Die Biedermeierzeit in der Commerzialstadt Waidhofen an der Ips

1. Einleitung

Der Begriff Biedermeier tritt erstmals um die Mitte des 19. Jahrhunderts auf und bezeichnet jene 33 Jahre, die zwischen dem Ende der napoleonischen Herrschaft in Europa 1815 und der Revolution des Jahres 1848 liegen.
Den europäischen Monarchen sitzt noch der Schrecken der französischen Revolution in den Gliedern, und mit der Gründung der „Heiligen Allianz“ im Jahre 1815 versucht man, alle in Hinkunft auftretenden revolutionären Bestrebungen im Keime zu ersticken. In diesem Bündnis versprechen sich die europäischen Herrscher gegenseitige Hilfe im Falle nationaler oder liberaler Aufstandsbewegungen.
Aus dieser Angst heraus versucht man auch in Österreich alle Neuerungen und Veränderungen zu verhindern bzw. erst gar nicht aufkommen zu lassen. Der österreichische Staatskanzler Klemens Wenzel Fürst Metternich prägt mit seiner konservativen Politik die Epoche des Biedermeier in Österreich. Unter Kaiser Franz I. einflussreicher Minister, wird er 1821 Haus-, Hof- und Staatskanzler. 1835 stirbt Kaiser Franz I. und die letzte Anweisung an seinen Nachfolger lautet: „Regiere und verändere nicht!“
Mit der Thronfolge des regierungsunfähigen Kaisers Ferdinand I. im Jahre 1835 führt eine „geheime Staatskonferenz“ die Regierungsgeschäfte. Metternich ist auch in dieser Staatskonferenz weiterhin tonangebend und somit dauern der Polizeiüberwachungsstaat und die Politik der Reformfeindlichkeit und Unterdrückung bis zu seinem Sturz im Revolutionsjahr 1848.
Die Angst vor Umsturzbestrebungen und geheimen Verschwörungen ist auch in den Waidhofner Quellen nachweisbar. So endet der Eid, den der beim Waidhofner Magistrat angestellte Kanzleischreiber Christian Aufschläger am 22. Oktober 1824 ablegen muss, mit folgendem Absatz:
Schließlich schwöre ich auch, dass ich mit keiner geheimen Gesellschaft oder schädlichen Verbrüderung weder im In- noch im Auslande in Verbindung stehe, und mich immerfort als getreuer österreichischer Staatsbürger verhalten werde. So wahr mir Gott helfe!
Ähnliche Eidesformeln finden sich auch am Ende vieler anderer Dokumente des Waidhofner Stadtarchives aus dieser Zeit.
Die Sicherheitsmannschaft in Waidhofen besteht damals aus vier Personen. Es sind dies der Polizey=Wachtmeister, der Gerichtsdiener, der Polizeymann und der Gehilfe. In der Instruction für die Patrouille- und Sicherheits-Mannschaft vom 6. September 1839 werden die Amtsorgane zur genauen Überwachung der Bevölkerung angehalten. Unter §10 wird ihnen unter anderem aufgetragen, verdächtige Personen und Handlungen einer genauen Spähe zu unterziehen:

a) Auf das herumziehende Gesindel, Bettler, Vaganten aller Art, Hausirer, Juden und andere verdächtige Leute, welche, wenn sie keine legalen Pässe, und die Juden, wenn sie sich irgendwo über 3 Tage aufhalten, oder die ihnen vorgezeichnete Marschroute nicht genau einhalten, ohne weiters dem Magistrate einzuliefern sind.
b) Bei Hochzeiten, Jahrtägen und Freytänzen ist Ruhe und Ordnung herzuhalten, und kann im Erforderungsfalle in die obrigkeitliche Tanzbewilligung Einsicht genommen werden, um die bestimmte Zeit überwachen zu können.
c) Raufungen, Gassentumulte und Excesse sind abzustellen, die Raufer und Excedenten zu arretieren, und zur Amtshandlung zu übergeben.
d) Winkelschenken, unbefugte Beherbergungen, Winkeltänze etc. sind der Spähe zu unterziehen und anzuzeigen.
l) In den Gasthäusern ist eine genaue Spähe zu halten, ob irgendwo verbothene Karten= oder Würfelspiele geduldet, oder ärgerliche Spottreden wider die Landesverwaltung, Religion, Obrigkeit, gute Sitten ausgestoßen, anstößige Lieder gesungen, oder sogar Amtspersonen verunglimpft werden. Derlei Wahrnehmungen sind sogleich unter Geheimhaltung einzig und allein der Polizeidirektion anzuzeigen.
q) Bleibt es unerläßlich, daß alle Häuser vorzüglich in der Hinsicht überwacht werden, welche Partheyen drinnen wohnen, und ob sie mit Erlaubniß der Obrigkeit eingezogen seyen.

Dass die Polizei in der hier besprochenen Epoche durch die vielen zusätzlichen Aufgaben auch in einer Kleinstadt wie Waidhofen weit mehr gefordert war als früher, geht aus dem Ansuchen des Gerichtsdienergehilfen Johann Scheibenflug aus dem Jahre 1825 hervor:
Der hiesige Gerichtsdienergehilfe, Johann Scheibenflug bittet um Bewilligung auf einen Kragen=Mantl von grünem ordin: Tuche, zum Schutze gegen Kälte und Witterung bey häufigen Streifungen und Nachtvisitationen; welche Bitte ihme auch gewähret wird, ...
Diese Auslage darf nunmahls um so weniger gerüget werden, als bey gegenwärtigen Zeitverhältnissen die Polizeyaufsicht ungemein erschwert ist, und ohne Unterschied der Witterung jederzeit verrichtet werden muß.

Der Waidhofner Magistrat ist stets bemüht, seine kaisertreue Haltung zu demonstrieren, und so wird das 40. Regierungsjubiläum Kaiser Franz I. am 4.März des Jahres 1832 besonders feierlich begangen:
Der Magistrat, stets vom Patriotismus beseelt, bestimmt, daß der kommende 4:März als der Tag des Regierungsantrittes vor 40 Jahren S. kk. Majestät unseres angebetheten Kaisers Franz I. durch Ausrückung des BürgerCorps, Abhaltung eines feyerlichen Gottesdienstes, dann durch Salven sowohl mit kleinen Gewehren als auch Abfeuern 3 Kanonen vom Krautberge verherrlicht werden solle.
Auch bei dieser Feierlichkeit wird die Bürgerschaft genau registriert, und so fallen dem 2. Hauptmann des Bürgercorps vier Waidhofner Bürger auf, die den Feierlichkeiten ferngeblieben sind. Diese werden in der unmittelbar auf das Fest folgenden Ratssitzung deswegen zur Rede gestellt:
Uiber Anzeige des 2 Hauptmann Jos.Ratz sind wegen Ausbleibens bey der Jubiläums-Feierlichkeit am 4ten d.Monats die Bürger Ant. Sterr, Franz Ametzhofer, Joh.Resitz und Jos. Pichlhuber zur Rede gestellt worden.

Als sich gegen Ende der Biedermeierzeit die Situation immer mehr zuspitzt, werden auch in Waidhofen Dekrete verlautbart, die immer deutlicher die Angst der Regierenden vor einem Umsturz zeigen. So wird in der Ratssitzung vom 9. Mai 1845 folgendes Verbot erlassen:

Das Zusammenstehen und Zusammenrotten an Sonn = und Feiertagen auf dem hiesigen oberen Stadtplatze wird ... wiederholt strenge untersagt, welches durch Affigierung der Dekrete zur Kenntniß zu bringen ist.
Auch die Gründung des Waidhofner Männergesangvereins fällt in diese letzte Phase der Biedermeierzeit. Da der 1843 gegründete Verein national-liberale Tendenzen erkennen lässt, muss er 18 Monate lang seine Tätigkeit unterbrechen und erst ein Gesuch an die kaiserliche Hofkanzlei führt zur Genehmigung. Die ursprüngliche Bezeichnung Liedertafel muss auf Männergesangverein geändert werden, und im §1 der Statuten die Stelle Patriotismus für das gesamte Deutschland als das gemeinsame Vaterland aller Vereinsmitglieder gestrichen werden. Unter diesen Voraussetzungen wird der Verein dann 1847 genehmigt. Dass der Männergesangverein tatsächlich national-liberale Tendenzen aufweist, zeigt eine Aussage des Stadtpfarrers Augustin Beer (1842-1860). Er stellt im Memorabilienbuch der Stadtpfarre fest, dass Liedertafel (Männergesangverein) und die 1848 gegründete Nationalgarde praktisch ein und dasselbe waren.

In der Zeit des Vormärz sind die Bürger von jeglicher politischer Mitwirkung ausgeschlossen und nationale sowie liberal-demokratische Gesinnung werden radikal unterdrückt. Die Folge ist der Rückzug vieler Bürger in die behagliche Welt ihrer Häuser, die Beschäftigung mit Musik, Theater und Malerei und die Entwicklung eines Architektur- bzw. Möbelstils, für den heute noch der Begriff „Biedermeier“ in Verwendung steht.
Als Beispiel für eine solche biedermeierliche Hausmusik möchte ich hier die Schilderung einer Musikalischen Akademie im Hause des Stadtchronisten Sebastian Petter anführen. Er selbst berichtet in seiner Chronik darüber:
Den 19.Jänner 1825 war bey mir, von Klaviermeister Joh: Schreiber, eine kleine Akademie mit meinen beyden Kindern Karl und Theres veranstaltet. Sie schlugen ein schön hübsches 4 händiges Stück. Es waren an Zuhörern zugegen: H.Weber et Frau samt Babet, H.Fischer , Frau und die zway Töchter, H. Krabed, Vater und Mutter, Thoma, und zwey Turnergesellen. Nach Ende dieß, war ein klein Suppe, und zum Schluß ein kleines Tröpfchen.
Wie wir seinen Aufzeichnungen entnehmen können, finden in Petters Haus am Hohen Markt 25 wiederholt sogenannte Musikalische Akademien aber auch Theaterveranstaltungen mit bis zu 80 Besuchern statt.
Aber auch in anderen Waidhofner Häusern finden abendliche Hausmusikkonzerte statt. So zum Beispiel im Gasthof Preitenlahner (heute Gendarmerie) im Sommer des Jahres 1833:
Den 30. August 1833 kamen zum Wirth Preitenlahner Musiker an, dabey eine Sängerin war. Sie gaben Abends Akademie, welche aus einer Harfe und 2 Violinen bestand, daneben die Sängerin, die wirklich sehr brav sang und aus mehreren Opernstücken sich producierte. Sie war wirklich eine Meisterin im Gesang.
Die Besucher dieser Veranstaltungen dürfen wir uns in der damals typischen Biedermeierkleidung vorstellen. In der Damenmode werden geschlitze Puffärmel, hohe gefaltete Krägen oder Krägen mit breit ausladenden Spitzenornamenten modern. Die Kleidung verkürzt sich bis über die Knöchel, ansonst aber wird der Körper wieder stärker verhüllt. - Die Männermode ist durch den schwarzen Frack mit Zylinder, das „Vatermörderkragen“-Hemd, lange Hosen, gestreifte oder geblümte kurze Westen sowie durch kunstvoll geknüpfte Krawatten gekennzeichnet.
Ein weiteres Phänomen der Biedermeierzeit ist die große Anzahl umherziehender Menschen, die auf unterschiedlichste Weise versuchen, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In einer Zeit, in der das Unterhaltungsangebot für einen Großteil der Bevölkerung sehr begrenzt ist, können Komödianten, Gaukler, Artisten und Musiker immer wieder mit großem Interesse an ihren Darbietungen rechnen. Laut Petterscher Chronik vergeht fast keine Woche, in welcher nicht irgendeine Attraktion von auswärtigen Unterhaltungskünstlern angeboten wird. Es handelt sich dabei unter anderem um Musiker, Sänger, Schauspieler, Seiltänzer, Schnellläufer, Zauberer, Bärentreiber, Ringelspielbesitzer, Reiter, Marionettenspieler, Schaubudenbesitzer, Bauchredner und Leute, die mit Gas gefüllte Ballons steigen lassen. Sie nehmen üblicherweise in einem der Einkehrgasthöfe der Stadt ihr Quartier, hängen sogenannte Anschlagzettel aus, und producieren sich dann meist abends in den jeweiligen Lokalitäten.
Eine spezielle Gruppe bilden jene Personen, die mit mehr oder weniger exotischen Tieren von Ort zu Ort ziehen, und diese auf den Gassen und Plätzen zur Schau stellen. Zwei Beispiele aus der Petterschen Chronik seien hier angeführt:
Den 19. Februar 1835 kam hier ein Italiener mit einem Affen, Adler und einem Stachelschwein an, welche Thiere auf einen Esel geladen, von ihm herumgeführt wurden.
Den 21.July 1835 befand sich hier ein sogenannter Bärentreiber; er hatte ein Trampeltier, worauf 2 Affen waren, dann 2 Eseln, jeder mit einem Affen beladen, dann einen ziemlich grossen Bären
.

Aber der äußere Schein der biedermeierlichen Idylle trügt. Ein Großteil der Bevölkerung lebt in bitterer Armut und die Unzufriedenheit wächst in allen Bevölkerungsschichten. Auch in Waidhofner Quellen gibt es immer wieder Hinweise auf die Armut vieler Bewohner. Das Bürgerspital sowie das Siechen- und Armenhaus in der heutigen Wienerstraße sind oft übervoll und Bittsteller müssen längere Wartezeiten in Kauf nehmen, um in eine dieser Waidhofner Sozialeinrichtungen aufgenommen zu werden. Trotz der Versorgung in diesen Häusern gehen die Insassen dennoch öfters betteln, und so sieht sich der Magistrat im Jahre 1847 zu folgender Verordnung veranlasst:
Die Verwaltung des Bürgerspitals dann des Armen= und Siechenhauses sind angewiesen, daß sie den Pfründlern das Betteln in der Stadt und in den Vorstädten mit dem Beisatze strenge zu untersagen haben, daß jeder bei Betretung eingesperrt und bestrafet werden wird.

In Waidhofen trägt auch der 1819 einsetzende Niedergang der Sensen- und Geschmeidekompanie zur wirtschaftlich angespannten Lage bei. Sickingen führt den Konkurs dieser beiden Kompanien auf die Franzosenkriege zurück:
Die traurigste Folge dieses Krieges für Waidhofen ist, daß sich fast aller Orten die sonst blühende Handelschaft nicht mehr thätig zeigen kann, vorzüglich wegen außerordentlichen Geldmangel, woher es nebst anderen Ursachen kam, daß in Waidhofen zwei Handlungsgesellschaften ganz eingegangen sind, die der Stadt und Umgebung jährlich eine sehr große Summe einbrachten, nämlich die Sensen- und die Geschmeidehandlungs-Gesellschaft, wodurch viele thätige Hände arbeitslos wurden, und Nahrungslosigkeit die Folge sein mußte, ...

Als eines der vielen persönlichen Schicksale sei der reiche Waidhofner Bürger Anton Freysmuth erwähnt. Er galt als einer der wohlhabendsten Männer der Stadt, verlor aber sein gesamtes Vermögen und fristete seine letzten Lebensjahre als Gemeindeschreiber. Petter beschreibt Freysmuths Niedergang in seiner Chronik:
Anton Freysmuth besaß das Haus des Herrn Großmann (Oberer Stadtplatz 28) und noch 4 Häuser, war Handelsmann und Mitinteressent eines halben Sensenhammers und selbst bei der Kompagnie, wurde bei all seinem Vermögen Kridatar und zuletzt Schreiber bei dem Magistrat allhier. Bei Antritt des Handlungshauses und bei seiner Heirat war er Millionär und auf die letzte Zeit sehr arm.
Als im Jahre 1826 in der Stadt eine Diskussion um die Fortführung der Hauptschule geführt wird, die der Stadt sehr teuer kommt, wird von Seiten des Magistrats das Argument angeführt, dass die hiesigen Bürger so arm wären, daß sie kaum ihre Steuern berichtigen können.
Auch Postmeister Johann Humpel, der eine Abhandlung über die März-Ereignisse des Jahres 1848 in Waidhofen verfasst, erwähnt die materielle Notlage, in der sich die Stadt befindet. Er schreibt, dass zu jener Zeit allhier die Eisenindustrie bereits den Todeskampf gerungen und der Pauperismus über deren Bahre hohläugig und gespensterhaft hereingeblickt hatte.
Eine Eintragung im Ratsprotokoll der Stadt vom 9. Juli 1847 bestätigt diese Aussage Humpels. Der Stadtrat fordert darin von den Sensenschmiedknechten, dass sie einen größeren Beitrag aus ihrer Kassa an das Armenhaus der Stadt entrichten, da bereits 7 Sensenschmiedknechte untergebracht sind, und zu erwarten steht, daß sich die Zahl derselben in dieser Anstalt noch vermehren wird.
Eine ungefähre Quantifizierung der Armen im Bereich der Stadt Waidhofen und des Marktes Zell läßt sich auf Grund einer Angabe Sebastian Petters erstellen. Beim Begräbnis des großen Wohltäters der Armen, Herrn Johann Preißl am 12. Mai 1826, gibt Petter die Zahl der Armen an, die beim Trauerzug mitgehen:
Ganz vorn gingen, sowohl von hier alle Armenhäußler, Siechenhäußler, Spitaller Haußarmen, als auch von der Zell dergleichen, so daß man selbe gut 300 sagen darf... Es starb ein grosser Wohltäter der Armen und Nothleidenden.
Wenn man bedenkt, dass Waidhofen und Zell damals knapp 4000 Einwohner zählten und bei dem oben erwähnten Trauerzug nur die gehfähigen Personen teilnehmen konnten, so kann man einen offiziellen Armenanteil von ca. 10% der Bevölkerung für den Bereich Waidhofen und Zell annehmen.
Im März des Jahres 1848 entlädt sich dann der Druck in einer Revolution, die beinahe ganz Europa erfasst. Auch in Waidhofen sind Spannungen zwischen kaisertreu-konservativen (Bürgerkorps) und national-liberalen Gruppierungen (Nationalgarde) nachweisbar. Es kommt jedoch zu keinerlei Blutvergießen und im Oktober 1849 werden beide Einheiten aufgelöst. Mit der Einführung des Neoabsolutismus unter dem neu eingesetzten Kaiser Franz Josef I. dominieren wieder die monarchisch-konservativen Kräfte. Im August 1851 wird bestimmt, dass die Nationalgarde aufgelöst bleibt, das Bürgerkorps jedoch weiterbestehen darf.

Das Eigenschaftswort „bieder“ hatte ursprünglich eine positive, vorbildhafte Bedeutung und stand für „ehrenwert“, „verlässlich“ und „aufrichtig“. Erst um die Mitte des 19.Jahrhunderts setzt sich der Begriff „Biedermeier“ als Spottname für den bürgerlichen Spießer durch, dem man brave, angepasste Beschränktheit, vorauseilenden Gehorsam und Unterwürfigkeit vorwarf. So heißt es im Spottgedicht „Der gute Bürger“ von Ludwig Pfau aus dem Jahre 1847:

Schau, dort spaziert Herr Biedermeier
Und seine Frau, den Sohn am Arm;
Sein Tritt ist sachte wie auf Eier,
Sein Wahlspruch: Weder kalt noch warm!

Die Epoche des Biedermeier in Waidhofen/Ybbs ist in den Quellen sehr gut dokumentiert. An erster Stelle steht die Chronik des Sebastian Petter, die auszugsweise in Thomas Mayrs „Chroniken der Stadt Waidhofen an der Ybbs“ abgedruckt ist, aber auch im Stadtarchiv noch zur Gänze im Original erhalten ist. Eine weitere wichtige Quelle stellen die Ratsprotokolle dieser Epoche dar, die zum Teil sehr detaillierte Einblicke in den Alltag gewähren. Für das äußere Erscheinungsbild der Stadt um diese Zeit steht uns die ausführliche Beschreibung Sickingens aus dem Jahre 1838 zur Verfügung. Daneben ist noch eine Vielzahl anderer Arbeiten von Mayr, Friess, Richter, Sengseis, Stepanek, u.a. zu erwähnen, die es dem Verfasser möglich gemacht haben, einen Rundgang durch das biedermeierliche Waidhofen anbieten zu können.
Das Bildmaterial stammt überwiegend aus dem Waidhofner Heimatmuseum. Es sind dabei Künstler wie Frey, Hollensteiner, Grünschachner, Springenschmied, Reim und Seher vertreten. Ein genauer Bildnachweis befindet sich im Anhang der Arbeit.

2. Daten und Fakten zur Biedermeierzeit in Waidhofen an der Ybbs

A) Kaiser

1792 - 1806 / 1804 - 1835 Franz (II.) I.
1835 - 1848 Ferdinand I.

B) Pfarrherren

1795 - 1825 Gottfried von Dreger
1825 - 1841 Jakob Wagner
1842 - 1860 Augustin Beer

C) Bürgermeister

1799-1828 Florian Frieß
1828-1829 Franz Braun
1829-1838 Leopld Pichler
1839-1843 Johann Haller
1843-1845 Franz Neuwirth
1845-1848 Johann Vinzenz Großmann
(2.Amtsperiode: 1858-1861)
1849-1858 Josef Riedmüller

D) Häuser und Einwohner:

1796: 390 Häuser
1838: 420 Häuser, 3167 Einwohner
1860: 431 Häuser, 3427 Einwohner

E) Betriebe im Stadtbereich und in den Vorstädten um 1838 (nach Sickingen38)

a) Eisenverarbeitende Betriebe:
2 Ahlenschmieden
6 Bohrerschmiede
1 Büchsenmacher
2 Eisendrahtzieher
9 Feilhauer
2 Hammer= und Zeugschmiede
2 Hufschmiede
3 Klingen= und Gabelschmieden
1 Kneipschmied
1 Kupferschmied
5 Löthschlosser
6 Messerschmieden
7 Nadler
1 Nadelrolle, durch welche die Stricknadeln glänzend gemacht werden.
4 Nagelschmieden
2 Pfannenschmiede
2 Pfrimschlosser
2 Reifmesserer
4 Sägblätterschmieden
6 Scheerenschmieden
6 Scheermesserer
6 Schleifmühlen (davon 4 städtische und 2 private)
17 Sensen- und Knittelhämmer
3 Striegelmacher
3 Zerrennhämmer
5 Zirkelschmiede
2 Zeug= und Schrotschmieden

b) Sonstige Betriebe und Handwerke
6 Bäcker
1 Buchbinder
1 Bürstenbinder
2 Brauhäuser (beide Privateigenthum)
1 Drechsler
4 Eisenhändler
2 Färber
3 Faßbinder
1 Glaser
1 Gürtler
2 Hafner
1 Handschuhmacher
2 Hutmacher
7 Fleischer
1 Kammmacher
1 Kaffeehaus
1 kaiserliches Postamt
2 Kirschner
2 Krämer
1 Lackierer
1 Lebzelter
3 Lederer
1 Lederstampfe
1 Leimsieder
1 Lottokollektur
5 Mahlmühlen (von denen zwei mit Sägewerken versehen sind)
2 Maler (wovon einer auch Vergolder ist)
3 Maurermeister
1 Posamentierer
1 Riemer
1 Rosogliofabrik
1 Sägemühle (städtisch)
1 Sattler
8 Schneider
6 Schuhmacher
1 Seifensieder
1 Siebmacher
1 Silberarbeiter
1 Spengler
1 Steinmetz
1 Strumpfwirker
1 Tabakverlag
5 Tischler
7 Trafiken
1 Tuchscherer
3 Uhrmacher
8 vermischte Waarenhandlungen
12 Viktualienhändler
2 Wagner
2 Weber
1 Weißgärber
1 Weißgärberwalke
50 Wirtshäuser (unter denen sich 7 größere und 6 kleinere
Einkehrwirtshäuser befinden)
3 Zimmermeister
1 Zinngießer

F) Medizinische Versorgung

1 Apotheke
1 Distriktsarzt (Medizine Doktor)
4 Hebammen
2 Wundärzte

G) Währung und Maße

Wiener Währung (W.W.) von 1812 bis 1819
Conventionsmünze (C.M.) von 1819 bis 1858
250fl W.W. = 100fl C.M.
1 Gulden (fl) = 60 Kreuzer (kr) a 4 d = 240 Pfennige (d)
1 Schilling (ß) = 7,5 Kreuzer
1 österreichische Meile = 7,685 km
1 Wiener Klafter = 6 Fuß oder Schuh = 72 Zoll = 1,896m
1 Wiener Schuh oder Fuß = 12 Zoll = 0,316m
1 Elle = 2 Schuh = 24 Zoll = 0,63m
1 niederösterr. Joch = 1600 Quadratklafter a 3,597 m2 = 0,575 ha
1 Eimer = 40 Maß oder Achtering = 56,589 l
1 niederösterr. Landmetzen = 61,49 l
1 Scheffel = 6 Metzen
1 Wiener Maß = 1,414 l = 4 Seidel
1 Seidel = 0,3535 l
1 Wiener Pfund = 2 Mark = 32 Lot a 4 Quentchen = 0,56001 kg

3. Chronologie

1816     Brand in der Vorstadt Leithen
1819     Der Konkurs der Sensen- und Geschmeidekompanie setzt ein. Die Flößerei auf der Ybbs wird eingestellt (bis 1865)
1822     Die Stadt und die Vorstädte werden von 38 Laternen (mit Öl) beleuchtet
1824     Am 1. Dezember stirbt der Waidhofner Maler Sebald Grünschachner (1777-1824)
1827     Der Landschaftsmaler Ludwig Halauska wird als Sohn des Syndikus Josef Halauska im Rathaus (heute Bezirksgericht) geboren
1829     Errichtung einer Poststation in Waidhofen im Haus Unter der Burg 15 (heute Reifen Renner), Überschwemmungen (besonders am Schwarzbach)
1831     In Waidhofen geht die Angst vor der in Wien bereits ausgebrochenen Cholera um
1833     Verlegung der Poststation in die Untere Stadt (heute Alte Post)
1834     Das Stadttheater im Roten Krebsen wird nach der Renovierung wieder bespielt (heutiges Rathaus), Wiedereinweihung der Klosterkirche
1839     Abbruch des Vorbaus beim Ybbsturm
1840     Die hölzerne Schlossbrücke wird durch eine Brücke aus Tuffstein ersetzt
1841     Beginn des Stellwagenverkehrs nach Steyr
1842     Erster Stellwagen nach Amstetten, Errichtung einer Industrieschule
1843     Gründung der Liedertafel (Männergesangverein)
1844     Der Thurnermeister Alois Schiffner löst Alois Glöggl ab, Errichtung eines Holzsteges über die Ybbs (Vorläufer der Unterzellerbrücke)
1845     Abriss des Turmes bei der Zellerbrücke + Mauthaus
1846     Abbruch des Amstettnertores, Errichtung des Hartner-Durchganges
1847     Abbruch des alten Rathauses am Freisingerberg, Abtragung der Befestigungsmauer rund um die Spitalskirche, Errichtung des Krautbergkreuzes
1848     Abbruch des Spitaltores, Abbruch der Fleischbänke beim Stadtturm

4. Allgemeine Beschreibungen der biedermeierlichen Stadt Waidhofen an der Ybbs

Aus der Epoche des Biedermeier sind drei allgemeine Beschreibungen der Stadt Waidhofen überliefert. Die erste stammt von Franz Xaver Schweickhardt von Sickingen, der mit seiner Darstellung des Herzogthums Oesterreich unter der Ens in 34 Bänden mit 108 Ansichten eine außerordentliche Leistung auf dem Gebiet der Topographie vollbrachte. Die einzelnen Bände erschienen in den Jahren 1831 - 1841 und bieten somit eine flächendeckende Beschreibung Niederösterreichs in der Biedermeierzeit. Trotz einiger Ungenauigkeiten ist die darin enthaltene Beschreibung der Commerzialstadt Waidhofen an der Ips ein einmaliges Zeitdokument. Die äußerst ausführliche, über 20 Seiten lange Beschreibung der Stadt beginnt mit einer allgemeinen Einleitung, die dem Leser einen ersten Einblick in die biedermeierlichen Verhältnisse gewährt:
Waidhofen (an der Ips).
Eine Commerzialstadt von 150 Häusern, der Vorstadt Leithen von 111 Häusern, und der Wasservorstadt von 159 Häusern, wovon die nächste Poststation an der Linzerpoststraße Amstetten, in der Stadt hier aber selbst eine Post ist.
Kirche und Schule befinden sich hierselbst, welche erstere zugleich den Sitz des Waidhofner Decanates bildet. Das Patronat ist landesfürstlich. Das Landgericht wird von der k.k. Cameralherrschaft Waidhofen ausgeübt; Grund-, Orts- und Conscriptionsobrigkeit4 ist der Magistrat der Stadt Waidhofen.
Die innere Stadt zählt 252 Familien, 561 männliche, 615 weibliche Personen und 99 schulfähige Kinder; an Viehstand 45 Pferde und 18 Kühe; die Vorstadt Leithen enthält 160 Familien, 413 männliche, 403 weibliche Personen und 96 Kinder; an Viehstand 12 Pferde, 2 Ochsen und 11 Kühe; die Wasservorstadt bilden 257 Familien, 580 männliche, 595 weibliche Personen und 97 schulfähige Kinder; der Viehstand beträgt 23 Pferde, 5 Ochsen und 85 Kühe.
Die Stadt, zum Unterschiede von der Stadt gleichen Namens, unweit der böhmischen Gränze im V.O.M.B.50), in früheren Zeiten „baierisch“, jetzt Waidhofen an der Ips genannt, liegt hart an dem Flusse Ips, der in dem Hochgebirge, nahe bei Mariazell, entspringt, und einen sehr starken Fall hat, in einem theils von hohen Bergen, theils von Hügeln gebildeten engen Thale, sechs Stunden von Amstetten, drei Stunden von Weyer in Oberösterreich und zwei Stunden von Ipsitz, gewissermaßen zwischen erstem und letzterem Orte.
Der Ipsfluß trennt die Stadt Waidhofen von dem gegenüber liegenden Markte Zell, fließt an ihr von Osten nach Westen vorüber, und nimmt gleich unterhalb der Stadt bei dem alten Schlosse den Schwarzbach, und am anderen Ufer den Urlbach auf, welch ersterer eine Vorstadt, die sogenannte Wasserstadt51), durchfließt, dergestalt, daß die Stadt an zwei Seiten von Wasser umgeben wird, gleichwie auf einer Landspitze, nämlich wie Passau in Baiern, liegend.
Die Stadt Waidhofen besteht aus der eigentlichen Stadt und den zwei schon oben bemerkten Vorstädten, welche erstere nördlich vom Ipsflusse begränzt wird. Die innere Stadt bildet nebst einigen Nebengäßchen, zwei mehr lange als breite Plätze, welche die obere und die untere Stadt heißen, da die gegen den Schwarzbach zu tiefer liegt als die andere, wobei die obere Stadt die Verbindungsstraße nach Ipsitz, und die untere die Poststraße von Amstetten nach Weyer durchzieht, welche Straße von Amstetten bis an den Waidhofner= oder Schwarzbach, das Aerarium52) von da aber in beiden Richtungen nach Weyer und Ipsitz, bis zur Gränze der Gerichtsbarkeit, der Magistrat zu erhalten hat. An derselben befinden sich eine aerarische Mauth bei dem Siechenhaus der Stadt an der Amstettner Poststraße, dann an der Straße nach der Wasservorstadt, eine privilegierte städtische Wagenmauth, und eine gleiche an der Straße nach Ipsitz; ...

Neben diesem Ausschnitt aus der sehr umfangreichen Beschreibung Sickingens, aus welcher in weiterer Folge noch öfters zitiert werden wird, gibt es im Boten von der Ybbs aus dem Juli des Jahres 1896 eine zweite Beschreibung der Stadt. Diese über mehrere Folgen erscheinende kürzere Abhandlung trägt den Titel Waidhofen vor und seit einem Halbjahrhundert. Der Verfasser ist unbekannt, lediglich die letzte Folge ist mit dem Buchstaben „V“ signiert. Wie der Titel schon sagt, handelt es sich auch hier um eine Beschreibung der Biedermeierzeit in Waidhofen. Im Gegensatz zu Sickingen, der sich hauptsächlich auf die Topographie konzentriert, erfahren wir hier auch etwas über den Charakter der Bevölkerung:
Noch in den vierziger Jahren mochte ein Fremder im Vergleiche mit den belebteren östlichen Gegenden Niederösterreichs in Waidhofen, als Stadt in Betracht gezogen, in ein abgeschlossenes Stillleben mit seinen Licht- und Schattenseiten sich versetzt glauben. Von der Reichsstraße Wien – Linz – Salzburg, auf welcher damals noch ein lebhafter Personen- und Frachtverkehr stattfand, abgelegen, verirrte sich auch selten ein Fremder hierher. Ein unansehnlicher offener Wagen mit einem auf Eisenstangen ruhenden Dache und Seitenvorhängen aus Zwilch, wie man solche gegenwärtig kaum mehr sieht, vermittelte täglich einmal den Postdienst von und nach Amstetten und Weyer.
Dieser Abgeschlossenheit entsprechend, waren denn auch in manchen Schichten der Bevölkerung die Anschauungen und Gepflogenheiten der nachbarlichen Alpenbewohner vorherrschend, die sich besonders in einer ausgesprochenen Abneigung gegen Neuerungen kund gaben. Der seinerzeitige Bürgermeister, Herr Johann Großmann ließ, um den Fremdenbesuch zu fördern, Alleen mit Sitzbänken anlegen. Die Bänke wurden nach und nach weggerissen und verschleppt, die Bäume muthwilliger Weise arg beschädigt.
Der im Jahre 1843 gegründete und nach langen Verhandlungen im Jänner 1848 behördlicherseits sanctionierte Männergesangsverein wurde mehrseitig mit Mißtrauen betrachtet und demselben von Uebelgesinnten gelegentlich auch unpatriotische Bestrebungen angedichtet.

Die dritte Beschreibung der Stadt Waidhofen stammt von Pfarrer Augustin Beer, der gegen Ende der Biedermeierzeit im Jahre1842 nach Waidhofen kommt. Er lobt vor allem die unter Bürgermeister Großmann erfolgten Veränderungen in der Stadt, die aber schon zu seiner Zeit nicht unumstritten waren:
Als ich (Pfarrer Augustin Beer) im Jahre 1842 hier eintraf, fand ich noch so manche Gasse, so manchen Punkt in der Stadt, vorzüglich aber in den Vorstädten so unästhetisch und gegen allen besseren Geschmack, ja, man könnte mit Recht sagen, zurückschreckend und selbst ekelhaft, daß es gewiß hoch an der Zeit gewesen, in dieser Beziehung für etwas Besseres Sorge zu tragen.
Diese schöne Hoffnung und Aussicht für dringend notwendige Verbesserungen ergab sich im Jahre 1845 durch die Wahl eines neuen Bürgermeisters, nämlich des Herrn  Joh.Vinz.Gro ßmann, eines wohlhabenden Handelsmannes in der Oberen Stadt.

Da viele Gassen und Plätze, besonders in den Vorstädten mit Kohlstadeln, Holzkammern, Rumpel- und Vorratshütten verbaut waren, sah sich der Bürgermeister veranlasst, energisch durchzugreifen. Augustin Beer fährt mit seiner Beschreibung fort:
Bei diesem unangenehmen Bestand der Dinge war es nun notwendig, daß mit einem energischen und ernstlichen Einwirken, vom ästhetischen Sinn und Geschmack geleitet, allen genannten Uebelständen entgegengetreten und ohne alle Nachsicht für die Zukunft dieselben abgestellt und die bereits bestehenden möglichst und soviel tunlich entfernt werden mögen und daß man so gegen alle Widersprüche und verkehrten Ansichten unempfindlich und kalt bleiben möge.
Und gerade in dieser Stimmung und Gemütsverfassung trat der neue Herr Bürgermeister sein Amt an, verbesserte gleich im ersten Jahre recht vieles in der ökonomischen Gebarung des städtischen Einkommens, verbesserte gleich anfangs die schmutzigen Wege und Straßen durch die Vorstädte, die Stadtpflasterungen, bewerkstelligte den teilweisen Umbau des Armen= und Siechenhauses, die Abbrechung des die Einfahrt hindernden Turmes beim Amstettner Tor, die Regulierung und Einfriedung des Redtenbaches oder Flusses durch die Wasservorstadt, die Einfassung der Ufer mit Geländern und die Anpflanzung derselben mit Bäumen.
Viele ekelerregende Gassen und Gässchen wurden gereinigt und gangbar gemacht, Wasserleitungen an mehrere Orte der Stadt neu hingeführt, wo dieses das Bedürfnis dringend gefordert. Und dann weiter, was gewiß unumgänglich notwendig war, das alte, alle gute Einfahrt verwehrende Rathaus abgebrochen und so eine schöne Verbindung der Oberen und
Unteren Stadt und die nötige Einfahrt da und dorthin bequem und leicht gemacht.

Nach dieser kurzen Einführung in die Situation der Stadt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, möchte ich den Leser nun zu einem Rundgang durch das biedermeierliche Waidhofen einladen.

5. Rundgang durch Waidhofen um das Jahr 1838

Zell

Beginnen wir unseren biedermeierlichen Stadtrundgang am rechten Ybbsufer, im heutigen Stadtteil Zell, damals noch zur Herrschaft Gleiß gehörig. Die erst in josephinischer Zeit errichtete Zeller Pfarrkirche ist noch mit Schindeln gedeckt. In ihrem Inneren finden sich einige Einrichtungsgegenstände aus dem im Jahre 1786 aufgelassenen Kapuzinerkloster am Graben: die Kanzel, Kirchenstühle, eine Muttergottesstatue, der Taufstein als Weihbrunnkessel, 2 Stützbilder, eine Monstranz und ein Ciborium. Eine Beschreibung der Zeller Kirche aus der Biedermeierzeit gibt Sickingen in seinem 11. Band:
Die hiesige Localpfarre, zu Ehren des heiligen Florian geweiht, wurde erst im Jahre 1784 auf Kosten des Religionsfonds erbaut; denn früher gehörte der Markt Zell größtentheils zur Stadtpfarre Waidhofen.
Die Kirche ist in einfacher schöner Form nach Josephinischer Vorschrift neu gebaut, und befindet sich in der Mitte des Marktes. Das Innere ist blos mit einem Hochaltar allein ausgeschmückt, der ringsum frei steht; die Mensa ist gemauert, und der Tabernakel von Holz mit einigen vergoldeten Schnitzwerk niedlich geziert. Vier gut gebildete Engelsgestalten stimmen das Herz des Frommgläubigen zur Andacht. Merkwürdigkeiten sind keine vorhanden.

Übrigens, im Jahr unseres Rundganges (1838) finden einige Wechsel in der Führung der Pfarre Zell statt. Paul Hietzger betreut die Pfarre Zell bis Juni 1838, gefolgt von Provisor Ambros Röhrich, der die Pfarre bis August leitet. Ab September wird dann Johann Baumstark als Pfarrer eingesetzt:
Den 2.7ber 838. Heute wurde im Markte Zell die Installation des am 25. August angekommenen Pfarrers Baumstark feyerlich abgehalten.

Nach diesem kurzen Besuch in der Kirche gehen wir nun langsam flussaufwärts und schauen uns ein wenig im Markt Zell um:
Ein Markt und Gut von 114 Häusern im Hofamte, zunächst der Stadt Waidhofen, welche die Poststation bildet. Kirche und Schule befinden sich hierselbst im Waidhofner Decanate; das Patronat ist landesfürstlich. Landgericht, Grund-, Orts- und Conscriptionsobrigkeit ist die Herrschaft Gleiß. Der Werbkreis ist zum 49. Linien=Infantrie=Regiment einbezogen.
Hier befinden sich 144 Familien, 321 männliche, 335 weibliche Personen und 68 schulfähige Kinder; an Viehstand besitzen sie 7 Pferde, 4 Ochsen, 26 Kühe, 7 Ziegen, 5 Schafe und 109 Schweine.
Die Einwohner sind meist Marktbürger und besitzen daher wenig Grundstücke, weil sie sich mit ihren Gewerben, größtentheils mit Erzeugung verschiedener Eisenwaaren beschäftigen; es gibt auch Kleinhäusler und Inwohner, die vom Tagwerk leben.
Im Markte sind hier vorhanden: 1 Groß-, 2 Klein-Pfannenschmiede, 7 Feilhauer, 4 Schermesser-, 4 Neiger-, 1 Striegel-, 1 Sägblätter-, 3 Scheer-, 2 Nagel-, 1 Messer=-und 1 Schlageisenschmieden, 2 Eisenhändler, 1 gemischte Waarenhandlung, 4 Krämer, 2 Viktualienhändler, 9 Wirthe, 2 Müller, 3 Bäcker, 2 Fleischhauer, 1 Seifensieder, 1 Hufschmied, 1 Riemer, 1 Handschuhmacher, 1 Hutmacher, 1 Tuchscherer, 2 Weber, 1 Büchsenmacher, 1 Tischler, 1 Glaser, 5 Schuhmacher, 3 Schneider, 1 Uhrmacher, 1 Wagner, 1 Drechsler und 2 Musikus.

Der Markt Zell, eine geschlossene Ortschaft bildend, liegt theils eben, theils hügelig, an und ober den steilen Felswänden des Ipsflusses; gegenüber desselben ist die gewerbsame Stadt Waidhofen an der Ips situirt; und abwärts grenzet der Markt bei dem Urlbache an die Rotten Unter=Zell und Schilchermühle, am oberen Ende aber an Arzberg. Die hiesige Gegend mit dem Arzberge kann als Mittelgebirg betrachtet werden, daher ist auch das Klima gemäßigter, und das Wasser gut. Am Ipsflusse stehet die Rohrhofermühle und eine herrschaftliche Bretersäge, am Urlbache die Reichhörmühle. Zwischen Zell und der Stadt Waidhofen besteht eine Communicationsbrücke, dann eine Brücke über den Urlbach. - Die Fischerei wird in dem Ipsfluß betrieben; die Jagdbarkeit ist herrschaftlich, aber unbedeutend.
Am 4. Mai jeden Jahres, am Tage des Kirchenpatrons St. Florian, besuchen einige Krämer den Markt.
Hier im Markte Zell ist der Amtssitz der Herrschaft Gleiß. Das Schloß steht auf einem Felsen, an dem Ufer der Ips; es ist ein im Quadrat erbautes, zwei Stockwerke enthaltendes Gebäude mit einem Thurme, und enthält nur die Verwalters= und Gerichtsdienerswohnung nebst drei Arresten. Bemerkenswerthes ist an demselben nichts zu finden; das Alter ist unbekannt, doch soll es schon einige hundert Jahre alt seyn. ... Philipp Joseph Graf von Ursini und Rosenberg besaß es im Jahre 1760; darauf im Jahre 1767 dessen Sohn Vinzenz; im Jahre 1798 Franz Fürst von Ursini und Rosenberg, und seit dem Jahre 1829 Herr Ferdinand Fürst zu Ursini und Rosenberg.

Nach diesem kurzen Blick auf das biedermeierliche Zell wenden wir uns nun der Commerzialstadt Waidhofen zu.

Die Zellerbrücke

Die Zeller Hochbrücke existiert noch nicht, und so müssen wir unsere Schritte in Richtung Wassergasse lenken. Beim Brunnen vorbei fällt sie relativ steil zum Brückenkopf der alten Zellerbrücke ab. Während wir die Brücke betreten, lassen wir nun langsam den Markt Zell hinter uns zurück.
Auf der Mitte der Zellerbrücke angelangt, können wir wenige Meter unter uns das klare Wasser des im felsigen Bette dahineilenden Ipsflusses rauschen hören, welcher gleich dem Innflusse meergrün an Farbe, ganz hell und rein dabei, übrigens auch sehr reißend ist. Die alte Holzbrücke wird immer wieder durch Hochwässer in Mitleidenschaft gezogen. Erst im Februar 1830 ist sie durch einen Eisstoß beschädigt worden. Da sie zur einen Hälfte der Stadt, zur anderen dem Markte gehörig, müssen sich der Magistrat von Waidhofen sowie die Herrschaft Gleiß zu Zell die Kosten teilen. Die Fischerei liefert Forellen, bisweilen auch Asche, und nicht selten Fischottern und in den Sommermonaten wird die Ybbs auch zum Baden genutzt. Dabei dürften sich die Badenden aber nicht immer nach den Vorstellungen des löblichen Magistrates verhalten haben:

Es ist die Anzeige gemacht worden, daß mehrere Schmidbuben in der Ybs auf die unanständigste Art sich baaden und alle Arten von Unfug treiben. Diese Buben sind mit ihren Lehrherrn u. Eltern vor den Magistrat gerufen, und mit 5 stündigem Arrest abgestrafft, ihnen aber ist das Baaden für immer verbothen worden. Uibrigens hat man auch den Gleißerischen die Anzeige gemacht, damit auch die Zeller Buben abgestrafft werden sollen.
Ein weiterer Fall ungebührlichen Badeverhaltens wird aus dem Jahr 1847 berichtet. Wieder ist es ein Mitglied des Schmiedehandwerkes, das den Unmut der Behörden erweckt:

Den 1. August 1847 hat sich ein Schmiedgesell, der wohl etwas betrunken seyn mochte, bey der Ybbs durch Hinabspringen von der Zellerbrücke in die Tiefe der Ybbs gebadet, und schwamm jederzeit auf die Waidhofnerseite hinaus, wo er dann wieder auf die Brücke ging und hineinsprang. Dieß wiederholte er so oft bis er gerichtlich abgeschafft wurde.

Flößerei wird auf der Ybbs derzeit keine betrieben. Sie wurde bis zum Jahr 1819 ausgeübt und wird erst wieder im Jahr 1865 aufgenommen werden.
Auf der Waidhofner Seite mündet die Brücke noch immer in das alte Zellerbrückentor, ein turmartiges Gebäude, das erst in den 40iger Jahren des 19. Jahrhunderts abgerissen wird. Bis 1819 wird das Zellerbrücken Thor, so wie die anderen Stadttore, noch jeden Abend versperrt. Im August dieses Jahres wird diese Torsperre aber aufgehoben, da eine solche Spörr in keinem Orte mehr bestehet.

Unter der Leithen

Durch dieses Tor begeben wir uns nun auf das linke Ybbsufer und betreten somit das Gebiet der ehemals freisingischen und seit 1803 landesfürstlichen Stadt Waidhofen. Zu unserer Linken befindet sich eine noch bis heute bestehende Fassbinderei, damals im Besitze der Familie Möst (später Mayrhofer). An einem Bierwirt, Klingenschmied, Bohrerschmied, Schlosser, einer Vermischten Warenhandlung, weiteren zwei Bierwirten und einem Schermessererbetrieb vorbei, gehen wir nun die gegen das Ende hin steil ansteigende Straße zum Ybbsturm hinauf. Dort sehen wir das Ybbstor, wie es Sickingen beschreibt:
Das Ipsthor, über welchem ein großer viereckiger Thurm sich erhebt mit Uhr und Schindelkuppel, wobei über den Thorbogen gegen die Vorstadt Leithen, zu lesen ist: ferrum chalybsque urbis nutrimenta (Eisen und Stahl die Hauptnahrungsquellen der Stadt)
Zur Erinnerung an die Türkenzeit hängt über dem Ybbstor (wie auch über dem Amstettnertor) damals noch ein erbeuteter Türkensattel. Die Turmuhr funktioniert wieder ausgezeichnet. Die Reparatur wurde erst vor kurzem dem bürgerlichen Uhrmachermeister Preiner mit dem beysatze überlassen, daß er sogleich an dieses Werk Hand anzulegen, und diese Arbeit auf die zweckmäßigste Art herzustellen habe.
Zusätzlich zur Inschrift über dem Tor erhält der Ybbsturm am 30. Oktober 1841 unter Bürgermeister Johann Haller einen Adler mit zwei Schildern, so wie er sich bis heute dem Betrachter präsentiert:
30.Xmber 1841. Man ist ganz einverstanden, daß nach dem vom H. Bürgermeister producirten Profil das Ybbsthor gegen die Vorstadt Leiten mit einem Adler und zwei Schildern bei der Uiberschrift geziert wird, und die Besorgung dessen dem Herrn Bürgermeister überlassen werden solle.
Durch dieses Tor fährt im Winter des Jahres 1847 eine Schlittengesellschaft in die Stadt. Für uns bietet diese Eintragung in die Pettersche Chronik die einmalige Möglichkeit, einer biedermeierlichen Schlittenfahrt beizuwohnen:

Den 28.Jänner 1847 kamen gegen 2 Uhr eine Schlittengesellschaft von den Bewohnern von Ybbsitz hier an. Die Gesellschaft bestand aus 20 Schlittenzügen, dann einem seperirten Musikschlitten und 3 Vorreithern. Sie fuhren beym Ybbsthor herein, beim Schloß hinaus, durch die untere Stadt durch, über den Graben und zum Wirthe Stummer (Gasthaus Zum goldenen Löwen bei der Zellerbrücke), wo die Gesellschaft ein Soupe veranstaltet hatte.

Graben und Klosterkirche

An der Florianikapelle vorbei wenden wir uns nun dem Graben zu. Der alte Stadtgraben ist ja schon 1806 zugeschüttet worden und an seiner Stelle wurden Gärten angelegt. Wie man auf einer der Lithographien von Josef Gabriel Frey sehen kann, führt ein mit Pappeln bepflanzter Spazierweg vom Ybbsturm bis fast zur Spitalkirche. Einige Waidhofner Kinder dürften die Bäume im August 1831 zu Spielzwecken missbraucht haben: Es wurden einige Kinder wegen Beschädigung der Pappelbäum auf dem Graben zu Rede gestellt, und ihnen dieser Frevel mit der Warnung verwiesen, daß in der Folge in dieser Hinsicht körperliche Züchtigung statt finden werde.
Gleich nach der Kapelle fällt uns das um 1820 errichtete Haus des Schuhmachermeisters Franz Radlberger (heute Gollner) auf, ein schönes Beispiel biedermeierlicher Architektur.
Während der Zeit des Jahrmarktes werden am Graben immer wieder Belustigungen für die Bevölkerung von fahrendem Volk angeboten. Stellvertretend für die vielen Berichte in Petters Chronik zwei Beispiele:
Am 26. July 1845. Bey den jetzt eingetretenen Jahrmarkte ist wieder einer mit einem Ringelspiel Namens Anton Labrü angekommen, und sein Spiel auf dem Graben aufgestellt, und wird den ganzen Markt hier verbleiben. Er führt einen maschinösen Wagen mit breiten Rädern mit sich, worauf Sie wohnen, schlafen, kochen sowie in einem kleinen Haus, alle Bequemlichkeit finden können. Das Ringelspiel selbst aber wird auf einem extra Beiwagen transportiert.
Beim zweiten Beispiel handelt es sich um eine nach heutigem Verständnis diskriminierende, öffentliche Zurschaustellung eines Behinderten, quasi als Jahrmarktsattraktion:
Am 25. July 1847. Bei der eingetretenen Jahrmarktszeit ist auch hier eine Ausstellung auf dem Graben, in der Gegend beym Schuhmacher Radlberger, eines Zwerges erschienen, welchen ein paar Tyroler Eheleut zur Schau bei sich hatten. Diese menschliche Figur hatte keine Hände schon von Geburt aus, und machte mit den Füßen alle nur möglichen Gegenstände, was oft der gehörig gestaltete Mensch nicht zu erzeugen vermag. Er hatte auf dem Anschlagzettel den Titel: Der Christen Mensch, das größte Wunder in der Welt, oder der Spannlange Sepl. Er maß 2 Schuh 3 Zoll Höhe (ca. 72 cm) und war 19 J. alt.
Dominiert wird der Graben von der Klosterkirche. 1786 unter Josef II. aufgelassen, wird sie 1834 wieder eingeweiht. Die vor allem 1831 in Wien auftretende Cholera hat einige Waidhofner dazu veranlasst, sich der entweihten Kirche zu erinnern. Gemeinsam mit dem späteren Bischof von St.Pölten, Anton Puchmayr, setzt man alles daran, die als Kohlenlagerplatz, Wagenremise und Schweinestall verwendete Kirche zu renovieren und wieder einweihen zu lassen. Die Cholera erreicht damals Waidhofen aber gottseidank nicht. In den Sterbebüchern der Pfarre, die damals schon bei jedem Verstorbenen die genaue Todesursache angeben, ist für den Zeitraum 1830 - 1832 kein einziger Cholerafall nachweisbar. Es werden jedoch Vorkehrungen für den Fall einer Choleraepidemie getroffen: Im Februar 1831 erhalten die Waidhofner Wundärzte vom Magistrat ein Exemplar über die Behandlung der Cholera morbus zum nöthigen Gebrauche. Im August legt der Stadtrat folgendes fest: Für den Fall, als die Cholera morbus nach Waidhofen kommen sollte, wird das Armenhaus zum Lazareth bestimmt, und zur Bedienung und Wartung der Kranken 6 männliche dann 7 weibliche Individuen aufgenommen. Aber auch durch Gebetsstunden in der Kirche versucht man, eine Epidemie von der Stadt abzuwenden. Dies geht aus einem Ansuchen des Mesners Johann Georg Stockreiter hervor, dem für das 48 mahlige Cholera-Bethstundläuten der Betrag von 14f 24x Con.M. aus städtischem Oberkammeramte gegen Quittung ausbezahlt werden.

Tatsächlich gelingt es den Bewohnern der Stadt, die Renovierung der Kirche im Jahre 1834 abzuschließen. Der gebürtige Waidhofner und spätere Bischof von St.Pölten, Propst Anton Puchmayr, nimmt selbst die Weihe der Kirche am 5. Oktober 1834 im Rahmen einer großen Feierlichkeit vor:
Um 8 Uhr wurde zuerst wie alle Jahre das Geburtsfest  Sr. Majestät Franz I. gefeiert, ... Nach vollbrachter Funktion begann nun das so sehnlich allgemein gewünschte Freudenfest, nämlich die Einweihung der entweihten und zu einem Schweinestall versetzten Kapuzinerkirche. Dieses Fest wurde nun auf nachstehende Art begonnen: Beiläufig zwischen 9 und 10 Uhr eröffneten die Spitäler, Armen- und Siechenhäusler den feierlichen Zug, darauf folgte die Bauernschaft mit ihrer Fahne, nach diesen alle Zünfte mit ihren Fahnen, dann eine Abteilung des Bürgerkorps samt der Musikbanda, nach dieser Abteilung kam die hohe Geistlichkeit, bestehend aus dem infulierten Propst von Ardagger, Domherrn zu St.Pölten und wirklichen Hofrat Anton Puchmayr mit Inful und Stab, dann dem Herrn Dechant Jakob Wagner allhier samt den zwei Kooperatoren, dann dem Herrn Pfarrer von Wieselburg, von Markt Zell und Konradsheim und Spitalpfarrer, an die Geistlichkeit schloß sich der löbl. Magistrat samt Ausschußmännern und dann die zweite Abteilung des Bürgerkorps, nach diesen kam noch wie am Fronleichnamstag eine ungeheure Menschenzahl männlichen und weiblichen Geschlechts. Dieser feierliche Zug ging von der Pfarrkirche unter dem Geläute aller Glocken beim Ybbstor hinaus und von da gerade zur Johanniskirche, versteht sich von selbst, sehr langsam.
Die wiederhergestellte Kirche ist dem heiligen Franziskus geweiht und das Ratsprotokoll vermeldet mit sichtlichem Stolz und großer Genugtuung, dass diese Kirche den Namenspatron Sr. Majestät auf dem Hochaltar führet.

Aber schauen wir uns zunächst den Vorplatz der neu eingeweihten Kirche an, wie er sich dem Chronisten Sebastian Petter im Oktober1834 präsentiert hat:
Diese Kirche besitzt einen sehr angenehmen Platz, nämlich mitten auf dem Promenadenplatz, und ist auf beiden Seiten, rechts und links, mit einer Kapelle bekränzt, wo eine Vormauer mit Gitter und mitten der Eingang über 3 Staffel sich befindet. Die Kapelle rechts, wenn man von der Kirche herausgeht, stellt Christus vor in Statue, wie er am Stock angeschlossen worden war, genannt „Unser Herrgott auf der Wies“, links die Kapelle mit Statue, die hl. Anna vorstellend, und von der Kirche gegenüber, im Mittelpunkt, ebenfalls gegen die Kirche gewendet, die Statue des hl. Johann v. Nepomuk. Diese Kapelle ist aber bedeutend größer als die anderen zwei. Diese drei Kapellen vereinen ein anmutiges Kleeblatt. Alle drei Kapellen sind mit eisernem Gitter versehen und jede hat in der Mitte ihre eigene Lampe hängend, welche sehr oft von Wohltätern beleuchtet werden.

Eine Beschreibung der Kirche selbst findet man bei Sickingen: Die ehemalige Kapuzinerkirche, zum heiligen Franziskus von Assisi, trifft der Wanderer zunächst des neuangelegten Spazierganges, in der Vorstadt Leithen. Sie ist von ganz einfacher Bauart mit Schindeldache, und einem kleinen hölzernen Thurme mit zwei Glocken. Der Hochaltar enthält das Bildniß des heiligen Franziskus, des Kirchenpatrons, die Seitenaltäre sind dem heiligen Moritz und Valentin gewidmet, welche aber Altarblätter haben, die noch unter der Mittelmäßigkeit stehen. An die Kirche an ist die einstöckige Wohnung des Geistlichen.

Wenn wir nun von der Klosterkirche weiter in Richtung Friedhof gehen (heute Schillerpark) kommen wir am Gasthaus des Wirtes Preitenlahner, (heute Gendarmerie) vorbei. In dieses Gasthaus (Zur Weißen Rose, später Haus Österreich86) wurde am 5. Oktober 1834, dem Einweihungstag der Franziskuskirche, nach den Feierlichkeiten zur Tafel gebeten:
So dauerte dieses so hohe, merkwürdige, höchst erfreuliche und nie erlebte Fest bis 1 Uhr mittags. Sodann ging die Geistlichkeit, von dem Magistrat, Ausschußmännern, dem Offizierskorps und mehreren Honoratioren begleitet, zur Tafel zum Wirt Fr. Preitenlahner, wo auch vom H. Hofrat Puchmayr auf seine Rechnung 70 Arme abgespeist wurden, welche eine Mahlzeit von 9 Speisen, jedweds 1/2 Bier und 1 Seitel Wein empfingen. Die Tafel der Honoratioren, bei 30 an der Zahl, wurde von dem Wirt Preitenlahner auf das prächtigste ausgerichtet, so daß er alles Lob von dem  H.Hofrat und allen anderen Herren erhielt.
Das eben erwähnte Gasthaus Preitenlahner (vormals Leopold Pichler, später Joseph Pamer) ist in den 30iger Jahren des 19. Jahrhunderts. eines der Zentren des gesellschaftlichen Lebens in Waidhofen. Die Bürgergarde hat ihren Versammlungsplatz vor diesem Gasthaus am Graben und am 6. Oktober 1833, dem Namensfest des Kaisers, finden nach Kirchgang und Parade die abschließenden Festlichkeiten in diesem Hause statt. Petter schildert uns sehr ausführlich, wie die Waidhofner damals ihrem Monarchen huldigen:
... Als auch dies beendet war, eröffnete sich erst die Tafel beim Wirth Preitenlahner, wobey zugleich das Lied „Gott erhalte Franz den Kaiser“ abgesungen wurde. Als dies Lied begann, eröffnete sich das letzte Zimmer, und das Brustbild Sr. Majestät mit einem sehr schönen Transparente mit einem egyptischen Opferfeuer stellte sich feierlich dar, und auch ein allgemeines
B r a v o und l e b e h o c h scholl aus jedem Munde. Auf beiden Seiten dieses Transparentes standen 3 Mann von der Bürgergarde mit ober und unter Gewehr da, und auf dem Holzplatze nahe beym StadtStadl wurden die Böller abgefeuert. Den Schluß dieses feyerlichen Tages machte der Ball, der auch rechtmäßig und ordentlich ablief.

Aber auch große musikalische Aufführungen finden im Saal dieses Hauses statt. Ein für die biedermeierliche Musikszene einmaliges Zeitdokument ist Petters Schilderung einer Aufführung von Haydns Schöpfung in den Räumlichkeiten dieses Gasthauses. Er gibt dabei am Rande auch die genaue Besetzung an:
Chor: 12 Diskantisten, 6 Altisten, 6 Tenoristen, 6 Paßisten
Orchester: 2 Oboen, 2 Clar., 2 Flöten, 2 Horn, 2 Fagot, 2 Tromp, Pauk, Violin 10, Viola 2, Pasetl u. Pahs 4, 1 Director
Wie man dieser Aufstellung entnehmen kann, wirken an dieser Aufführung 60 Musiker mit. Über den Ablauf berichtet Petter folgendes:
Große Musikalische Academie
Den 17tenMerz 1834 wurde bey dem Wirth Hr. Preitenlahner am Graben, von den hiesigen Diletanten zum besten der Armen aufgeführt die Schöpfung von Haiden. Hierbey beliefen sich die Einnahmen über 38 f CM. Dieser Betrag ist ... mit Abzug aller Auslagen an das hiesige Armen=Institut abgeführt worden. Dieses große Werk ist auf dem hiesigen Ort so aufgeführt worden, daß es wirklich zu bewundern war, und auch von dem zahlreichen Auditorium allgemein belobt worden, mit dem Beisatz, daß sie es nicht auf hier erwartet hätten, und (man) wirklich diß auf der Breit /:außer Wien und Linz:/ nicht gefunden oder gehört hat. Denn auf diese kleine Stadt kommen doch 60 Musiker zusammen, und diß nur die vorzüglichsten, denn Waidhofen hat deren sehr viele.

Nach diesem kurzen Besuch beim Preitenlahner lenken wir unsere Schritte nun zum Friedhof im heutigen Schillerpark.

Der Friedhof im heutigen Schillerpark

Auf dem noch unverbauten Platz, auf welchem erst im Jahre 1905 das Gebäude des heutigen Bundesrealgymnasiums errichtet werden wird, befindet sich zur Zeit unseres Rundganges der städtische Holzplatz mit den Tischlerhütten. An diesen vorbei gelangen wir dort, wo sich heute der Schillerpark befindet, zu einem der damals schönsten Friedhöfe in unserer Gegend. Sickingen erwähnt den Friedhof leider nur sehr kurz als am Fusse des sich daselbst erhebenden Leim- oder Lehmberges liegend. Laut Aussagen von Zeitgenossen aus der Zeit um 1870 soll dieser Friedhof mit seinen Laubengängen auf toskanischen Säulen, der Michaelskapelle, den Epitaphien und kunstvollen Schmiedeeisengittern den Namen eines Kunstbaues verdient haben. Fahrngruber behauptet sogar, dass Waidhofen im ganzen Umkreise auf viele Meilen hinaus - den weitaus schönsten Gottesacker besitzt.
Ein biedermeierliches Detail am Rande: Der oben erwähnte Bischof Anton Puchmayr (auch Buchmayer) ließ sich in der Michaelskapelle dieses Friedhofs eine Gruft errichten. Da ihm aber die Waidhofner im Revolutionsjahr 1848 einen zu großen Freiheitsdrang entwickelten (der genaue Grund ist leider nicht bekannt), beschloss er aus Protest seine Grabstätte anderswohin zu verlegen. Fahrngruber beschreibt ein Treffen einer Waidhofner Abordnung mit dem Bischof in St.Pölten, wo dieser gesagt haben soll: Was sind das für unbesonnene Streiche, die man hört von Euch? - Der Bischof dürfte über seine Waidhofner schwer verärgert gewesen sein, denn seine Strafpredigt endete mit dem Satz: Jetzt will ich nicht’mal tot bei meinen Landsleuten bleiben! - Und so blieb die Gruft leer.
Die Einsegnung der Toten sowie das Requiem fanden damals üblicherweise in der Stadtpfarrkirche statt, wohin der Sarg vom Trauerhaus aus gebracht wurde. Danach nahm der Trauerzug seinen Weg über den Oberen Stadtplatz durch das Ybbstor und über den Graben an der Klosterkirche vorbei zum Friedhof im Schillerpark. Sebastian Petter überliefert uns in seiner Chronik sehr viele, zum teil äußerst detaillierte Schilderungen von Begräbnissen. Sie waren aber nur in Ausnahmefällen so prunkvoll wie das Leichenbegängnis des Schneidermeisters Johann Preißl:

Den 12ten May 1826 war die grosse Leichen:begängniß des am 9ten dieses Monats Abend 8 Uhr verschiedenen, reichen, und sehr grossen Wohltäter der Armen, Spenditeurs der Kirchen, dem Unterstützer nothleidender Bürger, H:  Joh.v.Gott Preißl, bürgerl: Schneidermeister, und zweyten Kirchenpropst. Dieser Leichenzug war einer der größten, seit viellen Jahren her. Es war fürs erste ein ganzer Conduct, mit 6 Geistlichen. Über die Baare ein auf beyden Seiten sehr langen Überthan, den sowohl vorne als rückwärts 6 Schneidergesellen, schwarz gekleidet mit Kerzen in der Hand und ebenso dazwischen überall 4 Knaben mit Kerzen trugen.
Verner beym Trauerfan, welchen der seelige schon früher dazu spendirte, gingen vorn und rückwärts, zwey mit Trauermäntel, von da ging der große Zug der Bürgerschaft, sodann die Geistlichkeit, dann die Leiche, hernach die Freundschaft, oder Klagleute, dann kam erst wieder der unzählige Zug der Frauen und Kinder. Ganz vorn gingen, sowohl von hier alle Armenhäußler, Siechenhäußler, Spitaller Haußarmen, als auch von der Zell dergleichen, so daß man selbe gut 300 sagen darf. Nach diesen folgte der enorm grosse Zug der Schulkinder, die gewiß über 400 waren. Es starb ein grosser Wohltäter der Armen und Nothleidenden.

Ein Jahr zuvor verstarb das 16-jährige Mädchen Maria Schilder, ein Mädchen von sehr gutem Talente und eine sehr brave forte piano spiellerin. Sie wurde am 6. September 1825 bestattet und Petter gibt auch hier wieder eine sehr ausführliche Schilderung des Trauerzuges:
Ausserordentlich groß und prachtvoll war dies Begräbniß, anfangs gingen die Armen, dann die ungeheure Menge der Bürger, 8 Mußikus, mit meinem Harmonie Marsch96), der sehr schön und rührend war, dann 8 ganz kleine, ganz weiß gekleidete in der Mitte mit schwarzen Band umgürtete Mädchen ohne Haube, dann 3 Geistliche, dann folgte die Leiche, welche von 8 ledigen jungen Leuthen, ganz schwarz gekleidet, getragen wurde. Auf der Seite gingen wiederum 4 Junggesellen mit Windlicht, dann von allen Handwerken, zwey Meister mit Windlicht, wo Hr. Schilder Comisär ist. Die Leiche selbst war mit Kränze und Gürlanden prächtig umwunden. Nach dieser folgten wieder 7 Paar aber grössere Mädchen, ebenfalls ganz weiß mit schwarzen Binden, dann kamen erst die Trauernden selbst, welcher Zug auch nicht unbedeutend war. Kurz, es war eine der größten Leichen ...
Aber nur die wenigsten Leichenbegängnisse waren so prunkvoll wie die beiden eben beschriebenen. So berichtet Petter am 28.Jänner 1825 über das Begräbnis der Frau des Sebastian Ramsner:
Den 28ten Jänner, wurde die Sebastian Ramsnerin auf der Leuten begraben. Sie starb in Kindbette, in einem Alter von 40 Jahren, und hinteließ einen armen Mann, mit 7 unmündigen Kindern. Herr Dechant mußte sie, auf Anordnung des Magistrat, unentgeldlich begraben.

Der Buchenberg

Bevor wir uns nun vom Friedhof hinunter in die Stadt begeben, wenden wir unseren Blick kurz dem Buchenberg zu, an dessen Fuß der Friedhof liegt:
Unter den Waidhofens Lage so reizend bildenden Bergen, zeichnen sich an Höhe besonders aus, und sind als Eigenthum der Stadt zu bemerken: der gegen Süden und zwar ganz zunächst der Vorstadt Leithen sich erhebende Buchenberg, dessen unterer Theil, ebenfalls eine besondere Höhe bildend, der Lehmberg genannt wird, und durchaus mit Nadel=und Laubholz bewachsen ist, dessen Flächenraum 363 Joch 57 Quadr.Klafter beträgt; ....
Der Buchenberg sowie die übrigen Waldgebiete der Stadt sind für die Bevölkerung eine wichtige Rohstoffquelle. Neben dem Wasser bietet der Buchenberg den Menschen damals vor allem Bauholz, Klaubholz (=Brennholz), Laubstreu, Grass und Lehm. Um unbefugten Entnahmen aus den städtischen Waldungen entgegenzutreten, werden auch in der Biedermeierzeit immer wieder Verordnungen erlassen:
Zur Vermeidung des überhandnehmenden Waldfrevels werden folgende Directiven republiciert:
I. Zur Sammlung des Klaubholzes in den städtischen Waldungen werden wöchentlich die zwei Tage und zwar Montag und Freytag Vor- und Nachmittag bestimmt.
II. Niemand darf ohne besondere Bewilligung ausser diesen Tagen den Wald betreten, und es wird auch strenge untersagt, selbst an den Klaubholztagen eine Hacke, Säge, Sichel, Sense oder ein Schießgewehr in den Wald mitzunehmen.
III. Ohne Bewilligung der Waldaufsicht darf niemand Lehm vom städt. Grunde nehmen, oder aus den Waldungen Streu nach Hause führen oder tragen. Für eine Fuhr Lehm muß ein jeder Bürger zehn Kreuzer CM. fremde Unterthanen aber Achtzehn Kreuzer CM. zum städt. Oberkammeramte abführen. Eine Fuhr Laubstreu muß mit Vier und zwanzig Kreuzern und für einen Tragbund aber Sechs Kreuzer Conv.Münze eben dahin erlegt werden.
IV. Die Wald-Aufsicht hat jedesmahl den Platz anzuweisen, allwo entweder Lehm geladen, oder Streu gesammelt werden soll.
V. Wer gegen diese Bestimmung handelt, der wird ohne Unterschied als Wald-Frevler zur Verantwortung gezogen, und nach Umständen auch nach dem Strafgesetze wegen Walddiebstahls als schw. Pol. Uibertreter, oder sogar als Verbrecher behandelt werden.
Geschlossen und gefertigt
Joh. Haller
Bürgermeister

Obwohl außer dem Kleinen Kreuz (auch Josephi Kreuz) und dem Großen Kreuz damals im Bereich des Buchenberges noch keine Kapellen existieren, muss es aber bereits in der Biedermeierzeit einen ersten Vorläufer der in der 2.Hälfte des 19. Jharhunderts entstandenen Kapellen auf dem Berg gegeben haben. Warum diese Kapelle aber auf Anzeige des damaligen Dechants Gottfried von Dreger entfernt wurde, warum das Marienbildnis um 5 Uhr früh (!) in die Kreuzkapelle übertragen wurde und welche Art von Unfug den Dechant dazu veranlasste, ist nicht bekannt:
Dem Creisämtl. Auftrags Dt:28 ... gefolgt, soll über Anzeige des hiesigen Hr Dechants das Marienbild im Buchenberge zur Vermeidung des bis jetzt Stell gehabten Unfuges auf eine den Zeitumständen angemessene Art herabgeschafft werden.
Resolution.
Mit Einvernehmen des Herrn Dechant soll dieses Marienbild in Gegenwart 2 Magistratualen auf eine bescheidene Art herabgetragen, die dort befindliche Kapelle zerstört, und dieses geschnitzte Bild soll dann in die sogenannte Kreuzkapelle, unweit der Vorstadt Leithen aufgestellt werden. Da das eingehende Opfergeld in dieser Kreuzkapelle ohnehin zum Normalschulfond bestimmt ist, so soll nebst dem Kirchenverwalter Plankh, der Steuereinnehmer Czerny die Sperre von den Opferstöcken haben, und gemeinschaftlich sich controllierend Rechnung hierüber führen. Dieser Resolution ist der Hr. Dechant mit dem beysatze in die Kenntniß zu setzen, daß morgen um 5 Uhr früh diese Transportierung auf eine den Umständen angemessene Weise vorgenommen werden solle.

Wie das Aquarell Carl Springenschmidts mit dem Titel Ansicht des Untern Stadt Platzes in Waidhofen an der Yps aus dem Waidhofner Heimatmuseum zeigt, sind im Bereich des Fuchsbichl Kraut- und Gemüsegärten angelegt.
Die Jagd auf den die Stadt umgebenden Bergen steht der Stadt zu und liefert Rehe, Hasen und Füchse, doch nicht in großer Zahl.

Der Viehmarkt

Nach diesem kurzen Blick auf den Buchenberg gehen wir nun vom Friedhof den Berg hinunter zum Bürgerspital. Auf dem gesamten Areal zwischen Friedhof, Spitalkirche und Ybbsturm (Städtischer Holzplatz, ehemaliger Ochsenplatz und Graben) wird damals der Viehmarkt abgehalten. Sickingen erwähnt zwei Viehmärkte, am Dienstag in der zweiten Osterwoche und am Dienstag in der zweiten Oktoberwoche. Es werden vor allem Ochsen (als Zugtiere unentbehrlich) aber auch Kühe, Jungvieh und Schweine gehandelt.
Einer der größten Viehmärkte findet am 8. Oktober 1839 statt. Petter nennt ihn seit Entstehung dieses Hornviehmarktes den größten derselben, indem mehr als 2500 Stück am Platze waren. Er berechnet weiters, dass dieser Markt für das städtische Kammeramt, das pro Stück Vieh 3 Kreuzer CM einhebt, eine Einnahme von 125 Gulden CM bedeutet. Die Anzahl der Menschen auf diesem Viehmarkt war, laut Petter, grenzenlos.
Diesen, das ganze 19. Jahrundert stets sehr gut besuchten Viehmarkt erwähnt auch Bürgermeister Plenker in seinen Erinnerungen. Er schreibt:
Bis dahin (1895) wurden die Viehmärkte am Graben, Holzplatz und in der Pocksteinerstraße bis zur Zelinkagasse abgehalten. Die Märkte waren stark besucht, und oft standen die Rinder vom Ybbsthore bis zur Spitalkirche, bis zum alten Friedhofe (Schillerpark) und bis zur Zelinkagasse.
An diesen Markttagen musste sogar schulfrei gegeben werden, da es für die Kinder aus der Stadt unmöglich war, zum Schulgebäude im ehemaligen Kapuzinerkloster (heute RIZ) zu gelangen.

Das Bürgerspital

Über den unterhalb des Holzplatzes liegenden Teil des Grabens gelangen wir nun in den Bereich des alten Waidhofner Bürgerspitals. Wir betreten ihn durch das um 1838 noch bestehende Spitaltor. Es befindet sich bei der Einfahrt vom Kreisverkehr in die Stadt und fällt erst 1848 der Spitzhacke zum Opfer. Der obere Teil der Befestigungsmauer rund um das Spital wird bereits ein Jahr früher (1847) abgerissen. In diesem, aus der alten Katharinenkirche und dem daran angebauten Spitalsgebäude bestehenden Stadtteil haben viele alte und verarmte Bürger ihren Lebensabend verbracht:

Das Bürgerspital befindet sich am Thore nach Weyer, oder dem Spitalthore in der unteren Stadt; es hat eine eigene Dominikal=Gülten=Einlage, wird vom Magistrat verwaltet, und enthält 33 Pfründner, männlichen und weiblichen Geschlechts. Das Gebäude ist einstöckig mit Schindeldach, sehr gut bestiftet, und bestand bereits im XII. Jahrhundert.
Dabei ist auch eine Kirche, allgemein die Spitalkirche genannt, von gothischer Bauart, mit Thurm und Blechkuppel, zwei Glocken und einer Uhr. Das Innere hat gothische Wölbung, der Hochaltar, zu Ehren der heiligen Katharina geweiht, und mit ihrem Bilde geschmückt, ist von Holz und vergoldet. Die daselbst bestehenden drei Seitenaltäre, zum heiligen Kreuz, zur Maria=Himmelfahrt und der Frauenaltar sind sämmtliche von Holz mit Vergoldung, letzterer mit besonders guter Schnitzarbeit. In einem der gothischen Bogenfenster gewahrt man eine alte Glasmalerei, das Wappen der hiesigen Messerer oder Messerklingenverfertiger, und daneben die Monstranze darstellend, die sie an die Pfarrkirche schenkten. Die Wohnung des Beneficiaten ist im Spitalgebäude.
Das Spital ist vorwiegend für die Altenversorgung von Waidhofner Bürgern zuständig, es werden aber auch Sozialfälle, Behinderte und Waisenkinder in diesem Hause untergebracht. Mit dem Abriss des Spitaltores im Jahre 1848 wird auch die Kirche einer Renovierung unterzogen, über die Petter folgendes berichtet:
Bei dem jetzt begonnenen Umbau des Bürgerspitales wurde von dem vielen erzeugten Schotter eine eigene, von Herrn Bürgermeister Großmann angeschaffte Verwendung vorgenommen. Die nebenstehende Kirche, Spitalkirche, hatte eine Vertiefung beim Eingang von 3 Stufen und beim Speisgitter wieder 3 Stufen gegen den Hochaltar aufwärts. Um dies zu vermeiden, ließ Herr Bürgermeister das Pflaster in der Kirche aufreißen und verwendete den Schotter zur Ebenmachung dieser Kirche. Nun ist selbe schön und ordentlich hergestellt. man hat jetzt nur die kleine, abwärtsgehende Türschwelle und übrigens ist der ganze Raum der Kirche bis zum Altar ebenhin. Nur bei der Kapelle der hl. Mutter Gottes blieb die alte Tiefe, weil selbe sich nicht heben ließ und man in selbe über 3 Stufen kommt, was aber dieser Kapelle sehr gut zusteht. An dieser Kapelle läßt sich ersehen, wie tief die Kirche früher war.
Für die ärztliche Versorgung im Bürgerspital muss der Stadtphysikus laut Anstellungsdekret unentgeltlich sorgen.
Das Bürgerspital ist auch in der Biedermeierzeit oft überfüllt, und die Bittsteller müssen manchmal längere Zeit auf ihre Aufnahme warten. Stellvertretend für die vielen Ansuchen zwei Beispiele aus den Jahren 1835 und 1839:

Da das hiesige Bürgerspital mit Pfründlern gänzlich besetzt ist, so kann der Bitte der Josepha Wagner, Bürgerswitwe von hier, nicht entsprochen werden. Und auch die im Jahre 1839 63-jährige mühselige städtische Brunnführers-Witwe Theresia Auer kann erst ins Spital aufgenommen werden, sobald sich ein Platz eröffnet.

Der Untere Stadtplatz

Das Areal des Bürgerspitals ist durch zwei Tortürme begrenzt. Durch das Spitaltor haben wir vom Graben her den Spitalsbereich betreten und durch das Weyrertor (heute: Engstelle beim Unimarkt) gelangen wir nun in die Untere Stadt. Dieses Stadttor bleibt bis zum Jahre 1872 bestehen. Es ist auf den Lithographien Freys noch gut zu erkennen.
Der Untere Stadtplatz ist jener Platz, auf welchem seit den Anfängen der Stadt der Wochenmarkt abgehalten wird. Er dient der Nahversorgung, ist aber nach wie vor auch ein wichtiger Getreidemarkt, auf welchem Proviantgetreide für die Region um Eisenerz gehandelt wird. In der Biedermeierzeit findet der Wochenmarkt am Dienstag statt. Sickingen bemerkt, dass der Waidhofner Wochenmarkt sehr bedeutend ist, da sich vorzüglich die benachbarten Steiermärker hier mit den Fruchtkörnergattungen versehen.
Es werden vor allem Weizen, Korn, Gerste, Hafer und Wicken auf diesen Markt gebracht. Öfters ist der Untere Stadtplatz zu dieser Zeit am Markttag mit über 100 mit Getreide beladenen Wägen, die vom Amstettnertor bis zum Weyrertor stehen, überfüllt. Für den 19. April 1825 zum Beispiel wird die Rekordzahl von über 150 Getreidewägen und 4500 Metzen Getreide (ca. 200 Tonnen) am Wochenmarkt angegeben. Aber auch Erdäpfel, Wein, Branntwein, Most, Schmalz, Eier, Geflügel, Salz, Mehl und Grünzeug werden auf diesem Markt angeboten.
Für den Gemüsemarkt ist aus dem Jahre 1837 eine Verordnung erhalten. In dieser wird dem Wochenmarkts-Commisär aufgetragen, die Qualität der angebotenen Lebensmittel zu kontrollieren. Sollte er Mängel feststellen, so sind diese Lebensmittel allsogleich und ohne Schonung zu vertilgen.
Um die Reinigung des Unteren Stadtplatzes nach dem Wochenmarkt zu regeln, wird vom Magistrat unter Androhung einer Geldstrafe bestimmt, daß jeder Hausbesitzer oder Miether der unteren Stadt nach jedem Wochenmarkte nach der Breite seines Hauses zu reinigen und den Unflat wegzubringen habe.
Der Untere Stadtplatz besitzt links und rechts einen gepflasterten Gehsteig, der Rest ist aber noch Staubstraße und bei Regen, Schnee oder Tauwetter dementsprechend schmutzig.
In der Unteren Stadt sind um 1838 folgende Gewerbe nachweisbar:

Bierwirt und Bäcker (1)
Bierwirt und Greißlerei (1)
Bürstenbinder (1)
Chirurg (1)
Eisenhändler (6)
Fleischhauer (2)
Gastgeb (1)
Großfuhrmann und Wirt (1)
Hufschmied (1)
Hutmacher (1)
Greißler (1)
Kleidermacher (1)
Kürschner (1)
Lebzelter (1)
Nadler (1)
Posamentierer (1)
Postmeister (1)
Riemer (1)
Schuhmacher (3)
Seifensieder (1)
Sensenhändler (3)
Silberarbeiter (2)
Strumpfwirker (1)
Vermischte Waren und Spezereien (1)
Weinwirt (1)
Wirt (3)


Am Gasthaus Zum goldenen Hirschen (heute Unterer Stadtplatz Nr.28) und am Brunnen vorbei gelangen wir zum Seifensieder Greiner (Nr.18) auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes. Die Seifensieder, die aus tierischen und pflanzlichen Fetten Seifen, aber auch Kerzen und Öl herstellen, sind in der Biedermeierzeit für die Beleuchtung von großer Bedeutung. So werden die 38 Laternen, mit denen die Stadt damals in der Nacht beleuchtet wird, regelmäßig mit Öl vom Seifensieder aufgefüllt.
Im heutigen Haus Nr.32 (Sorgner) befindet sich damals die Lebzelterei des langjährigen Waidhofner Bürgermeisters Florian Frieß (1799 - 1828). Er lenkte die Geschicke der Stadt während der schweren Zeit der Franzosenkriege und steht auch am Beginn der Biedermeierzeit der Gemeinde vor. Florian Frieß stirbt im Alter von 65. Jahren am 6. April 1828. Über seine Beerdigung schreibt Petter:
Unerhört großer Leichenzug. Die untere und obere Stadt war angefüllt mit Leuten und da auch das Bürgerkorps paradieren mußte, so kam es einem Fronleichnamszug ähnlich.
Gegenüber der Lebzelterei Frieß liegt das Gasthaus Zur roten Rose (Nr. 14/15, Pöchhacker). Für dieses wie auch für alle anderen Waidhofner Gasthäuser gilt die vom Magistrat erlassene Verordnung vom 6. September 1839:
Diese dermahlen hier aus dem Polizey=Wachtmeister, dem Gerichtsdiener, Polizeymanne und Einem Gehilfen bestehende Sicherheits Mannschaft hat unter dem Vortritte des Ersteren alle Sonn- und Feyertage in den Gasthäusern Patrouillen zu machen, und von Zeit zu Zeit nachzusehen, ob die Polizeystunden genau eingehalten werden.
Beim Gastwirt Joseph Maure Zur goldenen Krone (Nr. 10, Trafik Desch) geht es öfters über die Sperrstunde hinaus lustig zu. Daher erhalten er und der für die Tanzmusik zuständige Thurnermeister Schiffner am 3. Juli 1846 eine Ermahnung des Magistrates, sich an die Sperrstunde zu halten:
Gastwirth Maure und Thurnermeister Schiffner sind dekretaliter zu ermahnen, daß sie bei Abhaltung der Tanzmusik sich strenge nach den bestehenden Polyzeivorschriften zu benehmen haben, da sonst die gesetzliche Strafe eintreten würde.
Angrenzend an das Gasthaus Zur goldenen Krone befindet sich in der Biedermeierzeit die Eisenhandlung Plank (Nr.9, Funke). Obwohl der langsame Niedergang der Eisenindustrie in Waidhofen bereits eingesetzt hat, wird in einem im Jahr 1821 angelegten Verzeichnis noch eine Vielzahl von Erzeugnissen angegeben, die nach wie vor in Waidhofner Schmieden erzeugt werden. Hier eine Auswahl:
Ahlen, Pfannen, Bohrer, Pferdebiß, Bügeleisen, Pistolen, Feilen, Rasiermesser, Fischangeln, Raspeln, Flinten, Säbel, Gabeln, Sägen, Hacken, Schaufeln, Hafteln, Scheren, Hämmer, Schlösser, Hufeisen, Schlüssel, Ketten, Sensen, Klaviersaiten, Sicheln, Krampen, Steigbügel, Löffel, Stemmeisen, Messer, Striegel, Mistgabeln, Strohmesser,Nadeln, Töpfe, Nägel, Zangen, Ofentürl, Zirkel

Gegenüber der Gastwirtschaft Zur goldenen Krone und der Eisenhandlung Plank liegt eines der markantesten Gebäude des Unteren Stadtplatzes, die Poststation mit ihrem gotischen Laubengang.
In dieses Haus (heute Nr.35, Alte Post) wird im Jahre 1833 die Post verlegt. In Waidhofen besteht ab 1829 eine k.k. Poststation. Diese wird ursprünglich von Franz Steiner, Postmeister in Kemmelbach, im Haus Unter der Burg 15 (heute Reifen Renner) betrieben und 1833 vom Waidhofner Tabakverleger Johann Humpel übernommen. Dieser übersiedelt die Poststation dann in sein Haus in der Unteren Stadt 35, wo er als pensionierter Offizier seit dem Jahr 1830 als Tabak= und Stempelverleger lebt. Die Poststation mit dem k.k. Wappen ist auf beiden Lithographien des Unteren Stadtplatzes von J.G.Frey zu sehen. Über die damaligen Reisebedingungen berichtet die folgende Quellenstelle:
Von der Reichsstraße Wien – Linz – Salzburg, auf welcher damals noch ein lebhafter Personen- und Frachtverkehr stattfand, abgelegen, verirrte sich auch selten ein Fremder hierher. Ein unansehnlicher offener Wagen mit einem auf Eisenstangen ruhenden Dache und Seitenvorhängen aus Zwilch, wie man solche gegenwärtig kaum mehr sieht, vermittelte täglich einmal den Postdienst von und nach Amstetten und Weyer.
Wenn wir unseren Weg von der Poststation in Richtung Amstettnertor fortsetzen, kommen wir rechterhand bei einem Gebäude vorbei, das heute nicht mehr existiert. Es handelt sich um das sogenannte Alte Rathaus, das am unteren Ende des Freisingerberges steht. Dieses Gebäude war bis zum Jahre 1650 das Rathaus der Stadt:
Das sogenannte a l t e R a t h a u s in der unteren Stadt, ein uraltes massives Gebäude, von gewöhnlicher Bauart, einstöckig mit Schindeldachung, worin sich das Abwagamt befindet.
Die einzige erhaltene Darstellung findet sich auf einer der Lithographien J.G.Freys , die den Unteren Stadtplatz darstellt. Das Gebäude versperrt fast die ganze Breite des Freisingerberges und nur rechts ist eine Gasse freigelassen, durch die man zum Oberen Stadtplatz gelangt. Der namentlich nicht bekannte Verfasser des Artikels Waidhofen vor und seit einem Halbjahrhundert beschreibt es folgendermaßen:

Das alte Rathaus, ein alter, unförmlicher Bau, stand in der Häuserreihe des unteren Stadtplatzes zwischen den beiden gegenwärtigen Eisenhandlungen. An der unteren Seite führte ein durch ein Gitter abgeschlossener Zugang nach dem rückwärts befindlichen Gemüsemarkte und an der oberen, der Südseite, eine schmale, steile Zufahrt nach dem oberen Stadtplatze. Das nach Abtragung frei gelegte Terrain ist der heutige Freisingerberg.

In den Dreißigerjahren des 19. Jhdts. wird im Hof dieses Gebäudes an den Wochenmarktstagen der Gemüsemarkt abgehalten. Nach längeren Streitigkeiten unter der Bürgerschaft wird 1847 zur Förderung des Verkehrs zum Abbruch dieses Gebäudes geschritten. Das Abbruchmaterial des Alten Ratshauses wird zur Auffüllung des Grabens zwischen Schloss und Stadt verwendet.
Wir queren nun beim Brunnen vor dem Alten Rathaus den Unteren Stadtplatz und gelangen zum Bierwirt und Bäcker Springenschmied (heute Nr.39, Piaty). Wegen des zu geringen Gewichts einiger Brotlaibe erhält der Bäckermeister im November 1831 einen Verweis des Magistrates:
Dem Bäckermeister Franz Springenschmid sind vom magistratlichen Polizeydiener wegen schlechten Gewichts 10 Laib Brot abgenommen worden. Der ehrsame Magistrat bestimmt, daß dieses confiscierte Brot unter die Local-Armen vertheilt und jedes weiter Vergehen dieser Art strenge nach den Polizeygesetzen geahndet würde.
Übrigens, beim Bierwirt Springenschmied kann man Billard spielen, da dieser die Regierungs-Bewilligung zum Billard hat.
Gegenüber, im heutigen Pelzhaus Holubovsky, befindet sich in der Biedermeierzeit der Gastgeb Georg Helmhart, Zum goldenen Stern. Folgende Verordnung des Magistrats wird am 16. April 1826 auch in diesem Gasthaus verlautbart:
Den 16. April 1826 ist eine Verordnung von H: Syndikus bekanntgegeben worden. Es ist hierin alles hohe Spielen gänzlich verboten, sowohl mit Karten als auch auf der Schießstatt, alle Freymusiken, alles Lärmen von Gesängen oder Disput, alles Schimpfen über Staatsanordnungen und Magistratliche Befehle.   In einem der Häuser beim Amstettnertor wohnt bis zum Jahr 1824 der städtische Holzknecht Michael Stangel. Er übersiedelt aber im selben Jahr in die Vorstadt Leithen, da der Stadtrat sein Ansuchen um Eheschließung befürwortet. Für Personen aus den ärmeren Schichten ist es noch immer notwendig, die Erlaubnis des Magistrats zur Eheschließung (Ehekonsens) einzuholen:
Dem Michael Stangel städtischen Holzknechte, und Inwohner beim Amstettner Thor wird bewilligt, sich mit der Johanna Bachnerin bei ihrer Mutter, Kleinhäuslerin Consc.No-17 in der Vorstadt Leuthen, bereits großjährig, verehelichen zu dürfen, und sich allda inwohnungsweise niederzulassen.

Am 13. April 1846 wird mit dem Abbruch des Amstettnertores begonnen. Mit den Abbrucharbeiten wird der Hufschmiedmeister Meisinger beauftragt, der mit dem Abbruchmaterial sein Haus neu aufbaut (heute Kröller). Gegenüber wird 1847 das neue Maut- und Abwaghaus mit der Wagmaschine errichtet. Dieses befand sich zuvor im Alten Rathaus.
Tritt man vor das Amstettnertor (auch Landtor oder Walchertor genannt) so gelangt man über eine hölzerne Brücke zum Haus des Wirtes Walcher Zum Halbmond. Wie in anderen Gasthäusern der Stadt steigen in der Biedermeierzeit auch hier immer wieder Musikanten ab, um für einige Tage die Gäste mit ihren Darbietungen zu unterhalten:
Den 9ten Jänner 1838. Gestern sind beym Wirth Jos. Walcher 5 ausgetretene Lanner’sche Musikus aus Wien angekommen, welche sich also heute hören ließen. Sie spielten meist in Quartett, und im Singen producirten sie sich ebenfalls. Am meisten war das Fliglhorn auffallend, und sehr gut vorgetragen worden. Sie hatten sehr grossen Beifall.

Aber auch andere Unterhaltungen werden immer wieder von durchziehenden Künstlern und Gauklern, die auf ihrem Weg durch die Städte der Monarchie auch hie und da ihren Weg nach Waidhofen finden, angeboten:
Den 7tenApril 1838. Gestern sind bey dem Wirth Joseph Walcher 5 Alpensänger angekommen, darunter einer nahmens Schreiber, sich als Bauchredner producirte, und sein Sohn von 8 Jahren producirte sich als Affe mit ausserordentlich affenähnlichen Stücken zur Bewunderung aller Anwesenden. Sie haben sich mehrmahlen auf den Wiener=Theater mit großen Beifall producirt, und so auch in der Kreisstadt St.Pölten.
Im Sommer des Jahres 1840 verblüfft ein Zauberer und Bauchredner aus der Residenzhauptstadt Wien die Gäste des Halbmondwirtes:
Den 31. July 1840 ist beim Wirthe J. Walcher in der Wasservorstadt zum Schilde Halbmond, der berühmte, fast unbegreifliche Zauberer und Bauchredner Schulz aus Wien hier angekommen und hat sich allda producirt. Seine Künste waren erstaunungswürdig und man behauptete mit Gewißheit, nie hat Waidhofen einen besseren Zauberer in seinen Mauern gehabt als Schulz einer war.

Der Krautberg

Hinter dem Walcherschen Gasthaus Zum Halbmond erhebt sich der Krautberg, der damals natürlich noch keinerlei Verbauung aufweist:
Die beste Aussicht gewährt Waidhofen vom sogenannten Krautberge , einer kleinen Höhe gegen Süden, wo man die Stadt, die beiden Vorstädte, wenigstens größtentheils, und den langgedehnten, durch den Ipsfluß geschiedenen Markt Zell, ein Ganzes bildend, überblicken kann.
Ähnlich wie am Buchenberg besitzen die Bürger der Stadt vor allem am Krautberg ihre Gemüsegärten. Von der Stadt werden, wie in früheren Zeiten auch, sogenannte Krauthüter angestellt, die besonders in der Nacht den Diebstahl von Gemüse aus diesen Gärten verhindern sollen.
Zu besonderen Anlässen und Feierlichkeiten werden vom Krautberg die dazugehörigen Pöllerschüsse abgegeben. Als Beispiel sei die Feier zum 40-jährigen Regierungsjubiläum Kaiser Franz I. angeführt. Damals beschließt der Waidhofner Magistrat, dass dieser Festtag durch Salven sowohl mit kleinen Gewehren als auch Abfeuern 3 Kanonen vom Krautberge verherrlicht werden solle.
Gegen Ende der Biedermeierzeit, im Jahre 1847, wird auf dem Krautberg ein Kreuz errichtet und ein Jahr später vom Maler Kandler mit einer Christusdarstellung versehen. Den Hintergrund zur Errichtung dieses Kreuzes hoch über der Stadt überliefert uns wiederum Sebastian Petter in seiner Chronik:
Den 7. November 1847 wurde auf Veranlassung des Herrn Bürgermeisters Großmann auf dem hiesigen Krautberg oder Rabenberg , nahe bei der sogenannten Kanonenhütte, ein kolossales Kreuz ohne Christus, welcher später nachgebracht werden wird, aufgesetzt, das man weit und breit sieht. Man sagt allgemein, Herr Bürgermeister soll schon mehrmalen von einem so schönen Kreuz an diesem Platz geträumt haben und da ihm sehr daran lag, dieses Kreuz in Wirklichkeit zu haben, so stellte er das Ansuchen bei dem Magistrate und es wurde ihm ohne Anstand bewilligt.

Die Wasservorstadt

Als Wasservorstadt bezeichnet man jenen Teil Waidhofens, der sich vom Schloss aus entlang des Schwarzbaches bis zum Seebergbach, bzw. ybbsabwärts bis zur heutigen Kläranlage erstreckt. Sickingen beschreibt diesen Stadtteil zur Biedermeierzeit:
Die Wasservorstadt, nordwestlich die Stadt umgebend, zieht sich in einer und zwei Reihen zum Theil einstöckiger Häuser, längs des Schwarzbaches, der hier Waidhofnerbach heißt, und sich beim herrschaftlichen Schlosse in den Ipsfluß mündet, fast eine Stunde weit, gegen Ende in einzelnen Häusern und Eisenwerken bestehend, zwischen bewaldeten Bergen hin, über welchen Bach in derselben mehrere hölzerne Brücken bestehen, von welchem Bache sie auch Wasservorstadt heißt, und wo alle nach der Stadt gehörenden Wasser- und Manufakturwerke sich befinden. Durch diese Vorstadt führt die Poststrasse nach Weyer in Ober-Österreich.
Bei unserem Rundgang wenden wir uns zuerst ybbsabwärts und besuchen das Siechenhaus sowie das Armenhaus der Stadt. Wir kommen dabei gleich unterhalb des Schlosses an der Überfuhr vorbei, die vom Zeller Müllermeister Reichhör betrieben wird. Ein hölzerner Steg über die Ybbs wird erst 1844 errichtet werden. Entlang der Amstettnerstraße (heute Wienerstraße) gelangen wir zu jenem Gebäude, in welchem das Siechenhaus untergebracht ist. Es existiert heute noch (Familie Diewald, Wienerstraße 4), während das schräg gegenüberliegende Gebäude des Armenhauses in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts abgerissen wurde. Sickingen beschreibt beide Gebäude:
Das Armenhaus mit der Krankenanstalt in einiger Entfernung von der Wasservorstadt an der Amstettnerstraße, besteht blos für verarmte städtische Dienstleute und Gesellen, für 22 Personen beiderlei Geschlechts. Es hat ein Stockwerk, und wurde im Jahre 1740 von der Stadt bestiftet.
Daneben befindet sich das Siechenhaus, ebenfalls mit einem Stockwerke und für 22 Personen. Dieses ist uralt, denn es bestand schon im Jahre 1277.
Für das Jahr 1839 wird der Belegstand offiziell für das Armenhaus mit 30 Pfründlern und das Siechenhaus mit 20 Pfründlern angegeben.
Ähnlich wie das Bürgerspital ist auch das Siechenhaus für die Aufnahme Behinderter zuständig.
Im Gegensatz zum Bürgerspital, das für Menschen aus den wohlhabenderen, bürgerlichen Schichten vorgesehen ist, sind Siechen- und Armenhaus die Versorgungshäuser der Gesellen, Dienstboten, Knechte und Mägde. Dass aber in allen drei Versorgungshäusern der Stadt die Menschen ihr Leben am bzw. unter dem Existenzminimum fristen, beweist folgende Eintragung im Ratsprotokoll vom 11. Juni 1847:
Die Verwaltung des Bürgerspitals dann des Armen- und Siechenhauses sind angewiesen, daß sie den Pfründlern das Betteln in der Stadt und in den Vorstädten mit dem Beisatze strenge zu untersagen haben, daß jeder bei Betretung eingesperrt und bestrafet werden wird.

Eine Beschreibung des neu renovierten Armenhauses aus dem Jahre 1845 überliefert uns Petter:
30. Juli 1845. Nun ist auch das Armenhaus (Wienerstraße Nr.29) restauriert und schön hergestellt. Es ist erhöht worden, alle Zimmer „stokatort“ und auf das solideste hergestellt, von außen schön abgeputzt und mit großen, schwarz lackierten, blechernen Buchstaben der Name „Armenhaus“ auf der Straßenseite ersichtlich gemacht. Alle Betten, deren sehr viele hineinkommen, werden silberfarben angestrichen, kurz, das Ganze ist sehr nett hergestellt.
Nach diesem Besuch in den beiden Versorgungshäusern an der Amstettnerstraße gehen wir wieder an der Sandleiten151) vorbei zur Stadt zurück. Zur Zeit unseres Rundganges gibt es hier noch keine Spazierwege und Ruhebänke. Diese werden aber noch in der Biedermeierzeit im Jahre 1847 auf Anregung des Stadtpfarrers Augustin Beer angelegt, der dazu im Memorabilienbuch der Pfarre folgendes schreibt:
Im Jahre 1847 trug ich auch auf einige Verschönerungen im pfarrlichen Garten und auf dem Grundstück, die „Sandleite“ genannt, an. Nachdem bereits in den vorhergegangenen Jahren viele Birn- und Apfelbäume im Patertalweg hergerichtet und auf der Sandleite gepflanzt worden waren, nachdem der Patertalweg hergerichtet und als Spaziergang mit Ruhebänken versehen sowie auch früher schon an der städtischen Waldgrenze ein Spaziergang mit Ruhebänken gemacht worden war, ließ ich an der Vorderseite der Sandleite einen Spaziergang mit Obstbäumen anlegen und an dem oberen Teil ein „Paraplie“ mit Ruhebänken und Gestrüpp herum machen zum allgemeinen Genuß der schönen Aussicht von diesem Platze.
Der heutige Abschnitt zwischen Unterzellerbrücke und Gasthaus Zacharias ist noch auf beiden Seiten der Straße verbaut. An diesen Häusern sowie am Haus des Braumeisters Riedmüller vorbei gelangen wir nun zu den Häusern Wasservorstadt 43 bis 52. Den Bürgern dieser Häuser wird im Jahr 1842 bewilligt, den an ihre Häuser angrenzenden Platz Stock im Eisen benennen zu dürfen:
Den in der Wasservorstadt No 43-44-45-46-47-48-49-50-51-52 ansässigen Bürgern wird über bittliches Einschreiten die Bewilligung ertheilt, daß sie den dortigen Platz durch einen soliden Hackstock bezeichnen, und nach Art der Wiener, Stock im Eisen benennen können, daher eine derlei Aufschrift an schicklichem Ort angeschafft werden kann.
Der Stock im Eisen wurde später an die der Unteren Stadt zugewandten Seite des Stadtturmes versetzt, der Platz am Schwarzbach trägt aber bis heute den Namen Stock im Eisen.
Wenn wir den Bach nun weiter flußaufwärts gehen, gelangen wir an der nach Weyer führenden Straße zum Gasthaus Zur Sonne (ehemaliges Gasthaus Mayerhofer in der Weyrerstraße). Dieses Gasthaus besitzt eine wunderschöne Holzdecke aus dem Jahre 1623 und mit seinem 1830 neu erbauten Saal im oberen Stockwerk ist es ein weiteres Zentrum biedermeierlicher Kultur in Waidhofen. Die strengen behördlichen Bestimmungen gelten aber natürlich auch für Veranstaltungen in diesem neuen Saal und wer sich nicht daran hält, hat mit Konsequenzen zu rechnen:
Den 19. Oktober 1830. Die sich im Puchmayrschen Gasthause „Zur Sonne“ beim Bach gesammelte Dilettantengesellschaft hat wider das Verbot des Magistrats ihr Ritterstück in dem neu erbauten Saale des benannten Wirtes gegeben. Sie nahmen zwar keine Einnahmen und hatten viele Leute, handelten jedoch wider das Gesetz und der Wirt mußte eine Strafe von 8 fl.CM. bezahlen, was zum Armeninstitute abgegeben wurde. Dieses Gasthaus ist heuer erst neu erbaut worden und man darf es wirklich unter die schönsten zählen.

Die Gegend entlang des Schwarzbaches ist immer wieder von Hochwasser bedroht. Besonders die vielen Fluderanlagen und Wasserräder sind bei ergiebigen Regenfällen von den Überschwemmungen betroffen. Das Hochwasser im Juni 1829 hat verheerende Folgen:
Den 4. Juni 1829. Da das Regenwetter seit Sonntag den 31. Mai fortdauerte und seit gestern die Ströme des Regens sehr gewaltig überhandgenommen hatten, so entstand eine sehr gewaltige Wassergüsse. Die Ybbs erreichte nicht gar die Höhe wie im Monat September 1813, der Bach war aber so stark und reißend groß, daß er, als er schon in den Werken am Bach selbst sehr viel zerriß und Holzwerk in die Menge mit sich mit Gewalt fortraffte, auch noch drohte, die Pirkmayr (beim Spital), Vetters= und Walcherbrücke (beim „Halbmond“) wegzureißen. Beim Vetters angefangen bis zur Walcher-Haustüre schoß das Wasser knietief an den Häusern vorbei und obwohl die Leute sich vor den Haustüren mit aller möglicher Vorsicht zu verwahren und zu beschützen suchten, so waren doch alle Zimmer zur ebenen Erde voll mit Wasser. Ebenso floß es auf der herübrigen Seite und füllte alle Gärten halb mannshoch an. ... Kurz, seit langer, ja sehr langer Zeit kann man am Bach eine solche Güsse nicht gedenken. Alle Werke nach dem Bach waren mit Wasser gefüllt und in vielen machte es sehr großen Schaden. Nicht nur, daß selber mehrere kleine Brücken wegnahm, sondern die Straßen sind, besonders vom Redtenbach herunter, sogar unfahrbar gemacht worden...

Nach diesem kurzen Hochwasserbericht aus dem Jahre 1829 gehen wir nun vom Gasthaus Zur Sonne wieder den Bach entlang zum Stock im Eisen zurück.

Aufbruch in die Moderne

100 Jahre Bürgermeister Plenker

Eva Zankl/Wolfgang Sobotka

Im Jahr 1911 verabschiedete sich der Waidhofner Bürgermeister Theodor Freiherr von Plenker nach einem langen und erfolgreichen Wirken für die Stadt in den Ruhestand. In seiner Zeit als Gemeinderat, Landtagsabgeordneter und Bürgermeister erlebte die von wirtschaftlicher Stagnation betroffene Stadt einen Entwicklungsschub, der bis heute fort wirkt. Der Niedergang der Kleineisenindustrie im gesamten 19. Jahrhundert hatte für Waidhofen seinen traurigen Höherpunkt mit dem unwirtschaftlichen Puddlingwerk in Kleinhollenstein ereicht, das der Stadt ein finanzielles Desaster und einen riesigen Schuldenberg bescherte. Mit dieser Belastung der Gemeindepolitik trat Plenker 1894 sein Amt an und es zeugt von Plenkers Qualität als Politiker, dass er trotz der Schuldenlage in Waidhofen viele Infrastruktur-Projekte verwirklichte und dabei auch noch die Finanzen der Stadt sanierte. 

Die Aufbruchsstimmung der Gründerzeit und der Fortschrittswille Plenkers ermöglichten Waidhofen unter seiner Amtszeit den Bau eines Krankenhauses, eines Elektrizitätswerkes und einer autonomen Wasserversorgung. Die beginnende touristische Bewerbung und die ansteigende Bedeutung als Sommerfrische für Gäste aus der gesamten Monarchie machten auch eine geregelte Abwasserentsorgung nötig, deren Umsetzung von Baron Rothschild finanziell großzügig unterstützt wurde und die Geruchsbelästigung in Waidhofen beseitigte.
Die Gründung der Lehrwerkstätte für das Eisengewerbe und der Bau des Gymnasiums legten den Grundstein für die Schulstadt Waidhofen und zur Beseitigung der Wohnungsnot entwickelte Plenker ein Stadtentwicklungsprogramm, für das heute noch exemplarisch die Vorstadt Leithen steht. Der Musealverein, der ebenfalls in der Amtszeit Freiherr von Plenkers gegründet wurde, würdigt seinen Weitblick durch eine Sonderausstellung, die seine Zeit und sein Wirken dokumentiert.
Angelehnt an das Konzept der Ausstellung sollen neben einer detaillierten biographischen Darstellung von LHStv. Mag. Wolfgang Sobotka in diesem Artikel die einzelnen Projekte, die in dieser Zeit entstanden, in Form der Ausstellungstexte einen Überblick über die Wirkungsperiode von Theodor Freiherr von Plenker geben. 

Biografisches zu Theodor Freiherr von Plenker

Zur Geschichte der Familie Plenker wurde bisher kaum geforscht und so liegen uns auch wenige Daten und Fakten vor. Das Leben Theodor Freiherr von Plenkers ist einigermaßen gut dokumentierbar, über persönliche Eigenschaften und Erlebnisse oder seine Familie haben wir nur spärliche Zeugnisse.

Von seinem Vater, Georg Plenker, kennen wir wenigstens das Geburtsjahr, 1794. Nachdem die Goldene Hochzeit für das Jahr 1881 belegt ist, heiratete er wohl 1831 Anna Jurie, die vermutlich eine Tochter eines Arztes war. Die Familie lebte nach dem persönlichen Bericht der Enkelin Theodor Freiherr von Plenker in Wien. Georg Plenker stand in den Diensten des Staates. Er scheint zuerst als Vizedirektor, ab 1847 als provisorischer Direktor und nach den Unruhen des Revolutionsjahres 1848 als Zentraldirektor der k.k. Tabaktrafiken und Einlösungsämter, auf. Auf Grund seiner Verdienste im Revolutionsjahr 1848, wo er Plünderungen durch die Arbeiter in den Fabriken der Tabakwerke verhindern konnte, wurde er zum Ministerialrat ernannt und im Jahre 1852 verlieh ihm Kaiser Franz Joseph den kaiserlich-österreichischen Orden der Eisernen Krone der III. Klasse. Das war die Voraussetzung, dass er um die Erhebung in den Ritterstand einkommen konnte. Mit 1. März 1853 erhielt Georg Plenker seinen Adelsbrief. Somit hieß er – und damit auch seine Nachkommen beiderlei Geschlechts – Ritter von Plenker.

Nach Angabe der letzten Nachkommin von Theodor Plenker, seiner Enkelin Baroness Gisela Lazzarini, weilten die Eltern Theodor Plenkers im Jahre 1838 zur Sommerfrische in Eisenerz und dort kam Theodor Franz Xaver am 23. September um 5 Uhr morgens zur Welt. Er wurde noch am selben Tag römisch-katholisch getauft, wobei die Taufpatin Franziska Jurie, vermutlich eine Schwester seiner Mutter, war. Dass die Familie wieder nach Wien zurückkehrte bezeugt auch ein Impfzeugnis aus dem Jahre 1839, wo Theodor Plenker eine Pockenschutzimpfung bekam, wobei der unterschriebene Arzt, Dr. Theodor Jurie, sein Großvater sein könnte.

Theodor Plenker besucht zuerst ab 1846 die k.k. Normal-Hauptschule als Privatschüler, ab 1849 führt ihn das Gymnasium der Schotten in Wien als Schüler, aber bereits 1852 erhält er im März sein erstes Zeugnis des k.k. akademischen Gymnasiums zu Kremsmünster. Er gewöhnt sich offenbar schnell in seine neue Situation ein, war er zum Beginn bei 34 Schülern der 22beste, so ist er in kurzer Zeit bereits der 12. und im Jahre 1853 finden wir ihn mit einem Vorzugszeugnis als den viertbesten in seiner Klasse. In Kremsmünster lernt er auch die italienische Sprache als eine lebende, neben Lateinisch und Griechisch. Seine Benotungen sind durch-wegs sehr gut, ganz gut, recht gut, oftmals auch vorzüglich. In den verbalen Beurteilungen heißt es: Er drückt sich klar und präzise aus, hat eine schnelle Auffassung, in Geschichte ist er klar und bestimmt, während in Mathematik teilweise er mehr Gründ¬lichkeit walten lassen könnte. Seine Aufmerksamkeit ist anhaltend, sein Fleiß sehr groß und in den schriftlichen Arbeiten arbeitet er ziemlich sorgfältig. Rundherum also ein Zeugnis eines jungen Mannes, der sehr strukturiert zu sein schein, mit dem nötigen Fleiß und Ehrgeiz ausgestattet, absolviert er seine Gymnasialzeit, die ihn 1854 wieder zurück nach Wien ans Theresianum bringt. Dort zeigen seine Leistungen einen deutlichen Abfall, es tauchen Noten wie genügend, hinlänglich und kaum genügend auf, das zeigt, dass der neuerliche Schulwechsel seinen Tribut forderte. Schlussendlich maturiert Theodor Freiherr von Plenker am 4. Oktober 1856, um sich im Anschluss an der Wiener Universität immatrikulieren zu lassen und Jus zu studieren. Sein Studienbuch beginnt 1856/57 im Wintersemester und endet dort im Sommersemester 1860. Eine ungeheure Fülle von Vorlesungen und Prüfungen werden von ihm in kürzester Zeit absolviert: Philosophie, Geschichte des Römischen Rechts, Alte Geschichte, Österreichische Geschichte, Kirchenrecht, Deutsches Privatrecht, Familien- und Erbrecht, System und Geschichte des Zivilprozess bis zu einer Reihe von Praktika spannt sich der breite Bogen seines Studiums. Drei Staats¬prüfungen legt er ab, die erste am 19. Juli 1858 als Rechtshistorische Staatsprüfung, zwei Jahre später am 23. Juni 1860 die Judizielle Staatsprüfung sogar mit Auszeich¬nung und am 20. Oktober 1860 besteht er seine letzte, die Wissenschaftliche Staats¬prüfung. Anschließend erhält er sein Absolutorium, der Nachweis, dass er die Rechts- und Staatswissenschaftlichen Studien den bestehenden Anordnungen gemäß, vollendet habe. Sein Doktoratsstudium setzt er in Graz an der Karl Franzens-Universität fort, wo er nach Ablegung der Rigorosen am 8. Februar 1862 sein Doktorat erhält.

Schon nach Ablegen seines Absolutoriums meldet sich Theodor Freiherr von Plenker bei der Wiener Advokatenkammer an, dass er bei Dr. Josef Mündel Ritter von Feldberg als Advokaturkonzipient eingetreten ist. Die Kammer bestätigt dies und nimmt ihn in das Advokatenkandidatenverzeichnis noch im selben Jahr am 31. Oktober 1860 auf. Dr. Mündel stellt ihm für seine Zeit, wo er bei ihm als Konzipient gearbeitet hat, ein erstklassiges Zeugnis aus, das ihn als Experten in allen Causen und Einschreitungen bestätigt. Seine Advokatenprüfung legt er schriftlich im Juli 1865 ab und die mündliche am 14. August mit gutem Erfolg, wodurch das Präsidium des k.k. Oberlandesgerichts in Wien ihm seine Befähigung zur Ausübung der Advokatur schriftlich bestätigt. Gleich darauf lässt sich Theodor Freiherr von Plenker beim Oberlandesgericht Wien in die Liste der Verteidiger in Strafsachen aufnehmen. Nach wenigen Jahren ist es nun soweit, dass Dr. Freiherr von Plenker aufs Land ziehen will und eine Advokatur in Waidhofen annimmt. Er bemüht sich, den Eid, um als selbständiger Advokat arbeiten zu können noch vor dem Jahreswechsel 1868 zu 1869 abzuleisten, damit er am 1. Jänner sofort mit der Advokatur in Waidhofen beginnen könne. Erst am 7. Jänner 1869 gelingt es ihm, den Eid beim k.k. Oberlandesgericht abzulegen und nach der Erklärung, seinen Wohnsitz in Waidhofen/Ybbs anzunehmen, wird er in die Liste der niederösterreichischen Advokaten als Advokat mit dem Wohnsitz in Waidhofen/Ybbs eingetragen. Davon wird das Oberlandesgericht, der Kassationshof und das Justizministerium informiert und schlussendlich wird die Niederlassung in der Wiener Zeitung kund gemacht. Damit beginnt ein neuer Lebensabschnitt für Dr. Theodor Freiherr von Plenker, der auch für Waidhofen/Ybbs viel Neues bringen wird. Der junge 31jährige Advokat wird neben seinem Beruf zu einer bedeutenden politischen Persönlichkeit im Land Niederösterreich und in der noch jungen Statutarstadt Waidhofen/Ybbs.

Mittlerweile hat Dr. Theodor Freiherr von Plenker geheiratet. Am 19. Jänner 1867 heiratete er die Enkelin des Burgschauspielers Nikolaus Heurteur, Rosa. Plenker und seine Frau dürften bereits im Jahre 1868 Waidhofen erkundet haben und kamen so mit ihrer 10 Monate alten Tochter Rosa nach Waidhofen und zogen in das Reichenauer´sche Haus am Unteren Stadtplatz Nr. 19. Kurz darauf wurde dem Ehepaar Plenker eine zweite Tochter, Ida, geschenkt. Die Plenkers gewöhnten sich in Waidhofen/Ybbs rasch ins gesellschaftliche Leben ein. Sie wurden, neben seiner Tätigkeit als Politiker im Gemeinderat und im Landtage, sehr bald Mitglieder der verschiedensten Vereine. Insbesondere im Casinoverein engagierte sich Frau Rosa Baronin von Plenker in besonderer Art und Weise. Sie war nicht nur Funktionär, sondern sie stand auch aktiv bei den verschiedensten Lustspielen die zum Besten gegeben wurden auf der Bühne und spielte zumeist eine Dame von Rang. Aber auch Köchinnen und anderen Dienstboten verkörperte sie in gelungener Art, wie die Kritiken zu vermerken wussten. Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass sie auch ihren Mann, Dr. Theodor Freiherr von Plenker, zum Theaterspiel überreden konnte und so finden wir in den Jahren 1882 bis 1884 Dr. Theodor Freiherr von Plenker ebenso auf den Theaterzetteln des Casinovereins, oftmals an der Seite seiner Frau. 

Überschattet wurden die hoffnungsvollen Jahre in Waidhofen von der Krankheit der Tochter Ida, Freiin von Plenker, die im 23. Lebensjahr am 24. Mai 1892 bereits verstarb. Um ihr Leiden zu lindern fuhr die Familie in den Wintermonaten oftmals in den Süden. Und doch konnte die Krankheit nicht gestoppt werden. Auch der zweiten Tochter Rosa war kein langes Leben beschieden. Kurz verheiratet mit dem Baron Guido Lazzarini gebar sie am 19. November 1900 Zwillinge. Der männliche Zwilling verstarb gleich bei der Geburt und seine Schwester Gisela, Baronin von Lazzarini, war die letzte direkte Nachkommin von Dr. Theodor Freiherr von Plenker, die erst am 7. Juni 1971, nachdem sie lange Jahre im Rollstuhl zugebracht hatte, verstarb. Kurz nach der Geburt verstarb auch die Mutter der Zwillinge, die zweite Tochter Plenkers, Rosa Baronin von Lazzarini. Und nur ein halbes Jahr später, Ende Juni 1901, verschied nach einem Schlaganfall ihr Ehemann, Statthaltereirat, Guido Baron von Lazzarini. Bereits nach dem Tod der Tochter Ida hat Frau Rosa Freiin von Plenker mit dem Theaterspielen aufgehört, sie blieb zwar dem Verein verbunden, doch für öffentliche Auftritte gab es wenig Anlässe, zumal auch das große Haus am Graben 25, welches sie 1871 als Pammersches Gasthaus erwarb, ihre ganze Kraft beanspruchte. Schlussendlich ging auch Rosa Freiin von Plenker nach langem schwerem Leiden ihrem Manne im Tod voraus, sie starb am 4. Jänner 1915. Als Mitglied von mehreren Vereinen, vor allem des Casinovereins, des Männergesangvereins und als Fahnenmutter des Turnvereins, gab es am 6. Jänner 1915 ein großes Begräbnis, wo sich die Bevölkerung Waidhofens von einer großen Frau ihrer Heimat verabschieden konnten. Bürgermeister Plenker blieb auch nach der Zurücklegung seines Mandates als Bürgermeister im Jahre 1911 vielen Ämtern und Funktionen treu. Insbesondere der Sparkasse Waidhofen blieb er als Vor-sitzender des Direktoriums bis kurz vor seinem Tod in besonderer Weise verbunden. Erst am 22. Mai 1919, nachdem auch die Wirren des 1. Weltkrieges vorbei waren, legte er das Amt des Vorsitzenden des Direktoriums der Sparkasse zurück. Ein gutes Jahr später, am 22. September 1920, verstarb Theodor Freiherr von Plenker, der in seinem Testament aus dem Jahre 1918 sein Haus, das heutige Plenkerhaus an der Ecke von Graben und Pocksteinerstraße, sowie einige Wertpapiere seiner Enkelin Gisela Lazzarini vermachte. 

Sein politisches Leben nahm Dr. Plenker zur gleichen Zeit auf, als er als Rechtsan-walt 1869 nach Waidhofen kam. Die Erhebung Waidhofens zur Staturarstadt wurde, nachdem Amstetten endgültig als Bezirkshauptstadt verankert wurde, im Februar 1869 beschlossen, weshalb auch nach nur zweijähriger Periode (normalerweise dauerten die Gemeinderatsperioden drei Jahre) ein neuer Gemeinderat zu wählen war. In kurzer Zeit hatte man den Übergang geschafft, fand die letzte Gemeinderatssitzung des alten Gemeinderates am 15. Juli 1869 statt, so trat der neue Gemeinderat bereits am 23. August 1869 zusammen. Dr. Theodor Freiherr von Plenker wurde neu in den Gemeinderat gewählt und bekleidete zugleich auch die Funktion als dritter Stadtrat. Von diesem Jahr an, 1869 bis zum Jahre 1911, blieb Plenker sowohl als Gemeinderat, Stadtrat, Vizebürgermeister wie auch als Bürger-meister der Gemeinde Waidhofen/Ybbs treu. Lediglich in den Jahren 1887 bis zum Jänner 1891 war Dr. Theodor Freiherr von Plenker im Gemeinderat nicht vertreten. Obwohl es zu Plenkers Zeit Parteien nach unserem heutigen Verständnis nur in Ansätzen gab, schloss sich Theodor Freiherr von Plenker sehr bald dem liberalen Fortschrittsverein an, was sein grundlegendes Verständnis und Wohlmeinung dem Liberalismus gegenüber verdeutlichte. Mit dieser Haltung wurde er auch als Abgeordneter der Städte Waidhofen/Ybbs, Seitenstetten, Amstetten, Ybbs, Scheibbs und St. Pölten in den niederösterreichischen Landtag gewählt. Vom 24. September 1878 bis zum 25. Mai 1884 und wiederum vom 15. September 1884 bis zum 15. September 1890 bekleidete Dr. Theodor Freiherr von Plenker das Mandat eines Abgeordneten im niederösterreichischen Landtag. Er wurde in dieser Periode sogar zum Landesausschuss-Ersatzmitglied vom 14.10.84 bis zum 25.10.90 gewählt, was eine hohe Auszeichnung und Wertschätzung seiner Fähigkeiten und seine Reputation zum Ausdruck brachte. In diesen beiden Perioden war er durchgehend im Schulausschuss und im Gemeindeausschuss tätig. Neben seiner Mitarbeit in einigen Spezialausschüssen, war es vor allem seine Verbindung zum Wahlkreis, die ihn auszeichnete. Die Themen seines Wahlkreises (wie Ybbsregulierungen, Brückenbau, öffentliche Immobilien und vor allem die Finanzierung der Ybbstalbahn) wurden stets offensiv und tatkräftig begleitet. Ausdruck seines großen Engagements war wohl die Überreichung der Ehrenbürgerschaft der Stadtgemeinde Ybbs im Jänner 1890. 

Dass er auch in Waidhofen/Ybbs noch zu seinen Lebzeiten besondere Anerkennung und Auszeichnungen widerfuhr (meist gilt der Prophet im eigenen Land wenig) zeigen die Verleihung des Ritterkreuzes, des Franz-Joseph-Ordens, die ihm im 1897 verliehene Ehrenbürgerschaft, die Benennung einer Straße nach ihm und die anläss¬lich seines 70. Geburtstages erfolgte Bezeichnung eines Brunnens nach seinem Namen. Durch die Benennung des ehemaligen Stadtsaales in „Plenker-Saal“ und durch die heurige Austellung anlässlich der vor 100 Jahren zu Ende gegangenen Bürgermeisterzeit Dr. Theodor Freiherr von Plenkers, möchte die Stadt auch heute ihrem großen Sohn die Referenz erweisen. 

Schon in der Zeit als Gemeinde- und Stadtrat hat Dr. Theodor Freiherr von Plenker wesentlich Anteil am politischen und wirtschaftlichen Geschehen dieser Stadt ge-nommen und dieses auch offensiv gestaltet. Zum Einen galt sein Einsatz dem Abbau der Schulden, jener Schulden, die durch den Kauf und den Betrieb des Puddling¬werks in Klein-Hollenstein herrührten und die den Gestaltungsspielraum der Ge¬meinde wesentlich einengten. Zum anderen war Plenker Neuem gegenüber stets aufgeschlossen. So galt sein Einsatz einer Renovierung des Schwimmbades gleicher¬maßen wie der Errichtung einer Turnhalle, die Errichtung der Ybbstalbahn zog seine Aufmerksamkeit gleichermaßen an wie die verschiedensten infrastrukturel¬len Projekte. Bei Diskussionen, die über das Aufgeben des Gemeindestatuts oder einen richtigen Platz für den Friedhof zu finden, konnte sich Plenker wortgewaltig und mit großem Nachdruck engagieren. Sein besonderes Augenmerk galt der Lehrwerk¬stätte, und der Versuchsanstalt, der damaligen Keimzelle unserer heutigen HTL. Seiner Ära als Bürgermeister gilt diese Ausstellung. All seine Projekte sind auch sehr eng mit seiner Biografie verbunden. 

Stadtplanung und Stadterweiterung

Bürgermeister Theodor Freiherr von Plenker hat sich intensiv mit der Infrastruktur und der Entwicklung der Stadt auseinander gesetzt. Wasserversorgung, Ausgestaltung der Straßen, Situierung des Friedhofes, Einrichtung der Lehrwerkstätte und Versuchsanstalt und viele andere kommunale Projekte sind in seiner Amtszeit entstanden. Von der Notwendigkeit über¬zeugt der Stadt ein Profil zu geben, schuf er wesentliche Grundlagen für die soziale, ökonomische, bildungspolitische und kulturpolitische Entwicklung der Stadt Waidhofen/Ybbs im 20. Jahrhundert. Sein politisches Agieren war stets von Strukturiertheit und Sorgfalt geprägt. Viele Bauten und Über¬legungen gelten bis heute. Bereits in der ersten Sitzung des Gemeinderates vom 12. Oktober 1894 unter seiner Führung kam es zum einstimmigen Beschluss eines neuen Stadtregulierungsplanes, der insbesondere die bis heute gültige Grundstruktur von Straßen und Bauplätzen der Vorstadt Leithen und Wasservorstadt brachte. (Bild 034) Dazu gehörte auch die Neubenennung der Straßen- und Häuserbezeichnungen. Beauftragt wurde Zivilingenieur Johann Schirmen aus St. Pölten, finanziert durch eine großzügige Spende von Baron Rothschild in Höhe von 20.000 Gulden, die für diverse Stadtprojekte herangezogen wurde.


Die Waidhofner Friedhöfe

Schon vor Plenkers Amtszeit hatten die Begräbniszahlen am städtischen Friedhof bei weitem die zulässige Größe überschritten. Plenker berichtet in seinen Erinnerungen, dass diese Tatsache und der Wasser führende Untergrund am Abhang des Buchenberges zu übelriechenden und unzumutbaren hygienischen Bedingungen führten.
Daher beschloss der Gemeinderat, den alten Friedhof Ende 1887 aufzulassen und einen neuen anzulegen. Aus mehreren Varianten wurde der beim „Großen Kreuz“ gelegene Grund der Pfarre Hollenstein gewählt. Wegen schlechter Raumplanung wurde auch dieser Friedhof bald zu klein und musste erweitert werden. Der Bau der Friedhofskapelle entwickelte sich zum politischen Schlachtfeld, da ohne Bauplan und Baugenehmigung gebaut worden war und der schiefe Bau von Plenker mehrmals eingestellt wurde, was aber die christlich-sozialen Gegner nicht daran hinderte weiter zu bauen.
1907 war der alte Friedhof hinter dem Gymnasium so verwildert, dass der Gemeinderat unter Bürgermeister Plenker beschloss, hier eine Parkanlage zu schaffen. Erst 1994 wurde anlässlich des Spatenstichs für den Schillerparktunnel der alte Friedhof noch einmal Gegenstand der Diskussionen. Unter Aufsicht des Bundesdenkmalamtes und unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurden die Gebeine unter dem Schillerpark in einer neuen Grablege bestattet. Der Musealverein besitzt heute das Altarbild der alten Friedhofskapelle mit dem Hl. Michael und zwei Aquarelle vom verwilderten Friedhof.

Das Krankenhaus

Seit dem 13. Jahrhundert ist in Waidhofen eine Krankenpflegeanstalt am Stadtrand dokumentiert. Dieses Siechenhaus entsprach am Ende des 19. Jahrhunderts aber nicht mehr den Standards, die man zu dieser Zeit bereits in der Medizin erreicht hatte. Unter Bürgermeister Plenker sollte der Bau eines neuen Krankenhauses in Angriff genommen werden. Dabei entwickelte sich die Standortfrage zum heiß diskutierten Problem. Der von Plenker vorgeschlagene Bauplatz neben dem Friedhof stieß zunächst auf empörte Ablehnung der Ärzte, erwies sich aber schließlich doch als die beste Lösung.
1907 wurde der Beschluss im Gemeinderat gefasst und Architekt Nikolaus von Bukovics mit dem Entwurf der Pläne beauftragt. 428.000 Kronen hatte das Kaiser-Jubiläums-Krankenhaus gekostet, von denen einen Teil großzügige Spender übernahmen, darunter die Rothschilds, Familie Blaimschein, Franz Leithe, Antonie Radler und vor allem die Sparkasse Waidhofen, sowie weitere Bürger. Im Dezember 1910 wurde es mit 60 Betten und einer Geburt am ersten Abend eingeweiht.  Der erste Ordinarius war Dr. Josef Alteneder, der erste Verwaltungsleiter Josef Hierhammer. Mit über 100 Operationen im ersten Betriebsjahr stellte es seine Notwendigkeit schnell unter Beweis.

Die Wasserheilanstalt Werner

Im 18. Jahrhundert hatte Johann Siegmund Hahn in Deutschland die Wasserheilkunde und Hydrotherapie entwickelt, die mit Wickeln, Schwitzkuren und Wassergüssen meist chronische Beschwerden behandelte. Als ausgereifte Kur entwickelte Pfarrer Kneipp die Erkenntnisse Hahns weiter, so dass die Wasserkur bis heute untrennbar mit seinem Namen verbunden ist. Etwa 100 Jahre später initiierte der Notar Theodor Zelinka durch seine Reiseführer den Sommerfrische-Tourismus in Waidhofen. Dazu gehörten auch Kurangebote, wie die Wasserheilanstalt in der Pocksteiner Straße, die 1897 zunächst durch Anton Mühlberger eröffnet und dann von seinem Schwiegersohn Dr. Franz Werner weiter geführt wurde. 

Die Kuranstalt konnte auf viele Heilerfolge hinweisen und behandelte Gäste aus der ganzen Welt, darunter auch Minister und Botschafter. Zu den angebotenen Behandlungen gehörten: Medizinalbäder, Radium-, Sole-, Sauerstoff- und Kohlesäurebäder, sowie Meersalz- und Fichtennadelbäder und die gesamte Palette der Wasserheilverfahren. Auch diätetische Kuren, Elektrotherapie und Inhalationsbehandlungen wurden angeboten. Als förderlich für die Genesung wurden Spaziergänge am Buchenberg empfohlen.
Auch wenn die Wasserheilanstalt inzwischen Geschichte ist, führt das Rehazentrum Buchenbergheim, die Kurtradition Waidhofens weiter und behandelt Patienten auf dem neuesten Stand der Technik.

Stromversorgung und E-Werk

Die mangelnde Beleuchtung in der Nacht wurde für einen aufstrebenden Sommerfrische-Ort wie Waidhofen schnell zum Problem. Nachdem die Firma Ertl Bräu und die Familien Jax und Rothschild eigene kleine E-Werke für Ihre Zwecke errichtet hatten, überlegte auch die Stadt die Errichtung einer modernen Stromversorgung. Erste Pläne zum Bau eines E-Werkes bei der Stadtwehr wurden aber revidiert und der Gemeinderat fasste schließlich den Beschluss, ein Elektrizitätswerk in der Ybbsitzer Straße zu bauen.
Die für den Bau der Zeller Hochbrücke beauftragte Firma Wayss sollte auch diese Bauarbeiten übernehmen, die elektrischen Einrichtungen stammten von der Fa. Ganz & Co. Und für den Hochbau erhielt der heimische Baumeister Deseyve den Zuschlag. Als Bauleiter fungierte der Architekt N. v. Bukovics. Bereits im Dezember 1900 konnte die erste Probebeleuchtung durchgeführt werden. Die Baukosten betrugen insgesamt 647.432 Kronen (ca. 1.882.000 Euro).

Dieser erste Schritt zur Stromversorgung Waidhofens leitete die Entwicklung der Stadt zum kommunalen Stromversorger ein, ein Programm, dem sich die Politik bis heute verpflichtet fühlt. Mit dem Bau des Kraftwerkes Schwellöd wurde 1923 ein weiteres Kraftwerk gebaut. Heute setzen Projekte wie der Neubau des Kraftwerks Schütt und das gerade in Angriff genommene innerstädtische Kraftwerk bei der alten Lehrwerkstätte diese Tradition der Wasserkraftnutzung in Waidhofen fort.

Kanalisierung 

Obwohl unter den Vorgängern von Bürgermeister Plenker bereits erste Maßnahmen zur Entschärfung der Geruchsbelästigung am Schwarzbach unternommen wurden, musste ein groß angelegtes Kanalisierungsprojekt bis zur Amtszeit BGM Plenkers warten. Mit großzügiger finanzieller Unterstützung von Baron Rothschild wurden die Fäkalwasser über Absturzkanäle in die Ybbs oder den Schwarzbach eingeleitet. Baron Rothschild steuerte noch einmal 12.000 Kronen bei, um durch eine Kanalverlängerung den Gestank unterhalb des Schlosses zu beseitigen. 
Im Jahr 1910 waren die einzelnen Stadtteile an das Kanalnetz angeschlossen, das mit einer Länge von 5.928 lfm Kosten von fast 100.000 Kronen verursacht hatte. 

Diese ersten Kanalbauten, die uns heute angesichts geklärter Abwässer und Flüssen mit Trinkwasserqualität primitiv erscheinen, waren in ihrer Zeit der Höchststand der Städteplanung und setzten zu Plenkers Zeit den Maßstab, den Waidhofen auch heute bei der Wasserentsorgung pflegt. Die große Kläranlage in der Wiener Straße, die seit 20 Jahren in Betrieb ist, reinigt täglich zwischen 1800 und 8.800 m3 Abwasser je nach Witterungslage mit einer Reinigungsleistung von 97%. Dazu betreibt die Stadt noch 4 weitere kleinere Kläranlagen, um auch weiter entfernte Siedlungen zu entsorgen.

Wasserversorgung

Seit dem Mittelalter wurde Waidhofen mit Quellwasser aus Röhrenbrunnen versorgt, da das Konglomeratgestein keine Grundwasserbrunnen ermöglichte. Der erste Hinweis auf die Brunnen in der Stadt steht in einem Ratsprotokoll von 1554, wo der Stadtkämmerer beauftragt wurde, einen Vorrat an hölzernen und damit kostspieligen Brunnenröhren anzulegen. Doch trotz des Wasserreichtums am Buchenberg kam es immer wieder zu Beschwerden über die mangelnde Zuleitung in manchen Stadtteilen. Unter Bürgermeister Plenker wurden Reservoirs angelegt, um die Ausschüttung der zwar reichlich vorhandenen aber unzuverlässigen Quellen zu regulieren.
Mit der Errichtung der städtischen Wasserleitung im Jahr 1893 verschwanden die Röhrenbrunnen aus dem Stadtbild und es konnte endlich eine ausreichende Wasserversorgung der Bevölkerung gewährleistet werden.
Heute speisen Dutzende von Quellen nicht nur das Gemeindegebiet von Waidhofen, sondern versorgen auch die umliegenden Gemeinden Kematen, Aschbach und Sonntagberg. Und wie vor einhundert Jahren preisen Tourismusprospekte die hohe Wasserqualität der Stadt.

Brücken

Zwei wichtige Brücken, die bis heute noch wichtige Verbindungen zwischen den einzelnen Stadtteilen sind, wurden in der Amtszeit von BGM Plenker initiiert. 1898 wurde wegen Baufälligkeit die Brücke bei der Zeller Pfarrkirche gesperrt. Der Zeller BGM Alexander Moyses initiierte den Neubau im System Monier und ließ die Brücke auf Anhöhe der Häuser errichten. Da Waidhofen sich aus finanziellen Erwägungen kaum beteiligen konnte, errichteten die Zeller eine Mautschranke für die Erhaltungskosten.

Die Unterzeller Holzbrücke wurde 1903 durch ein Hochwasser beschädigt und durch einen Betonbau ersetzt, der die Gemüter der Waidhofner erregte, da sich der Passant mit einem fensterartigen Durchblick auf Hüfthöhe konfrontiert sah, der den Blick behinderte. In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde sie durch die neue Brücke ersetzt, die sich in einem leichten Bogen über die Ybbs spannt.
Heute sind die 5 großen Straßenbrücken die Lebensadern zwischen den beiden Stadtteilen Waidhofen und Zell und repräsentieren die Visionen Plenkers für die Zusammenlegung der Gemeinden, die er selbst nicht mehr erleben durfte.

Die Ybbstalbahn

Der ständige Niedergang der Kleineisenindustrie im 19. Jahrhundert hatte die Region um Waidhofen in eine wirtschaftliche Krise gerissen. Eine der Ursachen dafür war sicher die nicht vorhandene Transport-Infrastruktur. Daher gründete der Reichstagsabgeordnete Gottfried Jax, angeregt durch die Eröffnung der Kronprinz Rudolf Bahn 1872 ein „Ybbsthalbahn-Comitee“. Man hoffte für das Obere Ybbstal auf eine ähnlich positive Entwicklung, wie die Anbindung an die Westbahn sie für Waidhofen gebracht hatte.
Tatsächlich wurde schon im Jahr darauf ein Vorprojekt beim k.k. Handelsministerium eingereicht, wegen der schlechten Finanzierung aber nur in Form einer Schmalspurbahn. Der Spatenstich am 1. Juni 1895, wurde im Rahmen eines Volksfestes gefeiert und war mit großen Hoffnungen für die Belebung der Region verbunden. Die Bauarbeiten, die bereits im Mai des Jahres begonnen hatten, machten zügige Fortschritte und man war optimistisch, die Fertigstellung der Teilstrecke Waidhofen-Hollenstein im Sommer 1896 zu erreichen.
Im Mai und Juni 1896 berichtete der „Bote von der Ybbs“ von der Fertigstellung der Strecke und der Anlieferung der ersten Lokomotive in Waidhofen.
Die für Sonntag den 12. Juli festgesetzte Eröffnungsfeier musste wegen technischer Mängel der Lokomotive um drei Tage verschoben werden, wurde dann aber umso mehr gefeiert. Der Tag endete mit einem Festbankett im Hotel „Zum Goldenen Löwen“ in Waidhofen.
Die großen Hoffnungen, die mit dem Bau der Ybbstalbahn verbunden waren, erfüllten sich leider nicht, da die technische und wirtschaftliche Entwicklung über die Region hinweg gegangen war. Alle Gegenmaßnahmen kamen um einige Jahrzehnte zu spät und das Gebiet der niederösterreichischen Eisenwurzen musste sich industriell und wirtschaftlich neu orientieren.

Sommerfrische 

Die Entdeckung der Naturlandschaft durch das aufstrebende Bürgertum des 19. Jahrhunderts führte zur Stadtflucht und Sommeraufenthalten mit Erholungscharakter. Für Waidhofen waren die Touristenbücher des Notars Theodor Zelinka die Initialzündung für den Sommerfrische Tourismus und die dafür nötig werdende Infrastruktur. Mit dem Bau der Bahnlinien, des Elektrizitätswerkes, und der geregelten Kanalisierung und Wasserversorgung waren die Bedingungen für einen florierenden Hotelbetrieb in der Stadt geschaffen. Fotos von der Innenausstattung des Zeller Schlosshotels und Beschreibungen des luxuriösen Angebotes im Goldenen Löwen oder Hotel Inführ vermitteln einen Eindruck, warum Waidhofen sich zum beliebten Sommerfrische-Aufenthalt mit Niveau entwickelte. 

Der Bau der Allee in der Pocksteiner Straße und die Anlage von Spazierwegen am Buchenberg und Schnabelberg durch den Verschönerungsverein boten den Besuchern schattige Wanderwege. Konzerte im Schillerpark und viele Sporteinrichtungen verkürzten die Tage auf angenehme Weise. Die umliegenden Berge wurden Anfang des 20. Jahrhunderts auch als Skigebiet entdeckt und für den Wintertourismus adaptiert.
Nicht wenige Gäste ließen sich auch dauerhaft in Waidhofen nieder und bauten sich prächtige Villen, wie sie heute noch in der Vorstadt Leithen zu sehen sind.
Auch in der Gegenwart setzt Waidhofen auf den Tourismus und hat mit zwei Hotelbetrieben die dafür notwendigen Vorraussetzungen. Die Schönheit der Stadt und das kulturelle und sportliche Angebot locken auch heute noch viele Besucher in die Stadt. 

Die Welt zu Gast in Waidhofen

Die jährlichen Sommerfrische Aufenthalte der Kaiserfamilie in Bad Ischl hatten in der gesamten Monarchie Vorbildwirkung und sogar die wohlhabenden bürgerlichen Familien gingen am Ende des Jahrhunderts in die Sommerfrische. Waidhofen konnte zwar nicht ganz mit den bekanntesten Urlaubsorten mithalten, aber auch hier vermelden die wöchentlich erscheinenden Fremdenlisten die Ankunft bedeutender Persönlichkeiten, die sich vom Beispiel der Familie Rothschild inspirieren ließen. Minister, Bankiers und Industrielle verbrachten ihren Sommer hier und die Damen brachten oft auch ihr Dienst- oder Kindermädchen mit. Nicht weniger als 8 Züge täglich brachten in der Hochsaison die Besucher nach Waidhofen. Auch die Geschäfte in der Stadt hatten sich mit ihrem Warenangebot auf die betuchten Gäste eingestellt und boten Kaviar, Champagner und weitere Delikatessen an. Zur Unterhaltung der verwöhnten Gäste entwickelte sich in Waidhofen ein reiches Kulturangebot mit Konzerten, Theateraufführungen und Vorträgen. 

Casinoverein

Casinogesellschaften entstanden nach den bürgerlichen Revolutionsbewegungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Name geht auf das italienische Wort „casino“ zurück und bedeutet „Spielstätte“. Der Waidhofner Casinoverein verstand sich als Geselligkeitsverein der gehobenen bürgerlichen Schicht und bot mit seinen Theateraufführungen ein reges Kulturprogramm. Neben Konzerten und Theateraufführungen organisierte der Verein aber auch Wohltätigkeits-veranstaltungen. Auch das Ehepaar Plenker engagierte sich aktiv im Casinoverein und besonders Baronin Plenker ist auf den Theaterprogrammen immer wieder als Darstellerin zu lesen. 
Diese Tradition findet heute eine Renaissance im breiten Kulturangebot der Stadt in den diversen Veranstaltungsbetrieben wie Plenkersaal und Kristallsaal im Rothschildschloss. 

MGV 1843

Die Vereine waren zu Plenkers Zeit nicht nur Repräsentanten von Kultur und Gesellschaftsleben sondern durch die Mitgliedschaft vieler Honoratioren der Stadt auch Träger politischer Einstellungen. 1843 wurde der Männergesangsverein als Liedertafel gegründet. Nach den revolutionären Unruhen 1848 zeigten sich aber starke liberale Tendenzen, vertreten durch Persönlichkeiten, die fast alle mit der Gemeindepolitik verbunden waren. Durch die satzungsmäßigen Konzerte war der MGV auch ein wichtiges Element der touristischen Unterhaltung. 
Mit dem beginnenden 20. Jahrhundert hatte der Verein eine große Nähe zu großdeutschen Strömungen, die sich besonders im Volksliederspiel der „Blühenden Linde“ und dem Festspiel zur 400-Jahr-Feier der Osmanenbefreiung 1932 äußerte. 
Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts gehören der Singgemeinschaft des Männergesangsvereins 1843 auch Frauen an und bereichern die musikalische Bandbreite des Vereins. 

Schützengesellschaft 1514

Die Schützengesellschaft war als ältester Verein Waidhofens durch seine ursprüngliche Funktion im Rahmen der Stadtverteidigung und seine historischen Traditionen immer schon Anziehungspunkt für Persönlichkeiten der Stadt. Die Schützenscheiben des Vereins, die zu besonderen Jubiläen beschossen wurden, glänzen durch bekannte Namen und dokumentieren die gesellschaftlichen Ereignisse der Stadt. Sogar Mitglieder des Kaiserhauses übernahmen den Ehrenschutz für Feste der Schützengesellschaft. 
Heute präsentiert sich der Verein sowohl auf sportlicher Ebene im modernen Schießsport recht erfolgreich durch Landes- und Staatsmeistertitel, hält aber auch an den überlieferten Traditionen mit Schützenfesten und als Gastgeber für Festschießen von anderen Vereinen fest. 

Musealverein

Zwanzig Herren, darunter Bürgermeister Plenker, beschlossen im Jahr 1905 ein Museum zu gründen und mit Unterstützung der Bevölkerung einen wertvollen Sammlungsbestand aufzubauen. Die Flut der gespendeten Exponate überraschte wohl selbst die Gründungsväter und die Veröffentlichung im Boten von der Ybbs überlieferte sie der Nachwelt. Der erste Obmann wurde Eduard Nosko und mit Prof. Josef Forsthuber verwaltete ein engagierter Kustos das Museum. 

1907 zog das Museum in das Haus am Oberen Stadtplatz ein und zeigte seine reichen Schätze. Das Erbe der eisenverarbeitenden Zünfte, die wertvollen Archivalien und Hinterlassenschaften der wohlhabenden Bürgerschaft aus mehreren Jahrhunderten. Aber auch die Arbeitswelt der ärmeren Schichten wurde durch Rauchkuchl, Schmiede und Bauernstube dokumentiert. Daneben verstand sich der Musealverein auch als Gremium für die Erforschung von Geschichte und Brauchtum und Beobachter von kulturellen und architektonischen Entwicklungen.
Auch das 5e Museum und der Musealverein des 21. Jahrhunderts fühlen sich dieser Tradition verpflichtet. Während die Dauerausstellung in moderner Präsentationsform die Geschichte der Stadt anhand herausragender Exponate zeigt, nehmen sich die jährlichen Sonderausstellungen des Musealvereins interessanter Themen Waidhofens an und erarbeiten seit einigen Jahren vor allem die jüngere Geschichte der Stadt.

Gymnasium

Die Unterrealschule in Waidhofen feierte 1902 ihr 50 Jähriges Jubiläum, als dessen Begleiterscheinung sich ein Aktionskomitee zur Gründung einer Oberrealschule bildete. Die Bildungsreform von Unterrichtsminister Graf Thun-Hohenstein entwickelte 1848-1853 die Strukturen, die auch das heutige Bildungssystem noch prägen. Das ursprünglich auf die humanistische Bildung ausgerichtete Gymnasium sollte durch den Schultyp des Realgymnasiums erweitert werden, der seine Gewichtung auf der technisch-naturwissenschaftlichen Ausbildung hatte und damit den Bedürfnissen der Industrie entgegen kam.
Der neue Schultyp brachte auch neue Unterrichtsmethoden. Der Einfluss der Reformpädagogik sollte die Lebensfremdheit der „Paukschulen“ durch eine Erlebnispädagogik ersetzen, die zu praktischem Lernen anregte. Wandtafeln oder Karten dienten im Gruppenunterricht zur visuellen Unterstützung des vom Lehrer erzählten. Dagegen verdeutlichten Anschauungsmodelle komplexere dreidimensionale oder technische Zusammenhänge. (Bild Gymnasium)
Unser Lehrmittelzimmer zeigt Gegenstände aus dem Bestand des Gymnasiums und dokumentiert die Welt des Lernens um 1900. Heute ist das Bundesrealgymnasium Waidhofen eine Schule modernsten Zuschnitts mit 4 verschiedenen Ausbildungsschwerpunkten. Daneben engagiert sich die Schule im Ökologischen Bereich und hat bereits das Umweltzeichen für seine Projekte erhalten.



Familie Rothschild und ihr Wirken

von Eva Zankl 

Vor einigen Jahren erwarb die Stadt Waidhofen von den Bundesforsten das Waidhofner Schloss, in dem bis dahin die Forstfachschule untergebracht war. Damit stellte sich auch die Frage, welchem Zweck das so genannte „Rothschild-Schloss“ zugeführt werden sollte. Für mehr als einhundert Jahre war die alte Burg- und Schlossanlage, die Jahrhunderte lang die Geschicke der Stadt mit prägte als abgeschlossenes Areal dem Bewusstsein der Waidhofner Bevölkerung nahezu entglitten. 
Die Initialzündung für eine neue und intensive Beschäftigung mit dem Bauwerk und seiner Geschichte war der Zuschlag für die Landesausstellung 2007. Der dafür not-wendige Umbau des Schlosses, der durch Architekt Prof. Dr. Hollein erfolgte, führte auch dazu, sich mit den früheren Besitzern, der Familie Rothschild und ihrer Rolle in Waidhofen und Umgebung auseinander zu setzen. 

Aufstieg der Familie Rothschild

Über mehrere Generationen hatten sich die Rothschilds von Frankfurt ausgehend an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in der Finanzwelt Europas einen Namen gemacht und an Einfluss gewonnen. Durch geschickte Bankgeschäfte und Finanztransaktionen hatte die Familie Reichtum und Ansehen erworben. Die fünf Söhne von Mayer Amschel zogen, ausgerüstet mit dem Geschäftssinn ihres Vaters in alle bedeutenden Finanzzentren Europas und errichteten dort Büros. Untereinander vernetzt durch starke Familienbande - die Rothschilds heirateten über Generationen hinweg nur innerhalb der Familie, eine Tatsache, die schließlich auch problematische Auswirkungen zeigen sollte – hatten sie auch ihre geschäftlichen Strukturen durch ein schnelles Kurier- und Transportsystem optimiert. Gemeinsam setzten sie ihr Kapital und ihre Informationsüberlegenheit ein, um Konkurrenten auszuschalten und die Interessen ihrer Familie durch zu setzen. So gelang es den Brüdern in Paris und London schnell, Einfluss auf die Börse und schließlich auch auf die Regierungspolitik ihrer Länder zu gewinnen. 
In Wien ging die Etablierung nur zögerlich voran. Nach der napoleonischen Ära war Österreich mit seinem traditionellen Antisemitismus und Metternichs restriktiver Restaurationspolitik kein guter Boden für Juden. Doch Salomon Rothschild konnte sich als geborener Diplomat unaufdringlich aber konsequent in der Hauptstadt der Habsburgermonarchie sowohl finanziell als auch gesellschaftlich etablieren. Nach 
dem Tode Kaiser Franz I. rettete Salomon durch sein demonstrativ gezeigtes Vertrauen in die Staatspolitik die Kanzlerschaft Metternichs und schuf damit die Grundlage für den weiteren politischen Einfluss seiner Familie in Österreich. 1) 1841 konnte Salomon Rothschild das Bürgerrecht in Wien erlangen und durfte danach Grundbesitz erwerben, was ihn ziemlich bald zu einem der größten Grundbesitzer Österreichs machte. 

Sein Sohn Anselm hatte das wirtschaftliche Fingerspitzengefühl seines Vaters geerbt und machte sich daran, das hinterlassene Vermögen rasch zu vermehren. Besonders die Investitionen ins aufkommende Eisenbahngeschäft, dessen Möglichkeiten er als einer der ersten erkannte, machten die Rothschilds zu einem Faktor, der in der Habsburger-monarchie nicht mehr zu ignorieren war. Dennoch war die Familie in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen noch immer nicht akzeptiert und hatte oft durch antijüdische Reaktionen zu leiden. 
Als Anselm Rothschild schließlich durch Förderung von Fürstin Pauline Metternich Hoffähigkeit erhielt, konnte die Familie als etabliert bezeichnet werden. Besonders Kaiserin Elisabeth pflegte eine enge Freundschaft mit den hoch gebildeten Rothschild-Frauen. 

Die Rothschilds im Mostviertel

Albert von Rothschild 
Als Anselm 1874 starb hinterließ er seinen Söhnen Albert, Ferdinand und Nathaniel ein riesiges Vermögen. Albert übernahm die Bankgeschäfte als Haupterbe , doch musste er nicht mehr um Akzeptanz kämpfen und so konnte die Familie in der Zeit des Fin de Siecle ihren gesellschaftlichen Status und ihr Vermögen dazu nutzen als Gastgeber und Wohltäter von sich reden zu machen. 
Als Bankier nahm Albert Rothschild entscheidenden Einfluss auf Regierung und Industrie in Österreich. Vor allem betätigte er sich erfolgreich bei Finanztransaktionen in Ungarn. 
Geboren am 29. Oktober 1844 war Albert von Rothschild seit 1876 verheiratet mit Bettina Caroline, der Tochter von Mayer Alphonse und Leonora de Rothschild, also seiner Cousine ersten Grades aus dem französischen Zweig . Die beiden hatten sieben Kinder, von denen sechs das Kindesalter überlebten. 
Albert Freiherr von Rothschild war ein Mann mit vielen Interessen. Als Kunstfreund, der sein eigenes Palais mit Schätzen der europäischen Kunst geschmückt hatte, war er von der Regierung in das Kuratorium des österreichischen Museums für Kunst und Industrie in Wien berufen worden. Außerdem war er ein passionierter Jäger und begeisterter Photograph. Er liebte das Schachspiel und war doch gleichzeitig ein eifriger Sportler. Für seine Verdienste um das Kaiserreich bekam er am 5. August 1893 nach dem Leopolds-Orden und dem Orden der Eisernen Krone 3. Klasse auch den Orden der Eisernen Krone 1. Klasse überreicht. 3) 
In Waidhofen hinterließ sein Wirken ein umgestaltetes Schloss und viele technische Neuerungen, für die Energieversorgung des Besitzes (E-Werk im Schlosspark). 
Gemeinsam mit seiner Frau war der Baron gemäß den jüdischen Traditionen ein sehr wohltätiger Mensch, der im Laufe seines Lebens ca. 38 Millionen Kronen für soziale Belange spendete. So verwundert es nicht, dass Albert Ehrenbürger Waidhofens war. 4) Im Februar 1911 verstarb Freiherr von Rothschild in Wien an Herzschwäche. 

Louis von Rothschild

Geboren 1882 war er eines von 7 Kindern von Albert und Bettina und übernahm nach dem Tod seines Vaters im Alter von 29 Jahren das Wiener Familienimperium, während sein Bruder Alphonse die Langauer Besitzungen erhielt und als Erbe seines Onkels Nathaniel der Besitzer einer großartigen Kunstsammlung wurde. Zu Louis Erbe gehörte auch die Waidhofner Domäne mit dem Schloss in Waidhofen. 
Louis galt als brillanter Kopf mit stoischer Gemütsruhe aber auch distanzierter Zurück-gezogenheit. Da seine beiden verbliebenen Brüder (ein weiterer hatte sich das Leben genommen und ein anderer war psychisch krank) keine Söhne hatten, war Louis das letzte Oberhaupt der österreichischen Linie. Gut aussehend und als leidenschaftlicher Polospieler und Jäger durchtrainiert, war er auch bei den Damen beliebt. 
Seine stoische Art half ihm wohl, schwierige politische und wirtschaftliche Zeiten zu managen. Der Zerfall der Habsburgermonarchie 1918 band auch die Rothschilds an den übrig gebliebenen Rest und bewirkte damit eine Minderung des Firmenvermögens. So rettete Louis als Chef der Creditanstalt im Jahr 1929 die marode angeschlossene Bodencreditanstalt und brachte sowohl Bank als auch Familie an den Rand des Ruins. Auch wenn schlimmere Folgen durch das Zusammenwirken aller Familienzweige in England und Frankreich verhindert wurden, waren diese Transaktionen eine große Belastung für die Reserven aller Rothschildzweige in Europa. 5) 

Kaum war die Krise der zwanziger Jahre überwunden, zeigten sich am Horizont bereits die Bedrohungen der NS- Herrschaft. Trotz vielfältiger Warnungen blieb Louis in Wien. Möglicherweise befürchtete er durch seine bedeutende Stellung keine Gefahr für sein persönliches Wohl, oder er fühlte sich dem eigenen Land verpflichtet, dem er durch seine Abreise ein weiteres Signal für die bevorstehende Auflösung geben würde. Bereits im März 1938 wurde Louis Rothschild von der Gestapo verhaftet und verhört. Göring und schließlich Himmler zeigten Interesse an dem reichen Bankier und verlangten für seine Freilassung die Übertragung der Witkowitzer Eisenhüttenwerke in der Tschechoslowakei. 

Aber Louis hatte bereits in den Jahren 1936-37 das Eigentum an den Werken nach Großbritannien überschrieben, dabei aber die Kontrolle seiner Familie garantiert. So blieb den deutschen Machthabern keine andere Möglichkeit als die Bedingungen der Familie Rothschild zu akzeptieren, nämlich Louis freizulassen und für die Werke 3 Millionen Pfund Sterling zu bezahlen. Der ausbrechende Krieg verhinderte aber die Transaktion und die Rothschilds wurden nach 1946 für die Werke entschädigt. 6) 

Louis (im Bild links oben) ging zunächst in die Schweiz und anschließend nach Amerika, wo er sich auf einer Farm in Vermont niederließ und Hilda von Auersperg heiratete. 1946 kam er nach Österreich und vermachte seinen gesamten von den Nazis enteigneten Besitz dem österreichischen Staat. Dieser wandelte den Besitz in einen Pensionsfond um und versorgte die ehemaligen Rothschild-Arbeiter mit der gleichen Pension wie die Staatsbeamten. 
Louis verstarb im Januar 1955 beim Schwimmen in der Karibik und wurde auf seinen Wunsch in Wien beerdigt. 

Alphonse von Rothschild 

Obwohl Louis’ älterer Bruder Alphonse (im Bild sitzend) an der Fortführung der Firmengeschicke der Rothschilds weniger beteiligt war, soll er doch im Rahmen dieser Dokumentation angeführt werden als Erbe der Gaminger und Langauer Domänen. Sein Vater Albert hatte Louis zum Chef des Hauses gemacht, wohl, weil sich bei ihm schon früh die Fähigkeiten erkennen ließen, mit denen er die Firma durch zwei Weltkriege und Wirtschaftskrisen führen konnte. Alphonse, der mit Clarice Sebag-Montefiore verheiratet war und einen Sohn und zwei Töchter mit ihr hatte, führte das Leben eines Gelehrten und Landedelmannes. Er verwaltete seine riesige Kunstsammlung und seine Domänen in Gaming. Besonders dort zeichnete er sich durch die soziale Fürsorge für seine Arbeiter aus und der Name Rothschild hat heute noch einen guten Klang in der Langau. 

Alphonse erkannte schon bald die aufziehenden gefährlichen Zeiten, die sich durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland auch für Österreich abzeich-neten. Daher beschloss er, seine Kunstsammlung in die Schweiz und seine Familie in Sicherheit zu bringen. Doch die sich überstürzenden Ereignisse verhinderten die Ausfuhr der Sammlung und die Familie schaffte es nur knapp, der Gestapo zu entkommen. Eltern und Kinder trafen sich zunächst in der Schweiz, wo der einzige Sohn von Alphonse im Internat war, dort aber bereits Ende 1938 an Blutvergiftung starb. Danach begann eine Odyssee über England, New York und Kanada, bis die Familie sich schließlich 1941 in Bar Harbour in Maine niederlassen konnte. Die Schicksalsschläge hatten Alphonse offen-sichtlich aber so sehr mitgenommen, dass er 1942 im neuen Exil starb. Erst in den fünfziger Jahre kam seine Frau nach Österreich zurück und noch später seine Tochter Bettina Looram-Rothschild, die sich in Langau niederließ.  

Die Rothschilds als Grundbesitzer

Mit dem Kauf der Domänen Waidhofen und Gaming mit einem Flächenareal von 31.000 ha wurden die Rothschilds 1875 schließlich auch die größten Grundbesitzer in Niederösterreich. Zu den umfangreichen Besitzungen gehörten das große Gebiet um den Dürrenstein und Langau mit dem heute noch unzugänglichen Urwald, sowie der gesamte Königsberg und das gegenüberliegende Gamsstein- und Voralpegebiet in Hollenstein. Auch um Waidhofen gehörten das Forstgebiet Atschreith, das heute noch vom ehemaligen Jagdhaus dominiert wird und ein Revier im Redtenbach und unterhalb der Spindeleben zum Rothschildschen Besitz. 

Der Grundbesitz, der hauptsächlich aus Wald bestand, wurde durch die Rothschildsche Forstverwaltung, deren Sitz Waidhofen war, komplett neu strukturiert. Der frühere Eigentümer, die deutsche forstliche Aktiengesellschaft hatte bei der Bewirtschaftung der Gebiete große Verluste eingefahren, weil sie sich auf Ertragsaufzeichnungen vom Anfang des 19. Jahrhunderts verlassen hatte. Große Schlägerungsmengen, die aufwändig und teuer Richtung Donau zu den Dampfsägen geflößt wurden, hatten den Bestand ständig verkleinert. Die Hoffnung, dass sich der Bestand auf natürliche Weise verjüngen würde ging nicht auf und diese Unkenntnis über forstwirtschaftliche Bedingungen im Hoch-gebirge brachte die Aktiengesellschaft bald in finanzielle Schwierigkeiten. 

Baron Albert von Rothschild gab deshalb zuerst eine Bestands- und Ertragserhebung in Auftrag, ohne die eine sinnvolle Nutzung mit Augenmerk auf Nachhaltigkeit kaum möglich war. Als festgestellt wurde, dass die Erträge zu niedrig waren, um Transport und Auslastung der Sägewerke finanziell lohnenswert zu machen, löste er die Strukturen auf. Das Amstettener Sägewerk wurde geschlossen und das Pöchlarner Werk nur noch mit dem Holz aus der Gaminger Region versorgt, wobei sogar eine eigene Waldbahn gebaut wurde, um das Holz von Langau nach Lunz zu transportieren. Der Ertrag aus den Waidhofner Besitzungen wurde nur noch von hiesigen Sägen verarbeitet oder als Brennholz in der Stadt verkauft. Die Hollensteiner Forste wurden zur Gänze geschont, da sie ohnehin zu stark überschlägert waren. 

Die Gesamtadministration erfolgte von Waidhofen aus, wobei der Amtsdirektor 59 Beamte und Forstangestellte in den verschiedenen Forstämtern, sowie 700 Arbeiter unter sich hatte. Für diese Arbeiter und Angestellten sorgte die Familie in vorbildlicher Weise: 
Die Sägearbeiter in Pöchlarn hatten eine eigene Pensionskasse, während die Wald-arbeiter ihre eigene Bruderlade selbst verwalteten. In Langau wurden den Arbeitern Wohnhäuser zur Verfügung gestellt die ihnen auch eine kleine Viehhaltung ermöglichten. Außerdem wurden zentrale Lebensmitteldepots eingerichtet, die den Arbeitern die Waren zum Selbstkostenpreis verkauften. Es verwundert also nicht, dass die Rothschild-schen Bediensteten um ihre guten Arbeitsbedingungen beneidet wurden. 

Da der Gutsherr auch ein begeisterter Jäger war, war ihm natürlich auch die Erhaltung eines guten Rotwildbestandes ein Anliegen. Durch Aufstellen von Wildzäunen und eine konsequente Winterfütterung verbesserte sich innerhalb weniger Jahre der Bestand spürbar. 

Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass sich die Rothschildschen Domänen durch eine schonende und auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Bewirtschaftung aus-zeichneten. Die großen Finanzreserven der Familie erlaubten dieses Vorgehen, das auf eine rücksichtslose Ausbeutung der vorhandenen Ressourcen verzichten konnte. 

Schloss Waidhofen und weitere Bauten im Mostviertel

Freiherr Albert von Rothschild initiierte mit dem Kauf der Domänen Gaming und Waid-hofen eine rege Bautätigkeit. Schon kurz nach dem Kauf wurde das Schloss in Waidhofen vom Dombaumeister Friedrich von Schmidt im neugotischen Stil umgebaut und das angrenzende Stöcklgebäude dazugebaut. 

Das Schloss hatte im Lauf seiner Geschichte schon viele Veränderungen, Zubauten und Neuerungen erlebt. Aus dem ersten Kern der Stadt, den das „forum“ bildete und als Ergänzung der Burg in Konradsheim diente, war nach der Zerstörung dieser Burg ab 1365 das Schloss 
Waidhofen geworden. Die kleine Burg wurde zu einem großen Gebäude mit 40 m Länge und ybbs-seitig vier Stockwerken ausgebaut. Der Bergfried, der durch seine Schrägstellung zum Schloss seinen Entwurf offensichtlich vor dem Umbau durch Bischof Berthold von Wehingen um 1400 hat, scheint über mehrere Bauphasen hinweg entstanden zu sein. 10) 
Nach den beiden verheerenden Bränden 1515 und 1571, die das Schloss schwer beschädigten, erfolgten weiteren Umbauten. Vor allem aus dem zweiten Brand, der durch einen Schuss auf das Dach ausgebrochen war, zog man die Lehre, das Dach mit Ziegeln zu decken, statt mit Holzschindeln. Diese Umbauten dürften sich angesichts der instabilen politischen Lage durch Reformation und Bauern-kriege verzögert und bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts gedauert haben. 
Nach der Auflösung der Grundherrschaft Freisings über Waidhofen verfiel das Schloss zunehmend, wie der Absturz der Burgkapelle in die Ybbs in jener Zeit belegt. Eine not-wendige Reparatur am Turm 1869 ging einher mit dem Abriss des spitzen Daches und ließ das heutige Aussehen des Turmes mit Zinnenkranz entstehen. 11) 
Als Albert von Rothschild das Schloss 1875 erwarb ließ er schon einige Jahre darauf den Umbau durch den Dombaumeister der Bauhütte St. Stephan in Wien Friedrich von Schmidt ausführen. Schmidt hatte sich seit den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts einen Namen als Restaurator mittelalterlicher Burgen und Baumeister neugotischer Bauwerke, wie die Wiener Votivkirche und das Rathaus gemacht und war deshalb wohl von Baron Rothschild beauftragt worden. Die Arbeiten konzentrierten sich auf den Ausbau des Innenhofes und die Errichtung des Stöckl-Gebäudes, wobei die Entwürfe Schmidts zeigen, dass nicht alle Bauten in der von ihm geplanten Form ausgeführt wurden. Offensichtlich hatten die Bauherren auch ihre eigenen Vorstellungen, die sie mit einbrachten. So berichtet zum Beispiel Hierhammer von einer Episode, bei der Baronin Rothschild die Kerkergewölbe im Untergeschoss des Bergfrieds besichtigte und angesichts der dort vorgefundenen Skelettreste befahl, diese Kellergewölbe zuzuschütten. Die Innenausbauten beschränkten sich auf den Ausbau der vorhandenen Substanz. 1890 wurde der Umbau des Schlosses durch den Bau der neuen Schlossbrücke beendet. 

Als Louis Rothschild 1911 das Schloss übernahm, ließ er es komplett neu mit französischen Möbeln umgestalten und machte es zu einem eleganten Domizil, in dem auch wertvolle Kunstobjekte ihren Platz fanden. 
Das Schloss diente nicht nur als Wohnresidenz der Familie bei ihren Besuchen in Waidhofen, sondern auch als Zentrale der Forstverwaltung. Der Schlosspark wurde dabei umgestaltet, die Schwarzbachfront wurde mit einem E-Werk zur Versorgung des Schlosses aufgerüstet und ybbsseitig ein Spazierweg angelegt. 
Angrenzend an seine Besitzungen am Hochseeberg ließ Baron Albert 1905 vom Architekten Carlo von Boog eine stattliche Jagdvilla in Atschreith bauen, der noch diverse Wirtschaftsgebäude und Wohnhäuser für die Angestellten folgten. Wie alle Rothschildschen Besitzungen wechselte auch dieses Haus in der NS-Zeit den Eigentümer und wurde als pompöses Gästehaus für NS-Größen genutzt. 
Heute gehört die Villa der Unternehmerfamilie Umdasch, die die Jagdgebiete am Rabenstadl zur Erholung und Geschäftseinladungen nutzt. 
Es war ebenfalls Carlo von Boog, der für den schwer behinderten Sohn von Albert und Bettina einen eigenen Pavillon in der Nervenheilanstalt Mauer entwarf. Der Pavillon war ein Glanzstück im Parkgelände der Anstalt, wurde aber im Jahr 1975 leider abgebrochen. 
Ein ebensolches Zeugnis der eifrigen Bautätigkeit des Baron war das Jagdhaus im Steinbachtal bei Göstling. Wie ein verwunschenes Schloss wirkte das Haus am Ende des abgelegenen Tales mit seinem Fachwerk und den Türmchen. Leider brannte das Haus vor wenigen Jahren ab. 

Ein weiteres Jagdhaus findet man in Hollenstein am Eingang zum Taleinschnitt der die Rothschild-Besitzungen am Königsberg und auf der Voralpe voneinander trennte. Die heutige Fachschule Unterleiten war als Herrenhaus seit 1648 unter dem Namen „Unter der Leuthen“ bekannt und hatte vorher viele prominente Besitzer. Der Großzerennhammermeister Bernhard von Scheuchenstuhl war einer von ihnen. Auch die Prinzessin Hohenlohe-Waldenburg war Eigentümerin des Hauses bevor Albert von Rothschild das Haus mit seinen Domänen Ende des 19. Jahrhunderts erwarb. Während der Wirtschaftskrise und der Rettungsaktion für die Bodencreditanstalt musste das Haus vom finanziell angeschlagenen Louis an die Bundesforste verkauft werden und beherbergt heute eine landwirtschaftliche Fachschule mit exzellentem Ruf und guter Ausbildung. 

Den größten Baueifer entwickelte der Grundherr Rothschild in seinen geliebten Besitzungen in der Langau, am Fuße des Dürrensteins. Dort entstand auf einer kleinen Erhebung das große Jagdhaus (siehe oben), in dem sich die Familie während der Sommerferien aufhielt. Angeschlossen waren Gästehäuser und Wirtschaftsgebäude. Weiter hinein ins Tal ließ Baron Rothschild viele Holzhäuser für die Forstbediensteten bauen, die heute noch das Landschaftsbild zwischen Langau und Neuhaus prägen und teilweise als Ferienwohnungen genutzt werden.

Die Rothschilds und ihre Kunstsammlungen

Ein wenig erfreuliches Kapitel in der Geschichte der historischen Auseinandersetzung mit der Familie Rothschild ist die Enteignung der immensen Kunstwerke in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Österreich. Wie bereits erwähnt, hatte Alphonse die Kunstsammlung seines Onkels geerbt und auch Louis war als Kunstsammler bekannt. Beide Brüder hatten regen Kontakt zu Museumsdirektoren und Kunsthistorikern. 

Der Rothschildsche Informationsdienst funktionierte, wie seit 150 Jahren, auch 1938 hervorragend und schickte aus Frankreich Warnungen über die bevorstehende Annexion Österreichs durch das deutsche Reich. Alphonse reagierte sofort und bereitete neben der Flucht seiner Familie auch den Transfer seiner Kunstwerke vor. Schwierigkeiten ergaben sich dabei durch das im Jahr 1923 in Kraft getretene Ausfuhrverbotsgesetz, das verhindern sollte, dass österreichisches Kulturgut außer Landes gebracht würde. Sollte es eine behördliche Erlaubnis geben, konnte der Staat aber 10 % des Werts einfordern. Die zuständigen Experten beurteilten die Ausfuhr der Sammlung als geringen Verlust für Österreich und Alphonse bekam nach der Übereignung von 39 Objekten an staatliche Stellen die Ausfuhrgenehmigung. 
Doch im letzten Moment machte der Einmarsch der Deutschen alle Versuche zunichte und Alphonse hatte Mühe das Leben seiner Familie zu retten. Die schon verpackte Sammlung wurde einbehalten, die beiden Rothschild-Palais versiegelt und die Kunstsammlungen beider Brüder in das Zentraldepot des Museums der Stadt Wien gebracht, wo eine genaue Inventarisierung erfolgte. 
Ein Großteil dieser Kunstobjekte wurde 1941 im Dorotheum in einer Versteigerung von Silber- und Porzellangegenständen angeboten. 
Die Inventarliste zeigte dabei allein aus den Häusern Waidhofen, Atschreith und Stein-bach 184 Kunstwerke, von denen einige Emerich Schaffran in seiner Beschreibung des Schlosses Waidhofen aus dem Jahr 1924 nennt. So waren z. B. Gemälde von Frans Hals, Boucher und diversen niederländischen Malern vorhanden und viele wertvolle Fayencen, Uhren usw. 

Nachdem Hitler durch einen Spezialisten die erste Auswahl für sein geplantes Führer-museum in Linz hatte treffen lassen, setzte bei den übrigen österreichischen Museen ein ziemlich unwürdiges Gerangel um die restliche Sammlung ein, die auf diese Weise weiträumig verstreut wurde. Der einsetzende Krieg ließ die Objekte jedoch schon bald in Stollen, Klöstern und anderen sicheren Zufluchtsstätten verschwinden. 

Durch die genaue Inventarisierung der Sammlungen war es bereits 1946 möglich, fast alle Werke wieder zu finden und einen Restituierungsantrag durch die Familie Rothschild zu stellen. Doch da die handelnden Protagonisten bei den zuständigen staatlichen Stellen kaum ausgewechselt worden waren, wurde auch jetzt das Ausfuhrverbotsgesetz als Druckmittel benutzt, um wenigstens einen Teil der Kunstobjekte in österreichischen Museen zu behalten. Es muss festgestellt werden, dass diese Verhandlungen ein wenig rühmliches Bild von Bundesdenkmalamt und Museumslandschaft in dieser Periode zeigen. 1
Über mehrere Jahre mussten Louis de Rothschild und Clarice, die Witwe von Alphonse um die Ausfuhr ihrer Sammlungen kämpfen und dabei große Verluste hinnehmen. Dies erscheint aus heutiger Sicht umso tragischer, da gerade diese Familie sich als überaus wohltätig und großzügig gezeigt hatte und den Staat nicht nur einmal mit seinen Finanz-mitteln unterstützt hatte. 
Erst durch eine Initiative von Bundesbildungsministerin Gehrer Ende der neunziger Jahre wurde es möglich, zurückgebliebene Objekte wieder an die Familie Rothschild und andere Geschädigte zu restituieren und damit ein unerfreuliches Kapitel der Geschichte abzuschließen. 16) 

Das soziale Engagement der Familie Rothschild

Ähnlich wie das Christentum legt auch die jüdische Religion großen Wert auf die so genannte „Zedeka“, die Mildtätigkeit. Die Rothschilds waren sich ihrer Verantwortung, die ihr Vermögen mit sich brachte immer in besonderem Maße bewusst und engagierten sich vielfältig als Mäzene im Kunstbereich und als soziale Wohltäter. Neben großen Krankenhausprojekten in Wien bekamen auch die Bewohner im Mostviertel die ungeheure Großzügigkeit der Familie zu spüren. 

Wie bereits erwähnt 
hatten die Forst- und Sägewerksarbeiter eigene Pensionskassen und eine geregelte 
Altersversorgung. 

Zusätzlich ließ Baronin Bettina in Göstling ein Kinderheim errichten, in dem die Kinder der Forstarbeiter aus dem unzugänglichen Rothwaldgebiet untergebracht wurden und ihnen damit ein geregelter Schulbesuch ermöglicht wurde. Neben der Schule lernten die Kinder handwerkliche Arbeiten, die sie für ihr späteres Leben dringend brauchen konnten. In Gaming entstand ein Heim, in dem alte, arbeitsunfähige Forstarbeiter ihren Lebensabend verbringen konnten. Auch viele Einzelpersonen erhielten Zuwendungen für Ausbildung oder als Unterstützung und so verwundert es kaum, dass im Gebiet der Langau noch heute respektvoll und dankbar der Familie Rothschild gedacht wird. 17) 

Auch in Waidhofen zeigten die Rothschilds sich stets spendabel. Viele Meldungen in den Ratsprotokollen und im Boten von der Ybbs belegen die reichen Spenden für Magistrat und Bevölkerung. 

26. März 1892:
 Baron Rothschild spendet 500 Gulden zur Verteilung an die Stadtarmen anlässlich des Todes seiner Frau Bettina. (In Wien spendete er 500.000 Gulden für den Bau eines Krankenhauses für Krebskranke) 
8. Juli 1893: Albert von Rothschild spendet 1000 Gulden für die Armen der Stadt 
18. Februar 1911: Der Bote von der Ybbs meldet den Tod von Baron Rothschild und seine testamentarische Verfügung 3000 Kronen für die Armen der Stadt zu spenden. 

Das große Interesse an technischen Neuerungen und fortschrittlichen Lösungen für das Gemeinwohl machte Baron Albert auch zum freigiebigen Spender für infrastrukturelle Maßnahmen der Stadt. 

13. August 1891: Die Stadt erhält 800 Gulden für die Herstellung der Kanäle am Schwarzbach 
8. Juni 1895: Bürgermeister Plenker bedankt sich bei der Spatenstichfeier für die Ybbstalbahn bei den Gönnern und Geldgebern des Großprojekts, zu denen auch Baron Rothschild gehört. 
22. Mai 1896: Baron Albert spendet 25.000 Gulden für Kanalisierungsarbeiten 
28. August 1899: Für den Bau eines Schlachthauses spendet die Familie 10.0000 Gulden 

Auch sein Sohn Louis führte die Familientradition weiter und zeigte sich im sozialen Bereich großzügig. In den durch den 1. Weltkrieg verursachten schrecklichen Hungerjahren 1917 und 1918 trug Baron Louis immer wieder durch Spenden dazu bei, das Leid der Bevölkerung zu mildern. Dabei fällt auf, dass die Familie stets nur für die Armenfürsorge oder infrastrukturelle Maßnahmen, die allen zugute kamen, spendete. Organisationen oder Vereine mit politischem Hintergrund kamen nicht in den Genuss 
der Spendenfreudigkeit. 

17. Februar 1917: Baron Rothschild spendet 500 Kronen für die Schulsuppe 
5. Januar 1918: Louis de Rothschild spendet 30 Kronen für die Suppenanstalt 
30. März 1918: Trotz antisemitischer Hetzschriften, deren sich auch der Bote von der Ybbs nicht enthalten wollte, spenden die Rothschilds für soziale Belange. 
20. April 1918: Die Rothschildsche Forstdirektion spendet 500 Kronen für das Frühstück an Schulen. 

Auch gegenüber Vereinen zeigte sich Baron Rothschild großzügig. So übernahm er z. B. 1914 gemeinsam mit Erzherzog Leopold Salvator den Ehrenschutz für das Freischießen zum 400 jährigen Jubiläum der Feuerschützengesellschaft 1514 in Waidhofen. Dass die Spendengelder zu dieser Zeit nicht mehr so reichlich flossen, wie 20 Jahr zuvor mag an der angespannten finanziellen Situation der Rothschildschen Unternehmen in Österreich nach dem Untergang der Habsburgermonarchie liegen. Louis musste sein Finanzimperium durch schwere Zeiten lotsen, ohne genau zu wissen, wie sich der Rumpfstaat Österreich entwickeln würde. 

Wer heute den Namen Rothschild in Presseberichten oder Fernsehsendungen hört, denkt zunächst vermutlich an Wein und Bankgeschäfte. Doch nach einer genaueren Beschäftigung mit der Geschichte der weit verzweigten Familie und ihres unglaublichen Aufstiegs innerhalb weniger Generationen kann man sich der Faszination dieser Familie nicht mehr entziehen. Ihr weltumspannendes Imperium, die vernetzten Familienstrukturen und ihre gesellschaftliche Bedeutung machen die Rothschilds noch heute zu einer der bedeutendsten Familien der Welt. 
Doch nicht nur in der großen Weltgeschichte spielten sie eine bedeutende Rolle, auch in kleinen Strukturen, wie den niederösterreichischen Besitzungen zeigten sie historisches Format. Bis in unsere Tage ist die Familie Rothschild, ein zwar aus der Distanz wahrge-nommener aber nicht weg zu denkender Gegenstand der Verehrung im Mostviertel. Ihre sozialen Werke und Bauten begegnen uns in diesem Landstrich immer wieder und erlegen uns die Pflicht auf, einen Teil dazu bei zu tragen, das Unrecht, das der Familie zugefügt wurde, wenigstens zu dokumentieren, wo eine Wiedergutmachung nur schwer möglich ist. 

Anmerkungen: 
1) Morton Frederic; Die Rothschilds; S. 92 
2) Ebenda, S. 209 
3) Bote von der Ybbs August 1893, S. 
4) Richter Friedrich; Die Ehrenbürger der Stadt Waidhofen an der Ybbs, S. 51 
5) Morton Frederic; Die Rothschilds; S. 243-245 
6) Ebenda S. 250-253 
7) Egger Leopoldine, Vom Urwald zum Siedlungsraum, S. 97 
8) Ebenda, S.46 
9) Prasch Ludwig; Die Domänen Gaming und Waidhofen an der Ybbs 
10) Buchinger Günther; Zur Baugeschichte der Burg Waidhofen an der Ybbs, S.13 
11) Ebenda, S. 20. Ein Zeitgenosse kommentiert das neue Aussehen des Turmes als passend für eine Theaterdekoration. Man sieht, dass auch die damalige Veränderung bereits der Kritik unterlag. 
12) Rath Jürgen; Burgenrestaurierungen und Schlossarchitektur im Werk Friedrich von Schmidts; S. 17, 18 http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.s/s275884.htm 
13) Krois Isabella; Die Restitution von Kunst- und Kulturgütern am Fall der Familie Rothschild; S. 58 
14) Schaffran Emerich; Waidhofen an der Ybbs, S. 65 
15) Trenkler Thomas; Der Fall Rothschild; S. 121-134 
16) Ebenda, S. 14, 15 und Krois Isabella, S. 98 
17) Egger Leopoldine, S. 86 


Zum Download


Die Rothschilds
Plenker