft Waidhofen an der Ips. – Der hiesige Bezirk gehört zum Werbkreise des 49. Linien=Infanterie=Regimentes.
In 59 Familien leben 128 männliche, 156 weibliche Personen und 22 Schulkinder; der Viehstand enthält 126 Ochsen, 125 Kühe, 155 Schafe und 170 Schweine.
Die hiesigen Einwohner sind Waldbauern, unter denen sich 1 Wirth, 1 Bäcker, 3 Müller, 1 Binder, 1 Schneider und 1 Schuhmacher befinden. Sie treiben den Ackerbau, vorzüglich aber Viehzucht, zum Theil auch Holz= und Kohlenerzeugung. Diese Rotte hat eine hohe Lage, und liegt gegen die Grenze von Oberösterreich, bei zwei Stunden südlich von Waidhofen entfernt, am Reden= und Nellingbache, welche drei Mühlen treiben, wovon eine mit einem Sägewerke versehen ist. – Klima und Wasser sind gut; die Jagd gehört der Herrschaft Waidhofen.
Auf einem Felsenberge, im Gebiete dieser Rotte, und nur von einigen Häusern umgeben, steht die Kirche Konradsheim, dem heiligen Nikolaus geweiht. Das Innere derselben ist gothisch gewölbt und hell, der Hochaltar von Holz, mit dem Altarblatte, den heiligen Nikolaus darstellend. Das Alter der Kirche ist unbekannt, wahrscheinlich ist sie einst die Capelle des vor Zeiten hier gestandenen Schlosses Konradsheim gewesen, da ihre Vergrößerung durch Zubauten ersichtlich ist. Im Jahre 1783 wurde dieselbe um die Weite des Chores vergrößert, mit einem Thurme versehen, welcher eine Schindelkuppel, eine Uhr und drei Glocken enthält, und zur Localpfarre erhoben. – Urkunden oder sonst bemerkenswerthe Gegenstände sind keine vorhanden.
Hierher sind eingepfarrt: die Rotte Mayr 1½ , Pöchelau 1¼,  Pöchler 1½ , Rien½ und Groißberg 1¼ Stunden entfernt. Den Gottesdienst und die Seelsorge versieht bloß ein Localkaplan. Der Pfarrhof ist von neuerer Bauart mit einem Stockwerke und die Schule neu und nett erbaut. Der  Leichenhof liegt am Fuße des Berges.
Das ehemals hier bestandene Schloß Konradsheim, wovon noch vor einigen Jahren die Grundfesten zu sehen waren, stand da, wo jetzt die Kirche ist, ....

Kammerhof. Eine Rotte von 66 Häusern, mit der nächsten Poststation Waidhofen.  Die Pfarrkirche, zu

St. Georgen in der Klaus

genannt, befindet sich sammt der Schule in dieser Rotte, und gehört zum Decanate Waidhofen an der Ips. das Patronat besitzt das Stift Seitenstetten. Landgericht, Orts=, Grund= und Conscriptionsobrigkeit ist die k. k. Cameralfondsherrschaft Waidhofen. Der Werbkreis gehört zum 49. Linien=Infanterie=Regimente.
Hier befinden sich 83 Familien, 218 männliche, 240 weibliche Personen und 20 schulfähige Kinder; an Viehstand besitzen sie 1 Pferd, 130 Ochsen, 135 Kühe, 274 Schafe und 230 Schweine.
Die hiesigen Bewohner sind Waldbauern mit einer mittelmäßigen Grundbestiftung, wozu die Gründe lehmigen Boden haben. Unter ihnen befinden sich 1 Wirth, 3 Müller, 1 Binder, 1 Schneider und 1 Schuhmacher. Sie treiben den Ackerbau, die Obstpflege mit etwas Obstmosterzeugung und die Viehzucht, mit einem Kälberhandel verbunden. Nebstdem verkaufen sie Holz aus ihren Wälderantheilen und Kohlen, die sie selbst brennen. Durch alle diese Zweige wird ihre Existenz hinreichend gesichert.                                                              
Kammerhof ist eine zerstreute Rotte, deren Häuser am Abhange des Vorgebirges der sich zwischen Österreich und Steiermark erhebenden großen Berge ziemlich frei gelegen sind, und welche gegen Osten an Waidhofen, gegen Westen und Norden an Seitenstetten und Sr. Michael, dann gegen Süden an Konradsheim grenzet.  -  Den hiesigen Bezirk durchströmt der Ipsfluß und der Nellingbach, welcher drei Mahl= und eine Sägemühle treibt.  -  Das Klima ist etwas rauh, das Trinkwasser aber sehr gut. Auch fehlt es in der hiesigen Gegend keineswegs an ländlich freundlichen Partien.
Die Pfarrkirche, welche zunächst und zwischen einigen Häusern der Rotte Kammerhof stehet, ist zu Ehren des heiligen Georgs geweiht, von gothischer Bauart mit Schindeldach, einem Thurm mit Uhr und drei Glocken. Die innere Ausschmückung besteht blos in einem Hochaltar allein, der von Holz aufgerichtet, mit dem Gemälde des heiligen Georgs geziert, und sonst ganz einfach ist.  -  Grabmäler oder sonstige Merkwürdigkeiten sind hier keine vorhanden.  -  Hierher sind keine Ortschaften, sondern nur zerstreute Häuser eingepfarrt, die bis anderthalb Stunden von der Pfarre entfernt liegen. Den Gottesdienst und die Seelsorge versieht blos ein Pfarrer allein, der ein Benediktinerpriester vom Stifte Seitenstetten ist.  -  Der Leichenhof befindet sich um die Kirche herum.