Waidhofen 1938 bis 1945

Mag. Walter Zambal

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Der Anschluss

Veränderungen nach dem Anschluss 

12. März 1938

Die von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg vorgesehene Volksbefragung hätte am Sonntag, dem 13. März 1938, stattfinden sollen. Hitlers Truppen marschieren jedoch am Samstag, dem 12.März 1938, in Österreich ein. - Der Bote vom 18.März 1938, bereits Sprachrohr der nationalsozialistischen Propaganda, schildert unter dem Titel „Wie unsere Stadt die letzten Tage erlebte!“ die Ereignisse: 

  • Am vergangenen Freitag (11.März 1938), bevor noch die Stunde der Befreiung geschlagen hatte, war die Stimmung verbittert, ja zum Teile gedrückt. Wohl aber zeigte sich schon die Entschlossenheit, sich die Zumutungen der letzten Machthaber nicht mehr bieten zu lassen. Es war alles wie mit Pulver geladen, bereit, jederzeit zu entflammen. Ungeduldig wartete man auf Nachrichten. Gegen Abend kam nun die Nachricht von dem Rücktritt des Bundeskanzlers Schuschnigg und die Erledigung der „Volksbefragung“. Nun brach der Jubel durch und im Nu war das Volk auf der Straße und versammelte sich zu spontanen Kundgebungen vor dem Rathause. Die Menge wurde immer größer und verlangte stürmisch die Hissung der Hakenkreuzfahne. Der Ruf „Fahne heraus!“ ertönte mächtig im Sprechchor und ruhte nicht eher, bis endlich, mit ungeheurem Jubel begrüßt, Hakenkreuzfahnen vom Rathause wehten. Die Menge stimmte sofort das Deutschlandlied und das Horst=Wessel=Lied an und alle Hände erhoben sich zum deutschen Gruß.
    Pg. Doktor Karl Hanke richtete kurze flammende Worte an die Versammelten, in denen er die letzte schändliche Tat des abgetretenen Bundeskanzlers Schuschnigg geißelte und dem Führer und Reichskanzler Hitler unverbrüchliche Treue versicherte. Ein machtvolles dreifaches Sieg=Heil beschloß die Kundgebung vor dem Rathaus.
    Eigenen inneren Antrieben folgend, formierte sich die Menge zu einem Zuge. Inzwischen wurden Fackeln ausgegeben und jubelnd bewegte sich in Kürze ein Fackelzug durch die Straßen, wie ihn unsere Stadt noch nie gesehen hatte. Ununterbrochen ertönten Sprechchöre „Ein Volk, ein Reich, ein Führer!“, „Sieg Heil!“ Lieder erschollen und das Grüßen und Winken nahm kein Ende. So jubelt nur ein von schwerstem Druck befreites Volk. Auf dem Schillerplatze löste sich der Fackelzug, an dem gering geschätzt dreitausend Personen teilnahmen, auf. Wie aus dem Boden gestampft sah man die verschiedensten nationalsozialistischen Formationen, wie S.A., S.S. , B.d.M., H.J., N.S.K.K. usw. Es war den Henkern Deutschösterreichs nicht gelungen, diese Gliederungen trotz stärksten Druckes zu töten. Sie waren plötzlich wieder auferstanden. ...
    “ (Bote, 18.März 1938)

  • Österreich wird zur Ostmark. - Durch einen Führererlass aus dem Jahr 1942 wird aber auch der Name „Ostmark“ verboten (da für Hitler dieser Begriff die Eigenständigkeit Österreichs gegenüber dem Deutschen Reich zu sehr betonte) und durch „Alpen- und Donaureichsgaue“ ersetzt. (Benz, 630)

  • Das Bundesland Niederösterreich wird zum Gau Niederdonau.

  • Die Einheitspartei des Ständestaates, die „Vaterländische Front“ wird aufgelöst. Die nunmehr einzige Partei ist die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei)

  • Waidhofen verliert seine Autonomie und wird dem Landrat Amstetten unterstellt.

  • Umbenennung von Straßen und Plätzen
    Starhembergplatz - wird wieder zum Unteren Stadtplatz
    Dr. Dollfuß-Platz (Oberer Stadtplatz) wird zu Adolf=Hitler=Platz
    Dr. Schuschnig-Promenade wird wieder zu Graben

  • Der Salesianersaal (heute Kino) wird zum SA-Heim.
    Das Gesellenvereinsheim im Pfarrhof (Erdgeschoß) wird zum SS-Heim. Das Salesianerheim (an Stelle des Neubaus Kapuzinergasse 9) wird zum NSKK-Heim. Im Helmberghaus (Ybbsitzerstraße 16) wird die HJ untergebracht

  •  Bürgermeister Alois Lindenhofer (1877 - 1952) wird am 12.März 1938 durch den nationalsozialistischen Bgm. Josef Haider (1892 - 1943) ersetzt.
    Josef Haider erkrankt jedoch bereits im April 1938 schwer, sodass Dr. Hanke für ihn die Amtsgeschäfte übernehmen muss. Im Jänner 1939 wird der aus St. Peter in der Au stammende Lehrer Emmerich Zinner (1900 - 1979) nach der Abdankung Josef Haiders zum Bürgermeister von Waidhofen ernannt. Er muss im Mai 1944 zur Wehrmacht einrücken und übergibt die Amtsgeschäfte an seinen Stellvertreter, Ludwig Mayerhofer. In den letzten Kriegstagen amtiert aber Emmerich Zinner wieder als Bürgermeister der Stadt. (800 Jahre Waidhofen, S.341.)
  • Eine Reihe von Abkürzungen prägen ab nun den Alltag:
    BDM - Bund Deutscher Mädel (14 - 18) NSF - Nationalsoz. Frauenschaft
    DAF - Deutsche Arbeitsfront OKW - Oberkommando der Wehrmacht
    DJ - Deutsches Jungvolk (Pimpfe; 10-14 Jahre) Pg. - Parteigenosse
    DRK - Deutsches Rotes Kreuz PO - Politische Organisation
    Gestapo - Geheime Staatspolizei RAD - Reichsarbeitsdienst
    HJ - Hitlerjugend (14 - 18 Jahre) SA - Sturmabteilungen
    JM - Jungmädelbund (10 - 14 Jahre) SD - Sicherheitsdienst
    KdF - Kraft durch Freude SS - Schutzstaffel
    KWHW - Kriegs=Winterhilfswerk Vg. - Volksgenosse
    NSKK - Nationalsoz. Kraftfahrkorps
    NSV - Nationalsoz. Volkswohlfahrt
    NSBO - Nationalsoz. Betriebszellen Organisation (Gewerkschaft der Partei)

  • Der neue Gruß „Heil Hitler“ wird eingeführt. - Nach den parteiamtlichen Bestimmungen erfolgte der Deutsche Gruß oder Heil-Gruß, durch Erheben des rechten Armes, bei Begrüßung von Personen mit dem Zuruf „Heil Hitler“, gegenüber Hitler mit dem Ausruf „Heil, mein Führer“. Obwohl der Deutsche Gruß nie durch eine rechtsverbindliche staatliche Vorschrift eingeführt worden war, galt seine Unterlassung als Zeichen antinationalsozialistischer Gesinnung und konnte geahndet werden. (Benz, 426)
    Wie der Hitlergruß genau zu erfolgen hat, geht aus einer Anweisung des Direktors der „Staatlichen Oberschule für Jungen in Waidhofen a. d. Ybbs“ (heute Bundesrealgymnasium), Dr. Josef Kollroß, im „Laufer“ vom 24. April 1944 hervor:
    Der deutsche Gruß ist ordentlich zu leisten (Kopfwendung, Erheben des rechten Armes u. nicht des linken, deutliches Aussprechen der Worte Heil Hitler, die Hände nicht in der Tasche u.s.w.).“

  • Das Hakenkreuz wird zum allgegenwärtigen Machtsymbol des NS-Regimes.
    Es gilt als offizielles Symbol der NSDAP und der nationalsoz. Herrschaft. Die Hakenkreuzfahne, die Hitler selbst entworfen hatte, wurde 1920 zum Banner der NSDAP und 1935 durch das Reichsflaggengesetz zur alleinigen Nationalflagge bestimmt. (Benz, 501)
    Aber bereits am 20. Mai 1938 sieht sich die Partei gezwungen, im „Boten“ einen kritischen Artikel über „Nationalen Kitsch“ zu veröffentlichen:
    Es geht nicht an, daß auf verschiedenen Erzeugnissen Hakenkreuze angebracht werden. Man sieht auf Handtüchern, Kaffeeschalen, Blumentöpfen usw. Hakenkreuze eingewebt oder aufgemalt. Diese Verkaufsgegenstände dürfen nicht gekauft werden und sollten auch die Geschäftsleute diesen Kitsch ablehnen, wenn er von irgendeiner Seite angeboten wird.“
    (Bote, 20. Mai 1938) 
  • Umstellung von Schilling und Groschen auf Reichsmark und Pfennige.
    Wechselkurs: S 1.50 = 1 RM (17. März 1938)

  • Zwischen dem 18. und 25. März 1938 erfolgt in Waidhofen die Kennzeichnung jüdischer Geschäfte „durch entsprechende Aufschriften“. (Bote, 25.März 1938)

  • Der Ahnenpaß (Abstammungsnachweis) muss bald nach dem Anschluss von allen Bewohnern der „Ostmark“ erbracht werden. Der sogenannte „große Abstammungsnachweis” ging bis auf das Jahr 1800 zurück und wurde nur in der NSDAP und ihren Gliederungen verlangt. Sonst genügte der „kleine Abstammungsnachweis” der bis zu den Großeltern reichte. Wer von mindestens 3 jüdischen Großeltern abstammt, gilt als „Volljude“.
    2 jüdische Großeltern = Mischling 1. Grades = Halbjude - sind gewissen Beschränkungen unterworfen (dürfen nur in Ausnahmefällen einen „Arier“ heiraten)
    1 jüdischer Großelternteil = Mischling 2. Grades = Vierteljude - gelten als „Reichsbürger“
    (Benz, 586)
    So verlangt die Landeshauptmannschaft Niederdonau von den Klosterschwestern im Kindergarten am Oberen Stadtplatz bereits Ende März den Abstammungsnachweis zu erbringen. (Chronik der Schulschwestern, 29.März 1938)
    Der Abstammungsnachweis war eines der bösartigsten Instrumente der Rassenpolitik und bedeutete im Falle jüdischer Vorfahren meist das Todesurteil. (Benz, 346)

  • Das Waidhofner Schloss, welches im Besitz der Familie Rothschild ist, wird im April 1938 enteignet („arisiert“) und geht in den Besitz der Gestapo über. Ab 1942 scheinen die Reichsforste als Besitzer auf. Am 19. Juni 1943 wird das Schloss dem Bürgermeister der Stadt Waidhofen zur Selbstverwaltung übertragen. Die Übergabe wird aber grundbücherlich nie durchgeführt.

  • Nachdem die NS-Propagandamaschine voll angelaufen ist, stimmen bei der Volksabstimmung am 10. April 1938 in der Stadt Waidhofen an der Ybbs 99,88 Prozent für den Anschluss an das Deutsche Reich (Bote, 15. April 1938)

  • Um die Bewohner der Stadt genau überwachen zu können, kommt es bereits im August 1938 zur totalen Erfassung der Bevölkerung durch eine straff durchorganisierte Gliederung:
    Gau (Gauleiter von Niederdonau: Dr. Hugo Jury)
    Kreis (Kreisleiter des Kreises Amstetten: Hermann Neumayer)
    Ortsgruppe
    Ortsgruppenleiter ab Juni 1939: Waidhofen=Stadt: Emmerich Zinner
    Waidhofen=Zell: Karl Fellner
    Waidhofen=Land: Nikolaus Schorn
    Zelle (Zellenleiter)
    Block (Blockwart)
    Ein Verzeichnis sämtlicher Zellen und Blocks mit den jeweiligen Zellenleitern und Blockwarten befindet sich in der Ausgabe des „Boten von der Ybbs“ vom 12. August 1938.
    Insgesamt befinden sich im Bereich Waidhofen 22 Zellen und 90 Blocks.

  • Es werden die neuen Dienstgrade in den Formationen wie SS, SA und HJ nun auch in der „Ostmark“ eingeführt. Der Umgang mit diesen sorgt anfangs noch für Probleme:
    Bei den Formationen, wie SS., SA., HJ. usw. gibt es keinen „Herrn Sturmführer“ oder „Herrn Scharführer“. Es heißt bloß: „Sturmführer N.N.!“ Nicht Herren dürfen wir sein - Kameraden und Männer müssen wir sein und dies aber jederzeit beweisen durch Taten. Noch weniger aber gibt es eine „Frau Sturmführer“. (Bote, 20. Mai;1938)

  • Im Juni 1938 kommt es zu Vergeltungsmaßnahmen der SA:
    Im Juni inszenierte die SA eines Abends schlagartig eine sogenannte Vergeltungsaktion, bei der ihr mißliebige Gegner, hauptsächlich solche, welche in den ehemaligen Wehrformationen sich hervorgetan hatten, aus den Wohnungen geholt und zur Polizeidienststelle gebracht wurden. Dort hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt, die an den Vorgängen anscheinend Gefallen fand. Mehrere der unrechtmäßig Festgenommenen wurden insultiert, einige nicht unerheblich verletzt.“ (Pitzel, S.2.)

  • Jedem Schaffenden seinen Kraftwagen - unter diesem Titel erscheint ein Bericht im „Boten“ vom 5. August 1938, in dem innerhalb eines Jahrzehnts jedem deutschen Arbeiter ein Volkswagen versprochen wird:
    Der Volkswagen kostet 990 Reichsmark. Er ist mit einer Dauergeschwindigkeit von 100 Kilometer pro Stunde autobahnfest und verbraucht sechs Liter Benzin für diese Strecke. Der Motor ist luftgekühlt und der Volkswagen hat, das dürfte seine schönste Eigenschaft sein, für eine ganze Familie mit vier bis fünf Kindern Platz. Der Volkswagen steigt sehr gut.“
    (Bote, 5. August 1938)

  • Der Übergang von der Linksfahrordnung zur Rechtsfahrordnung wird um Mitternacht vom 18. auf den 19. September 1938 durchgeführt. (Bote, 16. September 1918)

  • Den Schulschwestern wird die Weiterführung des Kindergartens verboten und sie müssen sich von ihrem Dienst zurückziehen (Oktober 1938).
    (Chronik der Schulschwestern, 1. Oktober 1938)

  • Die Salesianer müssen ab 1. Oktober in die Klosterkirche übersiedeln und die gesamten Salesianischen Liegenschaften werden beschlagnahmt. Die Jugendarbeit wurde ihnen bereits am Tag der Machtergreifung, am 12.März 1938, verboten. (Sengseis, 26)

  • Der erste „Eintopfsonntag“ wird am 9. Oktober durchgeführt. Alle Bewohner werden aufgefordert, Eintopf zu essen. Das ersparte Geld soll „armen Volksgenossen“ zukommen.
    (Ankündigung im Boten vom 7. Oktober 1938)

  • Nachdem im „Boten“ immer wieder Hetzartikel gegen die in Waidhofen lebenden jüdischen Mitbürger erscheinen, werden im Rahmen der „Reichskristallnacht“ im November 1938 in Waidhofen drei Objekte jüdischer Mitbürger zerstört (Kunizer, Braun, Sommer). - Der Großteil der hier ansässigen Juden war, laut Polizeiinspektor Pitzel, schon vorher „weggebracht worden“ (Pitzel, S.3)

  • In der Ausgabe vom 9. Dezember 1938 rühmt sich Waidhofen im Lokalblatt „Bote von der Ybbs“, judenrein zu sein. Es gibt keine jüdischen Geschäfte mehr. (Bote, 9.12.1938)

  • Das Weihnachtsfest 1938 wird im „Boten“ als „Julfest“ bezeichnet und Hitler wird als „Erlöser“ gefeiert. Alle werden aufgefordert, „ihre Pflicht zu zu tun“ und für die „Volksgemeinschaft zu wirken und zu schaffen im Reiche Adolf Hitlers: Großdeutschland!“ (Bote, 23. Dezember 1938)


Kontrolle der Bevölkerung 

Nach dem Anschluss wird die Einheitspartei des Ständestaates, die „Vaterländische Front“ sofort aufgelöst. Als nunmehr einzige Partei ist die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) mit ihren Gliederungen und angeschlossenen Verbänden zugelassen. Aber bereits vor dem Anschluss gibt es in Waidhofen 271 „organisierte Parteigenossen“, wie aus einem Artikel im „Boten“ vom 25.März 1938 hervorgeht: „Die ‚paar jugendlichen Unentwegten’, wie es immer hieß, umfaßten in unserer Stadt die stattliche Zahl von 271 organisierten Parteigenossn, davon in der SS 33, SA 106, NSKK 44, PO 106, HJ 88, BDM 24, NSF 50.“ (Bote, 25.3.1938) 

Der neue Gruß „Heil Hitler“ wird eingeführt und das Hakenkreuz wird zum allgegenwärtigen Machtsymbol des NS-Regimes. Jeder ist verpflichtet, die Hakenkreuzfahne, wenn sie an der Spitze einer Gruppe getragen wird, mit erhobener Hand zu grüßen. (Bote, 1. Juli 1938) Wie der neue Gruß genau zu erfolgen hat, geht aus einer Anweisung des Direktors der „Staatlichen Oberschule für Jungen in Waidhofen a. d. Ybbs“ (heute Bundesrealgymnasium) Dr. Josef Kollroß im „Laufer“ vom 24. April 1944 hervor:
Der deutsche Gruß ist ordentlich zu leisten (Kopfwendung, Erheben des rechten Armes u. nicht des linken, deutliches Aussprechen der Worte Heil Hitler, die Hände nicht in der Tasche u.s.w.).“

Um die Bewohner der Stadt genau überwachen zu können, kommt es bereits im August 1938 zur totalen Erfassung der Bevölkerung durch eine straff durchorganisierte Gliederung:
Gau (Gauleiter von Niederdonau: Dr. Hugo Jury)
Kreis (Kreisleiter des Kreises Amstetten: Hermann Neumayer)
Ortsgruppe
Ortsgruppenleiter ab Juni 1939: Waidhofen=Stadt: Emmerich Zinner
Waidhofen=Zell: Karl Fellner
Waidhofen=Land: Nikolaus Schorn
Zelle (Zellenleiter)
Block (Blockwart)
Ein Verzeichnis sämtlicher Zellen und Blocks mit den jeweiligen Zellenleitern und Blockwarten befindet sich in der Ausgabe des „Boten von der Ybbs“ vom 12. August 1938.
Insgesamt befinden sich im Bereich von Waidhofen 22 Zellen und 90 Blocks.

Die Unterdrückung jeglicher Opposition ist ein zentrales und unverzichtbares Herrschaftsmittel des NS-Regimes. Neben den verschiedensten NS-Organisationen, deren Funktionäre die Bevölkerung überwachen und regimekritische Äußerungen und Aktivitäten bei der GESTAPO melden, darf jedoch die große Zahl von Anzeigen durch Privatpersonen (Denunziantentum) nicht unterschätzt werden. Der große Anteil an privaten Denunziationen lässt manche Historiker von einer „sich selbst überwachenden Gesellschaft“ sprechen.
(Benz, 278)

Auch Polizeiinspektor Pitzel berichtet über Denunziationen in Waidhofen:
„Je länger der Krieg dauerte, umso schwerer wurde der Polizeidienst. ... Die Aufgaben häuften sich. Von diesen waren die peinlichsten jene, welche im Auftrag der Geheimen Staatspolizei, der von allen gefürchteten „Gestapo“ durchgeführt werden mussten, oder wenn von Parteifunktionären, oft bloß auf Grund gehässiger Denunziationen, das Verlangen gestellt wurde, gegen „Volksschädlinge“ einzuschreiten. Eine unvorsichtige Äußerung, das Sprechen mit Kriegsgefangenen und Ostarbeitern, oder gar das Hören von Feindsendern wurde zu einem Heimtückevergehen und das Schicksal eines solchen Menschen war zumeist besiegelt. Griff die Polizei nicht ein, so war der betreffende Beamte, immer aber der verantwortliche Polizeiführer selbst der Gefahr ausgesetzt, der Gestapo zum Opfer zu fallen. ... Die Gerechtigkeit gebietet es auszusprechen, dass der Bürgermeister, der auch Ortsgruppenleiter der Ortsgruppe Stadt war, und auch die meisten anderen führenden Männer dieser Ortsgruppe, zum Unterschiede von jenen der beiden anderen Waidhofner Ortsgruppen, für Denunziationen weniger zugänglich waren und sich damit abfanden, wenn ich ein negatives polizeiliches Erhebungsergebnis berichtete. Nicht so die andern, die führten beim Kreisleiter Beschwerde über das laxe Eingreifen der Polizei.“ (Pitzel, 10)

Neben Denunziationen ist in Waidhofen vor allem Druck nachweisbar, der durch das Lokalblatt „Bote von der Ybbs“ auf regimekritische Personen ausgeübt wird. Obwohl die Personen oft nicht beim Namen genannt werden, muss den damaligen Bewohnern der Stadt auf Grund der Andeutungen klar gewesen sein, um wen es sich handelte.

Die folgenden Quellenstellen zeigen verschiedene Nachweise für Einschüchterungen im NS-Alltag in Waidhofen an der Ybbs auf:
- Inspektor Pitzel berichtet über Vergeltungsmaßnahmen der SA im Juni 1938:
Im Juni inszenierte die SA eines Abends schlagartig eine sogenannte Vergeltungsaktion, bei der ihr mißliebige Gegner, hauptsächlich solche, welche in den ehemaligen Wehrformationen sich hervorgetan hatten, aus den Wohnungen geholt und zur Polizeidienststelle gebracht wurden. Dort hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt, die an den Vorgängen anscheinend Gefallen fand. Mehrere der unrechtmäßig Festgenommenen wurden insultiert, einige nicht unerheblich verletzt.“ (Pitzel, 2)
- Der „österreichische Mensch“ wird öffentlich lächerlich gemacht:
Zell a.d. Ybbs. (Volksgemeinschaft) Es gibt sehr fromme Leute - Volksgenossen kann man sie nicht nennen, weil sie stets außerhalb der Volksgemeinschaft stehen - die ihr Christentum in Worten und Äußerlichkeiten, aber nicht in der Tat zeigen. Sie gehören der begüterten Schichte an, haben niemals eine Not verspürt und mißachten das Wort Gottes: „Gebet alles, was ihr habt, den Armen ...“ Sie brauchen nicht alles zu geben, nur von ihrem Überfluß sollen sie dem christlichen Nächsten ein Scherflein überlassen. Nach ihrem Reden und Handeln sind sie noch ärmer als die Armen und verhöhnen dreimal im Tag ihren Herrgott. Von der nationalsozialistischen Idee und Volksgemeinschaft haben sie noch keinen Hauch verspürt. Will sie der Blockwalter der NS-Volkswohlfahrt als Mitglied werben, haben sie ihre Ausreden und bei Spendensammlungen verschließen sie ihre Türen. Ihre Ideale sind der Geldsack, Raffgier, Neid und Geiz, .... Sie haben keine Ahnung von der Volksgemeinschaft aller Deutschen und kein Gefühl für die Größe ihres Vaterlandes, denn sie sind die letzten Reste des „österreichischen Menschen“, den sie würdig vertreten. Man kennt ihr Tun und Treiben, ihr Nörgeln und Schüren, man sieht ihnen zu wie sie sich winden und drehen, man hört ihre Ausflüchte, wenn sie sich zum Christentum der Tat bekennen sollen. Für eine Zeit lang kann man ihnen manches verzeihen, denn was schert es den Mond, wenn ihn die Hunde anbellen. Wenn aber ihr Gekläff zu laut und unerträglich wird, kann man dem Lärm wohl auch begegnen. Wenn diese Herrschaften glauben, ihre eigensüchtigen Interessen nach altem Muster weiterpflegen zu können, wenn sie von der Gemeinschaft des deutschen Volkes wirklich nichts wissen wollen, dann mögen sie es auf eine Probe ankommen lassen. Vielleicht wird ihnen dann der Sinn des wahren Christentums und die Kraft der nationalsozialistischen Gemeinschaftsidee endlich klar und für alle Zukunft geläufig.“ (Bote, 14. Oktober 1938)

- Der Bevölkerung wird nahegelegt, die freiwilligen Sammler der NSDAP freundlicher aufzunehmen:
Die freiwilligen Helfer, die für die großen Wohlfahrtswerke der NSDAP sammeln gehen, werden vor den Türen verschiedener Volksgenossen nicht so behandelt, wie sie es verdienen. Es geht nicht an, daß man den Helfer, weil er gerade zu einer weniger genehmen Zeit kommt, unwirsch behandelt oder auch, wie dies öfters vorkommt, vor der Tür warten läßt oder überhaupt nicht aufmacht. Jene, die es angeht, mögen sich in Zukunft entsprechend verhalten.” (Bote, 13. Jänner 1939)
- Wer nicht genügend spendet, wird an den Pranger gestellt:
Das kommt auch vor! ... Winterhilfesammlung ... Prangt da einer bei der letzten Sammlung mit dem Abzeichen seiner 20=Pfennig Spende auf der Brust in der Stadt herum. Natürlich wird er bei dem Fleiß der Sammler bestürmt, noch ein Abzeichen zu kaufen. Er weist dieses Ansinnen entschieden zurück. Aber glauben Sie nicht, daß dieser Mann etwa dem ärmeren Teil der Volksgenossen angehört, nein, er ist wohlbestallter Junggeselle mit einem sehr guten Monatseinkommen (Doppelverdienst) und Hausbesitzer noch dazu. Der wird auch noch umlernen müssen!“ (Bote, 3. Februar 1939)
- Die NSDAP fordert Disziplin und Einordnung von allen:
In einem Jahr hat der Führer Großtaten vollbracht, die von uns schlankweg als wunderbar bezeichnet werden müssen. In Anbetracht dieser Meisterung von Riesenaufgaben ist es tief beschämend, wenn erbärmliche Kleinigkeitskrämer, faulenzende Besserwisser und charakterlose Außenseiter schmälern, herabsetzen und raunzen. Nicht ihr Geltungsbedürfnis braucht der Führer, auch nicht ihre im Wirtshaus erzeugten Volksbeglückungspläne, sondern ihre Einordnung, ihre Arbeitsleistung, ihre Disziplin und ihre Ehrfurcht vor dem wirklich Großen unserer Zeit, d.h. selbstlos zu dienen.“ (Bote, 24.März 1939)
- Gauleiter Dr. Jury beim Kreisappell in der Kreisschulungsburg in Waidhofen an der Ybbs: 
Gestern, 14.d.s., nachmittags traf Gauleiter Doktor Jury, umjubelt von der Bevölkerung der Stadt in Waidhofen a.d. Ybbs ein. In seiner Begleitung befand sich der Kreisleiter von Amstetten, Pg. Neumayr. 
Vom Bürgermeister der Stadt, Pg., Zinner ;, empfangen, begab sich der Gauleiter Dr. Jury in die neuerrichtete Schulungsburg des Kreises, wo er zu den versammelten Ortsgruppenleitern, zum Kreisstab und zu den Gliederungsführern des Kreises sprach. ... In seiner Rede führte der Gauleiter unter anderem aus: ... Jeder Volksgenosse, der sich in die innere Front einreiht, führt den Kampf gegen die morschen Weltmächte des Liberalismus. Hier liegen die Pflichten des politischen Leiters. Alle, die guten Willens sind, werden eingebaut in diese Front und jene zerschmettert, die uns als Volksverräter in den Rücken fallen wollen. ....
“ (Bote, 15.März 1940)
- Die Opferbereitschaft läßt bei manchen noch zu wünschen übrig „... Wenn sich unsere Soldaten für den Schutz der Heimat und des Lebens jedes einzelnen in derselben bereit finden, das Höchste, ihr Leben zu opfern, so muß es für jenen in der Heimat beschämend sein, der nicht den Mut aufbringt, seinen Dank an diese Tapferen mit der einzigen Möglichkeit zu erstatten, tief in seine Tasche zu greifen und jenes finanzielle Opfer zu bringen, mit welchem er sich noch lange nicht in die Gefahr begibt, Leben und Gesundheit zu verlieren. Der nächste Opfersonntag am 8. Dezember wird zeigen, ob diese Aufklärung und Mahnung bis zu jenen gedrungen ist, deren Opferbereitschaft heute noch zu wünschen übrig lässt.“ (Bote, 29. November 1940)
- Der Nationalsozialismus wird eine Beunruhigung der Volksgemeinschaft nicht zulassen „ ... Daher muss sich jeder Volksgenosse im klaren sein, dass auch er nicht außerhalb dieses großen Geschehens stehen kann und naturgemäß sein Verhalten in jeder Hinsicht für den Endsieg einstellen muss. Lässt er es irgendwie an seinem guten Willen mangeln, ist er ein Feind seines eigenen Volkes und betreibt die Geschäfte des Gegners, der genau weiß, dass er uns militärisch nicht niederzwingen kann und daher wie im Weltkriege auf die deutsche Uneinigkeit seine Vernichtungspläne aufbaut. Der Nationalsozialismus ist keineswegs geneigt, wie die Machthaber im letzten Kriege etwa tatenlos zuzusehen, wie Unverantwortliche, Böswillige, Dummköpfe und Besserwisser aus Unwissenheit, Vorbedacht und Leichtgläubigkeit die Gemeinschaft beunruhigen und die Widerstandskraft unseres Volkes schwächen. ...“ (Bote, 9.Jänner 1942)

Auch die Schüler werden bis zum Ende des Krieges hin der NS-Propaganda ausgesetzt und von der Schule kontrolliert. So gibt der Direktor der „Staatlichen Oberschule für Jungen in Waidhofen a.d. Ybbs“ (heute Bundesralgymnasium) noch am14. November 1944 im „Laufer“ folgende Anweisung an seine Lehrer:
Ich erinnere an folgendes: Die Gemeinschaftsstunde ist in das Klassenbuch einzutragen, u. zw. sowohl als Unterrichtsstunde als auch beim durchgenommenen Lehrstoff. Jeder Schüler muß ein „Politisches Merkheft“ besitzen. Der in der GmSt. durchgenommene Stoff muß in Form einer Gliederung von den Schülern in die Hefte geschrieben werden. Schwierige Wörter sind an der Tafel vorzuschreiben, kurze Merksätze sind zu bevorzugen. Der Stoff muß jedesmal in das Heft als Hausaufgabe in Reinschrift, mit Zeichnungen und Bildern übertragen werden. Die Hefte kontrollieren u. auf eine ordentliche äußere Form achten! Den Stoff jedesmal prüfen u. Noten geben. Hauptstoff ist ein Überblick über die militärischen u. politischen Ereignisse der vergangenen Woche; die 30 Kriegsartikel; Gerüchte; Wochensprüche der NSDAP. Lieber den Stoff auf das Notwendigste beschränken, dieses dafür aber gründlich! In jeder Klasse muß eine behelfsmäßige Anschlagtafel angebracht sein; Propagandaschriften bestellen; das Material jede Woche wechseln! Lied zu Beginn und am Ende jeder Gemeinschaftsstunde.

Gegen Kriegsende hin wird der Kampf gegen die „inneren Feinde“ mit immer größerer Erbitterung geführt und in manchen Fällen sogar die Todesstrafe angedroht. So wird im „Boten“ vom 14. April 1944 folgendes bekanntgemacht: "Der Reichsführer SS und Reichsminister des Innern hat angeordnet, dass alle Flugblätter und sonstigen staatsfeindlichen Schriften, die zur Verbreitung gelangen, unverzüglich der nächsten Polizeidienststelle abzuliefern sind. Auch das Aufheben von Sammlungsstücken ist verboten. Der Reichsführer SS und Reichsminister macht darauf aufmerksam, dass auf Zuwiderhandlungen gegen diese Anordnung Gefängnisstrafe und in schweren Fällen Zuchthaus oder die Todesstrafe steht.” (Bote, 14.4.1944)

Polizeiinspektor Pitzel berichtet über einen „vertraulichen Dienstbefehl“ vom 6. April 1945, in dem in Anbetracht der „gegenwärtigen ernsten Stunde“ Ortsgruppenleiter und Volkssturmführer in gewissen Fällen, wie z.B. bei Widerstand, sogar „zum Erschießen oder Erhängen“ berechtigt werden. (Pitzel, S.34)

Ein letzter Aufruf Gauleiter Jurys zum „Abwehrkampf“ erscheint in der Ausgabe des „Boten“ vom 11. April 1945. Auch hier wird jenen, die nicht mehr mitmachen wollen, die Todesstrafe angedroht: „Gegen Pflichtverletzung wird hart durchgegriffen. Es herrscht Standrecht! Wer den Abwehrkampf sabotiert, gleichgültig ob aus Absicht oder Feigheit, hat keine Gnade zu erwarten.“ (Bote, 11.4.1945)


 

Antisemitismus

Während die Juden im ersten nachchristlichen Jahrtausend ohne größere Probleme unter ihren christlichen Nachbarn leben, wird das Phänomen des Antisemitismus in Europa erst im 11. Jahrhundert mit dem Zeitalter der Kreuzzüge historisch fassbar. Viele Teilnehmer an den Kreuzzügen waren davon überzeugt, dass man die "Feinde des Kreuzes" nicht nur im Orient, sondern auch im eigenen Land bekämpfen müsse. Die Juden, die sich ja immer schon der christlichen Missionierung widersetzt hatten, wurden somit zu den ersten Opfern der Kreuzzugsbewegung.
Generell werden in der Forschung vier Wurzeln des Antisemitismus angenommen. Die erste Wurzel hat eine starke wirtschaftliche Komponente. Da die Kirche im Mittelalter den Standpunkt vertrat, dass das Kassieren von Zinsen für Kredite unmoralisch sei, wurden die Kreditgeschäfte sehr oft von Juden übernommen. Dies führte zu dem Vorurteil, alle Juden seien reich und beuteten die übrige Bevölkerung aus.
Die zweite Wurzel ist eine politisch-ideologische. Sie sieht die Juden als Sündenböcke, die für alle Missstände in der Gesellschaft verantwortlich sind. So sieht man in den Juden die Ursache für den Ausbruch von Seuchen, für den moralischen Verfall der Gesellschaft, für die Niederlagen im Krieg und vieles mehr.
Eine dritte Wurzel ist der christliche Antisemitismus, der auf der Vorstellung beruht, die Juden hätten als "Gottesmörder" furchtbare Schuld auf sich geladen. Wegen der Textstelle aus der Passion Jesu "Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder (Mt 27,25)" war man der Meinung, diese Schuld pflanze sich im jüdischen Volk von Generation zu Generation fort.
Die vierte und gleichzeitig tödlichste Wurzel ist der biologisch-rassistische Antisemitismus des 19. Jahrhunderts. Mit pseudowissenschaftlichen Methoden versuchten der Franzose Joseph Arthur Comte de Gobineau (1816-1882) und der Engländer Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) zu beweisen, dass die Juden eine fremde und minderwertige Rasse seien. Chamberlain war übrigens der Schwiegersohn Richard Wagners, der ja selbst auch ein radikaler Antisemit war und dessen Musik im nationalsozialistischen Deutschland eine führende Rolle spielte. Der rassistische Antisemitismus Gobineaus und Chamberlains übten einen starken Einfluss auf den Nationalsozialismus aus und ihre Überlegungen führten in letzter Konsequenz zum Holocaust des Dritten Reiches.

Als ich mit elf Jahren hier in Waidhofen von einem damals 15-jährigen Bekannten den Spruch hörte: "Und wenn das Judenblut von unsern Messern spritzt, dann geht's noch mal so gut", war ich unangenehm berührt. Ich konnte mit diesem Satz nichts anfangen, hatte aber das Gefühl, dass es sich dabei um etwas Unheimliches handeln musste. Ich dachte zuerst, es sei eine Erfindung dieses Bekannten, erfuhr aber dann später, dass dies ein Ausschnitt aus einem SA Lied war. Doch dies sollte nicht die einzige Bekanntschaft mit dem Phänomen des Antisemitismus bleiben. Während meiner Schulzeit und in den Jahren danach traf ich wiederholt auf Leute, die von der "Auschwitzlüge" sprachen, die Judenwitze über Konzentrationslager und Holocaust erzählten, die behaupteten, dass "jemand, der die NS Zeit nicht selbst erlebt habe, nicht darüber reden dürfe", dass "die Saujuden jetzt endlich Ruhe geben sollten", dass "die Gaskammern in Mauthausen erst nach dem Krieg errichtet wurden", dass mein Geschichtestudium in Wien "von Feindpropaganda und jüdischen Professoren bestimmt sei", dass man "die letzten Juden in Österreich auch noch verheizen solle" und so entsetzlich weiter und so fort. Mein Interesse an diesem Phänomen wuchs und als ich auch in der Literatur und in den Quellen zur Waidhofner Geschichte wiederholt auf antisemitische Äußerungen stieß, begann ich lokalgeschichtliche Dokumente und Informationen von Zeitzeugen zu sammeln und so liegt mit diesem Artikel ein Versuch vor, das Phänomen des Antisemitismus im Umfeld Waidhofens zu dokumentieren. Viele dieser Quellen bedürfen keiner weiteren Erklärung. Sie sprechen in ihrer Menschenverachtung und Bösartigkeit für sich selbst.

Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert

Aus dem Mittelalter gibt es keinerlei Aufzeichnungen über Juden in Waidhofen an der Ybbs. In der nahegelegenen Stadt Steyr sind aber Juden bereits seit dem 13. Jahrhundert nachweisbar.
In einer Urkunde Herzog Albrecht III. (1365 - 1395) vom 22. April1371 wird den in Steyr wohnhaften Juden auf Beschwerden der Steyrer Bürgerschaft der Handel mit Wein und Getreide untersagt. Weiters wird ihnen verboten, weitere Häuser in Steyr zu kaufen und es wird ihnen aufgetragen, sich auf das eine Haus, in dem sie bis jetzt gewohnt haben, zu beschränken.
Zu einer ersten großen Verfolgung kommt es im Jahr 1420. Den Steyrer Juden wird Hostienschändung vorgeworfen. Ein Reliquiar mit Stoffresten jenes Tuches, in dem die Hostien angeblich verwahrt und dann mit Messern durchstochen wurden, ist heute noch in der Stiftskirche Garsten erhalten. Es stammt aus dem Jahre 1639 und zeigt unter Glas acht konzentrisch angeordnete Stoffausschnitte. Die Inschrift besagt: "De velo, in quo sanguis e S. hostia Judaeorum stilis lacerata exceptus est in Garsten." (Übersetzung: "Vom Seidentuch, in welchem in Garsten das Blut aus der heiligen Hostie aufgefangen wurde, die durch Stiche der Juden beschädigt worden war."
Prevenhuber berichtet zu den Ereignissen des Jahres 1420 in seinen "Annales Styrenses" folgendes:
"Droben sub an.1371. ist gedacht worden, dass selber Zeiten, und noch hernacher, circa an.1379. in der Stadt zu Steyer Juden gewohnet haben; Wann und wie aber die Stadt desselben Ungeziefers loß worden, davon haben die Alten, wie in andern Sachen mehr, nichts aufgezeichnet hinterlassen, doch ist wohl glaublich, weil Herzog Albrecht zu Oesterreich bey seiner Regierung, wie Sylvius schreibt, wider die Juden gantz streng verfahren, und dieselben alle in seinen Landen, die da den Christlichen Glauben nicht wollen annehmen, tödten lassen, sonderlich um dieses Jahr (wie Christoph Jordan in seiner Salzburgischen Chronica verzeichnet) viele derselben Juden durch gantz Oesterreich , vorab zu Wien, verbrennt worden; Es werde auch den Steyerischen Juden, und auch denen, so drau9en um Garsten gewohnt, nicht besser ergangen seyn; Zumahl da dieselben eine erschröckliche That begangen, indem ihrer etliche von der damahligen Meßnerin zu Garsten etliche consecrirte Hostien um Geld erkaufft, und ihrer Gewohnheit nach, mit Messern durchstochen haben, und darüber ergriffen worden. Es ist mir einmahls allda im Closter Garsten ein gar alter grün=färbiger seidener Schleyer, darinnen gedachte Hostien gewickelt gewest, und die Messerstich, wie auch die Mäler von Blut, so die Hostien von sich gelassen, noch zu sehen, gezeigt worden; Welcher Schleyer allda zur Gedächtnuß mit sonderer Reverenz verwahret wird."

Für die Neuzeit sind ebenfalls keine in Waidhofen wohnhaften Juden bezeugt. Juden scheinen in den Quellen nur dann auf, wenn es um Wanderhändler oder um Marktangelegenheiten geht. In all diesen Quellen kommt immer wieder die Angst vor der Konkurrenz durch jüdische Händler zum Ausdruck. Sie werden mit "herumziehendem Gesindel, Bettlern und Vaganten" in einem Atemzug genannt, dürfen sich nur mit "obrigkeitlicher Bewilligung" in der Stadt aufhalten und die Zeit, während der sie ihre Waren anbieten dürfen, ist beschränkt. Vor allem während der Zeit des Winter- und Sommerjahrmarktes werden Juden als Händler in der Stadt geduldet. Die beiden Waidhofner Jahrmärkte werden ab dem Sonntag nach "Heiligen Drei König" (6.Jänner) und ab dem Sonntag nach "Jacobi" (25.Juli) je 14 Tage lang gehalten. Obwohl Juden sonst vielen Restriktionen unterworfen sind, steht ihnen auf den Jahrmärkten aber generell das Recht zu, ihre Waren anzubieten. Folgende Quellentexte aus den Ratsprotokollen des Waidhofner Stadtarchivs geben einen Einblick in die soziale Stellung der jüdischen Händler:

22. November 1775
"Das Weber Handwerckh allhier bittet wiederholt, womit denen Juden das Hausieren, und Feilhaben auf denen JahrMärkten verbothen werde.
Das Hausieren gehen solle denen Juden verboten, und in betrettungsfall auf machende Anzeige denselben die Waaren angehalten, in Betref der Feilhabung auf denen allhiesigen JahrMärckten aber in denen ergangenen Löbl: K.K. Circular Verordnungen nachgesehen werden.
"

30. Dezember 1782
"Ist veranlasset worden, das auf khünftigen Jahr Markt ("Dreikönigsjahrmarkt") denen Juden in der unteren Stadt ein eigener Platz angewiesen werden solle."

8. August 1800
"Die anwesenden Herrn Juden bitten womit ihnen die Obrigkeitl. Bewilligung ertheilt werde, noch am künftigen Montag, da der Laurenzj Tag an einen Sonntag fällt, daher nichts verkaufen können, feilhaben zu dürfen. Aus dem angeführten Grund können die Bittsteller den künftigen Montag alß den 11ten dieß, ihre Ware noch öffentlich feilhaben, jedoch nur gegendeme, daß sie einerseits sich des Hausiren enthalten, und anderntheils des anderen Tags sich hinwek begeben."

6. September 1839
"Instruction für die Patrouille= und Sicherheits=Mannschaft
§ 10 Auf das herumziehende Gesindel, Bettler, Vaganten aller Art, Hausirer, Juden und andere verdächtige Leute, welche, wenn sie keine legalen Pässe, und die Juden, wenn sie sich irgendwo über 3 Tage aufhalten, oder die ihnen vorgezeichnete Marschroute nicht genau einhalten, ohne weiters dem Magistrate einzuliefern sind.
"

Ähnlich wie in Amstetten siedelten sich auch in Waidhofen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einzelne Familien jüdischer Abstammung an.
Die meisten von ihnen waren Geschäftsleute. In Zelinkas Touristenführer aus dem Jahr 1874 findet sich das älteste Inserat eines jüdischen Geschäftsmannes. Es handelt sich um den Kleiderhändler Julius Baumgarten, der seine Waren im Inseratenteil unter den Anzeigen der anderen Waidhofner Geschäftsleute anbietet:

Bereits im Oktober 1887 sieht sich Julius Baumgarten gezwungen, eine Warnung im Boten zu veröffentlichen, da in der Stadt das Gerücht verbreitet wird, er sei insolvent und ein Ausgleich stünde bevor. Im zweiten Absatz trifft er folgende Feststellung: "Da ich nun jederzeit den Grundsatz beachtet habe, mit Jedermann im besten Einvernehmen zu leben, so erhebe ich nicht nur die Warnung sondern auch gleichzeitig die dringende Bitte, sich in keinerlei Weise an der Weiterverbreitung des obigen Gerüchtes betheiligen zu wollen, da mir in anderen diesfalls bekannt werdenden Fällen selbstverständlich in Hochhaltung meiner Ehre nichts Anderes übrig bliebe, als in gleicher Weise die richterliche Intervention in Anspruch zu nehmen."


Neben Julius Baumgarten, der im Jahr 1881 das Haus Obere Stadt 13 kauft, sind auch noch der Hauskauf von Michael und Maria Sommer (Ybbsitzerstraße 15) am 2. April 1901, sowie der Kauf des Hauses Hoher Markt 22 durch Hermann Braun im Jahr 1914 nachweisbar. 

Der Religiöse Antisemitismus am Beispiel eines Waidhofner Kooperators 

Der spätere Reichsratsabgeordnete der Christlich-Sozialen Partei, Prälat Dr. Josef Scheicher (1842 - 1924), ist von 1869 bis 1872 sowie von 1873 bis 1875 als Kooperator (Kaplan) in Waidhofen an der Ybbs tätig. In seinen "Erlebnissen und Erinnerungen" zeichnet er ein höchst interessantes Bild der Kleinstadt Waidhofen an der Ybbs in den 70iger Jahren des 19. Jahrhunderts. Seine Bücher sind durch einen ausgeprägten Antisemitismus gekennzeichnet und auch seine Erinnerungen an seine Kaplanszeit in Waidhofen enthalten wiederholt erschreckende antisemitische Äußerungen:
"Mein liebes, schönes Waidhofen wird immer mehr Kur= und Sommerfrischort für die blasierten Geldleute der großen Städte, für Juden und Heiden. Diese bringen Geld in das Tal, aber auch Putzsucht, Genußsucht, Faulheit und Geneigtheit, die Mitmenschen auszunützen, das Bestreben, sich Gewinn zu verschaffen, ohne etwas geleistet zu haben. Dazu noch sogenannte spezifische Kulturuntugenden. Überall wo es schön ist, wo es noch ein unverdorbenes, also leicht auszunützendes Volk gibt, da erscheint zuverlässig auch Juda wie ein Schwarm Wanderheuschrecken und hinterläßt zum Schlusse eine moralische Wüste."
"So lieb ich viele Waidhofner später gewann, so wenig Achtung vermochte ich damals vor der Intelligenz zu hegen, welche täglich eine Judenzeitung sich in den Kopf schob und dann das darin enthaltene als ihre freiheitlich=aufgeklärte Ansicht den Dummen vorspiegelte."
"Ende der sechziger und anfangs der siebziger Jahre war die Zeit der beginnenden Judenzeitungsherrschaft. Die Schmuls verlautbarten die Unverträglichkeit der Aufklärung mit christkatholischer Kirchlichkeit. Und so wie die höheren Weiber an die Verbindlichkeit des Modeevangeliums glaubten, so schwuren die höheren Männer auf Freisinn und Aufklärung."
Scheicher führt die antisemitische Tradition der katholischen Kirche beginnend mit dem 4. Laterankonzil Papst Innozenz III. von 1215 (Juden müssen durch Judenfleck und Judenhut gekennzeichnet werden) über Ritualmordlegenden (Anderle von Rinn), Berichte von Hostienschändungen (Heiligblut-Kirche in Pulkau, "Hostienschändungs-Reliquiar" in Garsten) bis hin zu den antisemitischen Predigten des Augustiners Abraham a Sancta Clara fort. So schreibt der "Kayserliche Hofprediger" Abraham a Sancta Clara in seiner Predigtsammlung aus dem Jahre 1686:
"Unter allen Nationen findet man keine so hartnäckigen, ungläubigen Völker als die verzweifelten Juden. Diese sind der Abschaum aller gottlosen und ungläubigen Leute, ... Die Juden sind allesamt ehrvergessene, gottlose, gewissenlose, boshafte, schalkhafte, verruchte und verfluchte Gesellen und Bösewichte, "Kot-Käfer und Galgen-Zeiserl", Blutegel, Bluthunde!"
Diese und viele ähnliche Aussagen in der antisemitischen Tradition der katholischen Kirche führen in direkter Linie zu Scheichers Buch mit dem Titel "Aus dem Jahre 1920. Ein Traum", das im Jahr 1900 erschien. Hier schildert Scheicher seinen "Traum" von der Zukunft der Donaumonarchie. Der Inhalt dieses Büchleins hat maßgeblich jene Zeit mitgeprägt, in welcher der junge Hitler in Wien lebte und sich seine Weltanschauung zurechtlegte. Brigitte Hamann kommentiert in "Hitlers Wien", einer kulturgeschichtlichen Betrachtung Wiens im ausgehenden 19. Jahrhunderts , den Inhalt von Scheichers Buch folgendermaßen:
"Hier schildert der Prälat seinen "Traum", wie die Länder der dann zerfallenen Donaumonarchie im Jahre 1920 aussehen würden: Nach einem konsequenten Austausch der Minderheiten seien die Länder der "Oststaaten" nun national geordnet und selbständig. Die altösterreichischen Länder mit Wien hießen nun "Ostmark", Kärnten und Krain "Südmark" und die Sudeten "Nordmark", ...
Lueger sei inzwischen, so Prälat Scheicher in seinem Zukunftstraum, als "Staatsobrist der Ostmark" in Pension. Denn Wien sei nun "judenfrei", weil die Christen die "Plattfüßler", "Krummnasen" und "Mauscheln" mit einem totalen Wirtschaftsboykott nach Budapest vertrieben hätten.
Das Judentum habe ja "schlimmer als die Pest in den Ländern von weiland Österreich gehaust", schreibt Scheicher. "Es hat jung und alt der ganz ordinären Unzucht künstlich zugetrieben, hat das Gefühl für Reinheit und Sitte systematisch untergraben. Syphilis und Scrophulose waren die Resultate" - und so fort. ...
Alle Großbetriebe seien nun verstaatlicht. Millionaire gebe es nicht mehr. Alle fleißigen Menschen lebten in Frieden. Demonstrationen, wie sie einst die "Judensozi" in Wien veranstalteten, seien verboten. "Übelthäter" gebe es nicht mehr in der Ostmark: "Wir haben aufgeräumt. Wer sich gegen den Staat vergeht, wird unerbittlich gehängt ... In Wien haben wir einmal dreihundert Juden und zwanzig Arier an einem Tage gehängt."
Und: "Im Staate Polen und im Staate Ruthenien haben wir tausende hängen lassen müssen, bis alle Sünder einsahen, daß es ernst sei. ..."
Scheicher zeichnet in diesem unheimlichen "Traum" ein Bild, das eigentlich schon die Verbrechen des Nationalsozialismus vorwegnimmt. Sein Einfluss auf das geistige Klima in Wien um die Jahrhundertwende wird in der Literatur immer wieder aufgezeigt. Friedrich Heer meint zu Scheichers "Traum
":
"Man kann heute diese 'Prophetie' von 1900 nur mit Erschrecken lesen. Joseph Scheicher sagt an, was ist; er spricht offen aus, was "aus tiefstem Herzensgrunde" so viele christliche Volksgenossen wünschten, was sein von ihm selbst hochgeschätzter Parteigenosse Ernest Schneider im Reichsrat offen forderte: die Ausrottung der Juden."
Persönlich meint es Joseph Scheicher nicht "bös". Er erklärt in seiner Autobiographie, der erste zu sein, der ins Wasser springe, wenn er einen Juden ertrinken sähe. Wie hätte er sich verhalten, wenn er ab 1933 in Deutschland deutsche Christen und vom März 1938 an seine Wiener erlebt hätte? Ich persönlich glaube, daß er als Gefangener bei den ersten Transporten nach Dachau mitversandt worden wäre, von seinem Wien aus, im März 1938. Dieser Mann hätte sich in dieser Zeit ebenso freimütig geäußert wie zu seiner Zeit an die Adresse des Hofes, der Regierung, seiner Partei und seiner Parteigegner.
Dies erhöht das Maß einer Tragödie: Mgr. Joseph Scheicher, der Seelsorger eines armen, geistig, seelisch und materiell verwahrlosten Volkes in Deutsch-Österreich, der Kämpfer für ein künftiges Bruderreich der Kirche und für ein Bruderreich der Nationen im Donauraum, ist gleichzeitig der Visionär jener Massaker, die sein Landsmann Adolf Hitler Wien, der Ostmark, seinem Europa, einem univers concentrationnaire, bereiten sollte. 
Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil kommt es 1965 zu einer Besinnung der Katholischen Kirche auf das gemeinsame Erbe von Juden und Christen. In der "Erklärung über das Verhältnis der Kirchen zu den nichtchristlichen Religionen" heißt es unter anderem:
"Im Bewußtsein des Erbes, das sie (=die Kirche) mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben."
Papst Johannes XXIII. bekennt die Schuld der Kirche in klareren Worten, wenn er sagt:
"Wir erkennen an, dass viele, viele Jahrhunderte der Blindheit unsere Augen bedeckt haben, so dass wir die Schönheit Deines auserwählten Volkes nicht mehr sehen und in seinem Gesicht nicht mehr die Züge unseres erstgeborenen Bruders wiedererkennen. Wir erkennen, dass das Kainszeichen auf unserer Stirne steht ...
Vergib uns die Verfluchung, die wir zu Unrecht aussprachen über dem Namen der Juden. Vergib uns, daß wir dich in ihrem Fluche zum zweiten Male kreuzigten, denn wir wußten nicht, was wir taten.
"

Der "Waidhofner Beschluss"

Der im folgenden Abschnitt behandelte "Waidhofener Beschluss" hat zwar nicht direkt mit der Stadt Waidhofen zu tun, trägt aber ihren Namen. Dass die Verfasser dieses Beschlusses ein Naheverhältnis zum Waidhofner Männergesangsverein und zum Waidhofner Turnverein immer wieder nach Waidhofen eingeladen wurden, lässt aber sicherlich auch auf die Geisteshaltung vieler damals lebender Waidhofner schließen.
Vom 24. bis zum 26. Mai des Jahres 1890 fand in Waidhofen der Verbandstag der "deutschen, nationalen, wehrhaften, academischen Vereine der österreichischen Hochschulen" auf Einladung des Turnvereins und des Männer=Gesangs=Vereines Waidhofen an der Ybbs statt. Er trat im Ratssaal des städtischen Gemeindehauses (heute: Unterer Stadtplatz Nr.22) zusammen und endete mit einem Festkommers in Lahners Gartensaal (Hotel "Goldener Löwe", heutiges Kinoareal).
Ziel dieser Tagung war es, einen Gesamtverband der wehrhaften Vereine in Österreich zu gründen. Er wurde nach dem Tagungsort "Waidhofener Verband" genannt und betonte stets seine alldeutsche Gesinnung.
Über den Festkommers berichtet der "Bote von der Ybbs" folgendes:
"Fest=Commers. Der am 26.d.M. in Lahner's Gartensaale abgehaltene Festcommers der deutschen, nationalen, wehrhaften, academischen Vereine der österreichischen Hochschulen, zu welcher Veranstaltung die ausübenden und unterstützenden Mitglieder des Gesangs= und Turn-Vereines Waidhofen a.d. Ybbs geladen waren, erfreute sich, trotz der Ungunst der Witterung, eines sehr regen Besuches, und als derselbe um 9 Uhr abends von dem Vorsitzenden stud. jur ;Brix von der Wiener "Ostmark" mit dem altehrwürdigen "Gaudeamus" eröffnet wurde, da war in dem großen Saale auch nicht ein leerer Platz zu sehen. Festredner stud. jur Pichler von der Wiener "Philadelphia" pries in einer mit großem Beifalle aufgenommenen, zündenden Rede die idealen und nationalen Ziele der deutschen Studentenschaft und insbesondere des neu gegründeten "Waidhofner Verbandes", dessen Bestrebungen und Stellung in dem academischen Leben ausführlich erörternd, und schloß mit einem kräftigen "vivat, crescat, floreat" auf den Waidhofner Verband! Das von cand. phil. ;Kriechenbauer von den Wiener "Rabensteinern" verfasste und vorgetragene Gelegenheitsgedicht auf die Waidhofner Frauen und Jungfrauen wurde durch stürmischen Zuruf geehrt, woran sich in buntem Wechsel die programmmäßigen Lieder und die Ansprachen der Vertreter der Verbandsvereine von Graz, Leoben und Innsbruck reihten. Auch die Begrüßungsrede des Vorstandes des Turnvereines Waidhofen a.d. Ybbs, Prof. Kienmann fand freudige Zustimmung. An die officielle Kneipe reihte sich noch ein fröhliches Hospicium und eine nicht minder lebhafte Ex=ex=Kneipe, und erst bei Morgengrauen sollen die letzten Musensöhne und die letzten Waidhofner in ihre verschiedenen Buden eingerückt sein. Uebrigens verliefen die ganzen Festtage des "Waidhofner Verbandes" in echt academischer, ungetrübter freudiger Festes=Stimmung; die letzten Theilnehmer an dem Verbandstage haben sogar erst Mittwoch Abends unsere gastliche Stadt verlassen, - ein schlagender Beweis dafür, wie "wohlig" sie sich hier fühlten. Zum Schlusse noch: "Auf frohes Wiedersehen im kommenden Jahre!"
Von diesem 1890 in Waidhofen gegründeten "Waidhofener Verband" wurde am 11.März 1896 der sogenannte "Waidhofener Beschluss" gefasst, der Studenten jüdischer Abstammung aus den deutsch-nationalen Verbindungen verbannte. Arthur Schnitzler, selbst Student im Wien dieser Zeit, widmet diesem Beschluss eine ganze Textpassage in seinem Artikel "Antisemitismus in Wien". Darin wird auch der genaue Wortlaut dieses Beschlusses wiedergegeben:
"Die deutschnationalen Verbindungen hatten damit begonnen, Juden und Judenstämmlinge aus ihrer Mitte zu entfernen; gruppenweise Zusammenstöße während des sogenannten "Bummels" an den Samstagvormittagen, auch an den Kneipabenden, auf offener Straße zwischen den antisemitischen Burschenschaften und den freisinnigen Landsmannschaften und Corps, deren einige zum großen Teil aus Juden bestanden (rein jüdische schlagende Verbindungen gab es damals noch nicht), waren keine Seltenheit; Herausforderungen zwischen Einzelpersonen in Hörsälen, Gängen, Laboratorien an der Tagesordnung. Nicht allein unter dem Zwang dieser Umstände hatten sich viele unter den jüdischen Studenten zu besonders tüchtigen und gefährlichen Fechtern entwickelt; müde, die Unverschämtheiten und die Beleidigungen der Gegenseite erst abzuwarten, traten sie ihrerseits nicht selten provozierend auf, und ihre immer peinlicher zutage tretende Überlegenheit auf der Mensur war gewiss die Hauptursache des famosen Waidhofener Beschlusses, mittels dessen die deutsch-österreichische Studentenschaft die Juden ein für allemal als satisfaktionsunfähig erklärte. Der Wortlaut dieses Dekretes soll an dieser Stelle nicht übergangen werden. Er lautete folgendermaßen:
'Jeder Sohn einer jüdischen Mutter, jeder Mensch, in dessen Adern jüdisches Blut rollt, ist von Geburt aus ehrlos, jeder feineren Regung bar. Er kann nicht unterscheiden zwischen Schmutzigem und Reinem. Er ist ein ethisch tiefstehendes Subjekt. Der Verkehr mit einem Juden ist daher entehrend; man muß jede Gemeinschaft mit Juden vermeiden. Einen Juden kann man nicht beleidigen, ein Jude kann daher keine Genugtuung für erlittene Beleidigung verlangen.'
Dieser sozusagen offizielle Beschluss wurde allerdings erst einige Jahre später verkündigt; die Geistesverfassung aus der er entstand, die Gesinnung, die er zum Ausdruck bringt, bestanden schon zu der Zeit, von der hier die Rede ist, Anfang der achtziger Jahre, wie auch die praktischen Folgerungen von beiden Seiten daraus gezogen wurden. Wenn man Schnitzler weiter in seinen Ausführungen folgt, so sieht man, dass dieser "Waidhofener Beschluss" noch weit über die Wiener Studentenszene hinaus wirkte. Theodor Herzl, der allgemein als der Begründer des Zionismus gilt, war nämlich ursprünglich deutschnationaler Burschenschafter (!). Erst als er wegen des "Waidhofener Beschlusses" aus seiner Verbindung verstoßen wurde, begann er sich für die jüdische Nation einzusetzen und vehement die Gründung eines jüdischen Staates in Israel zu fordern. Diese Anschauung brachte er 1896 in seiner Schrift "Der Judenstaat" zum Ausdruck.

Die Zeit des ersten Weltkrieges und die Jahre danach

Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges und besonders in den darauffolgenden Jahren der 1. Republik, die durch die katastrophale Versorgungslage, die "Dolchstoßlegende", die politische Ungewissheit und die Radikalisierung des innenpolitischen Klimas geprägt waren, sind in Waidhofen erste massive antisemitische Agitationen in der Stadt nachweisbar.
So wird im Boten vom 19. Juli 1919 der Kaufmann Julius Baumgarten aus der Oberen Stadt beschuldigt, Schleichhandel zu treiben, damit die Lebensmittel zu verteuern und obendrein noch minderwertige Stoffe zu verkaufen. Der Artikel endet mit einer massiven Drohung:
"... Und nun ein ernstes Wort: Sollte von den befugberechtigten Behörden wieder nichts geschehen, so wird Schreiber dieser Zeilen, sich auf das Volksrecht stützend, ein Volksgericht organisieren, wie es Waidhofen noch nicht geseh'n! - Dann ohne Juden - wird es uns gut geh'n!"
In der darauffolgenden Nummer dürfte die Schriftleitung des Boten erkannt haben, etwas zu weit gegangen zu sein und es folgt eine leichte Abschwächung der Drohungen:
"Ueber die in den beiden letzten Folgen unseres Blattes erschienenen Artikel sind uns naturgemäß auf Grund des §19 des Preßgesetzes Berichtigungen zugekommen, denen wir im zulässigen Rahmen Rechnung tragen. In erster Linie müssen wir aber betonen, dass es uns selbstverständlich ganz fern gelegen ist, durch unsere Artikel etwa zu Gewalttätigkeiten oder überhaupt zu ungesetzlichem Vorgehen gegen die Juden in Waidhofen aufzufordern."
In derselben Ausgabe erscheint auch im Anzeigenteil eine Warnung, in der sich der in der Unteren Stadt Nr.18 wohnhafte Felix Spitz gegen ungerechtfertigte Vorwürfe des "Schleichhandels" zur Wehr setzt:
"Warnung! Anläßlich der vorige Woche hier stattgehabten Arbeiterkundgebung wurden von mir böswillig gesinnten Personen wissentlich falsche und unwahre Gerüchte verbreitet. 
Ich warne jedermann hiemit nachdrücklichst, über mich derartig Erlogenes und Erfundenes auszustreuen oder weiterzuverbreiten, da ich gegen diese Personen unnachsichtlich die erforderlichen gerichtlichen Schritte einleiten werde. 
Felix Spitz, Waidhofen a.d. Ybbs, Untere Stadt Nr.18."

Am 9. August muss der "Bote von der Ybbs" dann eine Entgegnung des Rechtsanwaltes von Julius Baumgarten veröffentlichen, die alle Anschuldigungen zurückweist:
"Noch eine Berichtigung. An die P.T. Schriftleitung des "Boten von der Ybbs!" Auf Grund des §19 des Pr.=Ges. bitte ich in Vertretung des Herrn Julius Baumgarten um die Aufnahme der nachstehenden Berichtigung der in der Nr.29 des Boten von der Ybbs unter der Aufschrift: "Wo die Butter und die Eier hinkommen", und in der Nr.30 unter der Aufschrift: "Wo kommen Butter und Eier hin" und unter der Aufschrift "Straßenkundgebung der Arbeiter" erschienenen Artikel.
1. Es ist unrichtig, dass mir 5 Stritzel Butter und zwei größere Schüsseln Eier überbracht wurden und dass dies jemand gesehen habe. Ganz unrichtig ist es, daß ich derartige Artikel im Schleichhandel an Juden oder andere Leute weitergebe. Ganz unrichtig ist es, dass die Bäuerinnen bei mir für entsetzlich hohe Preise minderwertige Stoffe, teilweise sogar aus Papier bekommen. Richtig ist vielmehr, dass ich mich mit Schleichhandelsgeschäften überhaupt nicht befasse und dass die Bäuerinnen bei mir zu den vorgeschriebenen und angemessenen Preisen Ware so guter Qualität bekommen, als dies derzeit möglich ist. ...
2. Unrichtig ist es, dass die Anzeige der Herren Hirschmann und Weiß (Sträußelberger) gegen mich noch nicht dem Bezirksgerichte übergeben ist, da die Vorerhebungen noch immer nicht abgeschlossen sind. Richtig ist vielmehr, dass die Vorerhebungen abgeschlossen sind und zur Zurückweisung der ganz unbegründeten Anzeige und zur Einstellung des Verfahrens gegen mich geführt haben, da sich meine Schuldlosigkeit erwiesen hat. Unrichtig ist es, dass die Rohbäurin (Pöchhacker) oder deren Mann täglich 6 Liter Milch "an den Juden Baumgarten" zu liefern hat, richtig ist es vielmehr, dass ich und meine Familie laut Anweisung des Ernährungsamtes wöchentlich 6 Liter Milch von der Rohbäuein seit langen Jahren bekomme. Unrichtig ist es, dass die "Juden Baumgarten" seit dem Jahre 1916 planmäßig über die Landbevölkerung ein Netz ausspannten, um von derselben Milch, Butter, Eier, Fleisch usw. in Massen zu bekommen und dass wir damit "jüdischen Schleichhandel" betreiben. Richtig ist vielmehr, dass wir niemals versucht haben, irgendwelche Lebensmittel in Massen von der Landbevölkerung oder anderswoher zu erhalten und dass wir weder einen jüdischen noch einen anders gearteten Schleichhandel damit betrieben haben.
3. Zu dem in Nr. 30 erschienenen Artikel: "Straßenkundgebung der Arbeiter": Es ist unrichtig, dass die Betrügereien bezüglich der Volksbekleidungsstelle beim Juden Baumgarten bereits bekannt sind. Richtig ist vielmehr, wie bereits erwähnt, dass eine ganz unbegründete, bösartige Anzeige gegen mich erstattet wurde, welche nach Aufklärung des Falles von der kompetenten Behörde zurückgewiesen wurde. St.Pölten, am 2. August 1919. Achtungsvoll: I. V. Dr., Deutsch."
Ein weiteres Beispiel des Antisemitismus in Waidhofen/Ybbs aus dem August des Jahres 1919 ist ein Artikel in der Ybbstal-Zeitung. Hier wird ein nichtjüdischer Musiker der jüdischen Abstammung verdächtigt, um ihn so als Konkurrenten auszuschalten:
"Eine Anfrage. Wir werden um Aufnahme folgender Zeilen ersucht: Bin ich nicht ein katholischer, deutschösterreichischer Kriegsinvalide, ein ehemaliger Vorzugsschüler des Wiener Konservatoriums, einer, der in Wien bei der großen Konkurrenz, am 16. Mai I.J. dasfünfte ausverkaufte Haus im Wiener Konzerthaus erlebte und der bereits 58 gedruckte Kompositionen erlebte? Warum verweigert mir hier der Männergesangsverein die Dekoration des Podiums? Warum werde ich als Jude verleumdet? Warum werden meine Plakate überklebt? Warum bin ich von allen Kollegen, von der Intelligenz, den Herren Offizieren, von allen verlassen? Habe ich nicht das Recht zu existieren? Können sie mir diese Umtriebe gegen mich erklären?
Pepo Goerzer
"
Auch der Zorn der Waidhofner auf die Sommergäste, die sich trotz der schlechten Zeit einen Erholungsurlaub leisten können, wird immer größer. Und wieder sind es "die Juden", die an Wohnungsnot und Hunger schuld sind. Ob der Prozentsatz jüdischer Sommergäste aber tatsächlich so hoch ist, wie die Hetzartikel behaupten, lässt sich nicht mehr feststellen:
"Zur Waidhofner Wohnungsfrage. Es gibt ein Rätsel zu lösen: Wo wohnen die vielen jüdischen Gäste, die man in unserer Stadt sieht? "Allgemeine Wohnungsnot" heißt es für den Angestellten und Arbeiter, der eine Wohnung, ein Zimmer oder ein Kabinett sucht, aber für die Juden scheint es keine Wohnungsnot zu geben. Wenn die Vermieter der Sommerwohnungen sich auf der einen Seite über den Schleichhandel beschweren und auf der anderen Seite den ausgesprochenen Trägern des Schleichhandels wegen einiger lumpiger Kronen Unterkunft gewähren, so ist das eine durch nichts entschuldbare Handlungsweise, die die betreffenden genau so schuldig sein lässt an unseren verrotteten Zuständen wie die Juden selber. Von den Bauern am Lande wollen wir gar nicht sprechen, denn es ist eine offenkundige Tatsache, dass die fremden Schleichhändler alles bekommen, während der Einheimische wie ein Bettler behandelt wird und meistens, trotzdem er vielleicht auch dieselben Preise zahlen würde, mit leeren Händen abziehen muss. Es wird höchste Zeit, dass bei den Bauern ein anderer Geist einzieht, sonst könnte auch dem Einheimischen einmal die Geduld reißen. Wir haben im Kriege gelitten, mehr als genug, wir wollen uns in Friedenszeiten nicht auch noch von volksfremden Elementen den Bissen vorm Munde wegschnappen lassen. R.
Der Unmut der Bevölkerung führt am 30. Juli 1919 dann zur Ausweisung sämtlicher Sommergäste aus der Stadt durch eine Kundmachung des Bürgermeisters:
"Sommergäste, die sich in einer diesen Gemeinden (Waidhofen a/d Ybbs, Landgemeinde Waidhofen, Windhag, Zell a.d. Ybbs) aufhalten, haben den Ort binnen längstens fünf Tagen nach Verlautbarung des Verbotes in der Gemeinde zu verlassen."
Im "Boten von der Ybbs" wird die Hetze gegen die hier ansässigen Juden immer stärker, und es erscheinen Aufrufe, keine "Judenblätter" mehr zu lesen. In der Liste der "judenreinen Zeitungen" scheinen der "Bote von der Ybbs" aber auch die "Ybbstal-Zeitung" auf.
1923, zehn Jahre vor der Machtergreifung Hitlers in Deutschland, müssen die Waidhofner Kinobesitzer bereits eine Art "Ariernachweis" erbringen, um ihren Betrieb weiter fortführen zu dürfen: "Die Kinoleitung - arisch. Wie wir in der letzten Folge berichteten, wurde Herr Baumann und dessen Schwiegervater Herr Fischer von uns aufgefordert, den schriftlichen Beweis ihrer arischen Abstammung zu erbringen. Die Einsichtnahme in die Dokumente hat nun ergeben, daß beide Herren Arier sind, daß das Gerücht von einer jüdischen Abstammung völlig haltlos und aus der Luft gegriffen ist."
In einer Flut von Artikeln, die in diesen beiden genannten Zeitungen erscheinen, werden die Juden praktisch für alle Probleme verantwortlich gemacht. Hier nur einige Beispiele:
"Jüdische Wühlarbeit. Ein hier leider heimatszuständiger Judenjüngling versucht es, durch Verbreitung einer anarchistischen Zeitschrift, betitelt "Erkenntnis und Befreiung", Organ des herrschaftslosen Sozialismus, den Boden politisch zu unterwühlen. ... Wir warnen die hier in Waidhofen gewiß mit übergroßer Toleranz behandelten Juden noch einmal, ihre "Erziehungsversuche" bleiben zu lassen, denn wir sind zur Genüge reif, unseren politischen Weg selbst bestimmen zu können, der jedenfalls kein jüdisch=anarchistisch=kommunistischer sein wird. Wir haben berufenere Männer und Frauen, die uns den Weg unserer Wirtschaft vorzeichnen können und haben es nicht nötig, uns von unreifen Judenbuben politische Richtlinien weisen zu lassen."
"Der Vernichtungsfriede - Judas Schuld.
... Mit den Lügen eines billigen Friedens, der Deutschland gewährt wird, wenn es seine Fürsten entfernt und sich demokratisiert hat, mit der Lüge von Wilsons Grechtigkeit, mit dem Verlängerungsfeldzug gegen die Alldeutschen, haben die von England bestochenen jüdischen Zeitungsschmierer den Siegeswillen des deutschen Volkes gebrochen und es in das schreckliche Unglück, in dem es sich heute befindet, gestürzt. ...
Es ist und bleibt daher ein Wahrwort:
der Vernichtungsfriede - Judas Schuld! ..."

"Schützet unsere Mädchen!
Unermeßlich ist der Schaden, der unserem Volke durch Mischehen zwischen Deutschen und Juden zugefügt wird, obwohl solche Eheschließungen zum Glück nicht sehr zahlreich sind. Viel häufiger dagegen kommt der Fall vor, daß deutsche Mädchen von Juden verführt werden und Mischlingen das Leben schenken, die wohl alle Eigenarten der jüdischen Rasse, nicht aber die körperlichen und geistigen Vorzüge der Deutschen aufweisen. ... Rollt doch, wie angesehene Gelehrte beweisen, in vielen Juden, namentlich den kraushaarigen, fast unvermischtes Negerblut! Nach dem unbeugsamen Willen tausender ehrenhafter Deutscher muss dieser strafwürdige Verkehr ein Ende nehmen, wollen wir unser Volk nicht seelisch und körperlich verderben lassen. Die Arbeitsgemeinschaft "Schönererbund" der Großdeutschen Volkspartei fordert einsichtige Deutsche aller Parteirichtungen in Stadt und Land auf, gesellschaftlich mit Juden verkehrende deutsche Mädchen und Frauen aufzuklären, zu verwarnen und, sollte beides erfolglos bleiben, ihre Namen von Zeit zu Zeit an einer Schandsäule anzuprangern. ... Deutsche Mädchen und Frauen, die trotz mehrmaliger Warnung mit Juden gesellschaftlich weiter verkehren, treffe unsere Verachtung und die Strafe gesellschaftlicher Aechtung, die wir auch den Juden gegenüber handhaben. ... Die Namen dieser ehrvergessenen Mädchen und Frauen müssen für alle Zukunft so wie die der "Franzosenweiber" zur Zeit Napoleons von den Leitungen unserer Nationalen Vereine in einem Schandbuche verzeichnet werden, damit ortsfremde Männer gewarnt werden können, wenn sie in die Netze eines solchen, von Juden "abgelegten" Frauenzimmers geraten sollten.
"
Die Ybsstalzeitung, als Sprachrohr der Christlichsozialen, ist zwar nicht so hetzerisch wie der "Bote von der Ybbs", wenn es aber um Kritik an der katholischen Kirche oder um die "Judensozi" geht, werden auch hier radikale Töne angeschlagen:
"Christen, hört! Mit jedem Tag wächst die jüdische Anmaßung; letzthin verlangte der "Freie Schulmann" Dr. Ofner im jüdischen "Morgen" nicht mehr und nicht weniger als eine Fälschung der Heiligen Geschichte in der Schule. Nach Dr. Ofner wird der Antisemitismus "im Volke so lange Anklang finden, als die Seele des Kindes immer wieder durch die unwahre Erzählung vergiftet wird, dass die Juden Christum gekreuzigt haben. In dem Dorf, in dem ich meine Kinderjahre verbrachte, lebten die christlichen und jüdischen Kinder friedlich nebeneinander, bis die ersteren zum Katecheten gingen. Dann spuckten sie vor den jüdischen Kindern aus: "Ihr habt unseren Jesum gekreuzigt!" und der Verkehr war abgebrochen ...
Den Christenkindern soll nicht mehr die Leidensgeschichte Christi unverfälscht nach den heiligen Urkunden erzählt werden dürfen, sondern nur mehr nach jüdischen Lügenmären, einzig zu dem Zwecke, dass sich das ausgebeutete Volk niemals gegen die Blutsauger wendet. Nein, der Jude, der den Christen mit solchen Zumutungen zu kommen wagt, fürchtet nicht Pogrome. Seine Herausforderung ist doch ein schlagender Beweis dafür, dass er nicht nur gar nichts fürchtet, sondern dass er annimmt, gerade jetzt sei die richtige Zeit, um alle jüdischen Wünsche zur Reife zu bringen. Dass im Religionsunterricht die "dauernde Ursache des Judenhasses" liege, ist ein verwegener Schwindel. Die Ursache des "Judenhasses" liegt im Verhalten so vieler Juden, in ihrem Handel und Wandel, in ihrem wirtschaftlichen, politischen und publizistischen Gebaren. Wehe den Juden, wenn nicht gerade der christliche Religionsunterricht sie vor den Folgen des "Hasses", den ihre Drückebergerei und Wucherei erzeugt, beschützte!
"

Ernst Kerpen 
Ernst Kerpen war der Sohn des Kaufmannes David Kerpen (Branntwein= und Tabakverschleiß aus Zell an der Ybbs. Die Hauptquelle, die über das Leben von Ernst Kerpen Auskunft gibt, ist in zweierlei Hinsicht einzigartig. Erstens handelt es sich dabei um eine literarische Quelle mit starken autobiographischen Bezügen, und zweitens ist diese Quelle eines der wenigen Dokumente, in denen ein Betroffener selbst zur Situation des Antisemitismus Stellung nimmt. Es handelt sich dabei um Gedichte, die von Ernst Kerpen in seiner neuen Heimat von 1947 bis 1953 in österreichischer Mundart verfasst, und 1971 veröffentlicht wurden. Dies geht sowohl aus der Einleitung des Gedichtbandes sowie aus folgender Passage aus dem Gedicht „Nigloo“ hervor:
„Schpäta is da Ernst aa furt,
In an Kriag z’erscht, daunn in’d Neiche Wö(l)t;
Lasst dö Hamat z’ruck (Hat eahm öftas g’fä(l)t.)
Alte Zeit’n hat er nia vagess’n.
Is daunn manchmal beim Papierl g’sess’n
Und hat’s aufg’schrie(b)m in der alt’n Schprach’:
Kannst as les’n, Freund, und dann flenn und lach’!


Wie aus dem Gedichtband hervorgeht, wurde Ernst Kerpen 1898 in Zell geboren. Sein Elternhaus stand am Marktplatz in Zell:
„Ja, in Öst’reich zwischen Bergen drinn
Liegt mein Zell, wo ich geboren bin;
Steht ein Häuschen wo der Ybbsfluss fliesst,
Und das Wirtshaus wo man drinkt (!) und isst.
In dem Häuschen schafft mein Mütterlein,
Und im Gasthaus drinkt der Vater Wein.
Vor dem Hause ist der Brunnenplatz
Und im Wasser badet sich ein Spatz.
.....

Nah’ beim Marktbrunn’ is’s Gemeinde-Haus
Und beim Marktbrunn’ is da Ernstl z’haus
.“
Den Kindergarten besuchte er 1903/1904 in den Räumen des heutigen Bürgerspitals. Damals wird er als Kindergartenkind erstmals mit dem Antisemitismus konfrontiert. Aber er lernt auch andere Menschen kennen. Diese Erfahrungen hält er im Gedicht „ZWEIERLEI CHRISTEN“ fest:
... Ernstl is an armer Judenbua
Und dö “Christen“ dö sekier’n eahm g’nua.
Ja, sö singan: “Kritsch, kratsch, kralawatscht,
D’ Juden san so in an Temp’l g’hatscht.“
Sö ha(b)m’s wohl so von dö Öltern g’hört;
Dö Erziehung, dö war nöt viel wert.
Red’n dan’s blöd dö Antisemit’n:
Dass dö Juden Kinderbluat vaschitt’n
Zu dö Ostern. Und dö groben Buam
Feanzen (d)en Ernstl, solche blöde Surm.
Amal geht er über d’Zeller Bruck’n;
Tuat da Mundl eahm an’s Glanda druck’n.
Und er fahrt ön Ernstl hassvoll au(n):
“Judenbua, i(ch) wer’ di(ch) abi hau(n).
Wann a Jud stirbt (oder a Krowot )
Da is ’nöt um eahna Leben schad’.
D’ Juden ha(b)m in HERRN auf’s Kreuz aufg’naglt,
So is’s recht, wann’s Schläg’ auf eahna hagelt.
Sö ha(b)m unsern JESUS CHRIST um’bracht,
So is’s recht, wann ma(n) eahn’ Garaus macht!“
Vierundvierzig Meter ’s d’ Bruck’n hoch,
(Ja, der Ernstl, ja der waass dös noch)
Hat scho(n) glaubt, dös is sei(n) Lebensend. -
Kummt dö Finkin mit’n Tragatsch g’rennt.
Und da Mundl lasst ön Ernstl aus -
Und da Ernstl schleicht si(ch) traurig z’haus.
Später denkt er: “Gott, der Christ is blöd,
In der Bibel ganz was anders steht.
Römisch is dös Kreuz, dar Jud schmeisst Staaner -
Von dö Christen-Buam, da waas dös kaaner;
Römisch war Pilatus und sein Knecht,
Der an’s Kreuz schlagt CHRIST nach Römer-recht.
Dass der HEILAND lang z’vor ster(b)m hat missen,
Ja, warum soll i(ch) denn jetzt es biassen?“
...
Ah, nöt alle Christen san so schlecht;
Zu der selben Zeit war aane recht.
Ja, ihr Naum’ war Rosl Madertanner.
Über d’Bruck’n und durch’s Durchhaus Lanner ,
Über’n Graben zur Spitaler Kirchen
(Ja, da d’rinn’ tan d’Opferkerzen riachen),
So geht s’ mit’n Ernst in Kindergarten ,
Und wann’s aus is tuat sö auf eahm warten.
Da is wohl an and’rer Weg nach z’haus
Wo da Schnell, der Fotograf, schaut ’raus,
Wo ma(n) aufsteigt auf’n Buchenberg;
In sein Garten is aus Glas a Zwerg;
Und vorbei bei der ...... Villa
Wo im Garten bliat der Flieder lila.
Sag’n zur Rosl dö ...... Töchter:
“Ah, der Ernstl is a Jud, a schlechter.
Rosl, lass’ do(ch) glei(ch) den Jud’n steh’(n),
Kannst mit uns in unser Villa geh’(n)!“
Do(ch) dö Rosl is a wahrer Christ;
Solche Red’ is für dö Rosl Mist.
Und sö sagt: “Is euch da Jud nöt recht,
Dann is mir wohl euchare Villa z’schlecht.
I(ch) kann auffi über’n Graben geh’n,
Und ön Ernstl, den lass’ i(ch) nöt steh’n. ...

Die Volksschule besucht Ernst Kerpen in Zell/Ybbs. Wie aus einem seiner Gedichte hervorgeht, kommt jeden Sonntag der Rabbiner Bertisch, um ihn in der jüdischen Religion zu unterrichten. Ernst Kerpen nimmt aber auch am Religionsunterricht in der Schule teil und macht dort weitere Erfahrungen mit dem Antisemitismus. Während ihn Pfarrer Karl Diem bereitwillig fast fünf Jahre lang am Unterricht teilnehmen lässt und ihn immer nur über das Alte Testament befragt, kommt mit dem neuen Katecheten Anton Memelauer ein anfangs judenfeindlicher Priester als Religionslehrer an die Zeller Volksschule:
Nächstenliebe hat da Dimm wohl g’lehrt;
Da Memlauer reit’d a aunders Pferd.
Er tuat allweil auf dö Juden hau’n --
Siacht nöt d’Kinder auf ’ön Ernstl schau’n. --
“Kauft beim Jud a Firmungs-uhr da Vater,
Wird er ang’schmiert mit an schlechten Prater.“
“D’Juden mischen Gips ins weisse Mehl,
Ha(b)m ka(n) G’wissen, nur a Geizkrag’n-Seel’.“
“Mit’n Schachern machen d’Juden Geld
Und verprassen was ön Christen fehlt.“
“Bist’ in Not und muasst da Geld ausleichen,
Wucherzinsen zahlst’ an Jud an reichen.“
“Ja, an allen ha(b)m dö Juden schuld!

Zuahöhr’n tuat da Ernstl mit Geduld.
Memelauer weiß anfangs nicht, dass der Schüler Kerpen Jude ist, da Ernst Kerpen unter den anderen Schülern nicht auffällt. Erst als Ernst Kerpen als einziger die Antwort auf eine Frage weiß, wird der Katechet auf ihn aufmerksam. Jetzt erfährt auch er von den anderen Schülern, dass Kerpen Jude ist. Er dürfte sich aber in den folgenden Jahren mit ihm ausgesöhnt und seine Meinung gegenüber Juden revidiert haben, da Kerpen sich am Ende des Gedichtes als Freund Memelauers bezeichnet:
Da Memelauer leest in Purgstall Messen
’S nächste Jahr; und er hat nicht vergessen
Sein Freund Ernst. So, gibt er dort a Predigt,
Is dö Judenhetz’ für eahm erledigt.
Ja, auf Ferien war da Ernstl dort,
Und vom Fried da hört er’s guate Wort.

Nach der Volksschule in Zell besucht Ernst Kerpen die Realschule in Waidhofen an der Ybbs. 1916 rückt er zur österreichischen Armee ein (zum „Hausregiment“ der Waidhofner, den „Neunundvierzigern“). Nach dem Krieg studiert er an der Technischen Hochschule in Wien, muss aber wegen finanzieller Probleme das Studium aufgeben und beginnt eine Lehre als Mechaniker. 1921 heiratet er seine Frau Regina, eine Damenschneiderin aus Ungarn. 1923 wandert er nach New York aus, wohin ihm seine Frau ein Jahr später folgt :
Und da Ernst, der heirat’ dö Regin’,
Übersetzt’s und nennt sie “Königin“.
Nach’n Kriag is Arbeits-Losigkeit,
’S Weana Leben hat ön Ernst nöt g’freut.
Von New York, da Leo schickt zwaa Karten ...
Muass auf’s Schiff bis Dreiundzwanzig warten.
Hat si(ch) eing’wöhnt in der Neuchen Welt,
Denn dort macht er doch a bissel Geld.
Aus Erinn’rung wird a Dichter-Liacht ---
Wer dös Büach’l leest, vielleicht wohl siacht
.“
In der neuen Welt arbeitet er vorerst an der Reparatur und dem Umbau elektrischer Autobestandteile, bevor er mit der Qualitätskontrolle von Unterseeboot-, Flugzeug- und Radarinstrumenten betraut wird. 1964 setzt er sich zur Ruhe und verbringt seinen Lebensabend in San Francisco, Kalifornien. Neben seiner beruflichen Tätigkeit ist er auch in vielen ehrenamtlichen Nachbarschaftsvereinen zum Wohle seiner Mitmenschen tätig. Ernst Kerpen kehrt nach dem Krieg im Jahre 1952 auf Besuch nach Österreich zurück. Wie das letzte Gedicht seines Bandes zeigt, war dieser Besuch für ihn ein endgültiger Abschied von jener Stätte, an der er als „armer Judenbua“ seine Kindheit und Jugend verbrachte:
"Nach dreiss’g Jahr kumm’ i(ch) in d’Hamat z’ruck.
Alles steht no(ch): Da is d’Zeller Bruck’,
Unten rinnt no(ch) d’greane Ybbs zur Wehr
Und da is aa d’Kirch’ in Floriani’s Ehr’;
Fassel-Binder schlagt no(ch) d’Raaf’n au(n) --
Do(ch) um mi(ch), da kraht koa(n) alter Hau(n).
Auf’n Ybbsturm tuat no(ch) d’Aufschrift lehr’n:
“Stahl und Eis’n taan dö Stadt ernähr’n.“
D’Uhr am Stadt-Turm zagt no(ch) Mitternacht
Auf da Seiten wo’s dö Türken g’schlacht
Ha(b)m dö Schmied’ (a wahrer Türkenschreck’n)
Nur mit Sensen auf an langen Steck’n.
Auf’n “Graben“ schtengan d’Kest’n-Baam:
“Schneller, Fiass, dass i(ch) nöt d’Schul’ vasaam’!“
Dö Realschul’ steht am Schillerplatz --
D’Tür g’schperrt; schert si(ch) wohl um mi(ch) koa(n) Katz’.
Gehst halt abi durch d’Pocksteiner-Strass’n,
Zwängst di(ch) durch dö eng’ Zelinka-Gass’n;
Üba d’Leithen, üba d’Zeller Bruck’,
Bei bei’m Pfarrhof (koana siacht mi(ch) z’ruck).
Und zum Marktbrunn’. - Tuat no(ch) Wassa rinna;
Dort is ’s Elternhaus .... Do(ch) koa(n) Muatta drinna.
I(ch) kenn’ d’Strass’n, jedes Haus und Stoa(n) --
Und i(ch) bin do(ch), oh, so ganz aloa(n).
D’Häuser, d’Strass’n san a Totenhemd,
Denn dö Menschen dö san alle fremd.
Meine besten Freund’ san g’schtur(b)m und furt. -
A(n) paar Buama find’ i(ch) wohl in Urt;
Und der aane der is reserviert,
(Hat eahm gar der Judenbua scheniert?)
Und zwaa aund’re ha(b)m valernt ös Lach’n
(Oder woll’n mit mir kaan G’schpass mehr mach’n);
Zwaa zag’n wirkli(ch) no(ch) a biss’l Freud’,
Und zwaa aund’re, ah, dö frisst da Neid.
Pack’ mei(n) Pinkerl und sag’: “Bf’hüat di(ch) Gott“
Alte Heimat, bist in Wahrheit tot.
Schönste Landschaft,
’Warst nur Hintergrund
Für den lang zerbroch’nen Menschenbund!

Die Lage der Waidhofner Juden nach dem Anschluss

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten im März 1938 bedeutet auch für die in Waidhofen lebenden Juden eine massive existentielle Bedrohung. Die folgenden Quellenstellen zeigen, wie sich der Bogen beginnend mit der Kennzeichnung jüdischer Geschäfte, über die Enteignungen ("Arisierungen"), die Zerstörungen jüdischer Geschäfte und Wohnungen ("Reichskristallnacht") bis hin zur Schlagzeile "Waidhofen a.d. Ybbs - judenrein!" spannt. - Es gibt aber auch vereinzelt Menschen in der Stadt, die kleine Zeichen des Widerstandes gegen die menschenverachtende Rassenpolitik des Dritten Reiches setzen:

25. März 1938
Kennzeichnung jüdischer Geschäfte
"Im Laufe der vergangenen Woche wurden auch in unserer Stadt die Judengeschäfte durch entsprechende Aufschriften gekennzeichnet."

April 1938
Enteignung der Rothschildschen Besitzungen
Wie verlautet, sind die Rothschildschen Domänen Waidhofen a.d. Ybbs und Gaming=Langau in den Besitz des Deutschen Reiches übergegangen. Die grundbücherliche Durchführung ist bereits vollzogen.”

28. Mai 1938
Die "arische Abstammung" wird zur Überlebensfrage
"Warne hiemit jedermann, die unwahren Gerüchte, daß ich nicht arischer Abstammung sei, zu verbreiten, da ich sonst gezwungen bin, gerichtliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ludwig Fischer
Schmiedemeister
St.Georgen i.d. Klaus
"

26. August 1938
Gesetz über die Regelung der jüdischen Vornamen
"Soweit Juden zur Zeit Vornamen führen, die nicht in den Richtlinien verzeichnet sind (= die nicht als typisch jüdisch angesehen werden), müssen sie vom 1.Jänner 1939 ab zusätzlich einen weiteren Vornamen annehmen, und zwar männliche Personen den Vornamen Israel, weibliche Personen den Vornamen Sara. Sie müssen hievon bis zum 31.Jänner 1939 den Standesbeamten, die ihre Geburt und ihre Heirat bekundet haben, sowie der für ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt zuständigen Ortspolizeibehörde schriftlich Anzeige erstatten."

Sommer 1938
Eine bloße Vermutung genügt
"Mein Vater Emanuel Holubovsky (geb. 7.2.1885) saß an einem Sommertag des Jahres 1938 am Abend vor seinem Haus in Zell/Ybbs, als Waidhofner SA aufmarschierte und ihn mit Schlägen über die Zellerbrücke nach Waidhofen in den Polizeiarrest brachte. Er wurde dabei schwer misshandelt und man schlug ihm die Vorderzähne ein. Da viele Pelzhändler Juden waren, vermutete man auch, daß er jüdischer Abstammung wäre. Bis er einen Ariernachweis erbringen konnte, blieb er in Haft. Das beschlagnahmte Gut wurde nachher wieder zurückgegeben."

20. Oktober 1938
Verfolgung von Mischehepartnern
Die mit dem Juden Braun verheiratet gewesene Wollgeschäftsinhaberin Henriette Braun ließ sich kürzlich von ihrem Gatten scheiden, um in Entsprechung der Nürnberger Gesetze ihr Geschäft weiterführen zu können. Trotzdem verkehrt sie zum Hohne dieser Gesetze und der Waidhofner Bevölkerung auch nach ihrer Scheidung ruhig mit ihrem ehemaligen jüdischen Ehegatten ganz öffentlich im Kaffeehaus. Die deutsche Bevölkerung Waidhofens hat darauf die einzig richtige Antwort gegeben und die Schließung des getarnten Judengeschäftes verlangt, welche auch durchgeführt wurde.“

21. Oktober 1938

Schluß mit den Judengeschäften.
"In unserer Stadt waren die Judengeschäfte wohl nie so zahlreich als anderswo, doch waren einige fast schon "eingesessen". Trotzdem sich die älteren Juden schon als eingebürgert gaben, waren die jungen wieder ganz in das echt jüdische Fahrwasser gekommen. Sie schlossen sich den Roten und zuguterletzt den Kommunisten an und stellten sich dadurch in bewußten Gegensatz zu der bodenständigen Bevölkerung. Nun hat der Umbruch auch bei uns rasch Ordnung gemacht. Alle jüdischen Geschäfte wurden in den letzten Tagen geschlossen. Es sind dies die Geschäfte Alexander Weisz (rumänischer Jude), J. Baumgarten, Michael Sommer, Gemischtwarenhandlung, Ybbsitzerstraße, Felix Spitz, Produktengeschäft (ein Nachkriegsgeschäft) und das Pseudoariergeschäft Henriette Braun. Die Inhaberin des letzteren Geschäftes behauptet, Arierin zu sein und ist von ihrem jüdischen Gemahl, dem pensionierten Bankbeamten Braun, geschieden. Die Bevölkerung unserer alten deutschen Eisenstadt wird es sicherlich begrüßen, daß diese Judengeschäfte aufgelassen wurden, und sie in keiner Weise vermissen."

18. November 1938
Die Reichskristallnacht
"Vergeltungsaktionen für den Meuchelmord in Paris. Der feige Meuchelmord des Juden Grünspan hat im ganzen deutschen Volke eine berechtigte und verständliche Empörung hervorgerufen. Im gesamten Reich kam es zu Vergeltungsaktionen gegen jüdische Gebäude und Geschäfte. Am Freitag früh mussten in Amstetten die Fensterscheiben einiger in jüdischem Besitz befindlicher Häuser daran glauben, welche von der empörten Bevölkerung eingeschlagen wurden. Mehrere Juden wurden in Schutzhaft genommen. Als besonders erfreulich kann gemeldet werden, daß seit Samstag im Kreise Amstetten die Juden aus dem gesamten Wirtschaftsleben restlos ausgeschieden sind. Die letzten Arisierungen wurden durchgeführt und es ist auch der jüdische Hausbesitz bereits in arische Hände übergegangen. Hoffentlich werden die in unserem Kreise noch wohnhaften Juden ihre Zelte recht bald anderswo aufschlagen."

9. 11. 1938
Die “Reichskristallnacht” aus der Sicht des damaligen Waidhofner Polizeiinspektors:
Nach diesen Vorfällen kam es einige Zeit zu keinen besonderen Vorkommnissen, bis eines Morgens - am 9. XI.  ;1938 - zeitlich früh die SS Führung die Weisung zu Vergeltungsmaßnahmen gegen Juden ausgab. Da die hier ansässig gewesenen Juden ja schon weggebracht worden waren, gab es nur das einzige Geschäft Braun am Hohen Markt, das einem Juden gehört hatte und von dessen Gattin, die angeblich Arierin war, weitergeführt werden sollte. In diesem Hause wurde buchstäblich alles krumm und klein geschlagen und im Geschäfte Waren vernichtet. Diesem Wahnsinn konnte die Polizei dann ein Ende machen. Ähnlich ging es am Gute Claryhof in der Landgemeinde zu, dessen Besitzer Halbjude
war
.”

12. November 1938
Zerstörung der Wohnung von Friederike Hiebler, geb. Sommer in Waidhofen an der Ybbs (Zeugenaussage)
"Ich habe ... gegenüber dem Hause der Frau Friederike Hiebler gewohnt und war Zeuge, wie am 12. November 1938 jugendliche Parteigänger der NSDAP in das Haus und in die Wohnung der Antragstellerin, die aus 2 Zimmern und Küche bestand, eindrangen, sämtliches bewegliches Gut vernichteten und mit Steinen zerschlugen."

2. Dezember 1938
Situationsbericht des Landrates des Kreises Amstetten für November 1938 an die Gestapo Wien:
"Der Monat November ist im Verwaltungsbezirk politisch vollkommen ruhig verlaufen. Nur am 9. November ereigneten sich in einzelnen Gemeinden, so Amstetten, Waidhofen a.d. Ybbs und Kematen, kleinere Zwischenfälle, bei welchen die erbitterte Bevölkerung die Auslagen von Judengeschäften zertrümmerte und auch in den Judenwohnungen Verheerungen verursachte. Zwecks Vermeidung weiterer Zwischenfälle mußten die männlichen Juden zwischen 18 und 50 Jahren in Schutzhaft genommen werden."

9. Dezember 1938
Waidhofen a.d. Ybbs - judenrein!
"Nun ist auch unsere Stadt endgültig von Judengeschäften gesäubert. Die letzten noch in jüdischem Besitze befindlichen Objekte - es sind dies das Haus Ybbsitzerstraße 15 (Sommer), das Haus Hoher Markt 22 (Hermann Braun) und weiters das Haus Hoher Markt 6 (im Besitz von Juden aus Ödenburg) werden der Veräußerung zugeführt. Das Haus Unterer Stadtplatz 18 (Spitz) , im Besitze von Wiener Juden, wurde von Frau Luise Brockl angekauft und der Kauf in Wien bereits durchgeführt. Da für die Übertragung jüdischer Unternehmungen ausschließlich die Vermögensverkehrsstelle (als höhere Verwaltungsbehörde) zuständig ist, mögen sich Interessenten für die genannten Objekte an die Ortsgruppenleitung wenden. Das Haus Adolf=Hitler=Platz 10 befindet sich in arischem Besitz."

Juli 1939

Nürnberger Rassengesetze am Waidhofner Gymnasium
"Von der Einführung der Nürnberger Rassengesetze wurde im Lehrkörper niemand betroffen. Unter der Schülerschaft erwiesen sich 2 Schüler als Volljuden, 6, darunter 2 Mädchen, als Mischlinge ersten Grades und 2 als Mischlinge zweiten Grades. Die Lehrer= und Schülerbüchereien wurden von allen jenen Büchern gesäubert, die dem Geiste des Nationalsozialismus entgegenstehen. Dies galt in erster Linie von Werken von Juden und derern Gefolgschaft, von Schriften marxistischer und kommunistischer Richtung, ..."

30. Dezember 1941
Einige Waidhofnerinnen sind nicht bereit, die Diskriminierung der Juden zu akzeptieren
An alle, die es angeht. Der Herr Reichsstatthalter gibt in einer Verfügung vom 1.12.1941 bekannt: 'In letzter Zeit haben deutschblütige Personen wiederholt nach wie vor freundschaftliche Beziehungen zu Juden unterhalten und sich mit diesen in auffälliger Weise in der Öffentlichkeit gezeigt. Da solche Deutschblütige auch heute noch den elementarsten Grundbegriffen des Nationalsozialismus verständnislos gegenüberstehen, und ihr Verhalten als Missachtung der staatlichen Maßnahmen anzusehen ist, wird gegen sie, wenn sie ihr Verhalten fortsetzen, wie auch gegen die betreffenden Juden mit scharfen Maßnahmen vorgegangen werden."
Auch wir in der Stadt Waidhofen a.d. Ybbs haben leider Anlass, auf diese Verfügung des Herrn Reichsstatthalters hinweisen zu müssen. Es gibt Frauen in Waidhofen a.d. Ybbs, welchen es besonders gut gefällt, sich mit der von der Behörde gekennzeichneten Jüdin zum Ärger der übrigen Bevölkerung promenierend und auffallend laut im angeregtesten Gespräch auf den Straßen und Plätzen unserer Stadt zu zeigen. Entsprechende Maßnahmen werden hier rasch Ordnung schaffen.


Das Umschulungslager Gut Sandhof Windhag bei Waidhofen a/d Ybbs
Von 1939 bis 1943 befand sich im Bauernhof Sandhof in Windhag, Kronhobl 3, jetzt Gemeinde Waidhofen/Ybbs, ein sogenanntes „Umschulungslager“ für vorwiegend aus Wien stammende Juden. Es wurde von der SS betrieben und scheint unter dem Eigentümer „Auswanderungsfond Wien“ auf. Das Bauernhaus wurde von den jüdischen Zwangsarbeitern neu aufgebaut und bestand aus den noch heute existierenden Gebäuden sowie einer Wohnbaracke für die Lagerinsassen. Diese befand sich auf der Wiese hinter dem Haus in Richtung Schobersberg. Laut Zeitzeugen soll Adolf Eichmann persönlich im Jahr 1939 nach Waidhofen gekommen sein, um in einem Waidhofner Gasthaus den Vertrag betreffend den Neuaufbau des Lagers Sandhof mit der Baufirma zu unterschreiben. Die landwirtschaftlichen Umschulungsstätten wurden ursprünglich für die Auswanderung nach Palästina geschaffen, und sollten jüdische Auswanderer auf das Leben in ihrer neuen Heimat vorbereiten. In Niederösterreich befanden sich solche Lager u.a. auch in Moosbrunn, Ottertal, Walpersdorf, Markhof und Wördern. Ein ähnliches von der SS betriebenes Lager ist auch in Doppl bei Altenfelden in Oberösterreich nachweisbar. Während die niederösterreichischen Umschulungsstätten im Herbst 1939 bereits wieder aufgelöst wurden, bestand das Lager in Windhag bis 1943. Laut Aussage eines ehemaligen Insassen diente das Lager in der Folge „eher als ein Erholungsheim für SS-Angehörige.“
Das Lager in Windhag unterstand der von Adolf Eichmann im Sommer 1938 geschaffenen „Zentralstelle für die Auswanderung der Juden Österreichs“. Diese Stelle, mit ihrem Hauptquartier in Wien, arbeitete aufgrund ihrer Schikanen und Brutalität gegenüber den österreichischen Juden so „effizient“, dass sie als „Wiener Modell“ für die Judenverfolgung im gesamten Deutschen Reich zum Vorbild wurde. Ursprünglich planten die NS Machthaber eine Abschiebung aller Juden nach Übersee (Palästina, Madagaskar-Plan). Diese Idee wurde aber bald wieder aufgegeben und ab Herbst 1939 wurden die ersten Deportationen von Juden in die polnischen Ostgebiete durchgeführt. Diese Deportationen nach dem Osten gingen oft mit Massenexekutionen einher und mündeten nach dem Ausreiseverbot für Juden (Oktober 1941) direkt in die Massenvernichtung des Dritten Reiches (Auschwitz, Majdanek, Sobibor, ...). Alle in Windhag eingesetzten SS-Männer scheinen in Eichmanns Stab auf und waren nicht nur an der Vertreibung österreichischer Juden, sondern auch an der Deportation tausender Juden aus der Slowakei, Griechenland, Frankreich und Ungarn beteiligt. Der letzte indirekte Hinweis auf den Bestand des Lagers stammt vom 25.3.1943. An diesem Märztag werden zwei Insassen des Lagers, der 20-jährige Harry Goldberg sowie der 19-jährige Arnold Spira wegen Missachtung der Kennzeichnungspflicht (Juden waren ja ab dem 19.9.1941 zum Tragen des Judensternes verpflichtet) in Waidhofen festgenommen und zwecks "Evakuierung nach dem Osten" in ein Sammellager überstellt.
Nach dem Krieg kam Rudolf Flussmann, einer der Insassen aus dem Lager Sandhof (er hatte Theresienstadt, Auschwitz und Oranienburg überlebt), wieder nach Windhag zurück und übernahm den Sandhof als Verwalter. Wie aus dem Grundbuch hervorgeht, stand der Sandhof ab 16. November 1945 unter öffentlicher Verwaltung und Rudolf Flussmann ist darin als Verwalter vermerkt . Er konnte sich aber am Sandhof nicht halten und beging laut Zeitzeugen später Selbstmord. Insgesamt scheinen in den Quellen des Umschulungslagers die Namen von 226 Lagerinsassen auf, die von der SS Bewachung brutal misshandelt werden. Die meisten Lagerinsassen werden nach ihrem Aufenthalt am Sandhof wieder nach Wien zurückgebracht. Die Aufenthaltsdauer in Wien schwankt zwischen wenigen Tagen bis hin zu einem Zeitraum von über zwei Jahren und liegt durchschnittlich bei etwas über einem Jahr.
Der Großteil der vom Sandhof nach Wien zurückgekehrten Juden (insgesamt 170 Personen) aber wird deportiert. 122 der 170 Deportierten kommen bei Massenerschießungen oder in den Konzentrationslagern ums Leben. 45 der Deportierten überleben und von 3 Deportierten ist das Schicksal ungewiss. Von den restlichen ehemaligen Lagerinsassen am Sandhof ist das weitere Schicksal unbekannt. Wie viele den Krieg überlebten und wie viele von ihnen dem Völkermord des NS Regimes zum Opfer fielen, lässt sich nicht mehr feststellen. 

Jüdische Zwangsarbeiter in Böhlerwerk

Im Jahr 1944 wurden jüdische Zwangsarbeiter in den Rüstungsbetrieben der Böhlerwerke eingesetzt. Da diese Arbeiter bei der Bevölkerung, ähnlich wie in Amstetten , Mitleid auslösten, sah sich die Partei veranlasst, im Boten von der Ybbs folgenden Artikel der übelsten Sorte zu veröffentlichen. Der Artikel vom 28. Juli 1944 lautet im Originalwortlaut:
"Etwas über die armen Juden. Es mag widersinnig erscheinen, wenn nunmehr sechs Jahre nach der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus ausgerechnet in unserer, seit jeher judenfreien Gemeinde plötzlich eine ganze Reihe waschechter Juden sich niederläßt. Die Erklärung hiefür wird mittlerweile wohl jedermann gefunden haben. Die außerordentlichen Anforderungen der deutschen Rüstung haben auf dem Arbeitsmarkt eine Spannung hervorgerufen, der zufolge wir heute auf Arbeitskräfte zurückgreifen müssen, für deren Anwesenheit wir uns in normalen Zeiten bestens bedanken würden. Aber nun sind sie eben da und wir haben uns abzufinden damit. Am meisten zu bedauern hiebei sind die Betriebsführer, die sich mit diesen fragwürdigen “Arbeitskräften" herumschlagen müssen und meist vergeblich versuchen, eine, wenn auch bescheidene Leistung zu erzielen. Wendet sich unser menschliches Empfinden, wie eben gesagt, jenen deutschen Volksgenossen zu, die mit Führung und Organisation der neuzugeführten Juden zu tun haben, so gibt es als Gegenstück hiezu Zeitgenossen, die dieser Erkenntnis nicht zugänglich sind, sondern deren weiches Herz nur für die bedauernswerten Juden schlägt. Zur Ehrenrettung der Bevölkerung unserer Ortsgruppe sei festgestellt, daß bis jetzt nur sehr wenige derartig "feinfühlende" Männlein und Weiblein beobachtet worden sind. Wohlgemerkt - beobachtet! Jawohl, wir müssen sie beobachten, denn diese Brüder glauben sich wohl über das Verbot, mit Juden nicht verkehren zu dürfen, hinwegsetzen zu können. Es wäre uns sehr peinlich, demnächst die Namen dieser Judenfreunde veröffentlichen zu müssen. Da predigt der "Stürmer" als einschlägige Fachzeitschrift schon an die zwanzig Jahre in Wort und Bild über das Judenproblem, da wird fast in jeder politischen Kundgebung auf den Weltfeind "Jude" hingewiesen, da wird der unumstößliche Nachweis erbracht, dass letzten Endes der Jude an dem jetzigen Weltbrand die Schuld trägt und dennoch finden sich solche Elemente, welche mit dieser Rasse Bedauern zeigen, nach dem abgeschmackten Grundsatz: "Juden sind doch auch Menschen!" Lassen wir diesen fragwürdigen Grundsatz gelten, so muss aber auch ein weiterer Grundsatz anerkannt werden, der da lautet: "Wanzen sind doch auch Tiere!" Die aus der Parallelität beider Sätze sich ergebende Konsequenz überlassen wir mit besonderer Genugtuung den Vertretern des erstzitierten Satzes. Es ist bedauerlich, dass obige Feststellungen überhaupt noch getroffen werden müssen, aber die wenigen Betroffenen mögen sich dieselben hinter das Ohr schreiben und nicht glauben, ihre Tätigkeit in diesem Sinne könne ungeahndet bleiben."
Mit der Gleichsetzung der Juden mit Wanzen erreicht die Diktion der Menschenverachtung einen Höhepunkt. Dass diese Denkweise (Wanzen werden normalerweise vernichtet) nicht nur theoretisch in den Köpfen der Nationalsozialisten existierte, sondern gegen Kriegsende auch in unserer näheren Umgebung in die Tat umgesetzt wurde und zu unvorstellbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit führte, zeigen die Judenmassaker von Göstling und Randegg. 

Die Massaker von Gösting und Randegg 

In der Nacht vom 12. auf den 13. April 1945 werden in Göstling die im Arbeitslager inhaftierten ungarischen Juden (42 Frauen, 23 Männer und 11 Kinder) von der SS in eine Baracke des Lagers zusammengetrieben und mit Panzerfäusten und Handgranaten bestialisch ermordet. Wer aus den brennenden Baracken flüchten kann, wird von der SS erschossen. Ein Grabstein am Friedhof in Göstling erinnert heute noch an dieses Massaker.
Der Verfasser führte am 26. Juni 1996 ein Gespräch mit Frau Maria Zwettler, Markt 74, Göstling. Sie ist zum Zeitpunkt des Interviews 76 Jahre alt. Frau Zwettler war die Tochter des unmittelbar in der Nähe des Lagers befindlichen Gasthauses. Sie schildert die Ereignisse folgendermaßen:
"Das Barackenlager war an der Stelle eines ehemaligen Teiches angelegt worden und die Baracken wurden auf dem betonierten bzw. mit Steinen ausgelegten ehemaligen Teichgrund gebaut. Sie standen leicht vertieft und das Lager war mit einem Stacheldrahtzaun umgeben und wurde von Hilfsgendarmen aus der Gegend bewacht. Es waren vier Baracken.
Ursprünglich waren Kriegsgefangene in diesem Lager inhaftiert. Sie mussten beim Ausbau der Königsbergstraße arbeiten. Wahrscheinlich im Jahr 1944 wurde das Lager mit Familien ungarischer Juden belegt. Sie hatten normale Kleidung, mussten aber den Judenstern tragen. Es handelte sich vorwiegend um Intellektuelle (Ärzte, Rechtsanwälte,...), Männer, Frauen und Kinder (ab dem 1. Lebensjahr). Die Männer und teilweise auch die Frauen waren bei der Arbeit an der Straße eingesetzt. Im Lager selbst wurde von den Inhaftierten gekocht. Die Bewachung erfolgte durch die Hilfsgendarmen. Die Insassen durften das Lager nicht verlassen. Es gelang aber doch hin und wieder einigen Frauen des Lagers, in der Umgebung um Hilfe zu bitten. So kam einmal die Mutter eines kranken Kindes zu Frau Zwettler, um sie um ein Medikament zu bitten. Frau Zwettler erhielt aus Dank ein Nachthemd und ein gesticktes Taschentuch, das sie heute noch besitzt und mir zeigt. Die Hilfe an den jüdischen Frauen ist immer mit Angst verbunden, da sie offiziell streng verboten ist. Die Frauen können das Lager nur unbemerkt verlassen. Manchmal drücken die Bewacher ein Auge zu. Manche Frauen werden auch hie und da zu Arbeiten in der Umgebung vermittelt.
Eines Nachts im April 1945 klopft die SS an das Tor des Gasthauses (Elternhaus von Frau Zwettler) und teilt dem dort einquartierten Wehrmachtsmajor mit, dass bald Schüsse fallen werden, er aber keinen Alarm geben dürfe. Danach wird das Lager von der Straße her mit Panzerfäusten beschossen. Die, die aus der Baracke noch fliehen können, werden erschossen. Die SS räumt die Wertgegenstände aus dem Lager und stapelt sie auf der Straße zum Abtransport auf (Pelzmäntel, etc.) Am nächsten Tag liegen die halb verkohlten Leichen in und um das Lager. Es ist sehr heiß und es verbreitet sich entsetzlicher Gestank. Frau Zwettler getraut sich fast nicht aus dem Haus zu gehen und wählt den Weg über den Kalvarienberg, um nicht direkt an den Leichen vorbeigehen zu müssen. Die Leichen werden dann an Ort und Stelle vergraben.
"

Eine überlebende Jüdin (sie ist zufällig an diesem Tag nicht im Lager) veranlasst nach dem Krieg Untersuchungen. Die sterblichen Überreste werden exhumiert und am Friedhof beigesetzt.
Der damalige Bürgermeister wird durch den Lärm geweckt und erscheint im Nachthemd. Er dürfte von der Aktion überrascht gewesen sein. Er wird von der SS rasch nach Hause geschickt.
Die Nationalsozialisten des Ortes heißen die Tat gut. In der Bevölkerung haben viele Angst vor Vergeltung durch die schon bald einmarschierenden russischen Truppen. Es passiert aber niemandem etwas. 

In der Schliefau bei Randegg werden zwei Tage später, am 15. April 1945, zwischen 90 und 100 ungarische Juden (Erwachsene und Kinder) von Hitlerjugend und Waffen-SS mit Maschinengewehren und Pistolen ermordet, ihre Leichen verbrannt und die Reste in einem Massengrab verscharrt. An der Stelle dieses Verbrechens befindet sich heute ein kleines Denkmal, das an dieses schreckliche Ereignis der letzten Kriegstage erinnert. Es wurde am 15 April 1980 beim Haus Puchberg 10, Güterweg Mauterlehen, durch Weihbischof Stöger aus St.Pölten eingeweiht. Die Inschrift besagt folgendes:

"Hier in dieser Talmulde mussten (laut Gendarmerieprotokoll v. 10.7.1945) am 15.4.1945 Juden aus Ungarn ihr Leben opfern. Um 8 Uhr kündigte an diesem Tag der Gendarmerieposten Scheibbs 90-100 Personen an (Männer, Frauen und Kinder) die mit einem Autobus und LKW zunächst nach Randegg gebracht wurden. Anschließend sollte der Transport von hier mittels Pferdewagen nach St. Leonhard am Wald gebracht werden. Der damalige Gendarm spricht von 89 oder 98 Personen, die hier zwischen 9 - 1/210 Uhr ankamen (am Marktplatz in Randegg). Nach meiner Vermutung war die Erschießung schon längst beschlossen, da der Autotransport nur bis Randegg vorgesehen war. Nach einem mehrstündigen Aufenthalt auf dem Randegger Marktplatz, währenddessen Frauen oft unter Lebensgefahr den Halbverhungerten noch ein Stück Brot zusteckten und Gendarmerieinspektor Glass einen Teller Suppe für jeden organisierte, traten die Häftlinge den Fußmarsch in diese Talmulde an, wo sie nach einer Rastzeit, während der die Kinder auf den umliegenden Wiesen noch Frühlingsblumen pflückten, durch ein SS-Kommando erschossen und dann verbrannt wurden. Vorübergehend wurden die sterblichen Überreste inmitten der Talsenke bestattet und an dieser Stelle ein Gedenkstein errichtet. Nach zwei Jahren wurden Exhumierungen durchgeführt und am 28.11.1947 nach Ungarn letzte Reste überführt ..."

Die Schicksale der Waidhofner Familien jüdischer Abstammung 

Familie Baumgarten
Laut Volkszählung des Jahres 1900 wohnt die Familie Baumgarten mit ihren vier Kindern im Haus Oberer Stadtplatz 15 (Konskriptionsnummer 122):
Julius Baumgarten, geb. am 22.I.1845 in Trebitsch, Mähren; Glaubensbekenntnis: israelitisch.
Elise Baumgarten (geborene Arnstein), geb. am 17. IV. 1847 ;in Trebitsch, Mähren; Glaubensbekenntnis: israelitisch.
Siegfried Baumgarten, geb. am 8. IX 1871 ;in Waidhofen; Glaubensbekenntnis: israelitisch.
Jaques Baumgarten, geb. am 21. VI. 1878;in Waidhofen; Glaubensbekenntnis: israelitisch; Anmerkung: studiert auf der Hochschule in Prag.
Hermann Baumgarten, geb. 23. II. 1883 ;in Waidhofen; Glaubensbekenntnis: israelitisch.
Rosa Arnstein (Mutter von Elise Baumgarten), geb. 24. IV. 1815;in Boskowitz, Mähren; Glaubensbekenntnis: israelitisch.

Die verschiedenen Anfeindungen, denen die Familie wegen ihrer Abstammung ausgesetzt war, wurden bereits behandelt (siehe Fußnoten 12, 13, 14, 27, 28, 30)
Als letzte Geschäftsinhaberin der Schneiderei, Gemischtwaren- und Konfektionshandlung Julius Baumgarten am Oberen Stadtplatz 15 scheint 1933 Siegfried Baumgartens Witwe, Berta Baumgarten, auf. - Es war im Rahmen dieser Arbeit nur möglich, das Schicksal folgender Familienmitglieder nachzuverfolgen:
Berta Baumgarten (geb. 2. III. 1881) sowie einer ihrer Söhne, Dr. Richard Baumgarten (geb.3. VII. 1902) fallen dem Holocaust zum Opfer. Irma Baumgarten (geb. 1. VI. 1887), die mit dem 1938 bereits verstorbenen Hermann Baumgarten verehelicht war, wird nach Sajmiste bei Belgrad deportiert und kommt dort wahrscheinlich ums Leben.
Das Schicksal der anderen in den Quellen (Stadtarchiv, Heimatscheine, Signatur 1/570) aufscheinenden Mitglieder der Familie namens Edith (geb. 10./20.?/ XII. 1919), Josef (geb. 4. VII. 1921), und Leopold (geb. 3. XII. 1923) war nicht zu eruieren. Edith, Leopold und Josef sind Kinder des oben erwähnten Ehepaares Hermann und Irma Baumgarten. Sie sind vermutlich, wie ihre Mutter, ebenfalls dem Rassenwahn des Nationalsozialismus zum Opfer gefallen.

Franz Baumgarten, nach der NS-Diktion "Halbjude", dürfte mit der oben erwähnten Familie Baumgarten nicht verwandt gewesen sein. Er wurde zuerst zur Wehrmacht eingezogen und arbeitete nach seiner Entlassung in der österreichischen Widerstandsbewegung mit. Am 4.8.1943 wurde Franz Baumgarten von der Gestapo verhaftet. Er wurde aber nicht in ein KZ eingeliefert, sondern zur Rüstungsindustrie abbeordert und überlebte so die Zeit bis zum Ende der nationalsozialistischen Herrschaft. Nach dem Krieg erhielt Franz Baumgarten eine Stelle als Stadt-Sekretär bei der Gemeinde Waidhofen/Ybbs und blieb bis 1953 im Amt. Am 31.März 1953 wurde er aus gesundheitlichen Gründen in den dauernden Ruhestand versetzt. Für die Berechnung des Ruhegenusses wurden ihm unter anderem auch 4 Jahre, 4 Monate und 19 Tage als "Behinderungszeit wegen Verfolgung aus rassischen Gründen" angerechnet.

Hermann und Henriette Braun
Über das Ehepaar Braun sind nur wenige Informationen erhalten. Ihr Geschäft am Hohen Markt wird in der "Reichskristallnacht" zerstört und Henriette Braun wird gezwungen, sich von ihrem Gatten, dem Bankbeamten Hermann Braun (geb. 31. IX. 1885) scheiden zu lassen. 



Hermann Braun gelingt angeblich die Flucht nach Palästina.

Folgender Hetzartikel erscheint am 20. Oktober 1938 im „Amstettner Anzeiger“: "Die mit dem Juden Braun verheiratet gewesene Wollgeschäftsinhaberin Henriette Braun ließ sich kürzlich von ihrem Gatten scheiden, um in Entsprechung der Nürnberger Gesetze ihr Geschäft weiterführen zu können. Trotzdem verkehrt sie zum Hohne dieser Gesetze und der Waidhofner Bevölkerung auch nach ihrer Scheidung ruhig mit ihrem ehemaligen jüdischen Ehegatten ganz öffentlich im Kaffeehaus. Die deutsche Bevölkerung Waidhofens hat darauf die einzig richtige Antwort gegeben und die Schließung des getarnten Judengeschäftes verlangt, welche auch durchgeführt wurde. Der Henriette Braun ist es übrigens trotz Aufforderung noch nicht gelungen, für sich selbst den Ariernachweis zu erbringen“ 

(Widerstand und Verfolgung in NÖ, Wien 1987, Bd. III, S.359.)

Familie Kunizer
Die seit 1906 in Waidhofen an der Ybbs ansässige Familie Kunizer hatte ebenfalls schwer unter der NS Herrschaft zu leiden. Die Familie bestand aus dem Ehepaar Franz und Clara Kunizer sowie deren Sohn Karl:

Er kann keinen Ariernachweis erbringen und gilt nach den NS Gesetzen als Jude. + 22.4.1945
Siegilt nach den NS Gesetzen als Arierin. + 22.4.1945

Vater: Franz Emanuel Kunizer, geb. 9.6.1881, röm.kath., früher mosaisch;

Mutter: Frieda Clara Kunizer, geborene Hagens, geb. 1.5.1883; 

Sohn: Dipl.Ing. Karl Kunizer, geb. am 4.8.1908 in Waidhofen a. d. Ybbs,röm.kath.;Er gilt nach den NS Gesetzen als "Mischling ersten Grades."  + 27.8.1997

Der Ermordung des Ehepaares Kunizer geht eine Hetzkampagne im "Boten von der Ybbs" voraus. Sie setzt am 26. Februar 1943 ein und es werden alle Register der NS Propaganda gegen Franz Kunizer eingesetzt. Die menschenverachtende Sprache des Regimes verwendet Ausdrücke wie "Volksschädling", "Judengesindel", "Schmarotzerpflanzen", "Feinde des deutschen Volkes", "Anstifter dieses Krieges", "Judenbastard" usw. Die Ortsgruppenleitung erhebt in aller Öffentlichkeit schwere Vorwürfe gegen ihn, er erhält aber keinerlei Möglichkeit, sich zu verteidigen. Der Endpunkt dieser Verleumdungskampagne ist dann die Ermordung Franz Kunizers und seiner Gattin im April 1945: Ein erster Hetzartikel erscheint am 3. Juli 1942 unter der Überschrift "Ortsgruppenappell". Darin wird zwar Franz Kunizer noch nicht namentlich erwähnt, vergleicht man den Text aber mit den späteren Artikeln, so ist ganz klar, gegen wen er gerichtet ist:
"... Denn der Jude war es seit jeher, der  das Unkraut der Zwietracht in das deutsche Volk zu säen trachtete. Wie der Bauer das Unkraut, welches die gute Frucht zu verdrängen sucht, aus dem Boden reißt, müssen auch wir aus dem deutschen Volke diese Schmarotzerpflanzen ausscheiden. Das Judentum versucht sein verderbenbringendes Wirken stets zu tarnen. Damit ihn jeder sofort erkennt, wurde der Jude zum Tragen des Zionssternes verpflichtet. Mitleid mit Juden ist immer ein Zeichen der Unkenntnis über die Schädlichkeit derselben. ..." 

In den nun folgenden Artikeln wird Franz Kunizer bereits namentlich genannt und das Kesseltreiben gegen seine Person wird immer massiver betrieben:
"In dem am 21. ds. stattgefundenen Parteimitgliederappell gab Ortsgruppenleiter Pg. Schorn  nach Behandlung der dienstlichen Mitteilungen und der Weisungen für die weiteren Arbeiten der Politischen Leiter eine Nachricht bekannt, die alle Parteimitglieder mit größtem Interesse vernahmen. Der ungefähr 11/2 Jahrzehnte lang als Vizebürgermeister und Finanzreferent der Gemeinde Waidhofen a.d. Ybbs=Land Unheil stiftende "Bauer", unter dessen "Tüchtigkeit" und "Hingabe" in der Systemzeit nicht weniger als drei Gemeindesekretäre hintereinander wegen Unterschlagung von mehreren tausend Schilling entlassen werden mußten, ist von der zuständigen Behörde einwandfrei als Volljude entlarvt worden. Franz Israel Kunitzer konnte als größter Grundbesitzer innerhalb des Gemeindegebietes kraft seines wirtschaftlichen Einflusses und der bisher gelungenen Tarnung seinen zersetzenden Einfluß auf manche Kreise der Bevölkerung noch weiter ausüben. Nun werden sich noch andere Stellen mit dessen unsauberen Angelegenheiten befassen. Alle deutschen Volksgenossen aber mögen aus dieser vorläufigen Mitteilung ihr Verhalten einrichten. Nach den Staatsgesetzen ist jeder Umgang mit Juden strafbar. Über die weiteren Auswirkungen der Entlarvung dieses Volljuden und dessen echt talmudischen Handlungen wird die Öffentlichkeit noch eingehend unterrichtet. Nach diesen von allen Appellteilnehmern mit Genugtuung aufgenommenen Ausführungen sprach der Ortsamtsleiter der NSV. Pg. Eisterlehner über dringende Aufgaben der nächsten Zeit, ...

"Jüdische Tüchtigkeit. Unsere Veröffentlichungen über das die Öffentlichkeit schädigende als auch freche Verhalten des Franz Israel Kunitzer haben im besonderen bei der bäuerlichen Bevölkerung starken Widerhall gefunden. Von den uns weiter zugekommenen Meldungen geben wir zur näheren Charakterisierung dieses "geschäftstüchtigen Landwirtes" eine Aussage einer Landwirtin ... wieder: Am Karfreitag des Vorjahres hat mein Bruder ... zwei Ochsen um 1200 RM. von Kunitzer gekauft. Darüber befragt, wieso die Ochsen ganz erhitzt sind, wurde geantwortet, daß sie soeben von einer schweren Arbeit kommen. Zuhause zeigte sich, daß ein Ochse sehr erkrankt war, er mußte notgeschlachtet werden und wir erhielten dafür nur 160 RM. bezahlt. Erwiesen ist, daß dieser Ochse nicht von der Arbeit erhitzt, sondern schon am Tage des Verkaufs schwer erkrankt war und Fieber hatte. Die Kleinwirtschaftsbesitzer erlitten durch den gerissenen Juden einen Schaden von 440 RM. Diese Schilderung zeigt, wie notwendig es war, den Juden ihr unsauberes Handwerk zu legen. In der Systemzeit wurden derartige Machenschaften dieser "Stützen" gerne übersehen, insonderheit dann, wenn so ein Abgefeimter Ämter und Würden innehatte und "Amtsperson" war. ... Es erscheint uns daher begreiflich, wenn von der Bevölkerung erwartet wird, daß dieser Volljude samt Anhang aus der kerndeutschen Bauerngemeinde entfernt wird.

Im folgenden Artikel richtet sich die NS Propaganda nicht nur gegen Franz Kunizer sondern auch gegen Louis Rothschild, dessen Besitzungen in Waidhofen und Gaming-Langau bereits im April 1938 enteignet wurden:
"Bauernseele ist Volksseele. Deutsches Blut ist die Quelle, aus der sich unser Volk immer wieder ergänzt. Das Landvolk bildet den Jungbrunnen volklicher Erbgesundheit. "Der Bauernstand ist das Rückgrat einer Nation", sagte Bismarck. Eigener Grund und Boden, den man selbst bebaut, sichert die Ernährung des ganzen Volkes und bietet den besten Schutz gegen soziale Erkrankungen. Je mehr freie Bauern ein Volk besitzt, desto schwerer ist es zu bezwingen. Die Verstädterung der bäuerlichen Bevölkerung ist daher die größte Gefahr, die eine Nation bedrohen kann. ... Börsenbarone und sonstige jüdische Spekulanten erwarben uralten, mit dem Schweiß von Generationen gedüngten deutschen Bauernboden. Selbstbewußte, freie, naturverbundene Menschen wurden entwurzelt, damit im Jahre ein= oder zweimal der "gnädige Herr Baron" seine Jagdlust oder sonstige Gelüste befriedigen konnte. Andere jüdische Händlernaturen zogen nach Erwerbung deutscher Bauernhöfe über ihre krummen Beine Stiefel, übervorteilten beim Viehhandel ihre Nachbarn, mauschelten in den öffentlichen Vertretungen, wie Gemeindestuben und sonstigen Einrichtungen zu ihrem Vorteil und spielten Landwirt, ohne dass sie je körperlich den erworbenen Boden bearbeiteten. Die Volksschädlinge konnte man in allen Gauen unseres großen deutschen Vaterlandes antreffen. Beide Sorten hatten Vertreter auch im schönen Ybbstal. Die erste Gruppe in dem ins Feindesland geflüchteten Rothschild, die zweite in dem sattsam bekannten "Landwirt" Israel Kunitzer. Drei große, ehemals deutsche Bauernhöfe sind nunmehr sein Eigen. Der in den Wirtsrotten liegende Gesamtbesitz umfasst nicht weniger als 171 Hektar. .... Durch das zielbewusste eingreifen der NSDAP. wurde ab 4.März 1943 die kommissarische Verwaltung dieses Judenbesitzes verfügt. Wie erforderlich dies war, zeigen uns jetzt schon die Ergebnisse der fachkundigen kommissarischen Verwaltung der vergangenen paar Wochen. Einwandfreie Vergleichsergebnisse werden dies später aufzeigen. Wenn von der Bauernschaft erwartet wird, dass diese Besitzungen wieder an deutsche Bauern übertragen werden und der Jude zumindest in der Kriegszeit wie jeder Deutsche arbeitet und nicht weiter faulenzt, ist diese zu verstehen." 

Die Rufschädigung wird im "Boten von der Ybbs" fortgesetzt und die Hetzkampagne gipfelt schließlich im Verbot für Franz Kunizer, mit irgendeiner "arischen" Person Gespräche zu führen oder Häuserbesuche zu machen:
"Wie der Jude deutsche Bauern behandelt. Als im Jahre 1906 der Jude Kunitzer in der 3. Wirtsrotte die ersten Bauernwirtschaften aufkaufte, war sein Streben gleichzeitig darauf gerichtet, eine Eigenjagd zu bekommen. Die konnte er aber nur erreichen, wenn die einzelnen Besitzungen in sich geschlossen sind. Nachdem aber ein großes Grundstück der Bauernwirtschaft "Hammerhaus auf der Klaus" vulgo Köstler zwischen diesen Besitzungen lag, wurde der damalige Besitzer desselben so lange bearbeitet, bis er das Grundstück gegen das Versprechen hergab, ein anderes Grundstück zu erhalten. Als der Jude sein Ziel erreicht hatte, wollte er von seinem Versprechen nichts mehr wissen. Aber nicht genug damit. Über das nun in Judenhänden befindliche Grundstück führt eine Trinkwasserleitung der Reichsbahn, von der das genannte Bauernhaus stets den gesamten Trinkwasserbedarf beziehen konnte, da es selbst kein Trinkwasser hat. Die damalige Staatsbahn war sogar bereit, zu sehr günstigen Bedingungen den Anschluß einer Rohrabzweigung bis zum Bauernhaus zu bewilligen. Der Jude Kunitzer als neuer Besitzer dieses für die Bauernwirtschaft wegen des Trinkwasserbezuges lebenswichtigen Grundstückes verweigerte nicht nur die Legung des Rohrstranges, sondern auch das Betreten des Grundstückes überhaupt. Dadurch war die Familie Köstler 36 Jahre lang gezwungen, Bachwasser als Trinkwasser zu benutzen. Da in den Bach Jauche fließt, waren dadurch die sanitären Verhältnisse für die Familie geradezu lebensgefährlich. So hinterhältig, gemein und unmenschlich können nur Juden vorgehen. Kann da ein rechtschaffener Deutscher dieses Judengesindel noch in Schutz nehmen? Als die NSDAP. von dieser Angelegenheit Kenntnis erhielt, hat sie den kommissarischen Verwalter dieses Judenbesitzes sofort angewiesen, den Bezug des Trinkwassers der Bauernfamilie Alois und Hedwig Hönigl als den derzeitigen Besitzern des Bauernhauses "Hammerhaus auf der Klaus" sogleich zu gestatten." 

"Schluss mit der Judenwirtschaft. Mit unserem heutigen Bericht wollen wir die Schilderungen über das typische Verhalten des Juden Israel Kunitzer beenden, da nunmehr diese Angelegenheit die vorauszusehende Lösung gefunden hat und zu erwarten ist, dassdas Treiben dieses Volksschädlings, der sich so lange tarnen konnte, nunmehr endgültig unterbunden ist. Damit der große Judenbesitz besser bewirtschaftet werden kann, wurde im Rahmen der Zwangsverwaltung der Gutsteil Pichl ab 1. Mai d.J. dem bisherigen Wirtschafter zur selbständigen Bewirtschaftung bis zur endgültigen Regelung des gesamten Judenbesitzes übertragen. Das Ehepaar ... das schon 18 Jahre auf diesem Gutsteil schuftete, hat vier Kinder, von welchen ein Sohn sein Leben dem Vaterland opferte und ein zweiter unter Waffen steht. Die zu zahlende Entschädigung wurde nach einer eingehenden Besichtigung vom Reichsnährstand festgesetzt. ... Dieses große Wohnhaus, das im ersten Stock aus 7 Wohnzimmern, 1 Küche, 1 Bade= und 1 Vorzimmer besteht und ebenerdig eine Wohnung aus 2 Zimmern mit Küche und Speis sowie noch eine zweite Wohnung mit Zimmer und Küche besitzt, bewohnte die dreiköpfige Judenfamilie. Auch hier hat die kommissarische Verwaltung den Judenbesitz entsprechend den Zeitverhältnissen nutzbringend verwertet. Außer der Judenfamilie konnten noch folgende deutsche Volksgenossen untergebracht werden: Eine bodenständige Familie mit vier Kindern und aus den luftgefährdeten Westgebieten, wo im Auftrag der plutokratischen Rassegenossen Kunitzers die Wohnstätten deutscher Mütter und Kinder durch die Terrorflieger vernichtet werden, drei Mütter mit je drei Kindern und eine Mutter mit fünf Kindern. Derzeit bewohnen daher noch 24 Deutsche dieses Haus. Mit welcher Frechheit diese Judenfamilie bisher vorgegangen ist, zeigt das jedem Nichtjuden unglaubliche Verhalten des Judenbastarden Karl Kunitzer, der als würdiger Sprößling des Israel sich nicht scheute, seinerzeit die eidesstattliche Erklärung abzugeben, daß er arischer Abstammung ist. Vor kurzem wurde dieser Halbjude wegen Waffenunwürdigkeit aus dem Heeresdienst entlassen. Zu Hause angelangt, benützten diese beiden Hebräer die erste Gelegenheit, um den mit Zustimmung des Kreisleiters eingesetzten kommissarischen Verwalter, der alter Nationalsozialist und politischer Leiter ist, zu überfallen und tätlich anzugreifen. Daraufhin wurden Israel und dessen würdiger Sohn Karl Kunitzer verhaftet und nach St.Pölten überstellt." 

"Aus der Bewegung. ... Weiters gab Ortsgruppenleiter Pg. Schorn bekannt, dass vom Landrat für den Volljuden Kunitzer die Judenkennkarte eingelangt ist und dieser stets den Namen Israel zu führen hat. Auf Weisung des Kreisleiters ist die gesamte Bevölkerung darauf aufmerksam zu machen, daß der Jude keine Häuserbesuche machen darf und es auch nicht gestattet ist, mit ihm Gespräche zu führen. Einkäufe sind ihm verboten und hat diese seine Frau vorzunehmen. Die strikte Einhaltung dieser Weisung liegt im Interesse aller Nichtjuden. In der diesbezüglichen Aussprache wurden noch weitere Aufklärungen gegeben. ..." 

Ein sehr interessantes Zeitdokument in diesem Zusammenhang ist ein Brief Franz Kunizers vom 23. August 1943, in dem er einem Bekannten seine Situation kurz nach seiner Haftentlassung aus dem Gestapogefängnis in St.Pölten schildern
"Sehr geehrter Herr Hierhammer!

Sie werden gehört haben, dass mein Sohn und ich vor fast zwei Monaten in Schutzhaft genommen wurden. Er hatte, von der Front zurückgekehrt dem kommissarischen Verwalter eine in die Fresse gehauen und die Partei wollte uns verhauen lassen, also wirkliche Schutzhaft bei der Gestapo in St.Pölten. In der Nebenzelle lernten wir Dr. Gerscha kennen, der ca. 14 Tage zu Hause war und jetzt wieder fast ein Jahr in Schutzhaft ist, allerdings dort eine Art Herrenrolle spielt; er arbeitet an russischen Schriftstücken in den Kanzleien, bewegt sich dort im Hause frei und empfängt jeden Sonntag seine Frau und lässt Sie - als lieben Freund - herzlichst grüßen! Er gab uns Bücher und Zeitungen.
Ich strebte eine ähnliche Stelle für englisch, französisch u. italienisch dort vergebens an. Man meinte, bei einem Verhör durch mich, käme jeder Verbrecher frei und sandte mich am 20. VIII. ;nach Hause, wo ich aber theoretisch nur mit meiner Frau verkehren soll, sonst nur mit Gartenarbeit, Wald und Berg.
Leider wurde mein Sohn (es war nahe daran, dass er wieder in seine Wirtschaft eingesetzt wurde, da die Kreisbauernschaft dies wollte, trotzdem die Partei blamiert gewesen wäre und ihm wohl das Wirtschaften zur Hölle gemacht hätte) eingetunkt. Ganz unschuldige Briefe von seiner Militärausbildungszeit wurden beschlagnahmt und daraus eine Anzeige gemacht, wodurch er jetzt einen Monat bei der Gestapo in Wien ist. Eine Anklage beim Militärgericht in Linz ist aber noch unsicher, wir haben auch Gegenmittel in Anwendung.
Vielleicht ist es gerade gut, wenn er nicht hier ist eine gewisse Zeitlang. Er ist beim Militär und an der Hauptkampffront am Donez sehr hart worden und hält schon was aus. Seine Entlassung dürfte sein Leben gerettet haben, denn seine vollmotorisierte Truppe stand hinter Bjelgorod zum Einsatz bereit. Bitte den Brief sofort zu verbrennen.

Herzlichste Grüße, resp. Handkuss der Frau Gemahlin, von Ihrem Ing F Kunizer
Ihren Hausherrn können Sie informieren." 

Mit den zunehmenden Niederlagen der Deutschen Wehrmacht wird der Hass der Nationalsozialisten auf die "inneren Feinde" immer stärker. So wird in den letzten Monaten des Krieges die Lage für das Ehepaar Kunizer zunehmend gefährlicher, und sie verstecken sich bei verschiedenen Bauern in St. Georgen in der Klaus. Die letzten Tage des Ehepaares Kunizer schildert P. Leo Heimberger sehr ausführlich in seiner Diplomarbeit über St. Georgen in der Klaus aus dem Jahre 1976:
"Da er (Franz Emanuel Kunizer, geb. am 9. Juni 1881, röm.kath., früher mosaisch) den Ariernachweis nicht erbringen konnte, wurde am Beginn des zweiten Weltkrieges ihm und seiner Frau Frieda das Gut in der Landgemeinde Waidhofen an der Grenze nach Oberland weggenommen und einem parteitreuen Bürger zugesprochen. Zunächst durfte Kunizer noch auf dem Gute wohnen, doch mit Fortschreiten des Krieges und der Verfolgung der Juden wurde auch für ihn die Lage immer gefährlicher. Mit seiner Frau musste er den Hof verlassen und wurde nach St. Georgen in das leerstehende Haus Teufelgrub (Ober Grub) Nr.42 eingewiesen. Hier lebte er unter ständiger Angst vor seinem Erzfeind, dem Ortsgruppenleiter von Waidhofen-Land. In den letzten Monaten des Krieges hielt er sich an verschiedenen Orten versteckt, bis er bei der Familie Aichinger in Steinbichl Nr.61 einen Unterschlupf fand. Seine Frau konnte sich in Hasleiten bei Familie Proch versteckt halten. In der Nacht vom 21. zum 22. April 1945 tauchte plötzlich unter der Führung des Ortsgruppenleiters eine SS-Truppe in der Teufelgrub auf, um Kunizer und seine Frau zu verhaften, fand aber anstelle der Gesuchten eine Frau aus Rosenau und einen Belgier. Um nun günstig aus der peinlichen Situation herauszukommen, verriet die Frau das Versteck Kunizers. Sofort umstellten die SS-Männer das Haus Steinbichl, der Ortsgruppenleiter (Waidhofen-Land)  trat ein und wollte Kunizer abführen. Während dieser sich fertig anzog, schoss er plötzlich mit dem Revolver, den er ständig bei sich trug, auf den Ortsgruppenleiter, der sofort tot war. Eine wilde Schießerei ging nun in der Küche los, bei der ein weiteres SS-Mitglied und schließlich auch Herr Kunizer getötet wurden. Frl. Theresia Aichinger, die Tochter des Hauses, wollte aus der Küche fliehen, wurde dabei von einer Kugel getroffen. (Schwer verwundet wurde sie nach dieser Aktion ins Krankenhaus Waidhofen gebracht, wo sie am nächsten Tag ihren Verletzungen erlag.) 


Eine Gruppe der SS suchte nun Frau Kunizer; auch ihr Versteck wurde verraten. Um halb zwei Uhr nacht wurde sie mit der Bitte, ihr Mann (der bereits tot war) möchte sie dringend sprechen, aus dem Hause Hasleiten gelockt. Man wollte sie zwingen, sich von ihrem Manne scheiden zu lassen. Das tat sie aber nicht. Auf dem Weg ins Haus Steinbichl wurde sie von einem SS-Mann durch einen Kopfschuss getötet und in den nahen Graben geworfen. Am Montag, dem 23. April, holte eine SS-Gruppe unter der Führung des Ortsgruppenleiters der Stadt Waidhofen die Habseligkeiten Kunizers. Bei dieser Gelegenheit musste sich Herr Proch rechtfertigen, warum er Frau Kunizer Unterschlupf gewährt habe. Zur Strafe sollte Herr Proch Herrn und Frau Kunizer in einem Bombentrichter vergraben, damit die Bevölkerung von der Gräueltat nichts merke. Dagegen wehrte sich Herr Proch; schließlich durfte er die beiden Leichen wenigstens auf den Friedhof nach Waidhofen bringen, in Säcke gewickelt, auf einen Mistwagen geladen und mit einer Heuplane zugedeckt. Diese Bedingung war noch grausam genug. - Später wurden Herr und Frau Kunizer exhumiert und erhielten ein ordentliches Grab, weil der Totengräber im Jahre 1945 beide nur in einer Grube im Friedhof „verscharrt“ hatte."
Abschließend sei hier noch die Zusammenfassung eines Interviews angeführt, das der Verfasser im Winter 1988 mit Dipl.-Ing. Karl Kunizer in dessen Wohnung im "Claryhof" führte. Herr Kunizer überließ mir Kopien einiger Dokumente mit der Bitte, diese erst nach seinem Tode in einer etwaigen Publikation zu verwenden:
"Meine Eltern lebten ab 1906 in Waidhofen/Ybbs und erwarben das Gut Klaus in der Landgemeinde Waidhofen/Ybbs an der Grenze zu Oberland. Die Reichskristallnacht erlebten meine Eltern und ich folgendermaßen: Wir saßen am 9. November 1938 gerade beim Frühstück, als ein Lastwagen mit jungen Burschen (17-18jährige) angeführt von einem SS Mann vor unserem Haus anhielt. Sie drangen in unser Haus ein, warfen die Möbel um, zerbrachen alle Fensterscheiben, ruinierten viele Einrichtungsgegenstände und warfen Marmeladegläser und Gläser mit eingelegten Eiern durch die Fenster auf die Straße. Mein Vater (der Jude war) meine Mutter (eine "Arierin" aus Bremen) und ich mussten dann mit unserem eigenen Wagen unter SS Aufsicht in die Stadt fahren und wurden dort im Polizeiarrest inhaftiert. Meine Mutter wurde nach ein paar Stunden entlassen, da sie Arierin war. Mein Vater und ich blieben einige Tage in Haft und wurden dann wieder freigelassen. Viele Nachbarn waren empört und machten Photos von der Verwüstung. Die Bürgermeister Hanke und Zinner habe ich in diesem Zusammenhang eher positiv in Erinnerung. Sie gaben mir den Rat, zu klagen. Mir war aber damals schon klar, dass eine Klage völlig sinnlos gewesen wäre und mich in eine noch schwierigere Lage gebracht hätte.
Der Bauer von nebenan wurde als kommissarischer Verwalter eingesetzt und mein Vater und ich mussten auf dem Hof arbeiten. Am 2. November 1942 wurde ich zur Wehrmacht als Lastkraftwagenfahrer eingezogen und an der Ostfront (Ukraine) eingesetzt. Im Juni 1943 wurde ich überraschend nach Augsburg zurückberufen. Dort wurde mir mitgeteilt, dass ich aufgrund meiner Abstammung "unwürdig" sei, den deutschen Waffenrock zu tragen. Ich rüstete ab und kam wieder nach Waidhofen zurück.
Dort kam es zu einer Auseinandersetzung mit dem mittlerweile eingesetzten kommissarischen Verwalter, dem ich einen Schlag ins Gesicht versetzte. Ich wurde am 26. Juni 1943 verhaftet. Bei einer Hausdurchsuchung fand die Gestapo Briefe von mir, die ich als Soldat von der Front an meine Eltern geschrieben hatte. In diesen Briefen fand sich belastendes Material gegen mich und ich wurde am 30. November 1944 zu zwei Jahren Haft wegen "hetzerischen Äußerungen über die deutsche Wehrmacht, die Kriegführung und die Propaganda des Reiches" verurteilt. Die Vorhaft ab 26. Juni 1943 wurde mir angerechnet. Ich saß meine Strafe im Polizeigefängnis in der Rossauerlände in Wien ab. (siehe Fußnote 70)
Gegen Kriegsende gab es dort die fürchterlichsten Gerüchte. Man munkelte, dass wir alle erschossen werden sollten, bevor die Russen Wien einnehmen. Doch an einem der letzten Kriegstage standen in der Früh plötzlich alle Tore offen, und wir konnten das Gefängnis ungehindert verlassen. Die Wachmannschaft hatte sich abgesetzt und ich stand nun auf einmal in Freiheit auf der Straße. Die Situation war gespenstisch. Es war ein wunderschöner Maitag, die Straßen aber waren menschenleer. Von rundherum konnte man den Geschützdonner hören und viele Häuser waren verbarrikadiert. Ich erinnerte mich an eine alte Tante, die in Wien wohnte. Nach langem Klopfen ließ sie mich ein und so erlebte ich in ihrer Wohnung den Einmarsch der Roten Armee in Wien. Als ich kurz darauf nach Waidhofen zurückkehrte, erfuhr ich, dass meine Eltern in den letzten Kriegstagen in St. Georgen in der Klaus erschossen worden waren. Unser Haus war komplett ausgeräumt worden, aber im Grundbuch war ich gottseidank noch als Besitzer verzeichnet. Einige Waidhofner waren enttäuscht, als sie mich sahen. Sie hätten es lieber gesehen, wenn die Familie Kunizer komplett ausgerottet worden wäre. Die Reaktionen der ehemaligen Waidhofner Nationalsozialisten waren nach dem Krieg zweierlei: Entweder sie verhielten sich mir gegenüber übermäßig freundlich, oder sie würdigten mich keines Blickes."

Dipl.-Ing. Karl Kunizer verstarb am 27. August 1997 in Waidhofen an der Ybbs. Er liegt am Waidhofner Friedhof gemeinsam mit seinen Eltern und einem früher verstorbenen Bruder begraben.

Familie Sommer (Hiebler)

Das Ehepaar Michael und Maria Sommer erwarb im Jahre 1901  das Haus Ybbsitzerstraße 15. Sie führten dort eine Gemischtwarenhandlung. Im Volkszählungsoperat des Jahres 1910 scheinen folgende Familienmitglieder auf:
Michael Sommer, geb. 8. IX. 1847 in Ledec, Böhmen; Glaubensbekenntnis: mosaisch.
Marie Sommer (geborene Kerpen), geb. 16. II. 1859 in Saisenstein, N.Ö.; Glaubensbekenntnis: mosaisch.
Adele Sommer, geb. 27.V.1883 in Waidhofen; Glaubensbekenntnis: mosaisch.
Friederike Sommer, geb. 24. VIII. 1893 in Waidhofen; Glaubensbekenntnis: mosaisch.
Erwin Sommer, geb. 8. VI. 1898 in Waidhofen; Glaubensbekenntnis: mosaisch.
Elsa Sommer, geb. 13. I.1888 in Waidhofen; Glaubensbekenntnis: mosaisch.

(Die älteren Töchter Hermine (geb. 4. XII 1881), und Helene dürften zu dieser Zeit bereits nicht mehr im elterlichen Haushalt gelebt haben.) 
In den 30iger Jahren wurde das Geschäft von der Tochter des Ehepaares Sommer, Friederike Hiebler (geborene Sommer) übernommen. Michael Sommer starb noch vor dem Krieg. Seine Gattin Maria (geb. 16. II. 1859 ) musste Ende 1940 wegen ihrer Abstammung Waidhofen verlassen und starb am 3.7.1941 in Wien. 


Von den sechs Kindern des Ehepaares Michael und Marie Sommer  wurden drei nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten nach einem kurzen Aufenthalt in Wien in den Osten deportiert: Elsa und Hermine (verheiratete Weiss) starben n einem polnischen KZ. Adele wurde nach Riga deportiert, wo sie, wie ihre beiden Schwestern, ermordet wurde. Helene verstarb noch in Wien an einer Krankheit. Erwin Sommer gelang die Flucht. Zuerst ging er nach Tschechien (Saaz), von wo seine Frau abstammte, musste aber von dort weiter nach Frankreich flüchten, wo er die Wirren des Krieges überlebte. Friederike (verheiratete Hiebler) überlebte mit ihren beiden Söhnen Heinrich (geb.28. IV. 1924) und Johann (geb. 19. XII. 1925) in Wien.

Frau Friederike Hieblers Gatte, Karl Hiebler (geb. 5. IX. 1896), war nach den NS Gesetzen ein "Arier". Noch im März des Jahres 1938 erschien die Polizei in seinem Haus und fragte nach ihm. Da er nicht zu Hause war, meldete er sich nach seiner Rückkehr abends bei der Polizeidienststelle am Freisingerberg. Von diesem Besuch sollte er nicht mehr lebend nach Hause zurückkehren. Ein Bericht des Stadtrates Waidhofen a.d. Ybbs vom 17.4.1947 an das Amt der NÖ Landesregierung stellt seinen Tod im Waidhofner Polizeiarrest als Selbstmord dar: "Der Tod des Karl Hiebler stand sicherlich mit seiner gegnerischen Einstellung zum Nationalsozialismus und seiner Tätigkeit als Funktionär der Ostmärkischen Sturmscharen in Zusammenhang. Er hatte sich in dieser Formation besonders exponiert und sich dadurch den Hass der illegalen Nationalsozialisten zugezogen. Darum musste er auch Schlimmes befürchten, als er gleich nach der Annexion Österreichs von SA-Leuten geholt wurde. Nicht zutreffend ist jedoch, dass Hiebler im Polizeiarrest, in dem er sich in Schutzhaft befand, misshandelt oder gar getötet worden ist. Er hat sich dortselbst erhängt, und war das Motiv jedenfalls Furcht vor der ihm drohenden Verfolgung." 

Ob die hier geschilderte Version des "Selbstmordes" zutrifft, oder ob Karl Hiebler von den Waidhofner Nationalsozialisten im Polizeiarrest am Freisingerberg ermordet wurde, lässt sich heute nicht mehr feststellen. 


Am 12. November 1938 wurden das Geschäft und die Wohnung der Friederike Hiebler von Waidhofner Nationalsozialisten mit Steinen zerschlagen und sämtliches bewegliches Gut vernichtet. (siehe Fußnote 49) Im Sommer des Jahres 1940 wurde Frau Marie Sommer (die Mutter von Frau Friederike Hiebler), die damals bereits über 80 Jahre alt war, von den Nationalsozialisten gezwungen, das Haus zu verkaufen. Sie starb kurz danach am 3. 7. 1941 bei ihrer Tochter in Wien.  Da der Witwe Friederike Hiebler mit dem Verlust ihres Elternhauses in Waidhofen buchstäblich das Dach über dem Kopf weggenommen worden war, ging sie mit ihren beiden Söhnen Johann und Heinrich nach Wien zu ihrer Schwester. Den überlebenden Erben Erwin Sommer und Friederike Hiebler gelang es erst 1957 nach langwierigen Verhandlungen, wieder in den Besitz  ihres Elternhauses zu kommen. Dabei mussten sie die Rechtsanwaltskosten selbst begleichen. So waren, abgesehen von dem menschlichen Leid, das der Familie widerfuhr, auch noch zusätzliche Kosten damit verbunden, um wieder in den Besitz des rechtmäßigen Familienerbes zu gelangen. 

Folgender Auszug aus einem Dokument der "Aussenstelle St.Pölten der Rückstellungskommission beim LG. f. ZRS. Wien" vom 6. Mai1955 gibt einen genaueren Einblick in die Praktiken, die bei der illegalen Bereicherung an jüdischem Vermögen angewendet wurden:

"... Der Antrag auf Rückstellung des gegenständlichen Hauses wurde nämlich ursprünglich durch den vom Bezirksgericht Waidhofen a/Ybbs bestellten Verlassenschaftskurator in der Verlassenschaft nach Marie Sommer eingebracht. In diesem Antrage wurde die Rückstellung der gegenständlichen Liegenschaft mit der Begründung begehrt, dass Marie Sommer im Jahre 1940 von der Ortsgruppenleitung der NSDAP Waidhofen a/Ybbs verständigt worden sei, dass sie nicht in Waidhofen bleiben könne und das Haus verkaufen müsse. Marie Sommer, welche damals bereits 80 Jahre alt gewesen sei, habe sich mit einem Verkauf desselben nicht einverstanden erklärt, weil sie sich nicht das Dach über dem Kopf habe wegnehmen lassen wollen. Daraufhin sei der Kreisbeauftragte der NSDAP, Dr. Rufolf Bast, erschienen, habe ihr den fertigen Kaufvertrag vorgelegt, nach welchem sie das Haus um RM 7.186.50 an Anton S. verkaufe. Trotzdem sie sich gestreubt (sic !) habe, sei sie gezwungen worden, den Vertrag zu unterschreiben und habe gleich darnach (sic !) Waidhofen verlassen. Von dem Kaufpreis habe sie lediglich RM 800.- bezahlt erhalten. ...

Marie Sommer war Volljüdin. Gemäss §2,Abs.1, des 3. RStG; ist somit eine Vermögensentziehung anzunehmen. Der Antragsgegner hätte die gesetzliche Vermutung des § 2(1) des 3. RStG. nur dadurch widerlegen können, wenn er bewiesen hätte, dass die Vermögensübertragung auch unabhängig von der Machtergreifung des Nationalsozialismus erfolgt wäre. Diesen Beweis hat der Antragsgegner jedoch nicht erbringen können. Durch das oben genannte Schreiben der NSDAP Ortsgruppenleitung Waidhofen a/Ybbs an die Kreisleitung Amstetten wird vielmehr bestätigt, daß die geschädigte Eigentümerin Marie Sommer sich niemals mit der Absicht getragen hat, ihr Haus zu verkaufen, weil sie infolge ihres hohen Alters nicht das geringste Interesse daran gehabt hat und ihr Heim bewahren wollte. Es muss daher auf Grund des Inhaltes dieses Schreibens gefolgert werden, daß der Verkauf der Liegenschaft durch Marie Sommer keineswegs freiwillig, sondern vielmehr unter Zwang erfolgt ist. Da der Antragsgegner nicht beweisen konnte, daß es unabhängig von den Ereignissen des 13.3.1938 zu der Vermögensübertragung gekommen wäre, konnte er auch die Rechtsvermutung des §2, Abs.1, des 3. RStG.; nicht widerlegen und ist daher der seinerzeit geschlossene Kaufvertrag zwischen Marie Sommer und S. nichtig. ...

Überdies kann auch der Kaufpreis keineswegs als angemessen bezeichnet werden. Gemäß dem eingeholten Gutachten des Sachverständigen Dipl.-Ing. Günther Schlag (ONr.17) betrug der Schätzwert der Liegenschaft zur Zeit der Entziehung RM 12.711,13, somit um ca. 50% mehr als der festgesetzte Kaufpreis. ..." 

Felix Spitz
Felix Spitz scheint ab dem Jahr 1918 in Waidhofen an der Ybbs auf. Sein Geschäft in der Unteren Stadt wird 1933 als "Landesprodukten- und Baumaterialhandlung" geführt.  Laut Bericht im "Boten von der Ybbs" vom 9. Dezember 1938 wurde das Haus Unterer Stadtplatz 18 (im Besitz von Wiener Juden), in dem Felix Spitz sein Geschäft hatte, arisiert, und der Verkauf in Wien durchgeführt. Herrn Felix Spitz gelingt die Flucht nach Brasilien. Nach dem Krieg kehrt er nach Österreich zurück, wo er beim Kreisgericht St.Pölten ein Rückstellungsverfahren einleitet. In zwei Instanzen wird zu Recht erkannt, dass der von ihm benutzte Geschäftsraum an ihn zurückzustellen ist. Dies geht aus einem Schriftstück des Konkursmasseverwalters der damaligen Geschäftsinhaberin vom 23.Jänner 1951 hervor. Wie die Angelegenheit dann in 3. Instanz entschieden wurde, ist mangels Quellen nicht mehr feststellbar. 

Familie Weisz
Das Ehepaar Alexander und Hermine Weisz (geborene Sommer) führten am Oberen Stadtplatz 12 ein Kleider- und Wäschegeschäft. Sie sind ab der Zwischenkriegszeit in Waidhofen nachweisbar. 


Das Geschäft musste nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten geschlossen werden. Hermine und Alexander Weisz fallen dem Holocaust zum Opfer. Hermine Weisz (geb. 4. XII. 1881) wird von Wien nach Opole deportiert.  Das genaue Schicksal ihres Gatten ist nicht bekannt. Die vier Kinder des Ehepaares Weisz haben folgende Schicksale: Grete stirbt noch vor 1938 an einer Lungenkrankheit. Oskar flüchtet in die Sowjetunion und kehrt nicht mehr zurück. Alfred gelingt die Flucht nach Palästina. Nach dem Krieg kehrt er mit einem schweren Lungenleiden nach Europa zurück und stirbt am 19.11.1950 in Davos in der Schweiz. Erna wird mit ihrem Kind deportiert und stirbt in einem KZ im Osten. Das Warenlager des Geschäftes eignete sich im Zuge der "Arisierungen" ein Waidhofner Schneider widerrechtlich an. Da mit dem Tod von Alfred Weisz der letzte Erbe der Familie Weisz am 19.11.1950 stirbt, wird aufgrund der verwandtschaftlichen Beziehungen von den Familien Sommer/Hiebler als Erben ein Rückstellungsantrag eingebracht. Am 8. Mai 1958 wird dann ein Betrag von S 8.000.- als Ersatz für das Warenlager und die Geschäftseinrichtung des Kleider- und Wäschegeschäftes Weisz an die Erben überwiesen. 

Ida Weissberger
Diese Informationen über Ida Weissberger finden sich auch in den Waidhofner Heimatblättern des Jahres 2002. In einem an die NÖ Landesregierung gerichteten Schreiben vom 16. Mai 2002 aus den USA (Kalifornien)  wird von einem gewissen Herrn Dr. Alberg Waldinger angefragt, ob es noch irgendwelche Informationen über ein von seiner Mutter geführtes Kinderheim in Gstadt bei Waidhofen an der Ybbs gäbe. Seine Mutter, Dr. Rosa Seidmann (verheiratete Waldinger) hatte dieses Heim vor dem 2. Weltkrieg geführt und wurde dann im August 1938 gezwungen, Österreich wegen ihrer jüdischen Abstammung zu verlassen. Nach längeren Nachforschungen war es möglich, dieses Kinderheim nachzuweisen. Es handelt sich um das heutige Haus Wandervogelgasse 1 in Gstadt. Dem Brief von Dr. Waldinger war auch die Kopie eines in den ISRAEL NACHRICHTEN vom 9.11.1976 erschienenen Artikels beigelegt, in welchem ein Brief, datiert mit Juli 1942, aus Waidhofen/Ybbs abgedruckt war. Dieser Brief war an die Eltern von Dr. Waldinger gerichtet und der Inhalt zeigt eindeutig, dass es sich bei der Verfasserin dieses Briefes um jene Frau handelt, die in einem Artikel des Boten von der Ybbs aus dem Jahre 1941 als die „von der Behörde gekennzeichnete Jüdin“ bezeichnet wurde. Ihr Name war Ida Weissberger und sie war neben Franz Emanuel Kunizer die einzige zu diesem Zeitpunkt noch in Waidhofen verbliebene Mitbürgerin jüdischer Abstammung. Ein zweiter Hinweis auf Frau Weissberger stammt von Dipl.-Ing. Karl Kunizer, der sich an eine ältere Frau erinnerte, die in Waidhofen lebte, „jüdischer Abstammung war und sich mit Veronal vergiftet hat“. An den Namen dieser Frau konnte er sich jedoch nicht mehr erinnern. Mit Hilfe dieses oben erwähnten Briefes konnte diese Frau nun eindeutig als Ida Weissberger identifiziert werden. Um sich die Lebensbedingungen von Frau Weissberger in Waidhofen vorstellen zu können, sei hier ein kurzer Ausschnitt aus einem Artikel des Historikers Jonny Moser angeführt, in welchem die Situation der Juden in Niederösterreich von 1939 an beschrieben wird:„Das Leben der wenigen in den kleinen Orten Niederösterreichs zurückgebliebenen Juden verschlechterte sich seit dem Kriegsausbruch rasant. Es wurden ihnen bestimmte Einkaufszeiten vorgeschrieben, ein Ausgehverbot für bestimmte Tageszeiten auferlegt und ihre persönliche Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Für Fahrten nach Wien, um ihre Auswanderung zu betreiben, oder in die Bezirkshauptstädte zu den Behörden mußten sie die Reisegenehmigung von Gendarmerie und Bürgermeister einholen. Die Juden hatten fast keinen Kontakt mehr mit der Ortsbevölkerung, lediglich im Schatten der Nacht kam es zu gelegentlichen Kurzbesuchen von Freunden. Von allem ausgeschlossen, lebten sie einsam und verlassen dahin, bis sie sich selbst entschlossen, diesem Zustand ein Ende zu setzen und nach Wien zu übersiedeln. Vom Mai 1939 sank die Zahl der Juden Niederösterreichs von 1620 Personen bis zum März 1940 auf 262 Personen ab. ... Die nicht ausgewanderten niederösterreichischen Landjuden wurden Opfer der 1941 einsetzenden Deportationsaktionen in die Vernichtungslager, sie erfassten auch die letzten in Niederösterreich verbliebenen Juden. Ende 1942 war Niederösterreich praktisch judenfrei, zurückgeblieben sind nur einige in Mischehe lebende Juden.“ Frau Ida Weissberger war eine dieser wenigen noch in Niederösterreich verbliebenen Juden. Sie war eine alleinstehende ältere Frau, die von Dr. Waldingers Vater als „eine goldene Seele“ beschrieben wurde . Laut  Meldezettel des Magistrates Waidhofen/Ybbs konnten folgende Daten von ihr ermittelt werden:

Vor- und Zuname: Ida Weissberger

Beschäftigung:         Private

Geburtsort:         Pardubitz, Böhmen

Geburtsdatum: 22.Dez. 1870

Zuständigkeitsgemeinde: Wien

Religion, Stand:         mos.,  ledig

Frau Weissberger wohnte ursprünglich in der Riedmüllerstraße 2, wo sie 1919 auszog. 1921 war ihre Adresse Hammergasse 8. 1921 bis 1934 wohnte sie am Graben 6. Von 1934 bis zu ihrem Tod lautete ihre Adresse Pfarrerboden 6. Sie bewohnte in diesem Haus das obere Stockwerk. Frau Gabriele Oberleitner, Enkelkind der damaligen Besitzer dieses Hauses, weiß aus Erzählungen ihrer Mutter folgendes zu berichten:
Meine Großeltern Liborius und Justine Bramauer waren damals Besitzer des Hauses Pfarrerboden 6. Sie beschrieben in ihren Erzählungen Frau Weissberger als eine gebildete und belesene Frau, die sie stets mit „Gnädige Frau“ ansprachen. Sie war als Mieterin schon vor dem Krieg eingezogen. Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, wurde der Großvater von anderen Waidhofnern aufgefordert, die „Saujüdin endlich hinauszuschmeissen“. Trotz dieser Anfeindungen ließen sie meine Großeltern aber weiterhin in ihrem Haus wohnen, da sie sich mit ihr gut verstanden und keinerlei Probleme hatten. Irgendwie muss Frau Weissberger erfahren haben, dass sie abgeholt werden sollte. Sie vergiftete sich am Vortag ihrer Festnahme.“ 
Trotz der restriktiven Maßnahmen gegenüber den Juden waren aber dennoch einige mutige Waidhofnerinnen nicht bereit, die Einschränkungen gegenüber Frau Weissberger zu befolgen. Sie zeigten Zivilcourage und unterhielten sich mit ihr in der Öffentlichkeit, wie der nun im folgenden abgedruckte Artikel aus dem Boten von der Ybbs vom Dezember 1941 zeigt:
An alle, die es angeht. Der Herr Reichsstatthalter gibt in einer Verfügung vom 1.12.1941 bekannt: 'In letzter Zeit haben deutschblütige Personen wiederholt nach wie vor freundschaftliche Beziehungen zu Juden unterhalten und sich mit diesen in auffälliger Weise in der Öffentlichkeit gezeigt. Da solche Deutschblütige auch heute noch den elementarsten Grundbegriffen des Nationalsozialismus verständnislos gegenüberstehen, und ihr Verhalten als Missachtung der staatlichen Maßnahmen anzusehen ist, wird gegen sie, wenn sie ihr Verhalten fortsetzen, wie auch gegen die betreffenden Juden mit scharfen Maßnahmen vorgegangen werden.
Auch wir in der Stadt Waidhofen a.d. Ybbs haben leider Anlass, auf diese Verfügung des Herrn Reichsstatthalters hinweisen zu müssen. Es gibt Frauen in Waidhofen a.d. Ybbs, welchen es besonders gut gefällt, sich mit der von der Behörde gekennzeichneten  Jüdin zum Ärger der übrigen Bevölkerung promenierend und auffallend laut im angeregtesten Gespräch auf den Straßen und Plätzen unserer Stadt zu zeigen. Entsprechende Maßnahmen werden hier rasch Ordnung schaffen.” 

Nach dieser öffentlichen Drohung in der Waidhofner Lokalzeitung musste die alte Frau täglich mit ihrer Deportation rechnen. Ein letztes Lebenszeichen von ihr stammt vom Juli 1942. Es ist dies jener Brief, der über eine Überbringerin nach dem Krieg an die Familie Waldinger in den USA weitergeleitet wurde:

Waidhofen/Ybbs, Juli 1942

Meine lieben Freunde,

Der letzte Brief, den ich von Euch erhielt, war vom Oktober 1941 mit Albertis Bildchen . Ich bekam ihn am 24. November 1941, meine Antwort wurde mir einige Wochen später von der Post retourniert. Diesen meinen heutigen Brief  werdet ihr wohl erhalten, wenn der Krieg vorüber ist und ich nicht mehr lebe. Trude  wird ihn dann absenden. Ich schicke Euch zum Andenken das gewünschte kleine Kochbuch meines Mütterchens und die letzte Photographie von mir, sie war zwar schon vier Jahrzehnte alt, als ich Euch kennen lernte, aber damals war ich wohl noch nicht sehr verändert. Das (sic!) es Euch  und Herzbergs in der neuen Heimat gut geht, war mir ein grosser Trost. Wie es den hier Zurückgebliebenen ergangen ist, werdet Ihr gewiss erfahren haben, wenn auch nur in grossen Umrissen. Diese Jahre waren eine ununterbrochene nightmare. Ich bin glimpflich hinweggekommen, weil ich hier in meiner Wohnung bleiben konnte (die einzige in der Stadt) und an der Hölle in Wien nur mit dem gelben Fleck und dem Schmerz um alle Freunde in Wien teilhatte. Ich war von vornherein entschlossen, keine Deportation in ein sogenanntes Ghetto mitzumachen und habe mit mir sonst unbekannter Hartnäckigkeit und Rücksichtslosigkeit den aussichtslos erscheinenden Versuch verfolgt, mir ein genügendes Quantum von Veronal  zu beschaffen. Viele Monate lang habe ich vergeblich gekämpft. Als ich alle Hoffnung aufgegeben hatte und mich mit dem Gedanken vertraut machte, den Tod auf andere Weise zu finden, wenn die Zeit kommt, wenn auch ich wandern soll, da erhielt ich das Gewünschte. Seither bin ich geradezu glücklich. Seit meiner Mutter Tod habe ich mich nicht so geborgen gefühlt wie jetzt. Alle Angst vor dem Kommenden, alle Misere der Gegenwart sind von mir abgefallen. Ich habe nichts mehr zu fürchten, keine Verschleppung ins Ghetto mit abschließendem Pogrom, kein hilfloses Altern mit Blindheit oder Lähmung, wenn das erstere ausbliebe (der Zustand meiner Augen und Beine hätte mir wahrscheinlich dieses Los beschieden). Seitdem ich nun das Erlösungsmittel in Händen habe, lebe ich mein Restchen Leben so intensiv wie noch nie. Ich bin glücklich. Seit vielen Jahren habe ich Wärme, Sonne, Blütenduft, Vogelsang, Sterne und Mondschein, Gewitter und Wolken, alles, alles, nicht mehr so tiefst innerlich empfunden und genossen wie jetzt. Alles Denken und herzbrechende Mitfühlen nach dem unsagbaren Elend auf der ganzen Erde, das mich bisher mehr verstört hat, als die eigenen Ängste, weise ich von mir; ich kann nichts daran ändern, kann nicht einmal jemand einzelnem helfen, und schliesslich wird man auch stumpf, den sich immer mehr steigernden Greuel gegenüber. Nun, meine lieben Freunde, lebet wohl, bleibt gesund und glücklich mit Eurem schönen lieben Kinde. Eure gegenwärtig sehr glückliche Freundin

IDA WEISSBERGER.

Im September 1942 planten die NS Behörden die im „Boten von der Ybbs“ erwähnten „entsprechenden Maßnahmen“ zu treffen und die 71-jährige Frau von ihrer Wohnung am Pfarrerboden 6 abzuholen. Damit hatte Ida Weissberger nur mehr die Wahl zwischen Vernichtungslager und Veronal. Am Meldezettel wird unter der Rubrik „Abmeldung“ das Datum 6.9.1942 angegeben. Unter der Rubrik „Richtung wohin“ findet sich ein Kruckenkreuz mit der Eintragung: „Selbstmord durch Vergiftung!“ Im „Boten von der Ybbs“, in dem sonst alle Todesfälle in der Stadt bekanntgegeben wurden, scheint der Name Ida Weissberger nicht auf.  - Offensichtlich sollte jegliches Aufsehen vermieden werden und nichts mehr an die Existenz dieser Frau erinnern.



Das Umschulungslager Gut Sandhof Windhag 

Von 1939 bis 1943 befand sich im Bauernhof Sandhof in Windhag, Kronhobl 3, jetzt Gemeinde Waidhofen/Ybbs, ein sogenanntes „Umschulungslager“ für vorwiegend aus Wien stammende Juden. Es wurde von der SS betrieben und scheint unter dem Eigentümer „Auswanderungsfond Wien“  auf. Die Adresse dieses Fonds lautete auf „Wien I, Schottenring 8“ und die Gesamtgröße dieses landwirtschaftlichen Betriebes wird mit 43,83 ha angegeben.  Während der ursprüngliche offizielle Stempel des Lagers noch die Bezeichnung „Auswanderungsfonds Wien Gut Sandhof“ aufweist, trägt der offizielle Lagerstempel ab 1940 die Bezeichnung „Umschulungslager Gut Sandhof Windhag b. Waidhofen a.d. Ybbs“.

Das Bauernhaus wurde von den jüdischen Zwangsarbeitern neu aufgebaut und bestand aus den noch heute existierenden Gebäuden sowie einer Wohnbaracke für die Lagerinsassen. Diese befand sich auf der Wiese hinter dem Haus in Richtung Schobersberg. Laut Zeitzeugen soll Adolf Eichmann persönlich im Jahr 1939 nach Waidhofen gekommen sein, um in einem Waidhofner Gasthaus den Vertrag betreffend den Neuaufbau des Lagers Sandhof mit der Baufirma zu unterschreiben. Die landwirtschaftlichen Umschulungsstätten wurden ursprünglich für die Auswanderung nach Palästina geschaffen, und sollten jüdische Auswanderer auf das Leben in ihrer neuen Heimat vorbereiten. In Niederösterreich befanden sich solche Lager u.a. auch in Moosbrunn, Ottertal, Walpersdorf, Markhof und Wördern.  Ein ähnliches von der SS betriebenes Lager ist auch in Doppl bei Altenfelden in Oberösterreich nachweisbar. Während die niederösterreichischen Umschulungsstätten im Herbst 1939 bereits wieder aufgelöst wurden, bestand das Lager in Windhag bis 1943.  Laut Aussage eines ehemaligen Insassen diente das Lager in der Folge „eher als ein Erholungsheim für SS-Angehörige.“ Das Lager in Windhag unterstand der von Adolf Eichmann im Sommer 1938 geschaffenen „Zentralstelle für die Auswanderung der Juden Österreichs“. Diese Stelle, mit ihrem Hauptquartier in Wien, arbeitete aufgrund ihrer Schikanen und Brutalität gegenüber den österreichischen Juden so „effizient“, dass sie als „Wiener Modell“ für die Judenverfolgung im gesamten Deutschen Reich zum Vorbild wurde. Ursprünglich planten die NS Machthaber eine Abschiebung aller Juden nach Übersee (Palästina, Madagaskar-Plan). Diese Idee wurde aber bald wieder aufgegeben und ab Herbst 1939 wurden die ersten Deportationen von Juden in die polnischen Ostgebiete durchgeführt. Diese Deportationen nach dem Osten gingen oft mit Massenexekutionen einher und mündeten nach dem Ausreiseverbot für Juden (Oktober 1941) direkt in die Massenvernichtung des Dritten Reiches (Auschwitz, Majdanek, Sobibor, ...).  Alle in Windhag eingesetzten SS-Männer scheinen in Eichmanns Stab auf und waren nicht nur an der Vertreibung österreichischer Juden, sondern auch an der Deportation tausender Juden aus der Slowakei, Griechenland, Frankreich und Ungarn beteiligt. Das Lager in Windhag wurde mehrmals von einem der engsten Mitarbeiter Eichmanns, Alois Brunner (Brunner I) inspiziert, und er zeigte sich mit der Tätigkeit des dortigen Kommandanten SS-Unterscharführer Robert Walcher (ab März 1941) sehr zufrieden.  Brunner war neben unzähligen anderen Verbrechen auch für die Deportation und Ermordung von 34 Kindern aus dem Kinderheim in Izieu in der Nähe von Lyon verantwortlich. Der letzte indirekte Hinweis auf den Bestand des Lagers stammt vom 25.3.1943. An diesem Märztag werden zwei Insassen des Lagers, der 20-jährige Harry Goldberg sowie der 19-jährige Arnold Spira wegen Mißachtung der Kennzeichnungspflicht (Juden waren ja ab dem 19.9.1941 zum Tragen des Judensternes verpflichtet) in Waidhofen festgenommen und zwecks "Evakuierung nach dem Osten" in ein Sammellager überstellt. Nach dem Krieg kam Rudolf Flussmann, einer der Insassen aus dem Lager Sandhof (er hatte Theresienstadt, Auschwitz und Oranienburg überlebt), wieder nach Windhag zurück und übernahm den Sandhof als Verwalter. Wie aus dem Grundbuch hervorgeht, stand der Sandhof  ab 16. November 1945 unter öffentlicher Verwaltung und Rudolf Flussmann ist darin als Verwalter vermerkt. Er konnte sich aber am Sandhof nicht halten und beging laut Zeitzeugen später Selbstmord.

Die Quellen

Insgesamt sind im Waidhofner Stadtarchiv zwei Konvolute von Quellen erhalten. Das erste Konvolut umfasst nur 6 Schriftstücke und betrifft die unmittelbare Anfangszeit des Lagers (12. August bis 21. September 1939). Das zweite Konvolut ist weit umfangreicher und besteht aus über 120 Seiten. Diese gewähren  Einblicke in den Zeitraum vom April 1940 bis zum Mai 1942. Bei allen diesen Quellen handelt es sich um Mitteilungen des Lagers Sandhof an die Gemeinde Windhag betreffend Lagerstände, Lebensmittelkarten, Verzeichnisse wehrpflichtiger Juden, Wehrstammblätter, An- und Abmeldungen sowie Personendaten. Der Großteil dieser Dokumente ist mit Schreibmaschine geschrieben und in Form von Durchschlägen  erhalten. Einige wenige Dokumente sind handgeschriebene Mitteilungen. Für den Zeitraum von September 1939 bis März 1940 sowie für die Zeit nach dem Mai 1942 können keine Angaben gemacht werden, da keinerlei Quellen vorhanden sind. - Die einzige Information über die Zeit nach dem Mai 1942 stammt von Benno Strummer, einem Insassen des Lagers, der heute in Kanada lebt. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das, dass von den insgesamt 44 Monaten, in denen das Lager bestanden hat, 27 Monate (= 61%) in den Quellen dokumentiert sind. Für diesen Zeitraum lassen sich die Namen von 226 Lagerinsassen nachweisen. Neben diesen, direkt das Lager betreffenden Quellen, wurden auch noch die Windhager Fremdenbücher Nr. 5 und Nr. 6, das Dienstbotenprotokoll Nr. 3, der Einheitswertbescheid 1940, der Grundbuchsauszug sowie der Tätigkeitsbericht der Polizeidienststelle Waidhofen vom 19.6.1945 verwendet. Außer diesen Waidhofner Quellen erhielt ich auch Einblick in die Opferkartei des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes in Wien sowie in eine Zeugenvernehmung des Landesgerichtes für Strafsachen Wien. Genauere Angaben über sämtliche Quellen finden sich im Anhang der Arbeit. 

Die Lage der Juden in Wien 

Da es sich bei den in Windhag festgehaltenen Menschen größtenteils um jüdische Mitbürger aus Wien handelte, soll hier kurz die Entwicklung der Situation in Wien  skizziert werden:

März 1938: Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung (Misshandlungen, Zerstörungen, „Reibpartien“). Die meisten jüdischen Arbeiter und Angestellten verlieren ihren Arbeitsplatz.
April 1938: „wilde Arisierungen“ (= Raub jüdischen Eigentums durch „Arier“)
Mai 1938: Die Israelitische Kultusgemeinde wird unter die strenge Kontrolle der SS (Adolf Eichmann) gestellt. Es sollen möglichst viele Juden zur Auswanderung gebracht werden. Auswanderungen sind nur über die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ möglich. Die zur Auswanderung gezwungenen Juden dürfen nur ein Minimum an Habseligkeiten mitnehmen. Der Rest wird zugunsten des Deutschen Reiches beschlagnahmt oder wandert in private Taschen.
Sommer 1938: ca. 50.000 österreichische Juden treten den Weg ins Exil an. Schwerpunkte sind die USA, Shanghai und Palästina
August 1938: Die meisten Wiener Parkanlagen werden für Juden verboten.
10. November 1938: „Reichskristallnacht“: 4038 jüdische Geschäfte werden geschlossen und 1950 jüdische Wohnungen beschlagnahmt. 3760 Juden werden nach Dachau deportiert.
3. Dezember 1938: Zwangsweise Schließung aller noch in jüdischer Hand befindlicher Betriebe.
21. Februar 1939: Die jüdische Bevölkerung wird verpflichtet, alle Gegenstände aus Gold, Platin, Silber sowie Edelsteine und Perlen innerhalb zweier Wochen abzuliefern.
August 1939: Eine erste Gruppe von Wiener Juden trifft im "Umschulungslager Gut Sandhof Windhag bei Waidhofen a.d. Ybbs" ein.
20. September 1939: Beschlagnahme sämtlicher in jüdischem Besitz befindlicher Rundfunkgeräte.
20. Oktober 1939: Erste Deportation von 912 jüdischen Männern vom Aspangbahnhof nach dem Osten (Nisko am San).
3. Juni 1940: Das Lager Sandhof bei Windhag erreicht einen Höchststand von 76 aus Wien stammenden Insassen jüdischer Abstammung. Derselbe Höchststand wird nochmals am 20. August desselben Jahres erreicht.
Herbst 1940: Kündigung jüdischer Telefonanschlüsse.
Februar/März 1941: Deportationen von ca. 5000 Juden nach Opole und Kielce
19. September 1941: Juden werden zum Tragen des Judensternes verpflichtet
Oktober 1941: Auswanderung von Juden aus dem Dritten Reich wird verboten. Die Zahl der Deportationen nach dem Osten nimmt zu. (Massenexekutionen).
November 1941: Beschlagnahme sämtlicher in jüdischem Besitz befindlicher Schreibmaschinen, Rechenmaschinen, Vervielfältigungsapparate, Fahrräder, Photoapparate und Ferngläser.
20. Jänner 1942: Die bereits eingeleiteten Massenmorde werden unter der Leitung Heydrichs in der „Wannsee-Konferenz“ besprochen. Die Teilnehmer (u.a. auch Eichmann) werden dort über das Gesamtvorhaben „Endlösung der Judenfrage“ (=Massenvernichtung) informiert.
1. April 1942: Kennzeichnung sämtlicher jüdischer Wohnungen mittels eines „Judensternes“.
Mai 1942: Wienerwald, Bisamberg und Freudenau werden für Juden als Ausflugsziele verboten. Als letzte Grünoase bleibt nur mehr die Israelitische Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs.
26. Juni 1942: Abgabe sämtlicher in jüdischem Besitz befindlicher elektrischer Geräte (Heizöfen, Heizsonnen, Kochtöpfe, Kochplatten, Staubsauger, Föne, Bügeleisen, Plattenspieler und Schallplatten).
Ende 1942: Wien ist praktisch „judenfrei“. Von den vor dem Anschluss in Wien lebenden 170.000 Juden sind nur noch einige Tausend (vor allem alte Menschen und „Mischlinge“) in der Stadt verblieben.

Umschulungsleiter und SS-Männer am Sandhof 

Der Umschulungsleiter:

Da ursprünglich die Umschulung der Lagerinsassen auf Landwirtschaft im Vordergrund der Überlegungen stand, wurde am Sandhof tatsächlich ein Bauer aufgenommen, um den aus Wien stammenden Juden die notwendigen landwirtschaftlichen Fähigkeiten zu vermitteln. Es handelte sich dabei um Anton Ebenberger, der mit seiner Familie (insgesamt 5 Personen) als „Wirtschaftsführer“ am 19. Juli 1939 seinen Dienst am Sandhof antrat. Als Dienstgeber scheint der „Auswanderungsfond Wien Sandhof“ auf.  In den von ihm unterzeichneten Dokumenten unterschreibt er sich mit „Der Umschulungsleiter: A. Ebenberger “ Bei seiner Meldung an das Gemeindeamt Windhag vom 12. August 1939 (Standesliste) bezeichnet Ebenberger die ersten zehn Insassen des Lagers als „meine Schüler“.  Dies ist ein Hinweis darauf, dass ursprünglich die Idee der Umschulung offensichtlich vorhanden war. - Von Zeitzeugen wird Anton Ebenberger als humaner Mensch beschrieben, der sich an den Misshandlungen der SS nicht beteiligte und hauptsächlich mit der Führung der Wirtschaft am Sandhof betraut war. Ab Mai 1940 werden dann die Standeslisten nur mehr von SS Männern unterschrieben, was auf eine Verschärfung der Situation im Lager hindeutet. Aus einem lose in das Windhager Fremdenbuch eingelegten Brief vom 27.6.1941 geht hervor, dass Ebenberger samt Familie (Frau und drei Kinder) am 10. Juni 1941 den Sandhof verlassen  und eine andere Landwirtschaft in der Gemeinde Reinsberg übernommen hat.  Dies zeigt deutlich, dass am Sandhof niemand mehr an eine „Umschulung“ im ursprünglichen Sinn dachte und bereits im Oktober desselben Jahres wird die Auswanderung von Juden aus dem Dritten Reich verboten.

Die SS-Männer:

Ab dem Frühherbst 1938 wurde das Personal für Eichmanns „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ in Wien aufgestockt. Dabei wurden diese Posten meist als Existenzsicherung für mehr oder weniger „verdiente“ Parteigenossen vergeben. Alle drei am Sandhof in führender Position eingesetzten SS-Männer gehörten zu dieser Personengruppe. Sie waren neben ihrer Verwendung in Windhag vor allem an der Aushebung und Deportation tausender Juden aus ganz Europa beteiligt. Hans Safrian beschreibt diesen Menschentypus in seinem Buch „Eichmann und seine Gehilfen“ folgendermaßen:
Sie hatten den Aufstieg von Arbeitslosen oder Landesflüchtigen zu Mitgliedern einer vermeintlichen Eliteorganisation geschafft. Eichmanns Männer genossen ihre Macht, darin glichen sie ihrem Chef. In der schwarzen Uniform konnten die ehemals gescheiterten Existenzen als „Herrenmenschen“ agieren, konnten nach Belieben „jüdische Untermenschen“ herumkommandieren, anbrüllen, erniedrigen und mißhandeln. Dafür benötigten sie weder Ausbildung noch ideologische Schulung; Antisemitismus musste ihnen nicht erst beigebracht werden.“ 

Zita Anton:
Zita ist vor dem Krieg Tischlergehilfe in Wien und bereits langjähriges illegales NSDAP und SS-Mitglied. Im Frühjahr 1938 bewirbt er sich bei der „Betreuungsstelle Wien“ um „irgendeine öffentliche Anstellung“ und wird in die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ in Wien aufgenommen. Er schafft so den Aufstieg vom Arbeitslosen zum „Herrenmenschen“. 1939 ist Zita bereits kurzzeitig Mitglied der SS-Bewachungsmannschaft im Lager Zarzecze bei Nisko (Polen). Von März 1940 bis Jänner 1941 (mit einer kurzen Unterbrechung von 28. Oktober bis 12. November  1940) ist Zita als SS-Sturmmann, SS-Rottenführer und später als SS-Unterscharführer in Windhag eingesetzt. Die Standeslisten werden von ihm stets in seiner Funktion als „Lagerführer“ unterschrieben. Später ist Zita gemeinsam mit Alfred Slawik mit der Leitung der „Sammellager“ in der Wiener Sperlgasse und in der Malzgasse betraut, von wo aus die Deportationstransporte zusammengestellt wurden. Ab Februar 1943 ist Zita gemeinsam mit Slawik unter der Führung Alois Brunners an der Beraubung und Deportation der Juden Salonikis in die Vernichtungslager beteiligt. Im Sommer 1944 scheint Zitas Name in Paris auf, wo er, wieder unter dem Kommando Alois Brunners mithilft, französische Juden zu deportieren. Zita ist auch in Nizza eingesetzt, wo im Hotel Excelsior gefangene Juden von der SS gefoltert wurden, um weitere Adressen jüdischer Verwandter zu erpressen. 

Slawik Alfred:
Slawik wird wie Zita in die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ in Wien aufgenommen und ist ebenfalls als Mitglied der SS-Bewachungsmannschaft im Lager Zarzecze bei Nisko nachweisbar. Über seine Tätigkeit am Sandhof erfährt man Genaueres aus der Zeugenvernehmung Rudolf Flussmanns in der Strafsache gegen Alfred Slawik. Flussmann, selbst am Sandhof inhaftiert, bezeichnet sich darin als "Partieführer des Lagers" und sagt über Slawik folgendes aus: „Die Arbeitszeit dauerte im Frühjahr von 7-19 Uhr. Die Verpflegung war schlecht, da das, was wir auf Lebensmittelkarten erhielten, durch die Lagerverwaltung zu Gunsten der Verbesserung der Verpflegung der SS Angehörigen uns teilweise vorenthalten wurde. Slawik, der Zitter (richtig: Zita) abgelöst hatte, führte über die Dienstzeit hinaus nach 19 Uhr Beschäftigung für die jüdischen Lagerinsassen ein, indem er verlangte, auch von den alten Lagerinsassen, dass sie auf den Schobersberg hinauf und zurück laufen, was nach 12-stündiger Arbeitszeit und der schlechten Verpflegung eine besondere Zumutung war und nicht mehr der menschlichen Behandlung entsprach. Es kam soweit, dass sich schon die beim Aufbau beschäftigten Professionisten der Waidhofner Baufirma Schrey und die Bauern der umliegenden Gehöfte darüber beschwerten. Ich habe diesbezüglich beim Lagerverwalter Ebenberger interveniert und dürfte diese Beschwerde weitergegeben worden sein. Eines Tages erschien eine Kommission mit Hauptsturmführer Gutwasser und Sekretär Eichberger. Sonach wurde diese „Mehrbeschäftigung“ eingestellt.“ Laut Flussmann löste Slawik seinen Vorgänger Zita als Lagerleiter ab und war von April bis August 1940 am Sandhof eingesetzt. Danach wurde Slawik nach Doppl bei Altenfelden in O.Ö. versetzt, wo ein dort inhaftierter jüdischer Schüler das Verhalten Slawiks  folgendermaßen beschreibt: „In Doppl angelangt, empfing uns der SS-Mann Slawik. Er versprach, uns die „Wadeln“ ordentlich nach vorne zu richten, wenn wir der Meinung seien, dass wir in ein Sanatorium kämen ... Zwölf Stunden lang mußten wir in glühender Sonnenhitze beim Straßenbau arbeiten, mittags nur kurze Rast, Schlangenfraß als Essen vorgesetzt, nur ganz kurze Rast und dann ohne Unterbrechung weiter." In den vorhandenen Quellen scheint Slawik auch noch vom 28. Oktober 1940 bis 12. November 1940 als SS-Sturmmann am Sandhof auf. Ab dem Frühjahr 1942 ist Slawik gemeinsam mit anderen SS-Männern (u.a. auch Robert Walcher) zur Deportation von Juden aus der Slowakei abkommandiert. Im Februar 1943 scheint Slawik in Saloniki und im Herbst und Winter in Athen auf.  In beiden Städten ist er unter der Führung Alois Brunners an der Beraubung und Deportation tausender griechischer Juden beteiligt. Im Frühjahr 1944 ist Slawik Mitglied eines Sondereinsatzkommandos in Budapest, das Verhaftungen, Beraubungen und Deportationen ungarischer Juden durchführt. Slawik wird 1946 festgenommen und wegen der Mitwirkung an Deportationen aus Wien, Saloniki und Ungarn zu fünf Jahren Kerkers verurteilt. Bereits im Mai 1950 wird er wieder auf freien Fuß gesetzt. 

Walcher, Robert:
Walcher ist vom 1. März 1941 bis 6. Mai 1942 zuerst als Unterscharführer und später als Scharführer am Sandhof nachweisbar.
Während seiner Zeit am Sandhof ist er als äußerst brutal bekannt. Laut Aussage Benno Strummers (geb.1922), eines ehemaligen Insassen, der die letzten Monate des Lagers Sandhof miterlebte (1942/43), habe Walcher viel geschlagen und sich gebrüstet, in Polen bereits viele Juden erschossen zu haben. - Strummer überlebte Theresienstadt und Auschwitz und wanderte nach dem Krieg nach Kanada aus.
Im Frühjahr 1942 wird Walcher von der Wiener Zentralstelle zur Deportation von Juden aus der Slowakei abkommandiert (siehe Fußnote 19).
Walcher wird im Juni 1945 in Waidhofen verhört und aufgrund der Zeugenaussage Rudolf Flussmanns wird am 26. Juni 1945 gegen ihn die „Anzeige wegen Verbr. des Totschlages, der schweren Körperbeschädigung, Vergehen gegen die Sicherheit des Lebens und Übt. wegen Gefährdung der körperl. Sicherheit“ erstattet.
Der folgende Zeitungsartikel vom Dezember 1946 (in dem Robert Walcher fälschlich als „Karl“ Walcher bezeichnet wird) gewährt einen kurzen Einblick in das Lagerleben am Sandhof während seiner Zeit als Lagerleiter:
Zehn Jahre für einen Judenpeiniger
Die Bewohner des Bezirkes Waidhofen a.d. Ybbs werden sich noch an das Judenlager Sandhof in Windhag erinnern können. Einem der gefürchtetsten Aufseher dieses Lagers wurde nun der Prozeß gemacht. Der Illegale Karl Walcher trat im März 1938 der SS bei und beteiligte sich eifrig an der Verfolgung und Aushebung von Juden, die zur Verschickung in Zwangsarbeitslager bestimmt waren. Er wurde Kommandant des Lagers Doppel, wo er bald als Wüterich gefürchtet war. Auf Grund seiner Bewährung als Judenpeiniger wurde ihm nun eine größere Aufgabe übertragen, das Kommando über das berüchtigte Zwangsarbeitslager für Juden „Sandhof“ in Windhag bei Waidhofen a.d. Ybbs. Dort wurden unterernährte und kranke Juden zu schwerer landwirtschaftlicher Arbeit gezwungen; konnte einer der armen Menschen nicht mehr weiter, wurde er von Walcher auf das roheste mißhandelt. Einen alten Mann mit vierzig Grad Fieber hat er mit Prügeln zur Arbeit getrieben, blutig geschlagen und dann zehn Tage bei Wasser und Brot eingesperrt. Außerdem hat Walcher aber schwunghafte Bereicherungsgeschäfte gemacht. Er holte sich aus „Verwertungslagern“ verschiedene Wertsachen, die jüdischen Häftlingen abgenommen worden waren, wobei er es besonders auf Armbanduhren, Kleider, Schuhe und Füllfedern abgesehen hatte. Auch in Wien hat er zur Evakuierung bestimmten Juden Wertsachen gewaltsam abgenommen und sie für sich verwendet. Der berüchtigte Leiter des Judenreferates, Brunner I, hat das Lager Sandhof mehrmals inspiziert und war mit der Tätigkeit des Kommandanten Walcher sehr zufrieden. Vor einem Volksgerichtssenat unter dem Vorsitz von Oberlandesgerichtsrat Dr. Korst zeigte sich Walcher vollkommen verstockt, gefühlskalt und reuelos. Das Volksgericht verurteilte ihn zu zehn Jahren schweren Kerkers und Vermögensverfall.


Neben Zita, Slawik und Walcher scheinen noch folgende Namen von SS-Männern in den Windhager Quellen auf:
Kucera, SS-Mann, 30. Mai 1941, 31. Mai 1941 (Lagerführer am Sandhof)
Heischmann Rudolf, SS-Mann, 25.9.1941 Abreise nach Wien
Swoboda Karl, SS-Wachmann, ab 26.6.1943 am Sandhof; 23.7.1943 Abreise nach Prag
Spatzer Franz, SS-Angestellter / Wachmann, 25.7.1943.

An SS Diensträngen sind Sturmmann, Rottenführer, Unterscharführer und Scharführer im Lager Sandhof nachweisbar. Im Vergleich zum Heer können diese Dienstränge der SS folgendermaßen eingestuft werden:
SS-Mann (Schütze)
SS-Sturmmann (Gefreiter)
SS-Rottenführer (Obergefreiter)
SS-Unterscharführer (Unteroffizier)
SS-Scharführer (Unterfeldwebel)

Aussagen von Zeitzeugen 

Die folgenden Aussagen stammen von Zeitzeugen, die während des Krieges in der Umgebung des Lagers Sandhof wohnten. Die Gespräche mit diesen Personen wurden im Herbst des Jahres 1999 vom Verfasser aufgezeichnet. Die einzelnen Aussagen werden im Folgenden in loser Aneinanderreihung angeführt:
Die ersten Juden waren in einem Holzschuppen des Sandhofs untergebracht, welcher jetzt nicht mehr steht. Die Baracke hinter dem Haus wurde erst später gebaut. Die Juden wurden den Professionisten der Baufirma Schrey zu den Aufbauarbeiten am Sandhof zugeteilt. Die Juden arbeiteten am Sandhof und halfen auch bei den umliegenden Bauern aus. Sie erhielten dafür meist Lebensmittel. Wenn die Juden auf einem anderen Bauernhof aushalfen, kam immer ein Aufpasser mit. Am Abend mussten sie zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder im Lager sein. Ein befreundeter Maurer, der beim Aufbau des Hauses beschäftigt war, erzählte mir, daß die Juden sehr willig waren. Viele waren aber die manuelle Arbeit nicht gewohnt und ersuchten ihn oft, ihnen zu zeigen, wie man mit den Geräten umgeht, um ja nicht den Zorn der SS-Aufseher auf sich zu ziehen. Das Lager war nicht umzäunt und man konnte jederzeit durchgehen. Die Juden wohnten in einer Baracke schräg hinter dem Haus. Man kann heute noch in der Wiese ein ebenes Stück erkennen. Im Winter, wenn Wassernot war, mussten die Juden öfters Wasser in Kübeln vom Lugergraben aus hinauftragen. Viele hatten keine Winterkleidung und standen mit Halbschuhen im hüfttiefen Schnee. Wenn Walcher zu uns ins Haus kam, hat er immer zuerst zum Hergottswinkel geschaut. Sein Kommentar war immer wieder „So schwarz, so schwarz.“ Offensichtlich hatte er was gegen das dort hängende Kruzifix. Er hat uns aber nie aufgefordert, es herunterzunehmen. Walcher wohnte mit seiner Familie am Sandhof. Wenn er zu den umliegenden Bauern ging, trug er selten eine Uniform. Gegenüber der Bevölkerung verhielt er sich stets freundlich. Wenn am Hof Leute gebraucht wurden, stellte er stets bereitwillig Männer des Lagers zur Arbeit zur Verfügung. In Gesprächen mit ihm stellte man aber keine Fragen über das Lager, da man Angst hatte. Wenn wir in die Schule gingen, konnten wir Walcher manchmal mit einer Peitsche sehen. Wir sahen, wie er Juden, die eine ihnen aufgetragene Arbeit nicht zu seiner Zufriedenheit erfüllten, mit der Peitsche geschlagen hat. Eine Dienstmagd, die am Sandhof angestellt war, hat mir erzählt, dass Walcher einen Juden erschlagen und ihn dann in die Güllegrube geworfen hat. Sie sagte, sie hätte es mit eigenen Augen gesehen. Beim Umbau des Sandhofs waren viele Erdarbeiten notwendig. Diese wurden alle händisch (mit Schaufeln und Krampen) von den Lagerinsassen durchgeführt. Es war oft sehr lehmig und schmutzig. Als ich einmal von der Schule kam, habe ich gesehen wie Walcher einen Juden in den Schmutz stieß und auf dem im Schlamm liegenden Menschen herumsprang. Eines Tages im Sommer mussten einige Juden auf der Wiese vor dem Haus Gras zusammenrechen. Als wir vorbeigingen kam Walcher gerade heraus. Er war mit der Arbeitsweise der Häftlinge unzufrieden, begann herumzubrüllen und schlug einige Rechen an den Juden in Stücke.


Luftschutz und Bombenkrieg

Bereits im Juli 1938 wurden die Waidhofner auf die Wichtigkeit des Luftschutzes hingewiesen. Da sich in Waidhofen eine große Anzahl sehr guter und sicherer Keller befand, konnte ein Großteil der Stadtbewohner bei Fliegeralarm dort Zuflucht suchen. Die ehrenamtlichen Luftschutzwarte waren für Verdunkelung, das Aufsuchen der Luftschutzräume, Brandbekämpfung und Räumarbeiten nach Luftangriffen verantwortlich.
Die immer größer werdende Gefahr von Fliegerangriffen führte zu immer strengeren Strafen beim Verstoß gegen die Verdunkelungsvorschriften. Am 22.11.1940 verkündete der Bürgermeister, dass „Zuwiderhandelnde als Volksschädlinge betrachtet und durch Bekanntgabe von Namen und Anschrift mittels Lautsprecher angeprangert werden sollen.“

Am 13. September 1940 berichtet der „Bote“ stolz von den „Erfolgen“ deutscher Bombardements englischer Städte, wofür von der NS-Führung der Begriff „coventrieren“ geprägt wird. Sie werden als „Vergeltungsangriffe“ bezeichnet: „Massen von Geschäftsgebäuden in der City brennen oder brechen zusammen. Die Zerstörungen längs der Themse greifen in riesigem Umfang um sich. ... Das Londoner Ernährungsministerium hat in aller Eile die Verteilung von Büchsenfleisch angeordnet, da viele Bewohner der Hauptstadt infolge der Zerstörung der Gas= und Elektrizitätsleitungen nicht mehr in der Lage sind, zu kochen. ... Die Londoner Bevölkerung lebt größtenteils in den Luftschutzkellern. ...“  (Bote, 13.9.1940)
Als 1944 Waidhofen vom Bombenkrieg erfasst wird, sieht man die Sache natürlich anders. Die Angriffe zu Pfingsten 1944 auf Kreilhof werden im „Boten“ vom 2. Juni 1944 als „Feindterror der anglo=amerikanischen Luftbanditen“ bezeichnet und nach dem Angriff am 28. Dezember 1944 auf die Stadt fragt sich der Verfasser der Zeller Schulchronik, welcher „Gangster und Rowdy“ wohl den Befehl für diesen „Terrorangriff“ gegeben hat. Noch vor Kriegsausbruch wird am 18. August 1939 im „Boten“ eine polizeiliche Verfügung bekanntgegeben, die die Instandsetzung sämtlicher verfügbarer Luftschutzräume fordert: „Auf Grund der Bestimmungen des Luftschutzgesetzes ergeht die Anordnung, daß alle Kellerräume, die als öffentliche Sammelschutzräume bestimmt sind oder für die Hausbewohner als Schutzräume dienen können, für diesen Zweck instandgesetzt werden. Es müssen daher alle diese Kellerräume gründlich gereinigt, unnütze Gegenstände entfernt, für Sitzgelegenheiten und Beleuchtung Vorsorge getroffen und insbesonders die Zugänge für eine gefahrlose Benützung hergerichtet und entsprechend gesichert werden.“ (Bote, 18.8.1939) Beim Hauptbahnhof wird unterhalb der Häuser Wienerstraße Nr.10 und Nr.12 ein Luftschutzstollen für die am Hauptbahnhof ankommenden Reisenden errichtet. Er wurde laut Pitzel so weit ausgebaut, dass ca. 200 Personen darinnen sichere Deckung finden konnten. (Pitzel, S.8) Nach dem Bombenangriff vom 28. Dezember 1944 gibt es in Waidhofen Überlegungen, einen Schutzstollen im Fuchsbichl zu errichten. Dieses Vorhaben wird aber nicht mehr ausgeführt. In der „XXXXII. Beratungsniederschrift“ des Gemeinderates vom 20.Jänner 1945 (übrigens der letzten des Krieges) heißt es dazu: „Es wurde zwar schon vor längerer Zeit wegen Errichtung eines Stollens in Waidhofen angesucht, doch wurde das Ansuchen abgelehnt, da Waidhofen nicht in die Gefahrenklasse 1 eingereiht war. Es ist jetzt gelungen, die Einreihung Waidhofens in die Gefahrenklasse 1 zu erreichen und wird auch angesucht wegen Errichtung eines Stollens am Fuchsbichl mit einem zweiten Ausgang am Sandweg.” (Sitzungsprotokoll des Gemeinderates 1935 - 1952, (Ratsherrnprotokoll), StAW, 20.Jänner 1945)

Von den Behörden wird immer wieder auf die Notwendigkeit der Verdunkelung hingewiesen und sogar die Beleuchtung der Gräber am Friedhof zu den Nachtstunden wird verboten. Aber es ergeben sich in diesem Zusammenhang auch andere Probleme, wie ein Artikel im „Boten“ vom 19.Jänner 1940 zeigt: „Nach Eintritt der Dunkelheit sind bei der allgemeinen Verdunkelung trotz der auch bei uns schon hie und da benutzten Leuchtzeichen vielfach Zusammenstöße von Fußgängern auf den Gehwegen zu beobachten, die manchmal auch schwerwiegende Folgen haben. Die Ursache zu diesen Zusammenstößen liegt nur darin, daß die Fußgänger sich in der Stadt nicht an die selbstverständliche Regel des Rechtsgehens halten. Auf genügend breiten Gehwegen geht man innerhalb dieser rechts, auf Straßen mit schmalen Gehwegen benutzt man nur den in der Gehrichtung rechts gelegenen Gehweg. Auf Straßen außerhalb des Stadtgebietes empfieht es sich dagegen links zu gehen. Auf der linken Straßenseite kann man entgegenkommenden Fahrzeugen leicht und sicher ausweichen, während sich der Fahrzeugverkehr gleicher Richtung rechts auf der rechten Straßenseite abwickelt. Fußgänger, befolgt diese Regel insbesonders bei Verdunkelung! Ihr bewahrt euch selbst und andere vor Schaden.“ (Bote, 19.1.1940)

Ab dem Jahr 1941 treffen in Waidhofen Menschen aus luftgefährdeten Gebieten des „Altreiches“ ein, vorwiegend Mütter mit ihren Kindern. Sie werden zum Teil in Gasthäusern oder in Familienpflegestellen aufgenommen. Die Zeller Schulchronik berichtet dazu: „Seit 3.V.1943 haben wir auch Kinder aus dem luftgefährdeten Gebiete und zwar aus Essen, Oberhausen, Ottesfeld und Magdeburg an unserer Schule. Sie sind bei ihrem Alter weit zurück und sollen alle schon in höheren Klassen sein. Sie hatten ja schon lange keinen Unterricht und konnten auch nicht lernen und üben, da sie fast jede Nacht im Keller saßen. Es sind durchwegs liebe, nett gehaltene Kinder.“ (Zeller Schulchronik)

Ab 1943 kommen auch Kinder aus Wien nach Waidhofen. Sie werden in den beiden Kinderlandverschickungslagern (KLV-Lagern)  „Sanatorium Werner“, Pocksteinerstr.33 (Mädchen) sowie „Schloßhotel Zell“ (Jungen) untergebracht. Laut Pitzel ist für Waidhofen folgende Statistik der Fliegeralarme nachweisbar:

1942 2 (1. Fliegeralarm am 5. September 1942 um 0.30 Uhr)

1943         14

1944          91

1945         140 (Pitzel, S.11 u. 12)

Die Vorschriften für das Verhalten der Schüler bei Fliegeralarm werden vom Direktor der „Staatlichen Oberschule für Jungen in Waidhofen an der Ybbs“ (heute Bundesrealgymnasium)  im „Laufer“ vom 24. April1944 folgendermaßen festgelegt: „Bei Fliegeralarm oder bei Vorwarnung laufen mit Ausnahme der Luftschutzkräfte alle Schüler, die nicht länger als 10 Minuten brauchen, um heimzukommen, sofort auf dem kürzesten Weg nach Hause (also auch alle KLV-Schüler). Alle anderen Schüler begeben sich in den Luftschutzkeller der Schule. Das Verweilen auf Straßen u. Plätzen ist nicht nur gefährlich, sondern auch polizeilich verboten und wird bestraft. - Wenn nach einem nächtlichen Fliegeralarm die Entwarnung erst nach Mitternacht erfolgt, beginnt der Unterricht erst mit der 3. Stunde, also erst vor 9 h. - Die in den Gängen befindlichen Säcke mit Löschsand dürfen von den Schülern nicht angegriffen werden, insbesonders darf sich auch niemand auf die Holzrahmen draufsetzen.“ (Laufer, 24.4.1944) 

Da für die Schüler ein Fliegeralarm stets ein vorzeitiges Ende des Unterrichtes bedeutet, sieht sich der Direktor der oben erwähnten Schule veranlasst, am 30. Mai 1944 folgende Anweisung an seine Lehrer auszugeben: „Ich ersuche gleichzeitig alle Klassenleiter, die Schüler in eindringlicher Weise zu ermahnen, bei Luftwarnung oder bei Luftalarm nicht in ein Freudengeheul auszubrechen und sie auf das völlig Unangebrachte ihres Benehmens aufmerksam zu machen.“ (Laufer, 30.5.1944) 

Im Jahr 1944 wird Waidhofen dann erstmals direkt mit dem Bombenkrieg konfrontiert: Am Aschermittwoch, 23. Februar 1944, kommt es nach der Bombardierung der Industrieanlagen in  Steyr zu einem Luftkampf, in dessen Folge ein amerikanischer Bomber in Richtung St. Leonhard/Walde abgetrieben wird. 7 Mitgliedern der Besatzung gelingt es, sich mit dem Fallschirm zu retten. Die drei restlichen Besatzungsmitglieder sterben im Flugzeug, das knapp neben dem Bauernhaus Felbrach in St. Leonhard/Walde  zerschellt. Nach dem Verhör der abgesprungenen Amerikaner in der Polizeistation auf dem Freisingerberg werden sie nach einer Nacht im Polizeigefängnis Waidhofen nach St.Pölten abgeschoben. - Über dieses Ereignis liegt ein genauer Bericht in den Heimatblättern, Jahrgang 1994, vor. Gegen Kriegsende hin wird dann der Kampf immer härter, wie Pitzel in seinem „Rückblick“ berichtet: „Bei einer Dienstbesprechung aller Schutzpolizei-Abteilungsführer von “Niederdonau” beim Stabsoffizier in Wien wurde uns der folgende “streng geheime” Dienstbefehl, mit dem ausdrücklichen Verbot ihn schriftlich festzuhalten, mündlich bekanntgegeben: Mit Fallschirmen gelandeten Feindfliegern darf keine Hilfe zuteil werden. Sie dürfen unter keinen Umständen vor der Zivilbevölkerung geschützt werden, wenn diese in ihrer begreiflichen Erbitterung über die Verheerungen der Luftangriffe an den Gefangenen Vergeltung übt.” (Pitzel, S.21)

Am 24. Mai 1944 fallen erstmals Bomben auf das Waidhofner Stadtgebiet. In der Zeller Schulchronik wird dieses Ereignis folgendermaßen festgehalten: „Am Pfingstmontag lernte die Bevölkerung von Waidhofen den Ernst der Zeit gründlich kennen. Um 9 Uhr war Alarm; bald zog Welle um Welle feindlicher Flieger vom Süden kommend über unser Tal. Man zählte 622 Stück. Auf einmal erdröhnten 4 heftige Detonationen. Man glaubte schon, Waidhofen wäre angegriffen worden. Doch bald hörte man, dass in Kreilhof und gegenüber am rechten Ufer der Ybbs Bomben aus einem brennenden Flugzeug gefallen wären. Die 1. Bombe fiel auf die Straße zwischen Mühle und Villa, deckte die Häuser ab, beschädigte die Hausmauern und die der Straße zu gelegenen Wohnungen. Es wurden insgesamt 7 Personen getötet:

1. Frau Wechslauer aus der Untermühle, die von der Kirche heimging

2. Frau Kloibhofer

3. Frau Pilz

4. Frau Schmitten

5. Der 14-jährige Sohn der umquartierten Frau v. Waage

6. Eine Polin, die bei Steinauer bedienstet war

7. Ein Töchterlein der Frau Pilz“ (Zeller Schulchronik)

In den offiziellen Berichten zu diesem Bombenangriff ist aber immer nur von 6 Todesopfern die Rede, da man die „Polin, die bei Steinauer bedienstet war“ offensichtlich nicht erwähnenswert fand. Ihr Name scheint lediglich in der Zeller Schulchronik auf.

Am 28. Dezember 1944 kommt es dann zu einem Bombenangriff auf das unmittelbare Stadtgebiet Waidhofens. Folgende Daten werden von Pitzel in seinem „Rückblick“ dazu angegeben:

Uhrzeit: 13.30 - 13.35
Anzahl der Flugzeuge: 24 (am Rückflug von einem Einsatz im Protektorat)
Flugrichtung: Nord (Matzenberg) nach Süd (Kanzel; Weyrerstrasse)
Zahl und Art der Bomben: ca 120 Stück 50-kg Minenbomben (zum Teil mit Haken und Ösen gebündelt) und einige mittlere Sprengbomben

Gebäudeschäden im Stadtbereich:
schwer beschädigt: ca 20 Gebäude
mittelschwer beschädigt ca 22 Gebäude
leicht beschädigt ca 128 Gebäude
zertrümmerte Fensterscheiben: ca 2000

Opfer des Bombenangriffs vom 28. Dezember 1944:
6 Tote: Folger Alois
Schneider Maria
Brandl Theresia
Köszegi Josef
Schweigerlehner Josefa
Frank Maria
4 Schwerverwundete
21 Leichtverwundete
Obdachlose: 5 Männer, 17 Frauen, 19 Kinder

Die Zeller Schulchronik berichtet über diesen Luftangriff:
Am 28. Dezember, an einem Donnerstag, erfolgte, was man nie befürchtete, ein Terrorangriff auf unser altes, schönes Alpenstädtchen. Es fielen gegen 100 Bomben in der Richtung von Matzenberg in Schilchermühle bis zur Kanzel in der Weyrerstraße.
Einige Gebäude, besonders das Gericht und das Haus des Lederanschneiders Hochnegger sind Ruinen. Dabei spielt Waidhofen in der Kriegsindustrie gar keine Rolle. Weiß Gott, welcher Gangster und Rowdy dazu den Befehl gab. Es ist Zeit geworden, dass wir den Fliegern der Feinde eine tüchtige, leistungsfähige Abwehrwaffe entgegensetzen können.


Eine damals 15-jährige Zeitzeugin erlebt diesen Bombenangriff als „Melderin“ am Hohen Markt:
Am 28. Dezember 1944 heulte die Sirene - Fliegeralarm. Als “Melder” war ich dem Libnick-Haus am Hohen Markt zugeteilt, in dem sich ein geräumiger Keller befand, der die vielen Frauen, Kinder und einige alte Männer des großen Miethauses aufnahm. Zwei Freunde und ich beschlossen, uns statt in den Keller in den Garten zu setzen. Es war zwar kalt, aber ein herrlicher Sonnentag. Plötzlich sahen wir am Himmel winzig klein die in der Sonne blitzenden feindlichen Flugzeuge. Gleichzeitig vernahmen wir ein sehr hohes, pfeifendes Geräusch, das uns unheimlich war. Wir stürzten auf und davon in den Keller. Mitten auf der Stiege hörten wir ein entsetzliches , eher dumpfes Krachen und Poltern. Mit einem Schlag wurde es finster. Die Kinder begannen zu schreien und die Luft war voll mit dichtem Staub. Am Hohen Markt lagen Ziegelbrocken, Holztrümmer und Dachziegel. Der Anbau des Hauses, in dem ich wohnte (heute „Altes Rathaus“) war getroffen worden. Durch die zersplitterten Dachsparren konnte man den Himmel sehen. Vom Luftdruck waren alle Fensterscheiben der umliegenden Häuser kaputt.” (Inge Claucig, geb.14.02.1929.)

Bildmaterial zu diesem Bombenangriff auf die Stadt findet sich in der Weihnachtsbeilage des „Boten von der Ybbs“ vom 23. Dezember 1994 unter dem Titel:
“Vor 50 Jahren: Bomben auf Waidhofen“


Architektur und Kunst

Der Beginn der NS-Herrschaft in Waidhofen ist durch eine große Anzahl von Bauvorhaben gekennzeichnet, die aber wegen des Krieges nur zum Teil realisiert werden. Folgende Projekte werden nur geplant, aber nicht durchgeführt:

- Gemeinschaftssiedlung auf dem Pfarrerboden

- Wohnhausblocks in der Ybbsitzerstraße

- Eigenheimbauten in freier Siedlung in Zell

- Errichtung einer Großgarage am ehemaligen Ochsenplatz für 70 Autos

- Bau einer Stadthalle zwischen Kino und Pocksteinerstaße nach einem Plan des Wiener Architekten Franz Zajicek. (Es erfolgt nur die Grundsteinlegung  am 20. April 1939).

Folgende Bauvorhaben können realisiert werden:

- Neugestaltung des Parkbades: Die Eröffnung erfolgt am 23. Juli 1939.

- Errichtung der Arbeiterwohnsiedlung in Reifberg (2. Hälfte 1939)

- Umbau der ehemaligen Villa Blaimschein oberhalb der Haltestelle Waidhofen/Ybbs - Stadt zur „Kreisschulungsburg“. Die Eröffnung erfolgt am 20. Dezember 1939.

- Umbau des Rathauses 1939/1940

- Eröffnung des neuen Kinos im Juli 1940

- Errichtung eines neuen Molkereigebäudes (Baubeginn 1940)

Das größte erhaltene Kunstwerk aus dem Bereich der Malerei ist ein heute noch im großen Sitzungssaal des Rathauses befindliches Gemälde. Es stammt von Professor Reinhold Klaus (1881 - 1963), misst 6 x 3 Meter und stellt das schaffende und das feiernde Waidhofen dar. 1944 vollendet, wurde es noch im selben Jahr bei der Frühjahrsausstellung im Wiener Künstlerhaus gezeigt, bevor es seinen Platz im Waidhofner Rathaus erhielt. Am 26. Mai 1944 erschien eine Beschreibung des Bildes unter dem Titel „Erlebtes Waidhofen in leuchtenden Farben“ im Boten von der Ybbs:  „... Wer genießt nicht gern und oft den Blick von der oberen Zeller Brücke? Das sich von diesem gesegneten Punkt aus bietende, reiche, zu jeder Tageszeit wechselnde Motiv bildet ebenfalls eine Szene dieses unerhört belebten, einem unerschöpflichen Bilderbuch gleichkommenden Gemäldes. Aber nicht die ganze Szenerie, nur die schönsten Bauten und Landschaftsbilder rechts und links der Ybbs hat Professor Klaus in das Gemälde genommen. ... Du siehst das Viereck des Adolf=Hitler=Platzes mit den dir wohlvertrauten Häusern, den beherrschenden Stadtturm, das wie einem Schmuckkasten entnommene Rathaus, die Pfarrkirche, das Schloss. Der Untere Stadtplatz fällt dir in den Blick. ... Schaffendes Waidhofen - dazu gehören neben den bereits erwähnten Sensenschmieden die heimkehrenden Holzfäller, gehört der alte, am Türkenmarterl lehnende Jäger, einen Auerhahn in der Hand haltend, gehört die wasserholende Frau am Brunnen und noch vieles andere mehr. Feierndes Waidhofen - davon erzählt in Farben das froh sich tummelnde Volk unter dem Maibaum. Eine Parteifeier ist wirkungsvoll festgehalten. Deutlich erkennst du einzelne stadtbekannte Personen. Echt, natürlich im Gesichtsausdruck, verblüffend echt in ihrer charakteristischen Haltung. Da kehrt ein Urlauber heim. Den linken Arm trägt er in der Binde, die rechte Hand winkt das Willkommen. Ein Hund springt ihm freudig bellend entgegen. Von fernher grüßt der Sonntagberg. Über die Dächer, Kirchturmspitzen, die wie Schwurfinger gen Himmel ragen, die Burg, die Stadt und ihre Umgebung, ihre schaffenden und feiernden Menschen breitet die Sonne segnend ihre Strahlen. Und der Regenbogen malt seine Farben am Himmelsgrund. ...“ (Bote, 26. Mai 1944)

Das Schicksal, welches dieses Bild mit seinen Hakenkreuzfahnen und NS-Uniformen im Mai 1945 erfuhr, beschreibt die Waidhofner Malerin Hildegard Kaltenbrunner so:
Auf Befehl des sowjetischen Stadtkommandanten von Waidhofen/Ybbs fand ich mich pünktlich im Rathaus ein, und auch Prof. Pauser kam. Der Stadtkommandant führte uns in den Sitzungssaal, wo das Klaus-Bild an der Stirnwand hing. Er sagte, das wäre auf alle Fälle ein Kunstwerk, das er nicht der Zerstörung überlasse, wie es einige Offiziere vorhatten. Er meinte, wir könnten das sicher der neuen Zeit anpassen, was wir bejahten. Wir bekamen die verlangte Leiter, ich holte von daheim Farben und Pinsel und wir stürzten uns in die Arbeit. Das Bild stellt das festliche Waidhofen im Fahnenschmuck dar am 1. Mai Um den Maibaum im Vordergrund sind Bgm. Zinner und noch einige Herren und eine Gruppe Waidhofner in Tracht versammelt. Klaus und Frau gehen bei einem Tor, das vom Reichsadler mit Hakenkreuz bekrönt war, auf den Festplatz hinein. Ich, der Lehrling, entnazifizierte die Hakenkreuzfahnen, sie flatterten dann lustig rotweißrot. Pauser verpasste den Politikern statt der ockerfarbenen SA Uniform (Bgm. Zinner erkannte man sogar) unschuldige Steirergwandl. Der Reichsadler wurde einfach weggemalt. Als wir weg waren, sah sich der Stadtkommandant unsere Arbeit an und war sehr zufrieden.“ (NÖ Familienalbum, S.148)

Auch auf dem Filmsektor macht Waidhofen von sich reden. Im August 1939 werden von der Wien=Film=AG in der Stadt die Außenaufnahmen für ein Filmlustspiel „Nächste Woche Weltuntergang“ gedreht. Makaberes Detail am Rande - der Zweite Weltkrieg bricht unmittelbar nach dem Ende der Dreharbeiten zum „Weltuntergang“ am 1. September 1939 aus. Produktionsleiter ist Franz Antel und Schauspieler wie Karl Skraup, Susi Nicoletti, Hans Holt, Luise Kartousch, Richard Waldemar und Kurt v. Lessen spielen darin mit. Der Film kommt unter dem Titel „Das jüngste Gericht“ in die Kinos. Die Waidhofner können ihn erstmals vom 30.Jänner bis zum 6. Februar 1939 in Waidhofen sehen.

Quellen zu den NS-Bauvorhaben

20. Jänner 1939
Waidhofen an der Ybbs im Zeichen des Aufbaues „Bürgermeister Emmerich Zinner verkündet ein großzügiges Siedlungsprogramm... Als erstes Projekt ist die Schaffung einer Gemeinschaftssiedlung auf dem Pfarrerboden geplant. ... Bau eines Wohnhausblocks in der Ybbsitzerstraße ... Förderung von Eigenheimbauten in freier Siedlung. Es ist geplant, zu diesem Zweck die hiezu wie geschaffenen Baugründe in Zell zu erschließen.“ (Bote, 20.Jänner 1939)

20. April 1939
Grundsteinlegung der Stadthalle, die aber tatsächlich nie errichtet wurde. Als Standort wäre der Platz zwischen Kino und Pocksteinerstraße vorgesehen gewesen. (Bote, 22. April1939)

9. Juni 1939
Errichtung einer Großgarage.

Die scharf ansteigende Motorisierung in der Ostmark nach dem Anschluß hat die Frage des Baues von garagen in den Vordergrund gerückt ... hat sich Bürgermeister Zinner entschlossen, den Ochsenplatz an die Firma Hoyas&Kinzl zu verkaufen mit der Verpflichtung der Errichtung einer größeren modernen Garage. Dieselbe wird für 70 Autos Einstellungsmöglichkeiten bieten, von denen 20 Plätze heuer noch fertig werden sollen.“ (Bote, 9. Juni1939)

Juli 1939
Ein Dorf entsteht. 

"Draußen unweit des Reifbergbauernhofes herrscht reges Leben. Auf dem weiten Feld zwischen der Ybbs und dem Berghange gegen Lueg zu ist in kurzer Zeit eine größere Anzahl Wohnhäuser entstanden. Nun wird die letzte Hand daran gelegt. Bald werden die Siedler einziehen können. Es sind nette, kleine Giebelhäuser und ihre Anordnung ist so eigenartig, daß diese Siedlung nicht den Eindruck einer öden, gleichförmigen Kolonie macht. Trotzdem gleiche Bautypen vorhanden sind, wirkt diese Bauanlage nicht einförmig. Die Häuser sind nicht geradlinig in die Gasse gebaut, sondern die Baulinie verläuft unregelmäßig und abwechselnd. Dadurch ist das Bild anheimelnd. Wenn die Gärten angelegt sein werden, Zäune sie umfrieden und die Natur ausgleichend gewirkt haben wird und so das Neue sich dem gegebenen Alten angepaßt hat, wird das neue Dorf sich in allem dem Boden und dem Lande verbunden haben. Bald auch wird das tägliche Leben sich ähnlich abspielen und die Menschen werden dort sich der schönen Natur freuen und nach des Tages Mühen ihr Heim genießen. Sie werden am Wachsen und Gedeihen auf ihrem Grund und Boden teilnehmen und das Miteinanderleben und Miteinandererleben wird diese Menschen bald zu einer Gemeinschaft verbinden, wie Dorfgemeinschaften in Jahrhunderten geworden sind. Sie werden glücklicher und zufriedener sein als jene Menschen, Arbeiter, denen die Industrialisierung in der Demokratie nicht mehr gab als kärglichen Lohn, aber kein Heim. Die nahe Zukunft wird uns in diesen Siedlungsbauten das Gegenteil jener überwundenen Zeit vor Augen führen. Frohe Menschen werden in Heimen, umgeben von blühenden Gärten, hausen. Kinder werden in den Gärten und auf den Wegen des Dorfes spielen und singen und eine frohe Kindheitserinnerung ins Leben mitbringen. Was hier entsteht ist anderswo in unserer Heimat schon geworden oder wird in Bälde werden. Es sind die Früchte der neuen Zeit. Ein Werden und eine Entwicklung im Sinne nationalsozialistischen Schaffens.“ (Bote, 14. Juli 1939)

23 .Juli 1939
Die Feier der Eröffnung des neuen Parkbades. „Vergangenen Sonntag den 23. Juni wurde unser neues Parkbad durch Kreisleiter Neumayer feierlich eröffnet.“

Aus der Rede Bürgermeister Zinners: „... Nun liegt das Werk vor uns und der Erfolg ist mir ein Beweis, dass damit einem wesentlichen Bedürfnis der Bevölkerung Rechnung getragen wird. ... Diese Stätte soll aber nicht nur der Erholung dienen, sondern auch unsere Jugend stählen und ertüchtigen für das weitere Leben. Die weitere Gestaltung des Raumes gestattet uns aber auch, nach der Erfrischung des Körpers Wertvolles für Seele und Geist aufzunehmen. Für künstlerische Darbietungen aller Art haben wir hier auch eine Stätte geschaffen für die Feierstunden der Seele. Wenn ich euch, Volksgenossen aus Stadt und Umgebung, auch einen Türken, ein Werk aus der Hand des kreiseigenen akadem. Bildhauers Kunibert Zinner, hinstellen ließ, so wollte ich euch damit folgendes sagen: Frühere Geschlechter hier in dieser Gegend haben ihr Schicksal gemeistert und der Türkennot durch zusammengeballte Kraft ein Ende bereitet und so sind die Türkenkriege mit der Stadt unlösbar verbunden. Das Symbol eines Türken soll immer darauf hinweisen, dass auch das jetzige Geschlecht durch Zusammenstehen und Gemeinschaftsleistung Großes und Edles erstehen läßt und auch das Schicksal meistert. ...“ (Bote, 28. Juli1939)

20. Oktober 1939
Kreisschulungsburg im Werden. 

Der in schönster Lage gelegene Besitz Blaimschein, den die Stadtgemeinde erworben hat zur Gestaltung der neuen Kreisschulungsburg, ist im Umbau begriffen. Schon zeigt der Besitz ein wesentlich verändertes Bild im äußeren Rahmen. Eine Reihe von Bäumen wurde gefällt, um die Düsterkeit zu bannen, die die einzelnen Baulichkeiten nicht mehr zur Geltung kommen ließen und heller und freundlicher wirkt jetzt schon die schöne Anlage auf luftiger Anhöhe. Trotz der gerade in Durchführung befindlichen Einrichtungs= und Erneuerungsarbeiten zeigt aber auch das Innere schon die Note, die es in Zukunft tragen wird. Helle, lichte Räume mit wunderbarer Aussicht auf die Stadt und Umgebung und praktische Zweckmäßigkeit in allen Räumlichkeiten, die den Erfordernissen der modernen Zweckanlage in allem entsprechen. Lichte schöne Schlafräume im ersten Stock, im Obergeschoß die Schulungsräume mit den Wohnräumen der Lehrer und unten der Speisesaal und die Küche. Im Gartenhaus wird eine moderne Waschanlage eingerichtet mit Brause= und Wannenbädern. Ihre freien Stunden werden die Teilnehmer an den Schulungskursen in den schönen Gartenanlagen, die Haupt= und Nebengebäude einschließen, verbringen können, in einer Umgebung, die Herz und Sinn erfreut. Samt uns sonders: ein schönes Werk ist hier im Entstehen!“  (Bote, 20. Oktober 1939)

Dezember 1939
Modell der neuen Molkerei Waidhofen a.d. Ybbs (Bote, 29. Dezember 1939)

1. Juli 1940
Eröffnung des Kinos

1939/40
Umbau des Rathauses
Noch wesentlich massiver als der Umbau von 1922 - 1925 fällt die Neugestaltung des Rathauses unter Bürgermeister Emmerich Zinner in den Jahren 1939/40 aus. Nahezu im gesamten Gebäude wird der Verputz abgeschlagen und durch hochzementhaltigen Neuputz ersetzt. Gewölbe werden ebenso verändert und umgebaut wie ein Großteil der Fassade am Oberen Stadtplatz und am Freisingerberg. Im ebenfalls umgebauten Innenhof wird ein „Blut- und Bodenfresko“ mit der Inschrift: „Nichts zieret eine Stadt so sehr als ehrlich Kunst und gute Lehr“ angebracht.“ (Quelle: Das alte Rathaus, 1995, Andreas Locicnik, S.28)

Umbau des Rathauses 1995
Die faschistoiden Embleme sind ebenso aufzuspüren wie die Macht und Monumentalität imitierenden falschen Gewölbe, die an einigen Stellen als papierdünne Staffage zu ‚durchschauen’ waren. Im Zuge dieser Umbauten ging auch die gotische Arkade verloren. Als für damaliges politisches Kalkül zu wenig mächtig, wurde sie einfach in die wuchtigen Pfeiler des Laubenganges einbetoniert. Der mächtige Erker zum Freisingerberg ist der Fassade bloß vorgeblendet und in seinem Inneren hohl. Bei diesem Umbau wurde das Haus innen wie außen mit einem kräftigen, teilweise bis zu 10cm dicken Granitputz überzogen und wurden so viele Spuren seiner Entstehung verwischt.“ (Quelle: Das alte Rathaus, 1995, Ernst Beneder, S.12)

Jänner 1941
Der Stadterweiterungsplan

Im Stadtbrief Nr.1 des Bürgermeisters Emmerich Zinner wird der Stadterweiterungsplan von Waidhofen=Zell vom Jänner 1941 vorgestellt. Er sieht folgende Veränderungen bzw. Neubauten vor:
1) Stadthalle (am heutien Kinoparkplatz)
2) Parteihaus (Umbau des Konvikts, heute RIZ)
3) Reichspost (an Stelle des heutigen Kosmosbaus bzw. Pennymarktes)
4) Ämter und Parteidienststellen (im Osten, neben dem Kino)
5) Schülerheim, an die staatliche Oberschule (Gymnasium) angebaut (an Stelle der heutigen Hauptschule)
6) Volks- und Hauptschule (hinter der Zellerkirche, heute Dr. Hopf, Dr. Schneider, zwischen Burgfried- und Heinrich Wirre Gasse)
7) Amtsgericht (heute Wohnhausblock Sandgasse, zwischen Zuber- und Vitzthumstraße)
8) Geschäftsviertel
9) Kindergarten (im Bereich Ederstraße)
10) Gemeinde-Garagen (heute Wohnungsbau Ybbsitzerstraße 43, Einmündung Ederstraße): Dort war auch eine neue Ybbsbrücke als Verlängerung der Ederstraße geplant.
11) Haus der Jugend (heute Kunstrasen, Sporthalle)
12) NSRL-Sportheim  (heute Wohnhäuser Jahngasse)
13) Tribünen (im heutigen Alpenstadion)
14) Tankstelle
15) Reichspost-Garagen (heute Postgarage)
16) Jugendherberge (am Fuchsbichel, heute Wildgehege)
17) Garagen (heute Einfahrt Schillerparktunnel, ehemals Ochsenplatz)
18) Berufs-Fachschule (heute zwischen Reichenauerstraße, Teichgasse und Rudolfsbahn)
19) Berufs-Schülerheim (heute Bereich Reichenauerstraße, Augasse, Hugo Wolfstraße)
20) Rasthaus (am Krautberg, Bereich Waldstraße, Türkenweg)
21) Molkerei (heute Fuchsluger)

Insgesamt sind nach dem NS - Stadterweiterungsplan 180 neue Eigenheime, 116 Kleinsiedlerstellen (Pfarrerböndel, Hinterberg, Unterzell), 220 Einfamilien=Reihenhäuser sowie 340 zweigeschossige Volkswohnungen in der Vorstadt Leithen und in Zell geplant. (Quelle: Stadtbrief Nr.1, Waidhofen/Ybbs, ohne Jahr, Stadtbibliothek Schloss Rothschild)

Der Bildhauer Kunibert Zinner

Kunibert Zinner, der Bruder des Waidhofner NS-Bürgermeisters Emmerich Zinner, schuf unter anderem die Plastiken des im Juli 1939 neu eröffneten Waidhofner Parkbades. Ein Artikel im „Boten“ vom 8. August 1941 gewährt Einblicke in seinen Werdegang: „ ... Der Künstler besuchte 1921/25 die Abteilung Bildhauerei der Fachschule für Holzbearbeitung in Hallstatt und entfaltete bereits dort sein Können in der Mitarbeit an einem prachtvollen Schachspiel, das auf der Pariser Weltausstellung den „Grand Prix“ erhielt. Bereits 1922 trat Zinner der Deutschen Arbeiterpartei bei und gründete den Hallstätter Deutschen Turnerbund, was damals schon zu schweren Schlägereien mit den Roten führte. Sozusagen als „Gesellenstück“ schuf Zinner die beseelte Holzplastik „Der Redner“ mit einer feinsinnigen Betonung der Hände und des energiegeladenen Mundes. Mit diesem Werk bestand der junge Künstler die Aufnahmsprüfung in die Kunstgewerbeschule Wien, Fachklasse Professor Hanak, die er 1925/28 besuchte und als einer der Begabtesten verließ. Nun verspürte Zinner das Los der Arbeitslosigkeit der Nachkriegs= und Systemzeit am eigenen Leibe. In den Jahren 1928/37 hatte er fast gar keine Aufträge und brachte sich mit Violinstunden und als Tennistrainer fort.
Als Eindruck des SA.=Appelles 1932 in Berchtesgaden, dem Zinner als SA.=Mann beiwohnte, schuf er einige Führerbüsten für den NSDAP.=Verlag Linz, die Gauleitung Salzburg und über Antrag des kürzlich gefallenen Gauleiters Leopold für die Landesleitung Wien.
Nach dem Parteiverbot schuf Zinner einige Kleinfiguren „Denke daran!“ als Erinnerung für jene Kämpfer der Bewegung, die die Leidenszeit in den Lagern von Kaisersteinbruch und Wöllersdorf durchmachen mußten. Selbstredend hatte er als bekannter Nationalsozialist auch mehrere Hausdurchsuchungen über sich ergehen zu lassen. Auf bezeichnende Art musste er auch die Bekanntschaft mit dem Arrest zu St. Peter machen. Im Oktober 1934 nahm Zinner nämlich mit einem Kameraden an der Hochzeit des heutigen Ortsgruppenleiters Pg. Pfaffeneder in Markt Ardagger teil. Als die beiden Gäste mit dem Postauto auf dem Heimwege durch Stift Ardagger fuhren, winkten sie einem eben vorbeigehenden Bekannten zu. Dieses Winken brachte einen Gewerbetreibenden aus Stift Ardagger derart außer Rand und Band, dass er sofort die Anzeige bei der Bezirkshauptmannschaft Amstetten erstattete und durch seine Aussage, es sei der verpönte Hitlergruß gewesen, die Verurteilung Zinners erwirkte. Zinner musste 64 Schilling Strafe zahlen und außerdem 8 Tage im Arrest zu St. Peter brummen. In dieser Zeit schuf der Künstler einige überaus ulkige Skizzen, deren humorvollste seinen mitgefangenen Parteigenossen, den Schneidermeister Grafenberger, beim würdevollen Austragen des wohlriechenden Arrestkübels festhält. Im Jahre 1937 vermittelte Pg. Ing. Ramharter den ersten Großauftrag für Kunibert Zinner, nämlich die aus steirischem Kalkstein geschaffene, 2,60 Meter hohe Großplastik „Meister und Lehrling“ vor der neugebauten Amstettner Gewerbeschule. Das Umbruchsjahr brachte derart viel politische Tätigkeit, dass das künstlerische Schaffen Zinners nur in einigen Führerbüsten für Ortsgruppen und Kreisleitungen bestand.
Dafür zeigen die folgenden Jahre den Künstler im vollsten Schaffen. 1939 gestaltete er mit einigen Plastiken das Parkbad der Stadt Waidhofen a.d. Ybbs künstlerisch aus und schuf die prächtigen Hoheitszeichen für den Rathaussaal und die Kreisleitung Amstetten, das Standesamt Waidhofen a.d. Ybbs und die Gauwaltung Niederdonau der Deutschen Arbeitsfront in Wien. Ferner entstanden in diesem Jahre die 2 Meter hohe Großplastik des „Unbekannten Kämpfers“ auf dem Adolf=Hitler=Platz in Amstetten sowie die Wappen sämtlicher Kreise von Niederdonau im Brauhaussaale der Gauhauptstadt Krems. a.d. Donau.
Im Jahre 1940 vollendete Zinner die 3,40 Meter hohe Großplastik „Arbeiter der Stirn und Faust“ vor dem städtischen Amtshause der Kreisstadt Amstetten sowie die 2,20 Meter hohe Großplastik „Die Familie“ für die künstlerische Ausschmückung der Volkswohnungsanlagen in St.Pölten. ...
Ebenfalls für die St.Pöltner Wohnanlage bestimmt is ein 41/2 x 3 Meter großes Relief „Der Aufbruch der Nation“, darstellend zwei vorwärtsstrebende Figuren mit Fahne und Fackel. Diese Arbeit muss wegen ihrer Mächtigkeit in St.Pölten an Ort und Stelle vollendet werden. Das Modell einer Großplastik „Die Partei“ für das zukünftige Kreishaus Amstetten steht derzeit in der Kreisleitung Amstetten.
Kunibert Zinner wurde 1939 durch den Präsidenten der Reichskulturkammer Reichsminister Dr.Göbbels zum ehrenamtlichen Landesleiter der Reichskammer der bildenden Künste, Gau Niederdonau, bestellt.“ (Bote, 8. August 1941)

Das Gemälde im Rathaussitzungssaal

Das 6 x 3 Meter große Bild im Sitzungssaal des Waidhofner Rathauses wurde 1943 / 1944 von Professor Reinhold Klaus (1881 - 1963) geschaffen.
Klaus wurde am 17. Mai 1881 in Warnsdorf, Nordböhmen, als Sohn eines Webers geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und bereits in der Volksschule waren seine Mitschüler vom Talent ihres Kameraden überzeugt. Erst nachdem er auf Wunsch seines Vaters eine zweijährige Fachschule für Weberei abgeschlossen hatte, ging Klaus 1898 nach Wien. Dort wurde er in die Kunstgewerbeschule aufgenommen und beendete seine Studien im Juli 1902. Nach einigen Jahren in Dresden wurde Klaus Professor an der Hochschule für angewandte Kunst in Hamburg. Nach seinem Kriegsdienst im Erster Weltkrieg trat Klaus 1923 seinen Dienst als Hilfslehrer an der Wiener Kunstgewerbeschule an, wo er 1934 zum Professor ernannt wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlegte Prof. Klaus seinen Wohnsitz nach Waidhofen an der Ybbs, wo er am 4. November 1963 verstarb. Seinen letzten großen Staatsauftrag erhielt er 1956/57 mit zwei Sgraffiti im Heeresgeschichtlichen Museum Wien. Eines stellt den „Krieg“, das andere den „Frieden“ dar.

Weitere Werke:
1923 Fenster der Musikhalle in Göteborg, 1925 Rosettenfenster des Veitsdomes in Prag, 1934 Glasfenster der Stadtkirche von Stein an der Donau, 1938 Glasfenster der Michaelerkirche in St.Pölten, Mithilfe bei der Wiederherstellung der Fenster des Stephansdomes nach 1945, 1957 Wandgemälde in Ybbsitz, Göstling und Blindenmarkt, ...
(PLETTENBACHER Otto E., Vom Weberbuben zum internationalen Künstler, Professor Reinhold Klaus zum Gedenken, in: Waidhofner Heimatblätter, 7. Jahrgang, 1981, S.38f.)


22. Jänner 1943
Ein neues Kunstwerk für Waidhofen a.d. Ybbs

... Erst der Nationalsozialismus hat uns auch in dieser Hinsicht den Blick freigemacht und das Streben neuerweckt, dem Werdegang der Jetztzeit in neuer Formgebung ewigen Ausdruck zu verleihen. Die Bauten des Führers, unsere neue Kunstrichtung, besonders in der Plastik und Malerei, sind vielversprechende Anfänge, die selbst der schwere Krieg nicht zum Stillstand bringen konnte. Und so wie sich hier eine gewaltige Wandlung in der Kulturauffassung eines großen Reiches vollzieht, so werden allenthalben auch im Kleinen Bestrebungen rege, nicht in engstirniger Kümmerlichkeit zu vegetieren, sondern mitzumarschieren, d.h. mitzuarbeiten an den Werken einer neuen großen Zeit. Dies dürften die Beweggründe sein, die unseren für alles Große und Schöne begeisterten Bürgermeister Zinner veranlassten, am Vorbild früherer Jahrhunderte anzuknüpfen und unserem Städtchen ein neues Kunstwerk zu geben, das auch noch spätere Geschlechter erfreuen und ihnen viel zu sagen haben wird. Für unseren schönen, repräsentativen Rathaussaal hat Bürgermeister Zinner ein Großgemälde in Auftrag gegeben, das eine ganze Längsseite einnehmen wird und den Beschauer einen Blick tun lässt in ein herrliches Stück Land, das wir mit Stolz unsere Heimat nennen. Prof. Claus, Lehrer an der Wiener Kunstakademie, wird den Auftrag verwirklichen und hat bereits in unermüdlicher Kleinarbeit Motiv um Motiv zusammengetragen und kombiniert mit der Vielgestaltigkeit unserer Voralpenlandschaft.
Einem kleinen Kreis konnte der Künstler kürzlich den verkleinerten Entwurf des Groß=Wandgemäldes zeigen und seine Entstehung näher erläutern. Schon der Entwurf strahlt wohltuende Wärme aus und nimmt in seiner lebendigen Naturschilderung den Beschauer gefangen. Beherrschend im Zentrum das Städtchen mit den Häuserreihen des Adolf=Hitler=Platzes, mit Stadtturm, Rathaus, Pfarrkirche und Schloss, im Hintergrund die nähere Umgebung als typische Voralpenlandschaft; links und rechts in wohlgelungener Formgebung und Tiefengliederung auf der einen Seite das arbeitende, auf der anderen das feiernde Heimatvolk, zusammen eine farbige Symphonie echten deutschen Volkstums. Bis ins Kleinste, man möchte fast sagen, jeder Baum, jeder Strauch ist dem Naturbild der Heimat entnommen und von der Türklinke bis zu den breiten Fassaden behäbiger Bürgerhäuser ist Geschichte und Gegenwart zu einem wohlgeformten Ganzen vereinigt, das überstrahlt wird von gleißenden Wolken, die hell und golden das Sonnenlicht durchbricht. Wahrhaftig ein schöner Bilderbogen der Heimat. Wir werden noch Gelegenheit haben, von dem Werden des monumentalen Werkes noch weiters zu berichten.
“ (Bote, 22.Jänner 1943)

26. Mai 1944
Erlebtes Waidhofen in leuchtenden Farben
Begegnung mit einem Stadtbild und seinem Schöpfer

Eigenbericht des „Bote von der Ybbs“  (von Gustav Schrammel)
... Wer genießt nicht gern und oft den Blick von der oberen Zeller Brücke? Das sich von diesem gesegneten Punkt aus bietende, reiche, zu jeder Tageszeit wechselnde Motiv bildet ebenfalls eine Szene dieses unerhört belebten, einem unerschöpflichen Bilderbuch gleichkommenden Gemäldes. Aber nicht die ganze Szenerie, nur die schönsten Bauten und Landschaftsbilder rechts und links der Ybbs hat Professor Klaus in das Gemälde genommen. Und jenen alten, morschen, verfallenen Kahn, der sonst halb im Wasser liegt und halb „am Strand“ ruht, hat er mitten in das grünlich schillernde Wasser der Ybbs und einen Menschen hinein gesetzt.

Du siehst das Viereck des Adolf=Hitler=Platzes mit den dir wohlvertrauten Häusern, den beherrschenden Stadtturm, das wie einem Schmuckkasten entnommene Rathaus, die Pfarrkirche, das Schloß. Der Untere Stadtplatz fällt dir in den Blick. Aber was ist das? Das helle Brockl=Haus trägt ja das Posthorn des Gasthauses Röcklinger über dem Torbogen? An seiner ursprünglichen Stelle, dem dunklen Hintergrund „seines“ Hauses, wäre dieses hübsche Wahrzeichen einer gastlichen Stätte nicht voll zur Geltung gekommen - das leuchtende Weiß des Brockl=Hauses kommt ihm dagegen zustatten, hebt seine Formschönheit hervor. In ähnlicher und manch anderer Weise hat Professor Klaus „Anleihen“ aufgenommen, zierende schmiedeeiserne Fensterkörbe und Gittertore, diese Zeugen alter, hochentwickelter Handwerkskunst, in das beste Licht gestellt.
Schaffendes Waidhofen - dazu gehören neben den bereits erwähnten Sensenschmieden die heimkehrenden Holzfäller, gehört der alte, am Türkenmarterl lehnende Jäger, einen Auerhahn in der Hand haltend, gehört die wasserholende Frau am Brunnen und noch vieles andere mehr. Feierndes Waidhofen - davon erzählt in Farben das froh sich tummelnde Volk unter dem Maibaum. Eine Parteifeier ist wirkungsvoll festgehalten. Deutlich erkennst du einzelne stadtbekannte Personen. Echt, natürlich im Gesichtsausdruck, verblüffend echt in ihrer charakteristischen Haltung. Da kehrt ein Urlauber heim. Den linken Arm trägt er in der Binde, die rechte Hand winkt das Willkommen. Ein Hund springt ihm freudig bellend entgegen. Von fernher grüßt der Sonntagberg. Über die Dächer, Kirchturmspitzen, die wie Schwurfinger gen Himmel ragen, die Burg, die Stadt und ihre Umgebung, ihre schaffenden und feiernden Menschen breitet die Sonne segnend ihre Strahlen. Und der Regenbogen malt seine Farben am Himmelsgrund. ...
“ (Bote, 26. Mai 1944)

Die Hakenkreuzfahnen werden in rotweißrote Fahnen umgewandelt
Das schaffende und feiernde Waidhofen“ (1944)
Das Schicksal, welches dieses Bild mit seinen Hakenkreuzfahnen und NS-Uniformen im Mai 1945 erfuhr, beschreibt die Waidhofner Malerin Hildegard Kaltenbrunner so:
„Auf Befehl des sowjetischen Stadtkommandanten von Waidhofen/Ybbs fand ich mich pünktlich im Rathaus ein, und auch Prof. Pauer kam. Der Stadtkommandant führte uns in den Sitzungssaal, wo das Klaus-Bild an der Stirnwand hing. Er sagte, das wäre auf alle Fälle ein Kunstwerk, das er nicht der Zerstörung überlasse, wie es einige Offiziere vorhatten. Er meinte, wir könnten das sicher der neuen Zeit anpassen, was wir bejahten. Wir bekamen die verlangte Leiter, ich holte von daheim Farben und Pinsel und wir stürzten uns in die Arbeit. Das Bild stellt das festliche Waidhofen im Fahnenschmuck dar am 1. Mai. Um den Maibaum im Vordergrund sind Bgm. Zinner und noch einige Herren und eine Gruppe Waidhofner in Tracht versammelt. Klaus und Frau gehen bei einem Tor, das vom Reichsadler mit Hakenkreuz bekrönt war, auf den Festplatz hinein. Ich, der Lehrling, entnazifizierte die Hakenkreuzfahnen, sie flatterten dann lustig rotweißrot. Pauser verpasste den Politikern statt der ockerfarbenen SA Uniform (Bgm. Zinner erkannte man sogar) unschuldige Steirergwandl. Der Reichsadler wurde einfach weggemalt. Als wir weg waren, sah sich der Stadtkommandant unsere Arbeit an und war sehr zufrieden.“ (NÖ Familienalbum Mostviertel,Die Erinnerungen von 1945 - 1955, NÖ Institut für Landeskunde, 2005, S.148)

Die Banner werden immer wieder aufgefrischt
Beim Original im Rathaus … sind alle neunzehn Hakenkreuzfahnen österreichisch übertönt. Ordentlich. Diese Rotweißrot-Malerei hat 1945 nicht PAUSER, sondern eine Waidhofner Kunststudentin besorgt. Mehrmals in den letzten 49 Jahren hat die Blumen- und Porträtmalerin Hilde KALTENBRUNNER-LEUTGEB die Banner wieder aufgefrischt. Immer wenn der rotweißrote Patriotismus auf den Flaggen allzu augenscheinlich von den Hakenkreuzen durchdrungen zu werden drohte, wurde sie von den Stadtvätern gerufen.
(PETRICEK, Gabriele, Unter der blühenden Linde, Die patriotische Übermalung eines Gemäldes in Waidhofen an der Ybbs, in: Kunst und Diktatur, Ausstellungskatalog Künstlerhaus Wien, 1994, Band II, Seite 944 – 949.)

Das jüngste Gericht

Dieser in Waidhofen an der Ybbs gedrehte Film trägt ursprünglich den Titel „Weltuntergang“, kommt aber dann unter dem Titel „Das jüngste Gericht“ in die Kinos. Makaberes Detail am Rande – der Zweite Weltkrieg bricht unmittelbar nach dem Ende der Dreharbeiten zum „Weltuntergang“ am 1. September 1939 aus.

August 1939
Nächste Woche Weltuntergang!
Außenaufnahmen zu einem Filmlustspiel in unserer Stadt. Wie bereits bekannt, wird die Wien=Film=AG. in nächster Zeit in unserer Stadt Außenaufnahmen zu dem Film „Weltuntergang“ drehen. Auf dem Adolf=Hitler=Platz sowie auf dem Unteren Stadtplatz werden größere Filmszenen gedreht und hiefür die entsprechenden Vorbereitungen und Einrichtungen getroffen. Am10. ds. soll mit den Aufnahmen begonnen werden und … Produktionsleiter Franz Antel ist ein fanatischer Anhänger der Freilichtaufnahme und hat in dem jungen Bürgermeister von Waidhofen einen sehr verständigen Helfer gefunden, nicht minder in der ganzen Einwohnerschaft. ... Karl Skraup, Susi Nicoletti, Hans Holt, Luise Kartousch, Richard Waldemar, Kurt v. Lessen und viele andere ostmärkische Schauspieler werden noch mitwirken und dieses dankbare Lustspiel mit dem richtigen warmen Ton erfüllen.“ (Bote, 11. August 1939)

- Weitere Berichte über den Film findet man im Boten vom 25. August 1939: Großfilmaufnahmen in Waidhofen a.d. Ybbs „Das jüngste Gericht“ (genauer Drehbericht) (Bote, 25. August 1939)
- Im Boten vom 26.Jänner 1940 wird über die erste Aufführung in Waidhofen berichtet: „Das Jüngste Gericht“ – Erstaufführung in Waidhofen a.d. Ybbs (Der Film läuft von 30. Jänner bis6. Feburar 1940 im Waidhofner Kino)

Die in den Jahren 1939/40 errichtete Arbeitersiedlung in Reifberg Reifberg bei Waidhofen a. d. Ybbs, N.Oe. (Quelle: Postkarte, P.Ledermann, Wien I, Fleischmarkt 20, 1954, Privatbesitz)
Coverbild der DVD des Filmes „Das jüngste Gericht“ Diese DVD wurde vom Musealverein am Beginn des 21.Jhdts. neu aufgelegt. Vor dem Hintergrund der Stadtpfarrkirche sieht man Susi Nicoletti und Hans Holt.
Gobelinentwürfe für Trausaal der Stadtgemeinde Waidhofen von Prof.Harnisch 1940, unter Bgm. Emmerich Zinner, No 12634
Gobelinentwürfe (Ersatz dzt.Jute) für den Trauungssaal der Stadtgem. Waidhofen/Y. von Prof. Harnisch unter Bgm. Emmerich Zinner 1940
Bgm. Emmerich Zinner 1939 – 1945. Nach dem Rathausumbau in seiner Kanzlei. 1941, No 12651
Gesamtansicht, Bürgermeister Zinner E. Kanzlei. 1941, No 12640
Rathaus: Ansicht vom Freisingerberg 1940-41, No 12636
Rathausumbau 1940-41
Bürgermeisterzimmer: Sitzgruppe. unter Bgm. Emmerich Zinner
Rathaus Gang I.St. 1940, No 12631
Rathausumbau 1941 unter Bgm. Emmerich Zinner, Eingangsgitter I.St., No 12633
Bürgermeisterkanzlei unter Bgm. Emmerich Zinner 1939 – 1945, No 12620
Rathausumbau 1940-41
Das Kino, Eröffnung am 1.Juli 1940 (Quelle: Ansichtskarte, Privatbesitz)
„Das schaffende und feiernde Waidhofen“ (Rathaussitzungssaal Waidhofen/Ybbs) (Reinhold Klaus, 1944)
Quelle: Bote, 29.Dezember 1939
Modell der Stadthalle
Plan für ein Siedlungshaus der Rabenberg=Siedlung (Entwurf und Plan Franz Zajicek) (Quelle: Stadtbrief Nr.3, ohne Jahr, Stadtbibliothek Schloss Rothschild)


Kreisschulungsburg

Die ehemalige Villa Blaimschein oberhalb der Haltestelle Waidhofen/Ybbs Stadt wurde auf Initiative des Waidhofner Bürgermeisters Emmerich Zinner zur Schulungsburg des Kreises Amstetten ausgebaut. Nach Abschluss der Umbauarbeiten wurde sie am 20.12.1939 in Anwesenheit des stellvertretenden Gauleiters Gerland, Kreisleiter Neumayers sowie sämtlicher Ortsgruppenleiter des Kreises Amstetten eröffnet. Sie wurde errichtet, um NS-Funktionäre des Kreises Amstetten zu schulen. Nebenbei erhoffte man sich aber auch eine wirtschaftliche Belebung der Region durch die Besucher dieser Schulungen. Das Gebäude der ehemaligen Schulungsburg ist nach dem Krieg durch Umbauten verändert worden und befindet sich heute in Privatbesitz (Kroisbachstraße1). Das Areal rund um das Gebäude ist in Parzellen aufgeteilt und in eine Wohnsiedlung umgewandelt worden. Die Errichtung der Schulungsburg ist nicht unumstritten und es gibt Gerüchte über das hohe Defizit dieser Einrichtung. Bürgermeister Zinner bestreitet diese Vorwürfe jedoch und führt in der Ratsherrensitzung vom 5. Mai 1941 folgendes Argument an: „Die Schulungsburg wurde errichtet nicht um eine Verzinsung zu erzielen, sondern, dass möglichst viele Leute nach Waidhofen a.d. Ybbs kommen; so würde die beste Propaganda für die Stadt geleistet ...“ In einem Artikel des „Boten“ vom 9. Februar 1940 wird ebenfalls auf die wirtschaftliche Bedeutung der Kreisschulungsburg für die Stadt hingewiesen: „Seit der Schaffung der Kreisschulungsburg hat bereits eine ganze Reihe von Tagungen dort stattgefunden und voll des Lobes sind die Teilnehmer an den Schulungskursen über die Anlage und Einrichtung. Viele Fremde kehren damit in unser Städtchen ein und werden gewiss nur gute Eindrücke von Waidhofen a.d. Y. mitnehmen, was für die Belebung des Verkehrs in unserer Stadt von großer Wichtigkeit ist. Das Werk Bürgermeisters Zinner beginnt auch in dieser Hinsicht bereits Früchte zu tragen.“ (Bote, 9.2.1940) Ende 1944 geht die Schulungsburg dann durch Kauf in den Besitz der NSDAP über.

Eine Beschreibung der Baulichkeiten findet sich in einem Artikel des „Boten“ vom 20. Oktober 1939: „Der in schönster Lage gelegene Besitz Blaimschein, den die Stadtgemeinde erworben hat zur Gestaltung der neuen Kreisschulungsburg, ist im Umbau begriffen. Schon zeigt der Besitz ein wesentlich verändertes Bild im äußeren Rahmen. Eine Reihe von Bäumen wurde gefällt, um die Düsterkeit zu bannen, die die einzelnen Baulichkeiten nicht mehr zur Geltung kommen ließen und heller und freundlicher wirkt jetzt schon die schöne Anlage auf luftiger Anhöhe. Trotz der gerade in Durchführung befindlichen Einrichtungs- und Erneuerungsarbeiten zeigt aber auch das Innere schon die Note, die es in Zukunft tragen wird. Helle, lichte Räume mit wunderbarer Aussicht auf die Stadt und Umgebung und praktische Zweckmäßigkeit in allen Räumlichkeiten, die den Erfordernissen der modernen Zweckanlage in allem entsprechen. Lichte schöne Schlafräume im ersten Stock, im Obergeschoß die Schulungsräume mit den Wohnräumen der Lehrer und unten der Speisesaal und die Küche. Im Gartenhaus wird eine moderne Waschanlage eingerichtet mit Brause= und Wannenbädern. Ihre freien Stunden werden die Teilnehmer an den Schulungskursen in den schönen Gartenanlagen, die Haupt= und Nebengebäude einschließen, verbringen können, in einer Umgebung, die Herz und Sinn erfreut. Samt und sonders: ein schönes Werk ist hier im Entstehen!“ (Bote, 20.10.1939)

Statistische Daten über die Anzahl der Schulungen und die Teilnehmer sind dem „Boten“ vom 17. Nov.1944 zu entnehmen: „Vom Bauernhof zur Schulungsburg. Wie wir erfahren, ging vor wenigen Wochen die Waidhofner Schulungsburg, deren Entstehung der Initiative des Bürgermeisters Zinner zu verdanken ist, durch Kauf in das Eigentum der NSDAP über. Im Dezember 1939 eröffnet, hatte die Schulungsburg bis zum 1. Oktober 1944 eine stattliche Zahl von Schulungen und Lehrgängen in ihren Räumen gesehen. Nicht weniger als 8100 Politische Leiter der Partei und Amtsträger angeschlossener Verbände empfingen in 246 Schulungen nationalsozialistisches Gedankengut und trugen es hinaus in ihre Wirkungskreise. Die Dauer der Lehrgänge umfasste 1084 Tage. Diese Zahlen erhöhten sich unter der Leitung des neuen Verwalters Kreisschulungsleiter Pg. Kienast seit dem 1. Oktober; noch um ein Bedeutendes. Vordem die Villa eines Industriellen, ist das geschmackvoll und doch zweckentsprechend eingerichtete Haus in kurzer Zeit zu einer weit bekannten Stätte nationalsozialistischer Geistesformung und damit zu einem wertvollen Glied im geistigen Aufbauwerk des Führers geworden. ...“ (Bote, 17.11.1944)

Wie Polizeiinspektor Pitzel berichtet, wird gegen Kriegsende hin die Schulungsburg in Waidhofen zur letzten Machtzentrale des NS-Regimes im Kreis Amstetten, da Kreisleiter Hermann Neumayer hier die Wochen vor dem Zusammenbruch verbringt: „Die Bevölkerung, deren überwiegende Mehrheit von dem Wahnwitz der Stadtverteidigung überzeugt war, durchlebte bange Wochen. Der Kreisleiter hielt sich fast ständig hier in der „Schulungsburg“ (Villa Blaimschein) auf, daß sein Starrsinn besonders bei uns sich fühlbar machen konnte. Er hielt, obwohl es schon klar geworden war, daß das Ende in unmittelbarer Nähe ist, noch Appelle ab, in denen er zum Widerstand aufforderte und denen, die schlapp werden, Vernichtung androhte. Daß mit ihm nicht zu spaßen war, bewies er, als der Oberbürgermeister und der amtsführende Bürgermeister von St.Pölten, die ihre Stadt, als es heiß wurde, verlassen hatten, und hier Aufenthalt nehmen wollten, verhaften ließ. Dem ersteren erlaubte er dann die Weiterfahrt nach Westen, der Bürgermeister aber blieb trotz seiner Proteste in Haft.“ (Pitzel, 35)


Bomberabsturz Februar 1944

Von Walter Zambal

Historische Quellen und Augenzeugenberichte zum Absturz eines Bombers der US AIR FORCE am 23. Februar 1944 in St. Leonhard 
Wurde in den Waidhofner Heimatblättern, Jahrgang 1994 abgedruckt. 




Führerkult 

Die Beseitigung der SA-Führung am 30. Juni 1934 („Röhmputsch“) und die Übernahme der Befugnisse des Reichspräsidenten nach dem Tod Hindenburgs stellten eine Art „zweite Machtergreifung“ Hitlers dar. Seine Position als „Führer“ war somit gefestigt und Reichswehr sowie Beamtenschaft leisteten ihren Treueeid nun nicht mehr auf eine abstrakte Verfassung, sondern auf Hitler persönlich. Damit kannte seine Stellung keine formalen Grenzen mehr. Wie Ian Kershaw dazu bemerkt, war Hitlers Führungsgewalt nun „umfassend und total, frei und unabhängig, ausschließlich und unbeschränkt“. (Benz, 29)

In den Waidhofner Quellen wird Hitler von der NS-Propaganda als messianischer Retter des deutschen Volkes gezeichnet, von dem allein Erlösung und Sieg des deutschen Volkes kommen würde. In der Sprache der Waidhofner NSDAP-Propagandisten finden sich zunehmend Begriffe aus dem Bereich der Religion und der Mythologie. - So endet der Leitartikel im „Boten“ vom 22. April 1939 anlässlich seines 50. Geburtstages mit den folgenden Worten: „Wir können es verstehen, dass jener jüdisch=demokratisch=freimaurerische Klüngel, dessen Zielstreben heute ein gewaltiger Damm entgegengesetzt ist, unseren Führer nicht liebt. Umso mehr aber lieben wir ihn und wollen ihm folgen immerfort mit der Kraft, die aus unendlicher Liebe strömt. Inniger noch flehen wir am 50. Jahrestag der Geburt des größten Deutschen: „Gott erhalte uns den Führer!“ (Bote, 22.4.1939)

Die folgenden Beispiele stammen alle aus dem Waidhofner Lokalblatt „Bote von der Ybbs“. Sie wurden verwendet, um den Führer oder die Beziehung seiner Anhänger zu ihm zu beschreiben. Hitler wird u.a. bezeichnet als:

der, dem wir durch Tod und Teufel folgen
der, der in uns den Glauben machtvoll erweckt
der, der uns den Weg weist
der die Fesseln zerriss
der Führer, der schützt und schirmt gegen die Mächte der Finsternis
der Führer, über den die  Vorsehung schützend  die Hand hält
der, für den wir zu streiten und sterben bereit sind
der geliebte Führer
der genialste Gestalter der jahrtausendealten Sehnsucht aller Deutscher
der größte Deutsche aller Zeiten
der Schöpfer Großdeutschlands
die große ewige Kraftquelle
die Sonne, deren Licht über ein ewiges Deutschland leuchtet
Glanz von der Höhe
leuchtende Sonnenpracht
Schutzherr der Familie
Siegfried des neuen Deutschland
unantastbares Heiligtum
unser herrlicher Führer

Folgende Hauptwörter und Eigenschaftswörter, die sonst vorwiegend in religiösen Kontexten zu finden sind, scheinen in der NS-Propaganda rund um den Führer auf:

Wunder Glaube Kraftquelle gläubig machtvoll

Frömmigkeit Vorsehung innig heilig(st) schützend

Wiedergeburt Erkenntnis heißgeliebt inbrünstig leuchtend

Heiligtum Schöpfer ehrfurchtsvoll ewig unantastbar

In einem Artikel Bürgermeister Emmerich Zinners zur Sonnenwende aus dem Boten vom 23. Juni 1939 gipfelt der Kult rund um den Führer in der Gleichsetzung Hitlers mit der Sonne: „ ... So wandert das Volk aus der Fremde des Internationalismus zur Vaterlandsliebe, aus dem Betrug des klassenkämpferischen Marxismus zum deutschen Sozialismus, aus der Fremde der Arbeitslosigkeit in die Heimat deutscher Arbeit, aus der Bequemlichkeit und dem Genießertum zum pflichterfüllten Kampfeswillen, aus dem Käfig des nur nüchternen Intellektualismus in die gotischen Tempel deutschen Gefühls und deutschen Charakters, aus der Wüste der Gottesleugnung und der Wirrsal der Konfessionen in die Heimat innerlicher deutscher Frömmigkeit. ... Werfen wir alles Spießerische, alles Kleine, alles Nein in die lohenden Flammen und lassen wir das Große, das Heldische, das Ja in uns brennen! Wir wollen die Lüge für immer auslöschen und der Wahrheit zum Licht verhelfen. Der Glanz von der Höhe soll in die Finsternis des Tales dringen, das Licht der Erkenntnis soll in die Schatten der Nacht hineingetragen werden. Wir haben ja wieder eine Sonne, sie heißt Adolf Hitler und sein Licht leuchtet über ein ewiges Deutschland!“ (23.6.1939)

Im Jahr 1939 bittet die Stadtgemeinde Waidhofen an der Ybbs den Führer „um Annahme der Ehrenbürgerschaft“, welche Hitler mit Schreiben vom 25.7.1939 auch annimmt. Die Veröffentlichung dieses Schreibens erfolgt im Boten, Ausgabe 17.11.1939.

Auch die Waidhofner Dichter stellen sich in den Dienst der NS-Propaganda, wie die folgenden Ausschnitte aus Gedichten von Karl Pschorn und Edi Freunthaller zeigen. Der Führer wird darin als Retter gesehen, der das Volk kurz vor dem Untergang aus der Finsternis in die Höhe reißt sowie als „Erwecker des Glaubens“, mit dessen Hilfe das Volk „des Reiches heiligen Dom“ errichten wird:

Neugs Jahr!
Oa Jahr is in der Ewigkeit -
a Stäuberl Staub. Heunt aber, Leut,
heunt wägt an oanzigs Jahr so schwaa,
als obs a ganz’s Jahrhundert waa!
A Volk in Elend, ztreten, zhaut,
des was si nix mehr zhoffa traut,
reißt oa Mensch grad no vorn Vergeh
aus seiner Finstern gaach in d’Heh:
Enstrümmer Stoamäu legt er um,
de Kedna sprengt er Trumm für Trumm,
was hoam ghört zweiderst ein und aus,
des holt er hoam ins Vadernhaus,
und’s Vadernhaus, des baut er her,
frei daß d’as völli neammermehr
dakenna magst! - Und da, es Leut,
da steht der Haß auf und der Neid
und wird koa Ruah, bis s’ins auf d’Letzt
in rodn Hahn aufs Dach hand gsetzt.
Alts Jahr, pfüat God! Neugs Jahr, ziag ein!
Du - wirst wohl no viel schwaarer sein
als’s aldi gwen is! - In Godsnam!
Kimmts wiadawöll, mir halten zsamm
für inser ewigs heiligs Recht!
Ha! Liaber hi sein als wia a Knecht!

Karl Pschorn
(Bote, 5.Jänner 1940)

Heitere und ernste Reime zum Jahresende 1943

... Die Stunden verrannen, die Zeit verging,
Es schließt sich von neuem des Jahres Ring,
Nun laßt uns die Male bekränzen,
Das Bild des Soldaten in jedem Haus,
Der tapfer und treu den feindlichen Graus
Fernhielt von unseren Grenzen.
Und schließet die Hände zum ehernen Bunde
In schicksalsschwerer, geschichtlicher Stunde,
Soldaten der Heimat, Soldaten der Front!
Hinein in den Ring, die noch zögern und säumen,
Sich wiegen in dumpfen, törichten Träumen!
Begreift, daß nur Treue und Eingkeit lohnt!
Es wird wieder Frühling, es drängt die Saat
Empor an das Licht und der Erntetag naht
Und krönet mit Gold unsern Glauben,
Den immer der Führer uns machtvoll erweckt,
Den nie uns die Lüge des Feindes verschreckt,
Ihn kann uns kein Teufel mehr rauben.
Treu, einig und Glauben! Das wird uns einst lohnen.
Dann rauscht uns der Siegfreude zaubrischer Bronnen, ...
Dann stellen wir Reihen geschlossen und dicht
Und rufen sie auf zu erneuter Pflicht
Und fassen die Spaten als Waffen
und graben und werken und schaffen
Und bauen uns schöner als je zuvor
Des Reiches heiligen Dom empor.

Edi Freunthaller
(Bote, 30. Dezember 1943)

Wie der Geburtstag des Führers in Waidhofen gefeiert wurde, kann man in der Ausgabe des „Boten“ vom 25. April 1941 nachlesen: „Führer=Geburtstag. Am Morgen des Geburtstages unseres Führers leuchtete von allen Giebeln der Stadt das Rot der Hakenkreuzfahnen und eine festlich gestimmte Menge erwartete auf dem Adolf=Hitler=Platz den Aufmarsch der Gliederungen und Formationen. Vom Aufstellungsplatz aus marschierten die Kolonnen um 9Uhr vormittags unter Fanfaren= und Trommelklang durch das Ybbstor und nahmen in einem großen Viereck vor dem Rathaus Aufstellung. In einer würdigen Feierstunde,die von Liedern und Sprechchören der Jugend umrahmt war, gedachte die NSDAP und mit ihr die Bevölkerung unserer Stadt des größten Deutschen aller Zeiten. Die Lieder der Nation bekräftigten aufs Neue das Gelöbnis unwandelbarer Treue als des Volkes schönstes Geburtstagsgeschenk für den geliebten Führer. In langem Zug marschierten sodann die Gliederungen und Formationen zurück zum Aufstellungsplatz, wo sie sich auflösten.“ (Bote, 25.4.1941)

Die Tatsache, dass Hitler nach dem Attentat am 20. Juli 1944 unverletzt blieb, ließ die NS-Propagandisten den Schluss ziehen, dass die „Vorsehung“ ihre schützende Hand über Hitler halte. Kreisleiter Neumayer sagte anlässlich eines Generalappells der Waidhofner NSDAP - Ortsgruppen am 7. August 1944 folgendes: „Die verbrecherische Tat einer Handvoll pflichtvergessener Lumpen zwingt uns zur Konsequenz, überall dort, wo sich auch nur ein Finger zur Sabotage rührt, scharf zuzugreifen. ... Indem die Vorsehung schützend die Hand über den Führer hält, erwächst für uns daraus die Verpflichtung, in tiefer Gläubigkeit und fanatischem Kampfeswillen auf dem Weg weiterzuschreiten, den uns der Führer weist. Harte Zeiten und gewaltige Aufgaben stehen uns bevor, doch in blindem Glauben an den Sieg werden wir sie ebenso meistern wie in der Zeit des Kampfes um die Einigung des Volkes. ...“ (Bote, 11. August 1944)

Die Rivalität zwischen Hitler als messianischem Retter des deutschen Volkes und dem christlichen Messias wird bei einer Schulinspektion in der Windhager Volksschule im Jahr 1944 klar ersichtlich. Es stellt sich die Frage, ob Führerbild oder Kruzifix in der Mitte der Tafelwand hängen soll: „Bei einer Inspektion des Schulgebäudes in Windhag fiel dem kritischen Auge des Landesschulinspektors auf: „Das Kruzifix, das in der Mitte der Tafelwand hängt, muß nun in die Ecke (Herrgottswinkel), das Führerbild muß durch ein größeres, womöglich farbiges Bild, ersetzt werden.“ (Überlacker, Windhag, S.74.)

Auch in den letzten Kriegstagen funktioniert die NS-Propaganda noch perfekt: Der Selbstmord Hitlers am 30. April 1945 wird verschwiegen und der Verfasser der Zeller Schulchronik erhält die Information, dass Hitler „in der Reichskanzlei gefallen sei.“ - So wird sogar über Hitlers Tod hinaus versucht, den Führermythos aufrechtzuerhalten. Es wird der Eindruck erweckt, Hitler sei im Kampf gegen die Feinde Deutschlands ums Leben gekommen:
Am 1. Mai nachmittag ist Adolf Hitler in der Reichskanzlei gefallen. - Was er für das deutsche Volk bedeutete, kann der Chronist heute noch nicht übersehen. Dies bleibt einer richtenden Geschichtsschreibung überlassen. Heute flucht ihm sein Volk.“ (Zeller Schulchronik, Mai 1945)

Dankschreiben Hitlers anlässlich der Verleihung des Ehrenbürgerrechtes (Bote, 17.11.1939)
Dankschreiben Hitlers anlässlich der Verleihung des Ehrenbürgerrechtes (Bote, 17.11.1939)
Gedicht auf Adolf Hitler vom 14.März 1938 (Bote, 18.März 1938)
Einstimmiger Widerruf von Hitlers Ehrenbürgerschaft im Gemeinderat (Tips, Ybbstal, 22.Woche 2011, S.16.)

Hochrangige NS-Vertreter

Polizeiinspektor Pitzel schreibt in seinem „Rückblick“ aus dem Jahr 1950 folgendes: „Vor Alwers (richtig: Alpers) hatte der Reichsminister Speer mehrere Wochen in Atschreith verbracht. Man sieht, unsere Gegend übte eine große Anziehungskraft auf die Größen des Reiches aus. Auch der bekannte General Guderian weilte öfters hier.“ (Pitzel, S.27) Vor allem die enteigneten Rothschildschen Besitzungen - das Schloss in Waidhofen sowie die Forsthäuser in Atschreith und Steinbach bei Göstling - wurden von hochrangigen Nationalsozialisten sowie deren Familien immer wieder für Urlaube bzw. gegen Kriegsende als Zufluchtsorte genützt. - Der Aufenthalt folgender Personen ist nachweisbar:

Alpers
Die Familie des Reichsforstmeisters Friedrich Alpers (geb.1901) erwählte gegen Kriegsende das Jagdschloß Atschreith als Zufluchtstätte. - Pitzel bemerkt dazu: „Seine Frau ging wahrlich nicht mit gutem Beispiel voran und führte einen Aufwand, der andere ins KZ gebracht hätte. Fast täglich mußte das Pferdefuhrwerk der Forstverwaltung nach Atschreith, um die Kinder spazieren zu fahren, die Frau ließ sich wöchentlich zweimal mit dem Auto zum Friseur führen - die Ärzte und die Rettungsstelle vom Roten Kreuz hatten keine Auto mehr - Lebensmittel, Wein und Obst in Massen wurden wöchentlich mehrmals mit dem Luxusauto aus Wien oder der Wachau geholt. Kein Wunder, daß in der Nachbarschaft dieser wertvollen Familie Empörung herrschte.“ (Pitzel, S.27)

Brunner
Der berüchtigte Leiter des Judenreferats, Alois Brunner (Brunner I), kam öfter nach Waidhofen, um das von der SS betriebene Judenlager Sandhof in Windhag zu inspizieren und zeigte sich, wie aus einem Artikel im „Boten“ vom 13. Dezember 1946 hervorgeht, mit der Tätigkeit des SS-Unterscharführers Walcher sehr zufrieden. Alois Brunner (geb.1912) ist einer der Hauptmitarbeiter Adolf Eichmanns und maßgeblich an der Deportation österreichischer Juden beteiligt. Es gelingt ihm, nach dem Krieg unter falschem Namen in Deutschland unterzukommen. 1954 gelingt ihm die Flucht nach Syrien, wo er unter dem Namen Dr. Georg Fischer lebt. 1985 gibt er der Zeitschrift „Bunte“ ein Interview in dem er betont: „Israel wird mich nie bekommen.“  Er sagt weiters, dass er mit seinem Leben zufrieden sei und er würde, bestünde die Möglichkeit, alles noch einmal so machen. Er sei stolz darauf, dass er geholfen hat „dieses Dreckszeug wegzuschaffen.“ 

Eichmann
Laut Angabe von Zeitzeugen soll Adolf Eichmann im Sommer 1939 nach Waidhofen gekommen sein, um im damaligen Gasthaus Stumfohl den Vertrag betreffend des Neuaufbaues des Lagers Sandhof mit der Baufirma Schrey zu unterzeichnen. Es handelte sich dabei um ein sogenanntes „Umschulungslager“ für vorwiegend aus Wien stammende Österreicher jüdischer Abstammung. Sie sollten dort auf Landwirtschaft umgeschult und dann nach Palästina abgeschoben werden. Eichmann war zentraler Organisator der Judendeportationen aus dem NS-Machtbereich und der „Endlösung“. 1946 gelingt ihm die Flucht aus US-Gefangenschaft nach Argentinien. Später wird er vom israelischen Geheimdienst nach Israel entführt und dort nach einem Prozess (2.4. - 11.12.1961) zum Tode verurteilt und hingerichtet. (Benz, 832)


Guderian
Laut Pitzel weilte General Guderian öfters in Waidhofen bzw. im ehemaligen rothschildschen Jagdhaus in Steinbach (Göstling). - Über einen dieser Besuche berichtet Bürgermeister Emmerich Zinner in seinen Aufzeichnungen „Interessante Besuche und Begegnungen in der Zeit des zweiten Weltkrieges“ sehr ausführlich (siehe Anhang 1). General Heinz Guderian (1888 – 1954) marschierte am 12. März 1938 im Rahmen des „Anschlusses“ mit Panzerverbänden in Österreich ein. Weiters ist er 1940 am Vorstoß durch die Ardennen, beim Überfall auf die Sowjetunion und vielen weiteren Einsätzen an der Ostfront beteiligt. Im Juli 1944 wird Guderian Chef des Generalstabes, am 28. März 1945 jedoch nach schweren Auseinandersetzungen mit Hitler - Guderian drängte auf einen separaten Waffenstillstand mit den Westmächten - verabschiedet. 1945 - 1948 war er in amerikanischer Kriegsgefangenschaft und 1951 erschienen seine Memoiren „Erinnerungen eines Soldaten“.

Hierl
Laut Pitzel verlegte der Reichsarbeitsdienstführer Konstantin Hierl im Jahr 1944 sein Hauptquartier nach Waidhofen ins Schloss. Für den Minister wurde im Schlossturm im untersten Geschoß ein bombensicherer Luftschutzraum eingebaut. Wie die Zeller Schulchronik im März 1945 vermerkt, erhält Hierl anlässlich seines 70. Geburtstages „aus der Hand des Führers den höchsten Orden, den das Reich verteilen kann.“ Konstantin Hierl (1875 - 1955) wurde 1933 Staatssekretär im Reichsarbeitsministerium und Beauftragter des Führers für den Reichsarbeitsdienst. 1935 erhielt er den Titel „Reichsarbeitsführer“. 1943 wurde er Reichsminister und 1945 als einer der Hauptschuldigen eingestuft. Er wurde mit fünf Jahren Arbeitslager und Einzug des halben Vermögens bestraft. Nach seiner Entlassung war er weiter als völkischer Publizist und Propagandist tätig. (Benz, 845)

Jury
Der Gauleiter von Niederdonau, der Lungenfacharzt Dr. Hugo Jury (Gauleiter von 1938 bis 1945) besuchte wiederholt Waidhofen (z.B. Kreisappell am 14. März 1940, Ansprache vor den politischen Leitern im Kinosaal am 31. Oktober 1942). - Er beging am 9. Mai 1945 in Zwettl Selbstmord. 

Neumayer
Kreisleiter Hermann Neumayer (1907 - 1945) war von Juni 1938 bis Mai 1945 Kreisleiter von Amstetten. Er hielt sich häufig in Waidhofen, vor allem in der Schulungsburg in der ehemaligen Blaimscheinvilla, auf. Polizeiinspektor Pitzel beschreibt ihn als einen Menschen, der „ob seines brutalen Wesens und seiner Vorliebe für Alkohol, allmählich auch in weiten Kreisen der Parteigenossen an Ansehen verlor“. (Pitzel, S.4)
Neumayer verbrachte auch die letzten Kriegstage in der Stadt und beging am 8. Mai 1945 nach seiner Gefangennahme im Waidhofner Rathaus Selbstmord. Folgender Bericht darüber stammt aus dem „Rückblick“ Polizeiinspektor Pitzels: „Der Kreisleiter war, wie schon angeführt, in der Bürgermeisterkanzlei festgehalten worden und befand sich allein in derselben. Die Sekretärin des Bürgermeisters war im Vorzimmer verblieben. Sie hatte gehört, dass der Kreisleiter ununterbrochen im Zimmer auf und ab ging. Als dann längere Zeit seine Schritte nicht zu hören waren, öffnete sie die Türe zur Bürgermeisterkanzlei und sah den Kreisleiter am Boden liegen. Durch das Haustelefon setzte sie mich von dem Vorfalle in Kenntnis und ich fand Neumayer auf dem Teppich in einer großen Blutlache liegend, mit einem Kopfschuss tot auf. Die Pistole lag neben ihm. Er hatte sich selbst gerichtet! Merkwürdig war, dass die Detonation des Schusses weder von der Sekretärin noch von den beiden Posten gehört worden war.“ (Pitzel, 41)

Porsche
Ferdinand Porsche (1875-1951) kam im Kriegsjahr 1943 gemeinsam mit  Rüstungsminister Albert Speer und einigen hohen Offizieren nach einer Besichtigung der Nibelungenwerke in St. Valentin zu einer Arbeitsbesprechung nach Atschreith. Die Organisation dieses Treffens im ehemaligen rothschildschen Jagdhaus übernahm der damalige Bürgermeister Zinner. Ein ausführlicher Bericht über dieses Treffen findet sich in Bürgermeister Emmerich Zinners Aufzeichnungen „Interessante Besuche und Begegnungen in der Zeit des zweiten Weltkrieges“. Das oben erwähnte Nibelungenwerk in St. Valentin - Herzograd wurde durch eine Nebenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen mit Arbeitskräften versorgt. Die Häftlinge arbeiteten in der Panzerproduktion sowie an der Wartung der Panzerstrecke. Viele starben an Erschöpfung, unmenschlicher Behandlung oder wurden zur Ermordung ins KZ Mauthausen gebracht.
Neben dem KZ-Lager existierten in St. Valentin auch noch andere Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager mit insgesamt 15.000 Insassen. Der Höchststand des KZ-Nebenlagers betrug 1.480. 

Rendulic
In den letzten Kriegstagen wurde das Hauptquartier der Heeresgruppe Süd-Ost des Generalobersten Lothar Rendulic (1887 - 1971) ins Waidhofner Schloss verlegt. Dort wurden auch die Kapitulationsverhandlungen mit den Amerikanern eingeleitet. Rendulic wurde in Nürnberg im Rahmen der Anklage gegen die Südost Generale wegen der Anklagepunkte Massenmord, Plünderung, Raub, völkerrechtswidrige Hinrichtungen, Zwangsarbeit und Deportation zu Sklavenarbeit zu 20 Jahren Haft verurteilt. 1951 wurde diese Strafe in 10 Jahre Haft umgewandelt.
Rendulic war bis zu seinem Tod am 18.1.1971 in Eferding (O.Ö.) publizistisch tätig.

Scholtz-Klink
Am 3. April 1938 fand am Unteren Stadtplatz eine Großkundgebung statt, in der die “Botin des großen Führers Adolf Hitler” Reichsfrauenschaftsführerin Gertrud Scholtz-Klink eine Ansprache vom Balkon des Hauses Weigend (Unterer Stadtplatz 19) hielt. Gertrud Scholtz-Klink (1902 - 1999)  wurde 1930 Leiterin der NS-Frauenschaft und erhielt im Nov.1934 den Titel „Reichsfrauenführerin“. In Spruchkammerverfahren wurde sie 1950 als Hauptbelastete eingestuft und mit Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte bestraft. In ihren Memoiren (1978) werden die nationalsozialistischen Ideen von ihr nach wie vor positiv bewertet. (Benz, 879)

Speer
Bereits im Jahr 1943 kam Reichsminister Albert Speer gemeinsam mit Ferdinand Porsche auf einen Kurzbesuch nach Waidhofen-Atschreith (siehe Bericht über Ferdinand Porsche.) Im Sommer desselben Jahres verbrachte seine Familie einige Wochen in Atschreith und auch gegen Kriegsende verbrachte er mehrere Wochen im dortigen Forsthause. 
Albert Speer (1905 - 1981) wurde zum ausführenden Organ von Hitlers gigantomanischen architektonischen Herrschaftsphantasien (Welthauptstadt Germania). Im Februar 1942 wurde er Reichsminister für Bewaffnung und Munition. Unter ihm kam es zur Ankurbelung der Rüstung zu immer neuen Höchstleistungen unter immer schlechteren Bedingungen. Im März 1945 sabotierte er Hitlers Nero-Befehl (Verbrannte-Erde-Befehl) aus Einsicht in dessen Sinnlosigkeit angesichts des verlorenen Krieges. In Nürnberg war er neben Schirach und teilw. Frank einer jener NS-Politiker, der Schuld eingestand. Er wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt und starb 1981 in London. (Benz, 883)

Erziehung und Schule

Nach dem Anschluss wird sämtliche bisher bestehende Jugendarbeit verboten. In Waidhofen sind dies die Pfadfinder, der Katholische Gesellenverein sowie die Jugendbetreuung durch die Salesianer. Auch die Schwestern des Klosterkindergartens müssen ihre Arbeit einstellen und an ihre Stelle treten vom Staat eingesetzte Kindergärtnerinnen. Die HJ („Hitler-Jugend“) ist ab nun neben Elternhaus und Schule die einzige Erziehungsinstitution im NS-Staat. Das „Deutsche Jungvolk“ (Pimpfe) erfasst die Jungen von 10 – 14 Jahren. Die eigentliche „HJ“ umfasst die Jungen von 14 – 18 Jahren. Der „Jungmädelbund“ (JM) in der HJ erfasst die Mädchen von 10 – 14 Jahren, der „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) die Mädchen und jungen Frauen von 14 – 21 Jahren. Die 17 – 21jährigen werden zur geschlechtsspezifischen Erziehung im nationalsozialistischem Sinne gesondert im BDM-Werk „Glaube und Schönheit“ gesammelt.

In der HJ wird vor allem die Erziehung zur Gewalttätigkeit als Vorbereitung auf die soldatische Ausbildung propagiert. Verletzungen bei den Kampfspielen werden verharmlost und Kritiker als „Spießer“ hingestellt. In der Lokalzeitung „Bote von der Ybbs“ erscheinen wiederholt Artikel wie der folgende vom 2. Dezember 1938. Darin werden Menschen, die der Verherrlichung der Gewalt kritisch gegenüberstehen, als „jammernde Spießer“ lächerlich gemacht: „Das Herrlichste im Leben eines Pimpfes ist eine Woche Lagerleben... Unbeweglich vor dem Lager steht der Doppelposten mit den glänzenden Speeren. Doch, der linke Posten - schau den Kerl an! Hat der nicht ein blaues Auge? Ja, natürlich, ganz violett verschwollen ist es, fast geschlossen, nur durch einen schmalen Spalt blinzelt sein Auge. „Ach Gott, der arme Kerl!“ höre ich bedauernd eine ängstliche Mutter sagen. Aber er sieht gar nicht so arm aus und kommt sich auch gar nicht arm vor. Und wenn du ihn fragst, woher er das blaue Auge habe, so wird er dir stolz ein Wort zur Antwort geben: „Boxen!“ ... Und wenn du dem Kampf selbst beiwohnst, dann wirst du auch hin und wieder einen Jungen sehen, dem ein helles rotes Bächlein aus der Nase läuft. Nie aber wirst du ein Wort der Klage hören oder gar eine Träne sehen. Immer nur begeistert und angriffslustig blitzende Augen, begeisterte und angriffslustige gesunde Kerle. Boxen ist der Sport, den uns der Führer empfiehlt und der uns stählt und stärkt, der unser Auge und unsere Sinne schärft und der uns stark macht im Schlagen und im Nehmen. Wir sind begeistert von diesem Sport, der schon längst unsere Herzen erobert hat. Deutsche Jugend, stähle dich! Lass die Spießer jammern: “Pfui, wie roh!“ (Bote, 2.12.1938)

Diesem NS-Propagandaartikel sei ein Artikel aus der Nachkriegszeit gegenübergestellt, in dem ein Waidhofner ein ganz anderes Bild zeichnet. Als er im Oktober 1946 am Waidhofner Sportplatz vorbeigeht, kommen ihm folgende Gedanken: „Die Hitlerjugend, unseligen Andenkens, gab dort ein Vorspiel für den Krieg. Gleichaltrige, 12- und 13jährige Buben, sich mit kühnem Schwung die Pelerine umwerfend, geboten über ihre Kameraden, sie fühlten sich selbst als General. Der so schreckliche Machttrieb des Kindes konnte sich bis zum Sadismus ausleben. Ich sah 10- bis 11jährige, von den Entbehrungen des Krieges ohnehin geschwächt, auf Kommando dieser Unteroffiziere in spe Auf- und Niedermachen, Laufschritt und oft und oft um den ganzen Spielplatz herum laufen. Ich sah so kleine Buben, die nicht mehr weiter konnten, weinen, sie getrauten sich nicht auszutreten, denn ihre Peiniger meldeten das in der Schule und die Strafe folgte in vielerlei Formen. Die Gesundheit dieser Kinder war aufs höchste gefährdet, sie wurden nur aus der Perspektive des künftigen Kanonenfutters betrachtet. Der Spuk ist vorbei! Nie vergessen, wie schrecklich diese Zeit war und nie mehr wollen wir sie erleben! ...“ (Bote, 4. Okt. 1946)

Die HJ kommt auch in Waidhofen immer wieder mit der Schule in Konflikt, da sie die Schüler zeitlich sehr in Anspruch nimmt, und so weniger Zeit fürs Lernen bleibt. Diese Problematik kommt im Jahresbericht 1939/40 des Gymnasiums, damals „Staatliche Oberschule für Jungen“,  zur Sprache: „... Oft taucht die Frage auf - von Jungen und Erwachsenen wird sie immer wieder gestellt -, was da wohl wichtiger ist, die gute Leistung und der volle Einsatz in der Schule oder in der HJ. Die einzige richtige Antwort darauf heißt: beides! Einen Jungen, der in der Schule etwas taugt, sich aber aus der großen Erziehungsgemeinschaft der Hitler=Jugend ausschließt, kann das neue Deutschland genau so wenig brauchen wie einen Jungen, der wohl seinen HJ.=Dienst eifrig macht, in der Schule aber ganz versagt. Die doppelte Kraft muß jeder einsetzen, um da und dort Gutes zu leisten, um Haltung und Können zu erreichen. ... In der HJ. sind ... alle beisammen, sind alle Kameraden, ob Lehrbub, Arbeiter oder Oberschüler. ... Das Leben aller unserer Jungen muß heute aber auch soldatisch ausgerichtet sein. Wir brauchen auch für die Zukunft eine starke deutsche Wehrmacht und ein tüchtiges, einsatzbereites Volk. Die Grundmauern für diese soldatisch ausgerichteten kommenden Generationen werden an jedem Jungen in der HJ. gebaut. Gleichgültig welchen Beruf er später ergreift, wenn es die Zeit einmal verlangt, muß er auch als Soldat für sein Deutschland einstehen können. ...“

Kirchliche Feiern im Rahmen des Schuljahres werden abgeschafft und ab dem Schuljahr 1939/40 gibt es in den Schulen keinen Religionsunterricht mehr. Wie der Schulbeginn im NS-Staat gefeiert wird, geht aus einer Eintragung in der Windhager Schulchronik hervor: „Seit dem ‚Umbruch’ wurde der Schulbeginn mit einer Morgenfeier beim Fahnenmast in feierlicher Weise eingeleitet und zwar mit Lied während Flaggenhissung, Ansprache des Schulleiters, dreifaches Sieg Heil auf den Führer und Absingen der Nationalhymnen.“

Die Feier des Geburtstages des Führers am 20. April wird auch in den Schulen zu einem jährlich wiederkehrenden Ritual. Die erste Feier im Jahr 1938 findet für die Volks=und Hauptschule in dem von den Nationalsozialisten beschlagnahmten und für diesen Anlass „festlich geschmückten“ Salesianersaal statt. Für die Windhager Volksschule kann nachgewiesen werden, dass die Kinder in Sonntagskleidung zu Hitlers Geburtstag in der Schule erscheinen mussten. Der Führerkult nimmt zum Teil extreme Formen an. So berichtet ein Waidhofner Zeitzeuge über eine seiner Hauptschullehrerinnen, dass diese zu Tränen gerührt war, weil sie die Hand des Führers berühren durfte, als dieser Linz besuchte. Die Schüler waren alle ganz still und betreten, als sie ihre Lehrerin in der Klasse weinen sahen. Was sich in der Schule sonst noch ändert, zeigt ein Artikel über den Neuaufbau der Schule durch den Nationalsozialismus im Jahresbericht der Staatlichen Oberschule für Jungen, dem heutigen Bundesrealgymnasium, aus dem Jahr 1939:

- Anbringung von Führerbildern in allen Klassenräumen

- Einführung des deutschen Grußes

- Einforderung des Abstammungsnachweises von Lehrern und Schülern

- Den Schülern wird die Abmeldung vom Religionsunterricht nahegelegt

- Die Lehrer= und Schülerbüchereien werden von allen jenen Büchern gesäubert, die dem Geiste des Nationalsozialismus entgegenstehen (= jüdische, marxistische, pazifistische, paneuropäische, freimaurerische Bücher sowie Schriften im separatistischen Geiste des „österreichischen Menschen“ )

- Werke der nationalsozialistischen Literatur werden angekauft 

- Das Stiftsgymnasium in Seitenstetten wird aufgelöst und die Waidhofner Oberschule wird zur Rechtsnachfolgerin des Stiftsgymnasiums

Stellvertretend für die vielen an die Jugend gerichteten Propagandaartikel im „Boten“ sei folgender Aufruf an die 10 bis 14-jährigen vom 3.März 1939 erwähnt. Ähnlich wie bei all den übrigen Artikeln stehen auch hier der Führerkult sowie die Verherrlichung des Soldatentums im Vordergrund: „Wo früher schon im jüngsten Alter die Klassengegensätze aufeinander prallten und eine verhetzte Politik der Jugend alle Ideale, jedes nationale oder soziale Denken nahm, steht heute eine disziplinierte Millionengefolgschaft, die bis zum letzten Pimpfen von einem Glauben beseelt ist: Vom Glauben an Adolf Hitler und Großdeutschland!

Wenn die Landknechtstrommeln wuchtig durch die Straßen dröhnen und hinter den schwarzen Fahnen die jüngsten Soldaten des Führers einhermarschieren, dann liest man aus ihren Augen die Worte: Jungvolkjungen sind hart, schweigsam und treu! ... So ruft das deutsche Jungvolk alle Zehn= bis Vierzehnjährigen in der deutschen Ostmark auf, in ihrer Gemeinschaft mitzuarbeiten, richtige deutsche Jungen zu werden und dem Führer zu folgen. Deutscher Junge - werde Pimpf!“

Gegen Kriegsende hin richten sich die Durchhalteparolen natürlich auch an die Jugend, und obwohl ein Ende des Krieges schon absehbar ist, hält Gauleiter Jury im Mai 1944 anlässlich des Jugendtreffens des Bannes 518 Amstetten am Oberen Stadtplatz folgende Rede. Sie ist in der Ausgabe des „Boten“ vom 12. Mai 1944 abgedruckt: „Wir wollen hart sein und durchhalten! Dieser Forderung darf und kann sich niemand entziehen. Nichts gibt uns die Veranlassung oder die Berechtigung, jemals in unserem Glauben an den Sieg irre oder schwankend zu werden. Blicken wir stets voll Vertrauen zum Führer empor, der in der Kampfzeit und im bisherigen Verlauf des Krieges noch mit jeder Schwierigkeit fertig geworden ist. Um ihn scharen sich zu jeder Stunde des Tages seine Soldaten. In blindem Vertrauen zu ihm führen sie ihre Waffen, halten sie Wacht, kämpfen sie, schlagen sie ihre Schlachten. Sie wissen den Führer über sich und die Heimat in ehern geschlossener Front hinter sich. Dieses Vertrauen dürfen und wollen wir nie enttäuschen. Nein, es ist schon so: „Wir haben viele Sorgen, nur die eine Sorge, daß wir den Krieg verlieren können, haben wir nicht!“ Diese Gewißheit als neue Kraftquelle im Herzen, begab sich jeder Teilnehmer an dieser Kundgebung nach Hause.“ 

Der Schulunterricht kann gegen Kriegsende wegen der immer häufiger werdenden Bombenalarme nur mehr sehr unregelmäßig erfolgen. Die Beschlagnahme der Kohlenvorräte in den Schulen so wie die Verwendung der Schulgebäude als Lazarette führt dann in den letzten Kriegswochen zum völligen Erliegen des Unterrichtes. Dass manche NS-Stellen gegen Kriegsende sogar noch den Einsatz von 14- und 15-jährigen Kindern zum Kampf gegen die Rote Armee in Erwägung zogen, zeigt die Aussage eines Zeitzeugen. Er war im Frühjahr 1945 gerade erst 14 Jahre alt: „Im Februar oder März 1945 erhielten meine Eltern ein Schreiben, in dem stand, dass ich mich mit einem Rucksack, Proviant, Handtuch und Seife in der Zeller Volksschule einzufinden hätte. Wir verbrachten dort zwei Tage und Nächte, ohne dass etwas Nennenswertes geschehen wäre. Dann erschien eine (vermutlich höhergestellte) Person, die dem Sinn nach sagte: "Sad’s deppat! Laßt’s doch de Buam hamgehn!’ - Daraufhin kam ich wieder nach Hause zurück.“

Der Verfasser der Zeller Schulchronik übt am 2. Mai 1945 Kritik an der Erziehung der Jugend durch den NS-Staat. Er kommt zu der späten Einsicht, dass die Erziehung wieder in die Hände von Eltern und Lehrern zurückgegeben werden sollte: „Es war ein Unding und grober Fehler, die Jugend jungen Burschen und Mädchen zu übergeben, die selbst noch unreif waren u. oft der Erziehung noch dringend bedurft hätten. Dann dazu die häufige Absenz vom Unterricht wegen Angelegenheiten der DJ., H.J. und B.d.M.!“  

Quellen in chronologischer Reihenfolge

23. März 1938
In jedem Schulraum muss das Bild des Führers und Reichskanzlers „Adolf Hitler“ angebracht sein. (Chronik Klosterkindergarten)

29. März 1938
Vom Präsidium der Landeshauptmannschaft Niederdonau kam an die 3 Sr. Landeskindergärtnerinnen u. Sr.Wätenin die Zuschrift 542/2 = I, den Abstammungsnachweis zu erbringen.(Chronik Klosterkindergarten)

1. Oktober 1938
Der Bezirksschulrat in Amstetten hat in Einvernehmen mit der Kreisleitung Amstetten der NSDAP verfügt, daß sich die Kongregation der Schulschwestern von der Besorgung des Landeskindergartens I in Waidhofen a./d. Ybbs zurückzuziehen hat. Diese Verfügung wird hinsichtlich der Entkonfessionalisierung dieses Landeskindergartens von der Landeshauptmannschaft Niederdonau genehmigt, wodurch sie zu einer Verfügung der Landeshauptmannschaft Niederdonau wird. Wien, am 14. Sept.1938 für den Landeshauptmann: Langer, Landesrat. (Chronik Klosterkindergarten)

Schulbeginn und Schulschluss in Windhag
Schulbeginn und Schulschluss waren bisher immer mit einem festlichen Gottesdienst verbunden. Seit dem „Umbruch“ wurde der Schulbeginn „mit einer Morgenfeier beim Fahnenmast in feierlicher Weise eingeleitet und zwar mit Lied während Flaggenhissung, Ansprache des Schulleiters, dreifaches Sieg Heil auf den Führer und Absingen der Nationalhymnen.“ (Überlacker, Windhag, S.73.)

November 1938
Die Waidhofner HJ. ist unter Führung der SS an der Reichskristallnacht beteiligt. Die jüdischen Wohnungen und Geschäfte Braun (am Hohen Markt), Kunizer (Klaus) sowie Sommer (Ybbsitzerstraße) werden von ihnen verwüstet. HJ ist auch am Massaker an jüdischen Männern, Frauen und Kindern in der Schliefau  am 15. April 1945 beteiligt.

2. Dezember 1938
Die Erziehungsziele des Nationalsozialismus werden im „Boten von der Ybbs“ dargelegt: „So manchem Jungen wird unglaublicherweise der Galgen wegen Eigenschaften prophezeit, die von unschätzbarem Werte wären, bildeten sie das Gemeingut eines ganzen Volkes.“ („Mein Kampf“)

Pfui, wie roh!“
Pimpfenlager. Das Herrlichste im Leben eines Pimpfes ist eine Woche Lagerleben. Pfundig sehen sie aus, die weißen Zelte hinter dem Lagerzaun. Und über ihnen knattert die Fahne und ein feiner Faden weißen Rauches steigt schnurgerade von der Feuerstelle gen Himmel. Das Lagertor ist roh aus Fichtenstämmen gezimmert. Darüber prangt - auch aus rohem Holz gehauen - die weiße Siegrune, unter deren Schutz und Zeichen Lager und Leben der Pimpfe steht. Unbeweglich vor dem Lager steht der Doppelposten mit den glänzenden Speeren. Doch, der linke Posten - schau den Kerl an! Hat der nicht ein blaues Auge? Ja, natürlich, ganz violett verschwollen ist es, fast geschlossen, nur durch einen schmalen Spalt blinzelt sein Auge. „Ach Gott, der arme Kerl!“ höre ich bedauernd eine ängstliche Mutter sagen. Aber er sieht gar nicht so arm aus und kommt sich auch gar nicht arm vor. Und wenn du ihn fragst, woher er das blaue Auge habe, so wird er die stolz ein Wort zur Antwort geben: „Boxen!“ Das sagt dir alles. Und er wird dich mit einem Blick ansehen, mit einem Blick, der Bewunderung heischt. Und so wirst du noch viele Gestalten im Lager sehen, die eine mit einer roten Backe, die andere mit einer überdurchschnittsgroßen geröteten Nase. Und wenn du dem Kampf selbst beiwohnst, dann wirst du auch hin und wieder einen Jungen sehen, dem ein helles rotes Bächlein aus der Nase läuft. Nie aber wirst du ein Wort der Klage hören oder gar eine Träne sehen. Immer nur begeistert und angriffslustig blitzende Augen, begeisterte und angriffslustige gesunde Kerle.

Boxen ist der Sport, den uns der Führer empfiehlt und der uns stählt und stärkt, der unser Auge und unsere Sinne schärft und der uns stark macht im Schlagen und im Nehmen. Wir sind begeistert von diesem Sport, der schon längst unsere Herzen erobert hat. Deutsche Jugend, stähle dich! Laß die Spießer jammern: “Pfui, wie roh!“ (Bote, 2. Dez. 1938)

Diesem NS-Propagandaartikel sei ein Artikel aus dem Jahr 1946 gegenübergestellt, in dem ein Waidhofner (der Artikel ist mit den Initialen Bi. signiert) ein ganz anderes Bild zeichnet: „Mit uns zieht die neue Zeit“. Vergangene Woche, es war ein sonniger Nachmittag, ging ich mit meinem Buben zu dem Spielplatz in der Pocksteinerallee. Eine frohe Jugend tummelte sich dort in zwangloser Ordnung, es wurden einige Fußballspiele ausgetragen. Große und kleine Mannschaften belebten das Spielfeld. Ich war dort zwei Stunden und hörte nicht die geringste Streiterei oder Rauferei, es fielen wohl einige kräftige, urwüchsige Ausdrücke, aber der Sinn des Spieles gab ihm auch die nötige Ordnung, es ging ohne Kommando und Drill. Es drängte sich mir ein Bild auf, das ich vor zwei Jahren im Sommer auf dem selben Platz sah: Eine große Masse männlicher Schuljugend stand dort wie Holzpuppen und machte wie am Schnürchen Rechtsum und Linksum, Nieder zur Erde, Laufschritt und wieder Halt. Die Hitlerjugend, unseligen Andenkens gab dort ein Vorspiel für den Krieg. Gleichaltrige, 12- und 13jährige Buben, sich mit kühnem Schwung die Pelerine umwerfend, geboten über ihre Kameraden, sie fühlten sich selbst als General. Der so schreckliche Machttrieb des Kindes konnte sich bis zum Sadismus ausleben. Ich sah 10- bis 11jährige, von den Entbehrungen des Krieges ohnehin geschwächt, auf Kommando dieser Unteroffiziere in spe Auf- und Niedermachen, Laufschritt und oft und oft um den ganzen Spielplatz herum laufen. Ich sah so kleine Buben, die nicht mehr weiter konnten, weinen, sie getrauten sich nicht auszutreten, denn ihre Peiniger meldeten das in der Schule und die Strafe folgte in vielerlei Formen. Die Gesundheit dieser Kinder war aufs höchste gefährdet, sie wurden nur aus der Perspektive des künftigen Kanonenfutters betrachtet. Der Spuk ist vorbei! Nie vergessen, wie schrecklich diese Zeit war und nie mehr wollen wir sie erleben!   „Mit uns zieht die neue Zeit!“  (Bote, 4. Okt. 1946)

13. Jänner 1939
Hier spricht die Hitler=Jugend Geleitet von W. Waas, k. Leiter d. St. Presse u. Propaganda im Bann 518, Amstetten, Schloss Edla

Der deutsche Junge der Zukunft muß schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl. Adolf Hitler
Pimpfenlager in den Radstädter Tauern. Pimpfe sind nicht da, um bei Schneetreiben hinter dem warmen Ofen zu sitzen und einen Winterschlaf zu halten, sondern, um in die weiße, verschneite Welt hinauszustürmen und die Gaue unseres Heimatlandes kennenzulernen. ... Was kümmern uns die Worte der Spießer, die hinter dem Ofen sitzen, um sich im Schneetreiben keine nassen Füße oder Schnupfen zu holen. Wir sind die Jugend, die stark und hart werden will gegen die Gewalten der Natur und gegen die Welt! (Bote, 13.Jänner 1939)

27. Jänner 1939
Hier spricht die Hitlerjugend

Aufruf des Bannführers.
HJ.-Kameraden!

Als neuer Bannführer in diesem Bann trete ich auf diese Weise mit Euch in Verbindung. ...
Immer nur an Deutschland denken, an Deutschland, das ja auf unseren Schultern ruht, denn: Deutschland wird sein, wie wir sind, darum wollen wir werden, wie Deutschland sein soll. In diesem Sinne stelle ich mich an Eure Spitze und gläubig wollen wir arbeiten für Deutschland, für unseren herrlichen Führer! Heil Hitler!

Der k. Führer des Bannes 518 (Amstetten):
gez. Walter Gretner, Oberfähnleinführer (Bote, 27 .Jänner 1939)

1939
Der Neuaufbau der Höheren Schule durch den Nationalsozialismus. Die Maßnahmen zum Neuaufbau der Höheren Schule setzen unmittelbar nach der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus ein. Bereits wenige Tage nach dem 11.März 1938 wurde, um eine fruchtbringende Arbeit im neuen Geiste zu verbürgen und um Störungen zu vermeiden, den Direktionen der Höheren Schulen aufgetragen, tunlichst mit dem Vertrauensmann des NS-=Lehrerbundes an der Anstalt zusammenzuarbeiten. Ferner wurde als Symbol der Zugehörigkeit Österreichs zum Deutschen Reich die sofortige Anbringung von Bildern des Führers in allen Klassenzimmern und Amtsräumen angeordnet und bis zum Einlangen näherer Weisungen als bindende Richtschnur verfügt, daß sowohl die allgemeine Erziehungsarbeit der Schule als auch der Unterricht in den einzelnen Lehrgegenständen in vollen Einklang mit den Veränderungen zu bringen sei, die sich aus der Vereinigung Österreichs mit dem großen deutschen Vaterlande ergeben hatten. Schließlich wurde an allen österreichischen Schulen der deutsche Gruß eingeführt.

Von der Einführung der Nürnberger Rassengesetze wurde im Lehrkörper niemand betroffen. Unter der Schülerschaft erwiesen sich 2 Schüler als Volljuden, 6, darunter 2 Mädchen, als Mischlinge ersten Grades und 2 als Mischlinge zweiten Grades.
Da der Grundsatz der Glaubens= und Gewissensfreiheit, der vom nationalsozialistischen Staate vertreten wird, mit der Ausübung jedes Gewissenszwanges unvereinbar ist, darf auch keine Schüler zur Teilnahme am schulplanmäßigen Religionsunterricht, an Schulgottesdiensten, Schulandachten und ähnlichen religiösen Schulveranstaltungen gezwungen werden. Die Schüler, die am schulplanmäßigen Religionsunterricht nicht teilzunehmen wünschten, hatten sich ordnungsgemäß davon abzumelden. Die Abmeldung für die Schüler, die das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, erfolgt auch in der Zukunft durch die Eltern der Schüler oder deren gesetzliche Vertreter; nach Erreichung des 14. Lebensjahres können die Schüler selbst die erforderliche Abmeldung vornehmen. Die Nichtteilnahme eines Schülers an religiösen Veranstaltungen aller Art darf sich in der Beurteilung seines Betragens oder Fortganges durch die Schule in keiner Weise auswirken. Die Abmeldungen der Schüler vom Religionsunterricht waren besonders in den höheren Klassen sehr zahlreich.

Die Lehrer- und Schülerbüchereien wurden von allen jenen Büchern gesäubert, die dem Geiste des Nationalsozialismus entgegenstehen. Dies galt in erster Linie von Werken von Juden und deren Gefolgschaft, von Schriften marxistischer und kommunistischer Richtung, von Büchern, die pazifistische, paneuropäische oder freimaurerische Ideen vertreten, von Werken, die im separatistischen Geiste des „österreichischen Menschen“ eines Dollfuß und Schuschnigg geschrieben sind, von Schriften, die Deutschland und seine großen Männer und Helden herabsetzen oder die Kultur anderer Nationen über die deutsche zu heben suchen, von Büchern, die dem Nationalsozialismus und seinen führenden Männern negativ oder feindlich gegenüberstehen und schließlich von Schriften, die für eine unreligiöse und gottesleugnerische Weltauffassung werben. An Stelle der ausgeschiedenen Bücher wurden Werke der nationalsozialistischen Literatur angeschafft, die bisher sowohl in der Schüler= als auch in der Lehrerbücherei gänzlich gefehlt hatten. ...
Im Juli 1938 wurde im Hinblick auf die bevorstehende Angleichung des österreichischen Schulwesens an das des Altreiches das Öffentlichkeitsrecht, das bisher Privatschulen und private Lehranstalten genossen hatten, mit sofortiger Wirksamkeit aufgehoben. Da im Zuge dieser Verfügung das Stiftsgymnasium in Seitenstetten aufgelöst wurde, wurde vom Landesschulrat Niederdonau unsere Schule als Rechtsnachfolgerin des Stiftsgymnasiums in Seitenstetten erklärt, und dieses angewiesen, die Haupt= und Klassenkataloge der letzten 50 Jahre sowie die Reifeprüfungsprotokolle der letzten 31 Jahre der hiesigen Anstalt zu übergeben. Gleichzeitig wurden unserer Anstalt eine Anzahl Gymnasiasten zugewiesen, die zum Großteil vom aufgelösten Stiftsgymnasium in Seitenstetten kamen. ...

(Jahres-Bericht der Staatlichen Oberschule für Jungen in Waidhofen a.d. Ybbs über das Schuljahr 1938/39 von Studienrat Dr. Josef Kollroß, Seite 11ff.)

Abschaffung des Religionsunterrichtes am Gymnasium:
In der Stundentafel des Jahresberichtes 1938/39 scheint noch „Religionslehre“ für die 1. bis  5. Klassen, bzw. „Religion“ für die 6. bis 8. Klassen auf.
Im Jahresbericht 1939/40 scheint der Gegenstand „Religion“ in keiner Klasse mehr auf. 

3. März 1939
Hier spricht die Hitler=Jugend

Jeder deutsche Junge ein Pimpf!

Wo früher schon im jüngsten Alter die Klassengegensätze aufeinander prallten und eine verhetzte Politik der Jugend alle Ideale, jedes nationale oder soziale Denken nahm, steht heute eine disziplinierte Millionengefolgschaft, die bis zum letzten Pimpfen von einem Glauben beseelt ist: Vom Glauben an Adolf Hitler und Großdeutschland! Wenn die Landknechtstrommeln wuchtig durch die Straßen dröhnen und hinter den schwarzen Fahnen die jüngsten Soldaten des Führers einhermarschieren, dann liest man aus ihren Augen die Worte: Jungvolkjungen sind hart, schweigsam und treu! ... So ruft das deutsche Jungvolk alle Zehn= bis Vierzehnjährigen in der deutschen Ostmark auf, in ihrer Gemeinschaft mitzuarbeiten, richtige deutsche Jungen zu werden und dem Führer zu folgen. Deutscher Junge - werde Pimpf! (Bote, 3.März 1939)

30. Juni 1939
Säuberung der Lehrerschaft. Im Zuge der Säuberung der Lehrerschaft von unzuverlässigen Elementen hat der vom Reichsstatthalter eingesetzte Ausschuß eine Reihe von Lehrpersonen ihres Dienstes enthoben. ... (Bote, 30. Juni1939)

27. Oktober 1939
NSDAP.
Aus der Hitlerjugend.
Du hast die Pflicht, gesund zu sein! Wir haben Krieg. Für einen Hitlerjungen muß es selbstverständlich sein, dem Generalfeldmarschall sparen zu helfen. Dem deutschen Volk gehen jährlich 2400 Millionen Reichsmark durch die Raucher verloren, das heißt: 2400 Millionen könnten wir sparen und dafür Kanonen herstellen, wenn es keine Raucher gäbe. Kamerad! Bei dieser Zahl ist auch das Geld dabei, das du dieser Unsitte geopfert hast. Diene deinem Volk! Wirf als erster deine Zigarette weg! Nimm dir ein Beispiel am Führer! Er raucht auch nicht. ...  (Bote, 27. Oktober 1939)

26. Jänner 1940
Hier spricht die Hitlerjugend

Bannwettkämpfe der HJ.

20. und 21.Jänner 1940
Wie im Vorjahr, trafen sich auch in diesem Winter die Skiwettkämpfer des Bannes Amstetten in Waidhofen a.d. Ybbs, um im sportlichen Wettkampf die Besten aus ihnen zu ermitteln, die den Bann bei den Gebietsmeisterschaften vertreten sollen. 150 Jungen und Mädel waren mit ihren Bretteln angerückt. Samstag den 20.Jänner nachmittags war der Start des Abfahrtslaufes vom Schnabelberg. Das Wetter entsprach dem Geist, der die Jungen beherrschte, schneidig, kühn. Der Schnee trieb in die Gesichter, der Wind hielt den Atem zurück. Mit brennenden Augen gings dann durchs Ziel; die Haare vom Wind zerzaust, aber mit frohem Gesicht. Es gab viele abgebrochene Ski; das erhöhte eher den Reiz der Abfahrt, als daß sich einer dadurch einschüchtern ließ. Am Abend verband alle Wettkämpfer ein fröhlicher Kameradschaftsabend, zu dem auch unser Bannführer Gretner, der zum Heer eingerückt ist, erschienen war. Er sprach in begeisternden Worten über Sinn und Zweck unserer sportlichen Kämpfe und Ertüchtigung und forderte zum größten Einsatz im Dienst während des Krieges auf. Auch konnten schon die Ergebnisse des Abfahrtslaufes bekanntgegeben werden, die viel Freude, aber auch Enttäuschung hervorriefen. Lieder und Tänze beendeten dann den Abend. Sonntag votmittags wurde der Geländelauf ausgetragen, bei dem 5 Kilometer zurückgelegt werden mußten und dessen Höhepunkt das KK.=Scheibenschießen bildete. Es war ein zäher Kampf, bei dem die Ausdauer entscheidend war. Der BDM. führte währenddessen seinen Torlauf durch, der auf den Hängen neben der Krailhofer Sprungschanze ausgesteckt war. Nachmittags war die Entscheidung in der Kombination  Abfahrts= und Torlauf. Die Tore waren auf einer steilen Wiese gesteckt, mit vielen Windungen und Wenden, die eine gute Beherrschung der Ski verlangten. Es war ein wunderbares Bild, zu sehen, mit wieviel Geschick und Mut schon die kleinen Pimpfe durch die Tore liefen und sich die Abfahrtstechnik bis zu den „Könnern“ der HJ.=Klasse A immer steigerte. Viele konnten sich ihren Platz noch durch Geschicklichkeit verbessern. Das Springen auf der großen und kleinen Krailhofer Schanze, die in ausgezeichnetem Zustand waren, bildete den Abschluß der Kämpfe. Nochmals versammelten sich alle Teilnehmer. Da aber in dieser kurzen Zeit eine Ausrechnung der Punktezahl unmöglich war, schloß der Wettkampf ohne Siegerverkündigung mit einer kleinen Feier und den Heilrufen auf den Führer. Die Ergebnisse werden wir in der nächsten Folge bekanntgeben. (Bote, 26.Jänner 1940)

19. Juli 1940
Schulungslager des NS.=Lehrerbundes in Waidhofen a/d Ybbs. 

Das staatliche Schülerheim in Waidhofen an der Ybbs hat auch in den heurigen Ferien wieder eine zweckentsprechende Verwendung gefunden. Es sind diesmal nicht Jungen, welche die Schulbänke drücken und die Schlafsäle füllen, sondern die Lehrer selber, nämlich 32 Mitglieder des NS.=Lehrerbundes aus dem Kreis 4 des Gaues Wien, illegale Kämpfer aus einer schweren Zeit, die sich hier nach einem Jahr anstrengender Tätigkeit in Schule, Kartenstelle und Partei unter der Leitung der Kreiswalter=Stellvertreter Oberzeller und Egger zu einem Schulungslager zusammengefunden haben. Zeitgemäße Vorträge aus dem Gebiete der Politik, Geschichte, Geopolitik, Wirtschaft und Propaganda, Berichte aus Arbeitsgemeinschaften, Erörterungen politischer Tagesfragen, Pflege des nationalen Liedes, Kampfspiele und Sport aller Art erfüllen den Tag, der durch einen morgendlichen Wald= und Geländelauf von 15 Minuten und darauffolgendes Hissen der Hakenkreuzfahne mit Lied und Flaggenspruch eingeleitet wird. Nach einem vom Lagerleiter abgehaltenen Mittagsappell geht es ans gemeinsame Essen, .... Das herrliche Bad, aber auch ein Spaziergang um den Buchenberg und die Einkehr im Grasberg=Erbhof mit seinen sieben Töchtern und drei Söhnen geben Gelegenheit zur rassenkundlichen Betrachtung des schönen Ybbstaler Menschenschlages. ... (Bote, 19. Juli 1940)

27.März 1942
Von der Schule zum Volk
Die Verpflichtungsfeier unserer Jugend

... So wurde der 22.März auch für die Waidhofner Jugend zu einem festlichen Ereignis. Um 1/210 Uhr versammelten sich im Kinosaal die Jugend und die Ehrengäste, die sich aus politischen Leitern, Abordnungen der Gliederungen und Verbände sowie einer größeren Zahl von Lehrern und Eltern zusammensetzten. Die Jungen und Mädel die an diesem Tage in die HJ. bzw. in den BDM. aufgenommen werden sollten, hatten vor der Bühne Aufstellung genommen und erwarteten in Stolzer Spannung den großen Augenblick. Nach dem Einmarsch der Fahnen erstattete HJ.=Bannführer König dem Ortsgruppenleiter Pg. Fellner die Meldung, worauf das Lied „Ein junges Volk steht auf“* erklang. Nach Sprüchen der HJ. und des BDM. hielt Pg. Fellner die Feierrede. ... Dem gemeinsamen Lied „Deutschland, heilig Vaterland“ folgte die Abnahme des Treueschwures, der vom Bannführer vorgesprochen und von den zu Verpflichtenden mit Begeisterung wiederholt wurde. Nun erschallte aus Hunderten von jugendlichen Kehlen das Lied der Jugend „Vorwärts, vorwärts schmettern die hellen Fanfaren“. Während Bannführer König sodann die Namen der Mädel und Jungen verlas, die an diesem Tage in den BDM. oder in die HJ. aufgenommen wurden, überreichte Ortsgruppenleiter Pg. Fellner der Jugend mit einem Handschlag die schönen Urkunden. Die würdige Feier, die in künftigen Jahren immer großzügiger gestaltet werden wird, klang in einem „Siegheil“ auf den Führer und den Liedern der Nation aus. (Bote, 27.März 1942)

*Ein junges Volk steht auf, zum Sturm bereit.

Reißt die Fahnen höher, Kameraden!

Wir fühlen nahe unsere Zeit,

Die Zeit der jungen Soldaten!

Vor uns marschieren mit sturmzerfetzten Fahnen

die toten Helden der jungen Nation,

und über uns die Heldenahnen!

Deutschland, Vaterland, wir kommen schon!

(Benz, S.203)

Wie der Hitlergruß genau zu erfolgen hat, geht aus einer Anweisung des Direktors der „Staatlichen Oberschule für Jungen in Waidhofen a. d. Ybbs“ (heute Bundesrealgymnasium) Dr. Josef Kollroß im „Laufer“ vom 24. April 1944 hervor:
Der deutsche Gruß ist ordentlich zu leisten (Kopfwendung, Erheben des rechten Armes u. nicht des linken, deutliches Aussprechen der Worte Heil Hitler, die Hände nicht in der Tasche u.s.w.).“ (Laufer der Staatlichen Oberschule für Jungen)

12. Mai 1944     
Gauleiter Dr. Jury bei der Jugend in Waidhofen a.d. Ybbs Wir wollen hart sein und durchhalten

Zum Jugendtreffen des Bannes 518 Amstetten, das am 6. und 7. ds. in Waidhofen a.d. Ybbs stattfand, traf am Samstag den 6. ds. Gauleiter Dr. Jury in Begleitung des Gebietsführers Kracker=Semler und Kreisleiters Neumayer in Waidhofen a.d. Ybbs ein. ...

Dann sprach der Gauleiter zur Jugend: (am Adolf=Hitler=Platz)
... „Wir wollen hart sein und durchhalten!“ Dieser Forderung darf und kann sich niemand entziehen. Nichts gibt uns die Veranlassung oder die Berechtigung, jemals in unserem Glauben an den Sieg irre oder schwankend zu werden. Blicken wir stets voll Vertrauen zum Führer empor, der in der Kampfzeit und im bisherigen Verlauf des Krieges noch mit jeder Schwierigkeit fertig geworden ist. Um ihn scharen sich zu jeder Stunde des Tages seine Soldaten. In blindem Vertrauen zu ihm führen sie ihre Waffen, halten sie Wacht, kämpfen sie, schlagen sie ihre Schlachten. Sie wissen den Führer über sich und die Heimat in ehern geschlossener Front hinter sich. Dieses Vertrauen dürfen und wollen wir nie enttäuschen. Nein, es ist schon so: „Wir haben viele Sorgen, nur die eine Sorge, daß wir den Krieg verlieren können, haben wir nicht!“ Diese Gewissheit als neue Kraftquelle im Herzen, begab sich jeder Teilnehmer an dieser Kundgebung nach Hause.“ (Bote, 12. Mai 1944)

Auch die Schüler werden bis zum Ende des Krieges hin der NS-Propaganda ausgesetzt und von der Schule kontrolliert. So gibt der Direktor der „Staatlichen Oberschule für Jungen in Waidhofen a.d. Ybbs“ (heute Bundesralgymnasium) noch am 14. November 1944 im „Laufer“ folgende Anweisung an seine Lehrer:
Ich erinnere an folgendes: Die Gemeinschaftsstunde ist in das Klassenbuch einzutragen, u. zw. sowohl als Unterrichtsstunde als auch beim durchgenommenen Lehrstoff. Jeder Schüler muss ein „Politisches Merkheft“ besitzen. Der in der GmSt. durchgenommene Stoff muss in Form einer Gliederung von den Schülern in die Hefte geschrieben werden. Schwierige Wörter sind an der Tafel vorzuschreiben, kurze Merksätze sind zu bevorzugen. Der Stoff muss jedesmal in das Heft als Hausaufgabe in Reinschrift, mit Zeichnungen und Bildern übertragen werden. Die Hefte kontrollieren u. auf eine ordentliche äußere Form achten! Den Stoff jedesmal prüfen u. Noten geben. Hauptstoff ist ein Überblick über die militärischen u. politischen Ereignisse der vergangenen Woche; die 30 Kriegsartikel; Gerüchte; Wochensprüche der NSDAP. Lieber den Stoff auf das Notwendigste beschränken, dieses dafür aber gründlich! In jeder Klasse muss eine behelfsmäßige Anschlagtafel angebracht sein; Propagandaschriften bestellen; das Material jede Woche wechseln! Lied zu Beginn und am Ende jeder Gemeinschaftsstunde.“ (Laufer der Staatlichen Oberschule für Jungen)

Februar/März 1945
Ein Zeitzeuge (Karl Pöchlauer, geb. 08.09.1930) erinnert sich:
Im Februar oder März 1945 erhielten meine Eltern ein Schreiben, in dem stand, dass ich mich mit einem Rucksack, Proviant, Handtuch und Seife in der Zeller Volksschule einzufinden hätte. Wir verbrachten dort zwei Tage und Nächte, ohne dass etwas Nennenswertes geschehen wäre. Dann erschien eine (vermutlich höhergestellte) Person, die dem Sinn nach sagte (ich habe noch folgende Worte im Ohr): „Sad’s deppat! Laßt’s doch de Buam hamgehn!“ - Daraufhin kam ich wieder nach Hause zurück.“

In den letzten Monaten des Krieges sagte einer unserer Lehrer, der ein überzeugter Nazi war, wir sollten mit dem „Zwuz“ (einem Gummi zum Verschießen von U-Hakerln) auf die russischen Panzer schießen, falls diese kommen sollten. - Als die russischen Panzer dann tatsächlich bei uns einfuhren, war er aber schon über der Enns in Sicherheit bei den Amerikanern.“

2. Mai 1945
Wenn die Schule in meinem Geiste aufgerichtet wird, dann soll u. muß die Erziehung wieder in die Hände der Eltern u. Lehrer zurückgegeben werden. Es war ein Unding und grober Fehler, die Jugend jungen Burschen und Mädchen zu übergeben, die selbst noch unreif waren u. oft der Erziehung noch dringend bedurft hätten. Dann dazu die häufige Absenz vom Unterricht wegen Angelegenheiten der *DJ., H.J. und B.d.M.!“  (*D.J. - Deutsches Jungvolk) (Zeller Schulchronik, 2. Mai 1945)

Staatliche Oberschule für Jungen in Waidhofen a.d. Ybbs 
Aufsatzthemen im Gegenstand Deutsch (6. - 8. Klassen ) - Eine Auswahl

1938/39
Wie ich die Heimkehr des Sudetenlandes erlebte
Fünfzigster Geburtstag des Führers
Jeder Deutsche ist Arbeiter und Kämpfer für sein Volk (Konstantin Hierl)
Über die Notwendigkeit des Luftschutzes
Wer sein Volk liebt, beweist es einzig durch die Opfer, die er für dieses zu bringen bereit ist (Adolf Hitler)
Einig wollen wir zusammenstehen, denn wir müssen es (Hermann Göring)
Die Judenfrage - eine Schicksalsfrage für die Welt
Deutsche Fahnen wehen über Prag
Deutsche in aller Welt
Führertum als Dienst
Volk ohne Raum
Warum brauchen wir Kolonien?
Was bedeutet der Soldatendienst für den jungen Menschen?
Es ist eine Lust, Deutscher zu sein
„Ein Volk hilft sich selbst“, Gedanken zur Winterhilfe
Die Tat ist des Deutschen stolzestes Wort (Paul von Hindenburg)

1939/40
Was leisteten die einzelnen Waffengattungen im polnischen Feldzuge und welche Waffengattung würde ich mir wählen?
Wie und warum erfolgt unser Einsatz an der inneren Front?
Weihnachten am Westwall
Der Krieg ist das Wesen aller Dinge

1914 und 1939
Auf dieser Welt hat man nichts zu hoffen, nicht zu betteln, sondern vor allem sich selbst zu helfen (Der Führer, am 30.1.1940)
Der Rundfunk. Seine Bedeutung im Kriege
Faust, ein Bild des deutschen Menschen
Unser Kampf mit England
Frankreichs ewiger Kampf gegen Deutschland
Ran an den Feind! (Als Panzerschütze, als Flugzeugführer)
Der Führer am 8. November 1939: Wenn man in England erklärt, dass dieser Kampf der zweite punische Krieg sei, so steht in der Geschichte nur noch nicht fest, wer in diesem Falle Rom und wer Karthago sein wird.
Die Kriegsziele unserer Feinde
Großdeutschlands Kampf

194/41
Der Führer baut unsere Heimat auf
Die Ostmark und das Reich
Jud Süß
Der Kampf um das Erdöl
Nicht die Menschen, große Männer machen die Geschichte

1941/42
Die nordische Seele
Der größte Feldzug aller Zeiten
Worin äußert sich im Nibelungenlied der Einfluß altgermanischer Lebensauffassung?
Welche Eigenschaft eines großen Führers scheint dir die wichtigste?
Warum siegten wir im Osten?

1942/43
Beobachtungen zum Kampf ums Dasein in der Natur
Nicht die Zahl gibt den Ausschlag, sondern der Wille (Adolf Hitler)
Verlauf des Kampfes im Osten. Die Härte des Kampfes


Religion

Die enge Verbindung zwischen Katholischer Kirche und Politik in der Zeit des Ständestaates (Austrofaschismus) von 1933 bis 1938, in der die NSDAP in Österreich verboten war, führt neben der ohnehin kirchenfeindlichen Haltung der Nazis zusätzlich zu einer starken antiklerikalen Tendenz innerhalb der österreichischen Nationalsozialisten. Auch die vorübergehende Inhaftierung der Waidhofner Nationalsozialisten in den Räumlichkeiten des heutigen Bundesrealgymnasiums im Juli 1934 (anlässlich der Ermordung des Bundeskanzlers Dollfuß) sowie Strafmaßnahmen gegenüber illegalen Nationalsozialisten tragen zu verstärkten Spannungen bei. Obwohl längerfristig vom NS-Regime sicherlich eine Abschaffung der christlichen Kirchen geplant war, erkannte man aber, dass die christliche Religion zum Teil so stark in der Bevölkerung verankert war, dass eine sofortige Eliminierung nicht durchsetzbar gewesen wäre. Von Hitler selbst ist aus den Jahren 1941/42 folgende Aussage bezeugt: Früher habe er vieles übers Knie brechen wollen. Heute sehe er: Man müsse Konfessionen und Kirchen abfaulen lassen „wie ein brandiges Glied“. (Benz, S.197)

Grundlage des von Hitler ins Auge gefassten „Neuheidentums“ war das Werk seines Chefideologen Alfred Rosenberg, welcher 1930 ein Werk mit dem Titel „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ verfasste. Darin wird die römische „Priesterkaste“ als Mitverursacher des Unterganges der germanischen Kultur gesehen. Weiters wird in diesem Werk die Überlegenheit des „Nordischen Blutes“ sowie die Mystik der „Reinheit“ propagiert. (Benz, 591) 

Von Seite der Partei wird versucht, christliche Feste durch alte germanische Feste zu ersetzen. Auch im „Boten“, Ausgabe 22. Dezember 1939, wird den Lesern erklärt, dass Weihnachten kein christliches Fest, sondern ein „deutsches Fest“ sei, das schon viel früher von den Germanen als Fest der Wintersonnenwende gefeiert wurde. So wird statt Weihnachten das „Julfest“ propagiert und Hitler im „Boten“ vom 9. Dezember 1938 als „Erlöser“ gefeiert: „Weihe Nächte“, „Heilige Nächte“, nannten die Germanen die Festzeit, die mit der Wintersonnenwende begann und zwölf Tage dauerte. ... Und wenn von Berg zu Berg die Feuer leuchten und weit übers deutsche Land verkünden, daß nun die Sonne wieder aufwärtssteigt, dann wissen wir wieder, daß ein neues Leben für uns begonnen hat, seit uns der Führer heimgeführt. Dank dafür soll unser Gebet sein unterm Weihnachtsbaum, dem germanischen Baum des Lebens.“ (Bote, 9.12.1938)

Das Osterfest wird von den Nationalsozialisten ebenfalls vereinnahmt, wie in der Ausgabe des „Boten“ vom 15. April 1938 zu lesen ist: „Ostern, das urdeutsche Fest des Lichtes und der Fruchtbarkeit, steht vor der Tür und mit ihm erwacht überall wieder uraltes Brauchtum zu neuem Leben. ... Ostern ist das Fest der siegreich emporsteigenden Frühlingssonne, deren lebenerweckende Kraft dem ehrfürchtigen Sinne des Volkes als göttlich erscheint.“ (Bote, 15.4.1938)

Auch in Waidhofen treten die Nationalsozialisten nach der Machtergreifung im März 1938 gegen die katholische Kirche auf und beschränken sie massiv in ihrer Öffentlichkeitsarbeit: Es kommt zur Sperrung des Klosterkindergartens, zur Beschlagnahme der Salesianischen Liegenschaften beim heutigen Kino und zum Verbot der Jugendarbeit. Der Religionsunterricht an den Schulen wird abgeschafft, kirchliche Prozessionen werden immer mehr eingeschränkt und es kommt zur Aufhebung christlicher Vereine. So werden u.a. der Katholische Gesellenverein, die katholische Studentenverbindung Norika, die marianische Mädchen- u. Frauen-Kongregation sowie der Lieb-Frauen-Säulen Verein aufgehoben. 

Propst Johann Pflügl, der damalige Stadtpfarrer von Waidhofen, ist als Gegner der Nationalsozialisten bekannt. Über ihn berichtet unmittelbar nach dem Anschluss die Ausgabe des „Boten“ vom 18.März 1938: „Ein heiterer Zwischenfall. In unserer Stadt läuft derzeit ein heiter=komisches Geschichtlein von Mund zu Mund, das wert ist, kurz erzählt zu werden. Eine gewichtige Persönlichkeit des weggefegten Regimes sollte noch am Tage, als Schuschnigg zurücktrat, erklärt haben: „Wenn Hitler kommt, nehme ich selbst noch ein Gewehr und werde marschieren!“ Kurz entschlossen beschaffte sich einer, der die Nachricht besonders ernst nahm, ein Kindergewehr und überbrachte es am nächsten Morgen dem plötzlich so kriegerischen Mann mit dem Bemerken, er könne nun marschieren. Es gab da nun ein recht verdutztes Gesicht. Schließlich war man aber doch anscheinend froh und erleichtert, daß die Sache so glimpflich ablief.“ (Bote, 18.3.1938)

Und auch ein Jahr danach wird im „Boten“ vom 10. März 1939 nocheinmal an diesen Vorfall erinnert:
... Es soll nicht vergessen werden, daß sich damals der hohe Seelenhirt P. den Ausspruch leistete: „Wenn die Braunen kommen, bin ich der erste, der ihnen mit der Waffe entgegentritt.“ - (Mit „der hohe Seelenhirt P.“ ist Stadtpfarrer Propst Johann Pflügl gemeint.) (Bote, 10. 3.1939)

Zwei Waidhofner Geistliche, Pater Richard Banka von der Klosterkirche und Kaplan Kurt Strunz werden wegen ihrer Aktivitäten von der Gestapo vorgeladen. Der erstere wird zu einer Geldstrafe verurteilt, Kaplan Strunz kommt mit einer Verwarnung davon. (Widerstand und Verfolgung in NÖ, Band 3, S.184 u. 194)

Auch der Pfarrer von Zell, Johann Nepomuk Litsch, wird am 4. April 1944 von der Gestapo nach St.Pölten zur Einvernahme geholt, danach aber wieder entlassen. (Kittl, 89)

Obwohl, wie oben erwähnt, der damalige Stadtpfarrer Propst Johann Pflügl als Gegner der Nationalsozialisten bekannt ist, muss er, wie in der Ausgabe des „Boten“ vom 1. April 1938 zu lesen ist, am Sonntag, 27. März 1938 auch in der Stadtpfarrkirche die Erklärung der österreichischen Erzbischöfe und Bischöfe verlesen, in welcher die Bischöfe unter anderem feierlich erklären:
„ ... Am Tage der Volksabstimmung ist es für uns Bischöfe selbstverständliche nationale Pflicht, uns als Deutsche zum Deutschen Reich zu bekennen und wir erwarten auch von allen gläubigen Christen, daß sie wissen, was sie ihrem Volke schuldig sind.“ (Bote, 1. April 1938) 

Während Ankündigungen sowie Berichte über religiöse Veranstaltungen der katholischen Kirche im „Boten von der Ybbs“ mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im März 1938 schlagartig aussetzen, sind Einladungen zum evangelischen Gottesdienst bis zum Dezember 1938 nachweisbar: „Evang. Gemeinde. Sonntag den 25. Dezember Weihnachtsgottesdienst um 9 Uhr vormittags (Betsaal). Prediger: Vikar Bruckner. Anschließend Abendmahlsfeier.“ (Bote, 23.12. 1938)
Dies ist ein Hinweis auf die anfänglich enge Zusammenarbeit der evangelischen Kirche mit dem NS-Regime, die durch die historisch gewachsene deutschnationale Orientierung des österreichischen Protestantismus erklärt werden kann. (Talos)

In der Chronik des Klosterkindergartens ist die schrittweise Einschränkung des religiösen Lebens sehr gut dokumentiert:

7. Juni 1938:  „Vorabend v. Fronleichnam, sah etwas traurig aus; - es brannten keine Lichtlein, wie es sonst alljährlich der Fall war, nur das Kirchen-Portal war von Lichtlein umsäumt. Bei der Lieb-Frauen-Säule, um welche sonst eine Kapelle aufgestellt wurde u. Kreuz, Anker und Kelch im Lichtermeer erstrahlte, war es düster. - Auch bei der Apotheke vermißte man das große Kreuz aus Lichtlein. - Und die Musik-Kapelle, die sonst diesen Abend so treulich gestaltet hat - war ferngeblieben.“

8 .Juni 1938: „Das Fronleichnamsfest verlief sehr würdig und andachtstimmend. Birken waren diesmal keine aufgestellt. - Die Prozession bewegte sich auf dem gleichen Wege wie sonst (durch die Bemühung des hochw. H. Dechant Pflügl.) Die Teilnehmer der Prozession haben fleissig gebetet und bei jedem Altare gesungen. Vom Priester wurden die Gebete deutsch gebetet. Musik war keine. Sehr lieb war, daß sich die meisten Mäderl (zirka 50) mit den Leidenswerkzeugen (wurden diesmal alle getragen) mit Schleier und Palmen eingefunden haben - von den Frauen (Müttern) geführt. - Sehr schön!“

Bittwoche 1941: „Prozessionen wurden vom Staat untersagt, somit konnten die Bitt-Prozessionen nicht stattfinden. Das gläubige Volk hat seine Andacht in der Kirche verrichtet.“

22. Mai 1941: „Der hohe Feiertag „Christi Himmelfahrt“ wurde in unserer Pfarre kirchlich mit Festgottesdienst (Hochamt) gefeiert. Doch nachher gewahrte hochw. Herr Probst die postamtliche Mitteilung der Behörde, daß ab 22.5.1941 wochentags kein Feiertag mit Festgottesdienst gehalten werden dürfe; diese Feiertage haben als Werktage zu gelten. Die marianische Mädchen-Kongregation u. Frauen-Kongregation hatten im Mai 1941die letzte Versammlung, da die Kongregation und alle christlichen Vereine und überdies hier in Waidhofen der Lieb Frauen-Säulen Verein vom Staate aufgehoben wurde.“
Trotz der Einschränkungen seitens der NS-Behörden sind aber bei weitem nicht alle Einwohner religionsfeindlich eingestellt. Dies geht eindeutig aus zwei erhaltenen Situationsberichten hervor, die vom Waidhofner Gendarmerieposten an den Landrat in Amstetten übermittelt wurden: 

Situationsbericht  vom 27. Mai 1940: „Auch in der bäuerlichen Bevölkerung hat sich nichts geändert. Diese sind nach wie vor schwarz und monarchistisch eingestellt. Einen klaren Beweis hiefür bildet die Beteiligung aller Bauern an der Fronleichnamsfeier. Ja nicht allein die Bauern haben an dieser Feier korporativ teilgenommen, sondern waren dabei auch, wie es in Waidhofen der Fall war, eine sehr große Zahl Leute aus der Stadt vertreten, so dass sich diese Feier zu einem imposanten Umzug gestaltete.“ (Widerstand und Verfolgung in NÖ, Band 3, S.58)

Situationsbericht vom 26. November 1942: „Überhaupt scheint die Landbevölkerung noch nie so energisch für ihre Religion eingetreten zu sein, wie dies heute der Fall ist, wo sie der Meinung ist, dass es in der nationalsozialistischen Weltanschauung um ihren Glauben geht. Obwohl in Bauernversammlungen stets betont wird, daß ihre Religion nicht angetastet werde, so stehen sie doch dieser Zusicherung äußerst misstrauisch gegenüber. Tatsache ist, dass in puncto Religion die Landbevölkerungen am kritischsten Teil getroffen werden, und es ist eine bekannte Tatsache, dass sie hiefür alles einzusetzen entschlossen sind. ...
Nach wie vor kann beobachtet werden, dass der Gruß „Heil Hitler“ seltener gebraucht wird. Diese Beobachtung bezieht sich meist auf das Stadtgebiet. In der ländlichen Bevölkerung war dieser Gruß immer etwas Seltenes.
“ (Widerstand und Verfolgung in NÖ, Band 3, S.60)

Auch die rege Anteilnahme am Begräbnis des Stadtpfarrers Propst Johann Pflügl am 7.Jänner 1944 zeigt, dass viele in der Bevölkerung sich nach wie vor zu ihrer Religion bekennen. Die Chronik des Klosterkindergartens vermerkt dazu:
Stadtpfarrer Probst Johann Pflügl starb in Wien auf der Herz-Station. Wegen Transportschwierigkeiten nahm die Überführung nach Waidhofen mehr als eine Woche in Anspruch. Die Marienkapelle wurde zur Aufbahrung des Heimgegangenen benützt, damit die Gläubigen leichter ihrer Andacht nachkommen konnten. Das Leichenbegängnis wurde von einer geradezu überwältigenden Menschenmenge begleitet, trotz fürchterlichen Regen, Schnee, Sturm u. Quatsch.

Nachfolger Propst Pflügls wird Dr. Johannes Landlinger, welcher am 27. Feburar1944 als neuer Stadtpfarrer in Waidhofen installiert wird. Er war es auch, der in den letzten Kriegsmonaten die Kunstschätze der Stadtpfarrkirche, allen voran die berühmte Messerermonstranz, bei einem Bauern in Sicherheit brachte. Im Memorabilienbuch der Pfarre bemerkt Dr. Landlinger dazu:
Die ständige Fliegergefahr ließ mich besonders um den kostbaren Schatz unserer sacralen Geräte bangen. So entschloß ich mich, einen großen Schrein aus Eichenholz machen zu lassen; sorgfältig wurden darin die beiden Monstranzen, Ciborium u. 3 Kelche geborgen und in das Haus Einaugreit in Seeberg (Seebergreit) gebracht, wo sie im Hause tief in die Erde versenkt wurden. Gott sei Dank wurden sie später von den Russen, die das Haus durchsuchten, nicht entdeckt. Ich habe viel Angst darob ausgestanden. Erst im Jahre 1947 wagte ich, den Schatz zu heben u. in den Pfarrhof zurückzubringen; es war alles wohlbehalten.


Frauen 

Die Frau wird im NS-Staat primär als Ehefrau und Mutter gesehen, die für Nachwuchs zu sorgen hat, um die Expansionspläne des Regimes verwirklichen zu können. Auch in den Waidhofner Quellen werden die Frauen immer wieder darauf hingewiesen, dass sie für „Kinderreichtum in Deutschland“ zu sorgen hätten. Gleichzeitig wird von ihnen aber gefordert, jederzeit bereit zu sein „ihr Liebstes für das großdeutsche Vaterland zu opfern.“ 

Das sogenannte Mutterkreuz - in Bronze für 4 – 5 Kinder, Silber für 6 – 7 und Gold für 8 und mehr Kinder - wird ab 1938 reichsdeutschen Müttern verliehen, deren Kinder als „arisch“ und „erbgesund“ gelten. 

Am 6. Oktober 1939 erscheint ein Artikel im „Boten“, in dem über die Feiern zur Verleihung des Mütterehrenkreuzes berichtet wird:
Am Sonnatg den 1. Oktober wurden unsere Mütter geehrt durch Verleihung des Mütterehrenkreuzes, das auf ausdrücklichen Wunsch des Führers für kinderreiche Mütter geschaffen wurde. ... Wegen der großen Anzahl der kinderreichen Mütter mussten mehrere Feiern abgehalten werden, und zwar für die NSDAP.=Ortsgruppe Stadt im Inführsaal, Waidhofen=Zell im Gasthof Hierhammer und Waidhofen=Land im Brauhaussaal.

Bei der Verleihung des Mütterehrenkreuzes im Inführsaal lauschte alles den Worten des Stellvertreters des Führers Rudolf Heß: “Immer neu ersteht aus dem Schoße der Mutter die neue junge Generation. Und wenn die Zeit auch große, schwere Opfer verlangt, für unser großdeutsches Vaterland sollen wir jederzeit auch bereit sein, unser Liebstes zu opfern.” 

Dass man die Kinder vor allem als Soldaten für den Krieg braucht, geht immer wieder aus Propagandaartikeln im „Boten“ hervor:
24. Mai 1940: „Siegen wird nur das Volk, welches die tapfersten Mütter hat. So ist die deutsche Mutter ebenbürtig neben den Soldaten gestellt - beide wagen und geben ihr Höchstes für das ewige Leben unseres Volkes. ....

3. April 1942: „Wir Frauen helfen den Sieg erringen für ein stolzes, mächtiges und glückliches Kinderland Deutschland. Mit ihrem Glauben und Arbeitswillen und im Herzen die Treue werden die Frauen alle Schwierigkeiten bezwingen.“ 

22. Jänner 1943: „Sieg der Waffen und Wiegen: Wenn wir wollen, dass es unseren Kindern einstens gut gehen soll, so müssen es viele sein, denn auf ihnen ruht die Hoffnung der ganzen Nation.“ 

Daneben wird aber auch die „Reinhaltung der Rasse“ sowie die „Erbgesundheit“ propagiert, d.h. es sind nur Kinder deutscher Abstammung und Volkszugehörigkeit, die „erbgesund und gemeinschaftswürdig“ sind, erwünscht. Besonders vor dem Kontakt mit Kriegsgefangenen wird gewarnt. So sagt Kreisleiter Neumayer anlässlich einer Bauernversammlung im Waidhofner Kinosaal zum Thema „Verhalten gegenüber Fremdvölkischen“ im November 1942: „Die Reinhaltung des Blutes muss oberstes Gebot sein. Die Bastardierung führt immer zum Untergang ganzer Völker, wie uns die Geschichte beweist.” 

Wird die Frau im NS-Staat ursprünglich auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter beschränkt, so wird mit Kriegsausbruch und zunehmendem Arbeitskräftemangel ihre Arbeitskraft auch in Landwirtschaft und Industrie benötigt. So müssen zum Beispiel viele Waidhofnerinnen in den Rüstungsbetrieben der Böhlerwerke arbeiten. - Eine Zeitzeugin berichtet: „Meine Mutter (Geburtsjahr 1900) wurde 1944 in Böhlerwerk zu Rüstungsarbeiten verpflichtet. Sie musste dort Ventilkegel für Flugzeugmotoren schleifen. Ich erinnere mich noch, dass sie sehr verärgert war, da die Frauen der oberen Parteihierarchie zu diesen Arbeiten nicht eingezogen wurden. Bei Fliegeralarm, wenn das Werk geräumt werden musste, ging sie oft „über die Höhe“ von Böhlerwerk zu Fuß nach Waidhofen zurück.“

Gegen Kriegsende hin müssen Frauen sogar militärische Aufgaben in Flakbatterien und Nachrichteneinheiten übernehmen. Für viele Frauen wird dies zu einer enormen Belastung. Folgende Ausschnitte aus dem Lokalblatt „Bote von der Ybbs“ zeigen diese Doppelbelastung sehr deutlich:
29. August 1941:Die durch den Krieg bedingten Verhältnisse machen es im erhöhten Ausmaße notwendig, dass auch die deutsche Frau in der Kriegsindustrie tätig ist. ... Die Frauen stehen nunmehr durchschnittlich 10 Stunden im Betrieb. Ein Großteil muss nach der Arbeitszeit auch noch den Haushalt versorgen. Wir appellieren daher an alle Volksgenossen und Kaufleute, werktätige Frauen bei ihren Einkäufen zu bevorzugen.“    

6. Februar 1942:Die Zeit bringt es mit sich, daß unsere Hausfrauen eine ganze Anzahl von Arbeiten selbst erledigen müssen, zu denen früher ganz einfach ein Handwerker gerufen wurde. Heute sind die Handwerker knapp, da müssen die kleinen Pannen im Haushalt von unseren Frauen selbst repariert werden, auch wenn ihnen diese Arbeiten noch so neu und ungewohnt sind.“ 

3. April 1942:Heute sehen wir die deutsche Frau auf dem Feld, in der Nähstube aber auch in den Rüstungsbetrieben wo sie Kugeln und Granaten dreht. Sie schmiedet mit an den Waffen, die Deutschlands Sieg erringen werden.“ 

10. September 1943:  „Mädel, willst du zu uns kommen? Wir freuen uns! Freilich mußt du manches aus deinem gewohnten Leben aufgeben; aber du weißt ja wofür. Für deine Kameraden draußen und für dein ganzes Volk setzt du all deine Kräfte in den Dienst als Nachrichtenhelferin des Heeres. Du trägst dann die Uniform und bist in gewissem Sinn Soldat.” 

28. April 1944:Wie könnte an einen geordneten Fortbestand unseres täglichen Lebens gedacht werden, wenn nicht die Frau wäre, die deutsche Frau, die mit einer Selbstverständlichkeit und ohne viele Worte aus ihrem häuslichen Leben heraus an den Pflug, an die Maschine, in die Büros und Kontore, kurz überall an die Stelle des Mannes getreten ist. Durch Zähigkeit und Ausdauer ersetzt sie die mangelnden körperlichen Kräfte dort, wo sie das schwere Tagwerk des Mannes übernommen hat und sie ist es, die anführt und die Verantwortung trägt, wo fremdvölkische Arbeitskräfte eingesetzt sind. Zusätzlich hat sie noch eine Familie zu betreuen, hat die Sorge um den eingerückten Mann oder Sohn, was als seelische Belastung eine zusätzliche Portion von Willenskraft beansprucht.“ 

Quellen 

6. Oktober 1939
Mütterehrung in Waidhofen a.d. Ybbs

„Am Sonntag den 1. Oktober wurden unsere Mütter geehrt durch Verleihung des Mütterehrenkreuzes, das auf ausdrücklichen Wunsch des Führers für kinderreiche Mütter geschaffen wurde. ... Wegen der großen Anzahl der kinderreichen Mütter mussten mehrere Feiern abgehalten werden, und zwar für die NSDAP.=Ortsgruppe Stadt im Inführsaal, Waidhofen=Zell im Gasthof Hierhammer und Waidhofen=Land im Brauhaussaal.

“Bei der Verleihung des Mütterehrenkreuzes im Inführsaal lauschte alles den Worten des Stellvertreters des Führers Rudolf Heß: “Immer neu ersteht aus dem Schoße der Mutter die neue junge Generation. Und wenn die Zeit auch große, schwere Opfer verlangt, für unser großdeutsches Vaterland sollen wir jederzeit auch bereit sein, unser Liebstes zu opfern.”
... Im nachstehenden die Namen der Mütter, welche das goldene (für 8 und mehr lebend geborene Kinder), das silberne (für 6 oder 7 Kinder) oder das bronzene Ehrenzeichen (für 4 und 5 Kinder) erhielten: ....
(Bote, 6. Oktober 1939)

24. Mai 1940
In meinem Staate ist die Mutter die erste Staatsbürgerin!
Dieser Ausspruch unseres Führers bildete das Leitwort einer Muttertagsfeier der NSDAP.=Ortsgruppe Waidhofen=Stadt, die am 17. ds. abends im Inführsaale stattfand. Dem Rufe der Frauenschaftsleiterin  Pgn. H. Kunze waren die Mütter so zahlreich gefolgt, dass sie den großen geschmackvoll geschmückten Saal schon vor Beginn der Feier füllten. Ein von der Parteijugend vorgetragener Spruch gab den Auftakt, worauf Vizebürgermeister Pg. Mayerhofer in Stellvertretung des Ortsgruppenleiters und Bürgermeisters die Erschienenen begrüßte und seiner Freude Ausdruck gab, daß auch heuer wieder eine Reihe Mütter das Ehrenkreuz als sichtbares Zeichen der Dankbarkeit des deutschen Volkes überreicht werden kann. Unser Führer hat die Mutter an den ersten Platz im Volke gestellt, so führte der Redner aus; sie ist die Quelle und Hüterin des ewigen Lebens der Nation. Die schweren seelischen Opfer der deutschen Mutter in diesem Entscheidungskampfe verpflichten uns zu erhöhter Sorge und Dankbarkeit, denn Völkersiege werden nicht allein auf den Schlachtfeldern errungen, sondern auch in den stillen Stuben sorgender Mütter. Siegen wird nur das Volk, welches die tapfersten Mütter hat. So ist die deutsche Mutter ebenbürtig neben den Soldaten gestellt - beide wagen und geben ihr Höchstes für das ewige Leben unseres Volkes. .... (Bote, 24. Mai 1940)

7. Juni 1940
Bis zu dieser Ausgabe des „Boten von der Ybbs“ werden die Geburten nur in einer einfachen Rubrik unter „Geboren wurden“ angegeben. - Ab der Ausgabe vom 7. Juni 1940 erscheinen die Geburten nun in Großaufmachung mit Einrahmung. Der Titel lautet: „Dem deutschen Volk schenkten Kinder.“ (Bote, 7. Juni 1940)

29. August 1941
Viele Frauen stehen durchschnittlich 10 Stunden im Arbeitseinsatz
Die durch den Krieg bedingten Verhältnisse machen es im erhöhten Ausmaße notwendig, dass auch die deutsche Frau in der Kriegsindustrie tätig ist. Viele unserer Frauen haben bereits den Appell des Führers an die deutsche Frau verstanden und befinden sich im Arbeitseinsatz – viele werden noch folgen. Die Frauen stehen nunmehr durchschnittlich 10 Stunden im Betrieb. Ein Großteil muss nach der Arbeitszeit auch noch den Haushalt versorgen. Wir appellieren daher an alle Volksgenossen und Kaufleute, werktätige Frauen bei ihren Einkäufen zu bevorzugen.     (Bote, 29. August 1941) 

6. Februar 1942
Nur nicht immer gleich verzagen!
Die Zeit bringt es mit sich, daß unsere Hausfrauen eine ganze Anzahl von Arbeiten selbst erledigen müssen, zu denen früher ganz einfach ein Handwerker gerufen wurde. Heute sind die Handwerker knapp, da müssen die kleinen Pannen im Haushalt von unseren Frauen selbst repariert werden, auch wenn ihnen diese Arbeiten noch so neu und ungewohnt sind. Mit verzagtem Herzen und hilflosem Resignieren ist hier nicht geholfen. Das schafft nur Verbitterung und schlechte Laune. Die Arbeit muss schließlich doch getan werden, also zugepackt und mit frischem Mut an die Schwierigkeiten des täglichen Lebens heran, dann sind sie meistens bald von selbst überwunden.“  (Bote, 6. Februar 1942)

April 1942
Die Gaufrauenschaftsleiterin Anny Vietoris spricht im Kinosaal
Heute sehen wir die deutsche Frau auf dem Feld, in der Nähstube aber auch in den Rüstungsbetrieben wo sie Kugeln und Granaten dreht. Sie schmiedet mit an den Waffen, die Deutschlands Sieg erringen werden. Wir Frauen helfen den Sieg erringen für ein stolzes, mächtiges und glückliches Kinderland Deutschland. Mit ihrem Glauben und Arbeitswillen und im Herzen die Treue werden die Frauen alle Schwierigkeiten bezwingen.“ (Bote, 3. April 1942)

 3. Juli 1942
Kinderlose Ehen, Kampf der Unfruchtbarkeit
Über die von Gauleiter Dr. Jury vor wenigen Tagen eröffnete Zentralstelle zur Untersuchung, Beratung und Behandlung kinderloser Ehen lässt sich schon jetzt ein Tätigkeitsbericht geben, denn der Ansturm in den ersten Tagen des Bestehens der Zentralstelle bewies, dass mit dieser Einrichtung eine Lücke in den bevölkerungspolitischen Maßnahmen der Partei und des Staates geschlossen wurde. ...

Die Zentralstelle steht den kinderlosen Ehepaaren offen, wenn ihre Ehe nach zweijährigem Bestehen kinderlos geblieben ist und in der Zeit Kinder gewünscht wurden. Es steht aber auch für die Kinderarmen bereit, wenn nach dem letzten Kind und einer längeren Pause, mindestens ebenfalls zwei Jahre, weiterer Kindersegen versagt blieb.

Voraussetzung für das Eintreten der Zentralstelle ist, dass die Eltern einen für das deutsche Volk erwünschten Nachwuchs erwarten lassen. Es wird daher in jedem Einzelfalle vom Leiter der Zentralstelle geprüft werden, ob die Eltern deutscher Abstammung und Volkszugehörigkeit, erbgesund und gemeinschaftswürdig sind. ...“ (Bote, 3. Juli 1942)

22. Jänner 1943
Sieg der Waffen und Wiegen“. 
Unter diesem Leitwort fand am Mittwoch abends im Kinosaal eine eindrucksvolle Veranstaltung der NS.=Frauenschaft statt. ... Wenn wir wollen, dass es unseren Kindern einstens gut gehen soll, so müssen es viele sein, denn auf ihnen ruht die Hoffnung der ganzen Nation. Viele Kinder sind ein Reichtum, der nicht durch leichtsinnige Gattenwahl vertan werden darf. Darum muss neben der Frage der Erbgesundheit der innere Wert, der Zusammenklang der Seelen von Mann und Frau entscheidend sein. ..."  (Bote, 22. Jänner 1943)

10. September 1943
Aufruf an junge Frauen, sich für den Dienst als Nachrichtenhelferinnen des Heeres zu melden: „Mädel, willst du zu uns kommen? Wir freuen uns! Freilich musst du manches aus deinem gewohnten Leben aufgeben; aber du weißt ja wofür. Für deine Kameraden draußen und für dein ganzes Volk setzt du all deine Kräfte in den Dienst als Nachrichtenhelferin des Heeres. Du trägst dann die Uniform und bist in gewissem Sinn Soldat.” (Bote, 10. September 1943)

28. April 1944
Die Frau ist bereits „überall an die Stelle des Mannes getreten
Wie könnte an einen geordneten Fortbestand unseres täglichen Lebens gedacht werden, wenn nicht die Frau wäre, die deutsche Frau, die mit einer Selbstverständlichkeit und ohne viele Worte aus ihrem häuslichen Leben heraus an den Pflug, an die Maschine, in die Büros und Kontore, kurz überall an die Stelle des Mannes getreten ist. Durch Zähigkeit und Ausdauer ersetzt sie die mangelnden körperlichen Kräfte dort, wo sie das schwere Tagwerk des Mannes übernommen hat und sie ist es, die anführt und die Verantwortung trägt, wo fremdvölkische Arbeitskräfte eingesetzt sind. Zusätzlich hat sie noch eine Familie zu betreuen, hat die Sorge um den eingerückten Mann oder Sohn, was als seelische Belastung eine zusätzliche Portion von Willenskraft beansprucht.“  (Bote, 28. April 1944)

4. August 1944
Der Druck auf die Frauen wird immer stärker
Unsere Rüstung und unsere Kriegswirtschaft braucht emsige Frauenhände. Es gibt für jede ihren Kräften und ihrer Eignung angemessene Arbeit. Neuartig ist die Regelung, dass Frauen, die keine Kinder unter zwei Jahren haben, zur Meldung verpflichtet sind, wenn sie mit weiblichen Familienangehörigen in Wohngemeinschaft leben, die das 18. Lebensjahr vollendet haben und nicht selbst berufstätig sind. Bedenken gegen  die körperliche Leistungsfähigkeit wird durch vertrauensärztliche, gegebenenfalls durch fachärztliche Untersuchung Rechnung getragen.“ (Bote, 4. August 1944)


SS (Schutzstaffel)

Die SS („Schutzstaffel“) existiert ab 1925 und ist ein der SA unterstelltes Elitekommando zum persönlichen Schutz Hitlers. Sie steht ab Anfang 1929 unter der Führung Himmlers. Ab Juli 1934 wird die SS aus der SA ausgegliedert und Hitler „persönlich und unmittelbar“ unterstellt. Die SS hilft Hitler seinen letzten Rivalen, den SA-Führer Ernst Röhm, gemeinsam mit über 80 weiteren Oppositionellen zwischen 30. Juni und 2. Juli 1934 zu beseitigen („Röhm-Putsch“). Damit ist das letzte Hindernis auf dem Weg zur Führerdiktatur beseitigt. Im Nürnberger Prozess wird die SS zur verbrecherischen Organisation erklärt. (Massentötungen von Juden, Roma, Sinti, politischen Gegnern, etc. in den Konzentrationslagern, Menschenversuche, Misshandlungen von Häftlingen, Ermordung von Kriegsgefangenen, Massaker an der Zivilbevölkerung, etc.)

Der Soldat der Waffen-SS war ursprünglich ein Freiwilliger, der allerdings nur genommen wurde, wenn er den SS-Rassekriterien entsprach. Er war politischer Soldat, d.h. nicht nur Kämpfer, sondern auch fanatischer Träger der nationalsozialistischen Weltanschauung und stolz darauf, auch als Soldat einer Elite anzugehören. Dieser Soldatentyp eignete sich besonders gut für einen auch nach rassischen Gesichtspunkten geführten Krieg. Mit der sich für Deutschland verschärfenden Kriegslage 1943/44 sah sich Himmler allerdings gezwungen, von seinen Elitevorstellungen abzurücken: Es wurden nun auch nicht SS-taugliche Freiwillige akzeptiert. Zudem wurden die Reihen mit Eingezogenen aufgefüllt, die keineswegs freiwillig kamen. Auf fast allen Kriegsschauplätzen fielen Einheiten und Führer der Waffen-SS durch exzessive Härte auf bis hin zu Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung. (Benz, 592, 791)

Was die Tätigkeit der SS in Waidhofen betrifft, so ist die Quellenlage dazu äußerst dürftig. 

Folgende Fakten sind nachweisbar:

Statistische Daten:

- Bereits vor dem Anschluss waren, wie aus einem Bericht im „Boten“  vom 25. März 1938 hervorgeht, 33 Waidhofner Mitglieder der SS.
- Im Boten von der Ybbs scheinen SS-Mitglieder entweder in Berichten über Beförderungen von Soldaten oder in Todesmeldungen von Gefallenen auf. Insgesamt sind dort die Namen von 38 Waidhofner SS-Männer nachweisbar:

1 SS.=Hauptsturmführer (Hauptmann)
6 SS.=Obersturmführer (Oberleutnant)
1 SS.=Untersturmführer (Leutnant)
1 SS.=Oberscharführer (Feldwebel)
1 SS.=Scharführer (Unterfeldwebel)
9 SS.=Unterscharführer (Unteroffizier)
6 SS.=Rottenführer (Obergefreiter)
1 Obergefreiter der Waffen=SS.
7 SS.=Sturmmänner (Gefreiter)
2 SS.=Männer (Schütze)
2 SS.=Panzergrenadiere
1 Zugwachtmeister einer SS.=Polizeidivision

  • Wie der „Bote“ vom 18.März 1938 berichtet, wurde das Gesellenvereinsheim im Pfarrhof zum SS-Heim. Auf der Ansichtskarte Abb.34 in Reinhard Kittls Buch „Mit Schuschnigg für ein freies Österreich“ ist eine Fahne mit dem SS-Symbol vor dem Pfarrhof erkennbar.
  • Polizeiinspektor Pitzel berichtet in seinem „Rückblick“, dass die Exekutive „wenn auch nicht gesetzlich, doch faktisch“ der SS unterstand. (Pitzel, S.3)
  • Am 22. April 1938 erscheint eine Ankündigung betreffend „Annahme=Untersuchung  der SS.-Standarte 52, Krems“ im „Boten“. Die Zuteilung zu den einzelnen Truppenteilen hängt dabei von der Größe der Bewerber ab: „ ... Jahrgänge 1916 bis 1920 werden in die SS.=Verfügungstruppe, Jahrgänge 1915, 1921, 1922 werden in die SS.=Totenkopfverbände eingestellt.
    Bei der SS.=Verfügungstruppe: Verpflichtung auf vierjährige Dienstzeit, die beiden ersten Jahre gelten als Ableistung der Wehrpflicht. Spätere Übernahme in den Staatsdienst (Polizei, Zoll, usw.). Besoldung, Versorgung usw. nach den Bestimmungen der Wehrmacht.

    Zuteilung zu den Truppenteilen:
    Bei Größen über 178 Zentimeter zur Leibstandarte SS Adolf Hitler (vollmotorisiertes Infanterie=Regiment). Bei Größen zwischen 174 und 178 Zentimeter zu den Standarten SS.“Deutschland“, SS.“Germania“, SS.3 (Infanterie=Regimenter, Gebirgsjägerbataillon) bei Größen zwischen 172 und 174 Zentimeter zu Pionier= und Nachrichten=Einheiten.“ (Bote, 22. April 1938)
  • Die im vorigen Absatz angekündigte Annahme=Untersuchung ergibt laut „Bote“ vom 29. April 1938 folgendes Ergebnis: „Musterung der Annahme=Kommission für SS.=VT (SS.=Verfügungstruppe) und Leibstandarte Adolf Hitler sowie für TB. (SS.=Totenkopfverband). Am Montag den 25. ds. fand hier im Gasthaus Nagl die Musterung für die aktive SS statt. Von etwa 170 Männern, die sich zur Musterung stellten, wurden 27 Mann angenommen. Es wurde den Tauglichen freigestellt, den Ort ihrer Dienstleistung auszuwählen. Alle meldeten sich in Garnisonsorte des Altreiches (Hamburg, Dresden, München). Ein Teil wurde zur Gebirgs=SS. nach Klagenfurt bestimmt. Die Einrückung erfolgt in den nächsten Tagen.“ (Bote, 29. April 1938)
  • Im Boten vom 28. 1938 wird eine SS-Trauung beschrieben: „SS.=Trauung. Am 21. ds. fand in Amstetten die Trauung des hiesigen SS.=Untersturmführers Franz Heri H. mit Frl. Gertrude D. statt. Nach der standesamtlichen Trauung auf der Bezirkshauptmannschaft fand in der Dienststelle des SS.=Strumbanns III/52 die SS.=Trauung statt. Im festlich geschmückten Raum hatte eine starke Abordnung des SS.=Sturmes 11/52 Aufstellung genommen. In Vertretung der SS.=Standarte 52 vollzog SS.=Obersturmführer Weichselbaum die SS.=Trauung und zugleich die Aufnahme in die SS.=Sippe. In kurzen Worten sprach der Obersturmführer hierauf über die Bedeutung der Aufnahme in die SS.=Sippe und über die Aufschrift am SS.=Dolch „Meine Ehre heißt Treue“. SS.=Oberscharführer und Stabsscharführer Otto Kornherr vermittelte die Glückwünsche des SS.=Sturmes 11/52 und überreichte den Vermählten ein Geschenk des Sturmes. Die SS.=Trauung schloß mit dem SS.=Treuelied.“ (Bote, 28.10.1938)
    Das Sippenbuch der SS war ein Verzeichnis des Rasse- und Siedlungs-Hauptamtes der SS, in dem die Familien der SS-Angehörigen registriert wurden. Grund für die Einführung war die Heiratsgenehmigung, die jeder SS-Mann laut Befehl A Nr.65 vom 31.12.1931 des Reichsführers SS einzuholen hatte. Die Eintragung der Familien erfolgte dann „nach Erteilung der Heiratsgenehmigung oder Bejahung des Eintragungsbuches.“ (Benz, 731)
  • Am 9. November 1938 („Reichskristallnacht“) gibt, wie Polizeiinspektor Pitzel berichtet, „zeitlich früh die SS Führung die Weisung zu Vergeltungsmaßnahmen gegen Juden“ aus. (Pitzel, S.3) Die Reichskristallnacht in Waidhofen wird unter der Führung der SS von Jugendlichen durchgeführt. Es kommt zu Verwüstungen im Geschäft Braun am Hohen Markt 22, auf dem Gut Claryhof der Familie Kunizer in der Landgemeinde sowie in der Wohnung von Frau Friederike Hiebler in der Ybbsitzerstraße 15.
  • Am 9. November  1938 kommt es zur Vereidigung des heimischen SS-=Sturmes 11/52 am Oberen Stadtplatz („Adolf=Hitler=Platz). Der „Bote“ vom 11. November berichtet dazu: „Im Anschlusse an die Ehrung der am 9. November 1923 in München gefallenen Helden der Bewegung fand um die Mitternachtsstunde des 9. November auf dem Adolf=Hitler=Platz gemeinsam mit den SS.=Verbänden im ganzen Reiche die Vereidigung auch des heimischen SS.=Sturmes 11/52 statt. Vor 12 Uhr marschierte der Sturm auf dem Adolf=Hitler=Platz auf und vollzog sich die feierliche Vereidigung nach der im Rundfunk übertragenen Eidesformel: „Ich schwöre dir, Adolf Hitler ...“ Wort für Wort, Satz für Satz sprechen die SS.=Männer den Schwur, den Reichsführer SS Himmler vorsprach. Nach wenigen Minuten der Stille, in denen das Erlebnis der feierlichen Eidesleistung nachklingt, wandte sich der Führer an seine SS.=Männer und sprach zu ihnen. Die Stunde fand in den Worten Adolf Hitlers ihre Erfüllung. Machtvoll brauste nach den Führerworten das Lied „Wenn alle untreu werden...“ über den Platz.
    Nach der feierlichen Vereidigung marschierte der Sturm 11/52 zur Dienststelle ab. Die Vereidigung wurde in Waidhofen a.d. Ybbs durch den Adjutanten des Sturmbannes III/52, SS.=Untersturmführer Anton Brechlmacher und Stabsscharführer Kornherr, vorbereitet und durchgeführt, nachdem der Führer des Sturmes, SS.=Untersturmführer Hochegger, als Standarten=Kornett (Träger des Feldzeichens der 52. SS-Standarte zu den Feierlichkeiten nach München befohlen wurde. An der Feierlichkeit nahm die gesamte Gendarmerie und Polizei der Stadt teil.“ (Bote, 11. November 1938)
  • Im „Boten“ vom 31. März 1939 erscheint ein Bericht über eine Dienstkontrolle bei der Waidhofner SS: „Freitag den 24. März erschien unerwartet der Führer des SS.=Abschnittes VIII, SS.=Oberführer Jungkunz, in Waidhofen, um eine Dienstkontrolle beim Sturm 11 der 52.SS=Standarte durchzuführen. Standort Waidhofen a.d. Ybbs und Rosenau waren gerade angetreten, um zu einer Schießübung abzumarschieren, als Oberführer Jungkunz eintraf. ...“ (Bote, 31.März 1939)
  • Ein Nachruf auf den gefallenen SS-Mann Adolf W. im „Boten“ vom 21. Juni 1940 gibt einen Einblick in den Werdegang eines SS-Mannes: „ ... Ein Kämpfer in illegaler Zeit, der trotz Not und Hunger nicht den Lockungen und Versprechen der Heimwehr folgte. Er legte Papierböller, trug illegale Schriften aus, besuchte die Appelle der SS. und entging immer wieder dem Zugriff suchender Organe. Endlich kam für W. eine bessere Zeit. Nach der Heimkehr Österreichs ins große Vaterland gab auch ihm der Führer Arbeit und Brot. Im Juni vergangenen Jahres rückte er nach Breslau zu den SS.=Totenkopfverbänden ein, um seiner Wehrpflicht zu genügen. Bei Ausbruch des Polenkrieges mußte er weiterdienen, war im Protektorat und kam später mit der „Schwarzen Division“ nach dem Westen. An einer schweren Verwundung, die er im Kampfe für Deutschland erlitt, starb er kurz nach seiner Einlieferung in ein Reservelazaraett in Frankfurt a.M. Als SS.=Mann kämpfte und starb Adolf W. für Führer, Volk und Vaterland.“ (Bote, 21. 6. 1940)
  • Von 1939 bis 1943 befand sich im Bauernhof Sandhof in Windhag, Kronhobl 3, jetzt Gemeinde Waidhofen/Ybbs, ein sogenanntes „Umschulungslager“ für vorwiegend aus Wien stammende Juden. Es wurde von der SS betrieben und scheint unter dem Eigentümer „Auswanderungsfond Wien“ auf. Das Bauernhaus wurde von den jüdischen Zwangsarbeitern neu aufgebaut und bestand aus den noch heute existierenden Gebäuden sowie einer Wohnbaracke für die Lagerinsassen. Diese befand sich auf der Wiese hinter dem Haus in Richtung Schobersberg. Laut Zeitzeugen soll Adolf Eichmann persönlich im Jahr 1939 nach Waidhofen gekommen sein, um in einem Waidhofner Gasthaus den Vertrag betreffend den Neuaufbau des Lagers Sandhof mit der Baufirma zu unterschreiben.
    Die landwirtschaftlichen Umschulungsstätten wurden ursprünglich für die Auswanderung nach Palästina geschaffen, und sollten jüdische Auswanderer auf das Leben in ihrer neuen Heimat vorbereiten. In Niederösterreich befanden sich solche Lager u.a. auch in Moosbrunn, Ottertal, Walpersdorf, Markhof und Wördern. Ein ähnliches von der SS betriebenes Lager ist auch in Doppl bei Altenfelden in Oberösterreich nachweisbar. Während die niederösterreichischen Umschulungsstätten im Herbst 1939 bereits wieder aufgelöst wurden, bestand das Lager in Windhag bis 1943. Laut Aussage eines ehemaligen Insassen diente das Lager in der Folge „eher als ein Erholungsheim für SS-Angehörige.“
    Das Lager in Windhag unterstand der von Adolf Eichmann im Sommer 1938 geschaffenen „Zentralstelle für die Auswanderung der Juden Österreichs“. Diese Stelle, mit ihrem Hauptquartier in Wien, arbeitete aufgrund ihrer Schikanen und Brutalität gegenüber den österreichischen Juden so „effizient“, daß sie als „Wiener Modell“ für die Judenverfolgung im gesamten Deutschen Reich zum Vorbild wurde.
    Alle in Windhag eingesetzten SS-Männer scheinen in Eichmanns Stab auf und waren nicht nur an der Vertreibung österreichischer Juden, sondern auch an der Deportation tausender Juden aus der Slowakei, Griechenland, Frankreich und Ungarn beteiligt.
    Das Lager in Windhag wurde mehrmals von einem der engsten Mitarbeiter Eichmanns, Alois Brunner (Brunner I) inspiziert, und er zeigte sich mit der Tätigkeit des dortigen Kommandanten, SS-Unterscharführer Robert Walcher, sehr zufrieden.
    Der letzte indirekte Hinweis auf den Bestand des Lagers stammt vom 25.3.1943. An diesem Märztag werden zwei Insassen des Lagers, der 20-jährige Harry Goldberg sowie der 19-jährige Arnold Spira wegen Mißachtung der Kennzeichnungspflicht (Juden waren ja ab dem 19.9.1941 zum Tragen des Judensternes verpflichtet) in Waidhofen festgenommen und zwecks "Evakuierung nach dem Osten" in ein Sammellager überstellt.
    Ein ausführlicher Artikel über das Umschulungslager Gut Sandhof Windhag bei Waidhofen a/d Ybbs befindet sich in den Waidhofner Heimatblättern, 26. Jahrgang, 2000.
  • Ab dem Jahr 1942 kommt es im „Boten“ verstärkt zu Werbeeinschaltungen für den Beitritt zur Waffen=SS. Am 15. September 1944 wird in einem Artikel versucht, Gerüchte, die offensichtlich in der Bevölkerung über die SS kursierten, zu entkräften. Er richtet sich vor allem auch an Mütter, in deren Herzen „neben der Opferfreude und dem Willen zum Siege oftmals Zaghaftigkeit wohnt“. - So bestreitet man die Vorwürfe, die Waffen=SS habe unverhältnismäßig hohe Verluste oder dass viele Soldaten von der Waffen=SS enttäuscht seien, da man sie dort ungerecht behandelt hätte. Am Ende dieses Propagandaartikels wird dann die Waffen=SS noch einmal als die Elitetruppe des Deutschen Reiches dargestellt: „Die Waffen=SS wurde Sammelbecken einer stürmischen, drängenden Jugend. Sie wurde die Einsatztruppe bewährtesten politischen Soldatentums, sie wurde auch in diesem Kampf um die Freiheit und den Bestand des Reiches die stählerne Spitze der Bewegung. ... deren Wahlspruch lautet: „Meine Ehre heißt Treue!“ Und das ist die letzte und tiefste Wahrheit über die Waffen=SS.“ (Bote, 15. 9. 1944)
  • In seiner Schilderung des Kriegsendes in Waidhofen berichtet Pitzel in seinem „Rückblick“ über „eine SD Dienststelle, fast durchwegs aus Wlassow-SS* bestehend“, die sich in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs in Kreilhof niedergelassen hatte: „Deren Tätigkeit, die sich fast nur im Geheimen abspielte, war für uns direkt unheimlich und wusste man nie, ob man nicht auf irgend eine Art in ihre Schlingen gerät. So stellte ihr Kommandant an mich das Verlangen, ihm unbedingt einen Personenwagen zu beschaffen, obwohl er wissen musste, dass es in der ganzen Stadt keinen betriebsfähigen Wagen gab.“ Laut Pitzel waren Mitglieder der Wlassov-SS auch an der Ermordung des Ehepaares Kunizer beteiligt. (Pitzel, S.33 und 36)
  • Der russische General Andrei Andrejewitsch Wlassow geriet 1942 in deutsche Gefangenschaft. Als Antistalinist stellte er sich der antibolschewistischen deutschen Propaganda zur Verfügung. Aufgrund der katastrophalen militärischen Lage gab Hitler auf Drängen des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, im Herbst 1944 die Erlaubnis zur Aufstellung zweier Infantriedivisionen sowie etlicher weiterer militärischer Verbände unter der Führung Wlassows. Diese Einheiten bestanden aus Kriegsgefangenen und Ostarbeitern. Nach dem Krieg wurden alle Mitglieder der Wlassow-Armee von den Amerikanern an die Russen ausgeliefert. Der Großteil von ihnen wurde in Zwangsarbeitslager eingewiesen, die meisten Offiziere, unter ihnen auch Wlassow, wurden hingerichtet. (Benz, 808)
  • Die letzten Kriegstage in Waidhofen sind, laut Pitzel, von Gewalttaten und Verminungsversuchen der SS geprägt: „Von manchen Häusern waren weiße oder rotweißrote Fahnen ausgehängt worden, was bei den durchziehenden SS Einheiten Gewalttaten auslöste. Einzelne Fahnen wurden in Brand geschossen und es waren Drohungen laut geworden, dass die Stadt vernichtet werde. Darum musste auch die Einziehung solcher Fahnen veranlasst werden. Am letzten Morgen hatte eine Abteilung SS begonnen, unterhalb der Eisenbahnbrücke die Redtenbachstraße zu verminen. Die Bewohner der Umgebung machten hievon Mitteilung und es gelang mir mit Unterstützung des „Stadtkommandanten“ die Leute von ihrem Vorhaben abzubringen.“ (Pitzel, S.40)
  • Auch der Todesmarsch von KZ-Häftlingen vom 1. bis zum 8. April 1945, dessen Route über St. Leonhard am Walde das Waidhofner Stadtgebiet streift, wird von der SS bewacht. Auf diesem Marsch von Mödling-Hinterbrühl nach Mauthausen werden von der SS 204 Personen erschossen, 56 gelten als vermisst. (Marsalek, S.290)
  • Am 22. April 1945 wird das Bauernhaus Steinbichl / St. Georgen in der Klaus, in dem sich Franz Emanuel Kunizer versteckt hält, vom Ortsgruppenleiter Waidhofen a.d. Ybbs Land, einem führenden Parteifunktionär dieser Ortsgruppe sowie von einigen SS-Männern  umstellt. Als die SS ins Haus eindringt, um Herrn Kunizer zu holen, kommt es zu einer Schießerei, in welcher der Parteifunktionär, Herr Kunizer, ein SS-Mann sowie die Tochter des Bauern getötet werden. Frau Clara Kunizer (geb. Hagens), die sich im Haus Hasleiten aufhält, wird danach von der SS ausfindig gemacht und aufgefordert, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Da sie dies ablehnt, wird sie von einem SS-Mann durch einen Kopfschuss getötet. (Heimberger, S.50-52)
  • Gegen Kriegsende wird das letzte Hauptquartier der Heeresgruppe Süd unter General Rendulic ins Waidhofner Schloss verlegt. Dieses wird von SS-Posten bewacht und diesem Hauptquartier ist auch die 6. SS Panzerarmee unterstellt.
  • Am 9. Mai1945 kommt es „in der Strassenenge zwischen Pfingstmannmauer und Kanzel zu einem Feuerwechsel zwischen Nachzüglern der SS und russischen Soldaten.“ Dies sollen, laut Polizeiinspektor Pitzel, auch die letzten Schüsse gewesen sein, die auf österreichischem Boden gefallen sind. (Pitzel, S.43)

Widerstand

Offener Widerstand konnte in Waidhofen bis jetzt nur von drei Personen nachgewiesen werden. Es waren dies Stefan und Anna Piringer sowie Judith Hochegger. Sie waren Mitglieder der Zeugen Jehovas, in Zell wohnhaft und wurden am 12. Juni 1940 festgenommen (siehe Anhang). Das Ehepaar Piringer kam im KZ ums Leben. Judith Hochegger überlebte die Gräuel der Konzentrationslager. Sie kehrte nach dem Krieg kurz nach Zell zurück, wanderte dann aber nach Australien aus, wo sie auch verstarb. 

Einem Informationsblatt der Zeugen Jehovas sind folgende Angaben zu entnehmen:
Dem Ehepaar Stefan (geb. 4.12.1892) und Anna (geb.19.7.1896) Piringer, das seine sechs Kinder nach den Grundsätzen der Zeugen Jehovas erzog, wurden die Kinder weggenommen. Als sie ihren jüngsten Sohn von den Pflegeeltern zurückforderten, erfolgte am 12. Juni 1940 ihre Verhaftung und Verurteilung zu je 1 Jahr und 6 Monaten Zuchthaus. Da sie sich nach der Verbüßung der Strafe weiterhin als Zeugen Jehovas bezeichneten, wurden sie ins KZ eingeliefert. - Stefan Piringer verstarb am 3.4.1942 im KZ Dachau. Anna Piringer starb am 28.2.1944 im KZ Ravensbrück. 
Judith Hochegger, geb. am 18.5.1898 in Eisenerz, wohnhaft in Zell bei W/Y wurde am 12. Juni 1940 verhaftet, da sie sich weigerte, in Böhlerwerk, das damals Rüstungsbetrieb war, zu arbeiten. Judith Hochegger befand sich zunächst in U-Haft und wurde dann zu 2 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus verurteilt, die sie im Frauenzuchthaus Aichach verbrachte. Da sie weiterhin von der Lehre der Bibelforscher, wie damals die Zeugen Jehovas genannt wurden, überzeugt war, und den Abwehrkampf des deutschen Volkes mit der Bibel nicht vereinbar hielt, eine Beteiligung an Luftschutzmaßnahmen ablehnte und auch den Standpunkt vertrat, dass eine Verweigerung des Wehrdienstes gemäß der Bibel geboten ist, wurde sie am 2.3.1943 ins KZ Ravensbrück überstellt und später ins KZ Sachsenhausen eingewiesen.

Von den schrecklichen Erlebnissen im KZ berichtet sie unter anderem:
Eine schlimme Foltermethode war das Stehen im Wasserloch. Im Keller musste sie stundenlang in einem Wasserloch stehen. Eine Stunde pro Tag wurde sie herausgeholt, und dann musste sie mit aufgeweichten Fußsohlen über spitzen Schotter gehen. Im Wasser sah sie Dinge, von denen sie meinte, dass es Leichen gewesen sein könnten. Jedesmal, wenn nach ihr geschaut wurde, schrie man ihr entgegen: “Luder, bist du noch nicht hin?“ Während dieser schrecklichen Marter - es ist nicht bekannt, wie lange sie die erdulden musste - betete sie viel zu Gott und bat ihn, sie nicht zugrunde gehen zu lassen.
Judith Hochegger lebte nach dem Krieg wieder in Waidhofen an der Ybbs und wanderte dann nach Australien aus, wo sie auch verstarb.

Von allen drei Personen sind im Waidhofner Stadtarchiv noch Schreiben aus der Gestapo-Haft in St.Pölten vom November 1940 erhalten, in denen sie ihre Wohnsitze in Zell auflösen. Es sind dies die Wohnung des Ehepaares Piringer, Hauptplatz 18, sowie das Zimmer von Frau Hochegger, Ybbslände 11.

Pfarrer Reinhard Kittl bemerkt dazu in seinem Buch „Mit Schuschnigg für ein freies Österreich“ auf Seite 74:
Im Rückblick ist es fast beschämend, dass in meiner Heimat keine Christen, sondern Zeugen Jehovas den Mut zum öffentlichen Widerspruch aufbrachten.“ 


Ein Bericht über einen Sabotageakt erscheint in einem Artikel im „Boten“ vom 3. Juni 1938, in dem über die Beschädigung der Adolf=Hitler Eiche in Zell durch „schäbige Gesinnungshelden“ berichtet wird:  Auch der Mut von Waidhofner Frauen ist zu erwähnen, die im Dezember 1941 trotz Verbots in der Öffentlichkeit mit „der von der Behörde gekennzeichneten Jüdin“ Gespräche führen. (Bote, 30.12.1941) Bei dieser „Jüdin“ handelt es sich um Frau Ida Weissberger. Sie begeht, noch bevor sie von den NS-Behörden zur Deportation abgeholt werden kann, am 6.9.1942 in ihrer Wohnung am Pfarrerboden 6 Selbstmord. Im Lokalblatt „Bote von der Ybbs“ erscheinen mehrmals Artikel, die zeigen, dass in der Bevölkerung immer wieder von „erbärmlichen Kleinigkeitskrämern, faulenzenden Besserwissern, charakterlosen Außenseitern, Unverantwortlichen, Böswilligen und Dummköpfen“  Kritik am NS-Regime geübt wird. (Bote 24.3.1939 / 9.1.1942). Auch Rundfunkstörungen während der Übertragung von Führerreden kommen vor und werden von den NS-Machthabern als „staatsfeindliche Sabotage“ aufgefasst.1943 werden der Waidhofner Emmerich Stangl wegen Wehrkraftzersetzung und Marie Duschek wegen „Zersetzung des Willens des Deutschen Volkes zur wehrhaften Selbstbehauptung“ angeklagt und zu Gefängnisstrafen verurteilt. Stangl hatte „fortgesetzt slowakische und ungarische Sender abgehört“ während Marie Duschek zur Last gelegt wird, sie habe geäußert „Hitler sei am Krieg Schuld, die armen Soldaten müssen verbluten und zu Weihnachten desselben Jahres wäre es vielleicht schon anders.“ (Sobotka)

Im selben Jahr wird auch der Waidhofner Max Sulzbacher wegen „Nichtanzeige eines Hochverratsvorhabens“ zu 1 Jahr und 8 Monaten Zuchthaus und 2 Jahren Ehrenverlust verurteilt. Sulzbacher wusste über die Aktivitäten Johann Gerstners Bescheid, eines Bruckbacher Arbeiters, der am 19.1.1943 in Krems zum Tode verurteilt wurde. (Sobotka)

Die religiösen Aktivitäten zweier Waidhofner Geistlicher, Pater Richard Banka und Kaplan Kurt Strunz, sind ebenfalls als Akte des Widerstandes gegen das NS-Regime zu sehen.

Pater Richard Banka von der Klosterkirche wird am 2. September1941 wegen „unbefugten Vertriebes“ von katholischen Schriften vom Präsidenten der Reichsschrifttumskammer zur Anzeige gebracht und mit einer Ordnungsstrafe von 1000 RM bestraft. Kaplan Kurt Strunz, der an der Stadtpfarrkirche tätig ist, wird im Mai 1944 von der Gestapo „staatspolizeilich gewarnt“, da er „konfessionelle Veranstaltungen in einer weit über das zulässige Maß hinausgehenden Art propagierte.“ (Widerstand und Verfolgung in NÖ, Band 3, S.184 u. 194)

Trotz des Verbotes von konfessionellen Zusammenkünften wurde unter Kaplan Strunz in Waidhofen wöchentlich eine Jugendchristenlehre abgehalten. Das Plakat „Du bist ein Christ! Sei was du bist!“ und dazu die Zeichnung eines Schwertes, einer Krone und eines Kreuzes erregten bei der Gestapo derartiges Missfallen, dass Dr. Kurt Strunz staatspolizeilich gewarnt wurde. (Sobotka) 

Eine Form des stillen Widerstandes ist die Teilnahme an Veranstaltungen der katholischen Kirche in Waidhofen. Besonders an den alljährlichen Fronleichnamsprozessionen sowie am Begräbnis des bei der Waidhofner NSDAP unbeliebten Stadtpfarrers Propst Johann Pflügl nehmen sehr viele Menschen teil. 

Vor allem die Waidhofner Landbevölkerung wird vom NS-Regime als besonders kirchentreu kritisiert. Dies geht aus zwei erhaltenen Situationsberichten des Waidhofner Gendarmeriepostens an den Landrat in Amstetten vom 27. Mai 1940 und vom 26. November 1942 hervor. Beide finden sich im 3. Band „Widerstand und Verfolgung in NÖ“ auf den Seiten 58 und 60:
Auch in der bäuerlichen Bevölkerung hat sich nichts geändert. Diese sind nach wie vor schwarz und monarchistisch eingestellt. Einen klaren Beweis hiefür bildet die Beteiligung aller Bauern an der Fronleichnamsfeier. Ja nicht allein die Bauern haben an dieser Feier korporativ teilgenommen, sondern waren dabei auch, wie es in Waidhofen der Fall war, eine sehr große Zahl Leute aus der Stadt vertreten, so dadd sich diese Feier zu einem imposanten Umzug gestaltete.“  

 „Überhaupt scheint die Landbevölkerung noch nie so energisch für ihre Religion eingetreten zu sein, wie dies heute der Fall ist, wo sie der Meinung ist, dass es in der nationalsozialistischen Weltanschauung um ihren Glauben geht. Obwohl in Bauernversammlungen stets betont wird, dassihre Religion nicht angetastet werde, so stehen sie doch dieser Zusicherung äußerst misstrauisch gegenüber. Tatsache ist, dass in puncto Religion die Landbevölkerungen am kritischsten Teil getroffen werden, und es ist eine bekannte Tatsache, dass sie hiefür alles einzusetzen entschlossen sind. ...Nach wie vor kann beobachtet werden, dass der Gruß „Heil Hitler“ seltener gebraucht wird. Diese Beobachtung bezieht sich meist auf das Stadtgebiet. In der ländlichen Bevölkerung war dieser Gruß immer etwas Seltenes.“

Über einen Bauern, zu dem „das Märzlicht des Jahres 1938 noch nicht gedrungen ist“ berichtet die Ausgabe des „Boten“ vom 17. November 1939:
Frostspannerbekämpfung und Schuljugend. Zur Sicherung der jetzt bedeutungsvoller als jemals gewordenen Ertragsfähigkeit der Obstbäume ist die Bekämpfung des Frostspanners unbedingt geboten. ... Im Einvernehmen mit dem Ortsbauernführer der Landgemeinde Waidhofen wurde daher von der Volksschulleitung und der Direktion der Hauptschule ein Einsatzplan zurechtgelegt. .. Flott ging die Arbeit den Jungen von der Hand und mit Wohlbehagen wurde die Jause verzehrt, welche diese Bauern gastfreundlich ihnen boten. Leider aber muss erwähnt werden, dass es in einem düsteren Graben einen Besitzer gibt, wohin das Märzlicht des Jahres 1938 noch nicht gedrungen ist oder zumindest gleich wieder „verdunkelt“ wird, falls doch die Erkenntnis eintritt, dass für alle Anordnungen gute Absicht und nur bestes Wollen die treibenden Kräfte sind. So ist es erklärlich, dass dieser Bauer die Jungen mit sehr unfreundlichen Worten empfing und nichts Besseres wusste, als Schulbehörden und Lehrerschaft in niederträchtiger Weise vor den Schülern herabzusetzen. Doch die Buben ließen sich in ihrer Arbeit nicht stören und beschämten so den Bauern. ...“

Zum Abschluss dieses Kapitels sei noch ein Beispiel für Widerstand in Form eines Witzes angeführt:
Die öffentliche Toilettenanlage beim Ybbsturm wurde im Dezember 1944 von einer Bombe zerstört. Da Göring zu Kriegsbeginn behauptete, dass, falls je ein feindlicher Bomber deutsches Gebiet überfliegen würde, er "Maier" heißen wolle, soll ein Witzbold auf den Trümmern der Toilettenanlage folgenden Spruch angebracht haben:

"Würde Göring nicht Maier heißen
Könnten wir hier auch heut' noch sch........... !
"

Laut einem anderen Zeitzeugen soll es sich sogar um einen Vierzeiler gehandelt haben:

20 Jahre hab’ ich hier gesch.............. ,
der Tommy hat es weggerissen.
Tät’ der Göring nicht Maier heißen
könnt’ ich hier noch weiter..................... !

Der Spruch wurde schnellstens entfernt. Zu dieser Zeit, so knapp vor Kriegsende, standen bereits Höchststrafen auf derlei "Vergehen".


Zwangsarbeiter

Die allgemeine Situation in „Niederdonau“:

Im allgemeinen werden vier Gruppen von ausländischen Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen unterschieden:
- zivile ausländische Arbeitskräfte
- Kriegsgefangene
- ungarische Juden
- zum „Arbeitseinsatz“ abkommandierte KZ-Häftlinge.

Seit dem Ende der „Blitzkriegstrategie“ 1941/42 wurden auch in „Niederdonau“ ausländische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen massenhaft und systematisch eingesetzt. Etwa die Hälfte der zivilen ausländischen Arbeitskräfte und Kriegsgefangenen war in „Niederdonau“ in der Land- und Forstwirtschaft beschäftigt.
Im Mai 1944 waren in „Niederdonau“ fast 192.000 zivile ausländische Arbeitskräfte und Kriegsgefangene beschäftigt. Das waren ca. 36 Prozent aller Arbeitskräfte in „Niederdonau“. Dazu kommen noch ca. 30.000 Häftlinge der Konzentrationslager auf dem Gebiet Niederösterreichs und eine Vielzahl ungarischer Juden.
(EMINGER Stefan, Zwangsarbeit in „Niederdonau“, in: morgen, Kulturzeitschrift aus Niederösterreich, Oktober 2000, S.6f.)
Laut dem Bericht der österreichischen Historikerkommission über Zwangsarbeit in Österreich gab es unter den russischen Kriegsgefangenen die höchsten Verluste. 96% aller Toten (das sind mindestens 22.121 Tote bis Ende 1944) innerhalb der Gruppe der Kriegsgefangenen auf österreichischem Gebiet waren Russen. (Bericht der österr. Historikerkommission., S.7)
Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter wurden während des Krieges auch im Raum Waidhofen zur Arbeit eingesetzt. Sie waren entweder in Lagern, wie z.B. dem Reichsbahnlager am Hauptbahnhof oder dem Zwangsarbeitslager Windhag, oder direkt bei den Familien oder Betrieben, denen sie zugeteilt waren, untergebracht.

Ähnlich wie bei vielen anderen Themen aus dieser Zeit ist die Quellenlage sehr dürftig. Folgende Fakten konnten nachgewiesen werden: 

Berichte über Zwangsarbeiter in „Rückblick auf die Ereignisse in der Stadt Waidhofen a.d. Ybbs 1938-1945“ des damaligen Oberleutnants der Schutzpolizei, Vinzenz Pitzel: “Bald nach Kriegsausbruch mit Russland (22.6.1941) waren die Scharen von sogenannten Ostarbeitern, denen Griechen und Polen vorausgegangen waren, auch in unser Gebiet gekommen. Das brachte für die Polizei eine Fülle neuer und zumeist unliebsamer Aufgaben. Es waren ungemein strenge Vorschriften hinsichtlich Überwachung und Evidenzhaltung dieser Arbeitskräfte, die total heruntergekommen waren, erlassen worden. Diese waren dem Kreisleiter und einigen örtlichen Größen aber noch immer zu milde. Die „Fremdvölkischen” konnten nicht hart genug behandelt werden und gar oft hatte ich die heftigsten Vorwürfe hinzunehmen, weil wir diese Menschen nicht wie Tiere behandeln und prügeln wollten. Naturgemäß waren auch asoziale Elemente unter der Masse dieser Arbeitsverpflichteten, die zu einer wahren Landplage wurden, aber die Mehrzahl war arbeitswillig, nur wurden sie von manchen Arbeitgebern ausgenützt und schlecht behandelt. Wenn sie davonliefen, mussten sie eingesperrt und dann wieder auf ihre Arbeitsplätze zurückgebracht werden. Über dieses Kapitel ließen sich Bände schreiben!” (Pitzel, S.9) 

Wie brutal der Kreisleiter die fremdvölkischen Arbeiter behandelt sehen wollte, geht aus einem „Befehl“ hervor, den er mir eines Tages - ich war im Außendienst - zukommen ließ und in dem er verlangte, dass alle arbeitsscheuen oder arbeitsvertragsbrüchigen fremdvölkischen Arbeiter aus dem ganzen Bezirke nicht mehr ins Gerichtsgefängnis, sondern in die Polizeiarreste gebracht werden und alle, und seien es noch so viele, in einer Zelle eingesperrt werden müssen. Anstatt einer Verpflegung sind sie mit dem Gummiknüttel zu behandeln, so daß jedem die Lust vergeht jemals wieder mit dem Polizeiarrest Bekanntschaft zu machen. Als ich dem Kreisleiter einige Zeit später auf seine Frage, ob seinen Befehlen entsprochen wird, antwortete, daß ich derartige Aufträge meinen Leuten, die Polizisten und damit Freunde und Helfer, aber keine Prügelknechte sind, nicht geben kann und der Gummiknüttel in der deutschen Polizei ja strenge verpönt sei, wurde er wütend und wollte an einem Ostarbeiter, den er sich aus der Haft vorführen ließ, demonstrieren, wie man es machen muß, aber anscheinend schämte er sich dann doch, einen wehrlosen armen Teufel zu prügeln und fuchtelte ihm nur vor dem Gesicht herum. Ich danke Gott noch heute, daß ich damals diesen Widerstand aufbrachte, er hat mir und andern Schlimmes erspart.“ (Pitzel, S.18)

Der folgende Abschnitt in Pitzels Rückblick behandelt die letzten Wochen vor Kriegsende:
Die böse Saat, welche durch die oft schlechte Behandlung der ausländischen Arbeiter ausgestreut worden war, begann allmählich aufzugehen. Die tschechischen Zivilarbeiter, denen es verhältnismäßig am Besten gegangen war, die gut verdienten und in ihrer Freizügigkeit nur wenig beschränkt waren, hatten sich schon in ihre Heimat begeben. Die Polen und die Ukrainer hatten schon lange herausgefunden, dass sie bald frei sein werden und nur zu häufig äußerten sie sich zu ihren Arbeitgebern, dass sie bald die Herren sein werden.
(Pitzel, S.38)
Für die Bewohnerschaft unserer Stadt erhöhte sich in den letzten Tagen das Ungemach noch bedeutend. Schon am Dienstag den  7. Mai (1945) setzten Plünderungen durch die erbitterten Ostarbeiter ein. Im Reichsbahnlager neben dem Hauptbahnhof haben die ausländischen Arbeiter die ihnen verhasste Wirtschaftsführerin, eine Reichsdeutsche, niedergeschossen und in einen Deckungsgraben geworfen.“ (Pitzel, S.40) 

Hinweise auf Zwangsarbeiter im Sterbebuch XVI der Pfarre Waidhofen an der Ybbs (Pfarrarchiv):

Ab dem Jahr 1940 finden sich Eintragungen über im Waidhofer Spital verstorbene Zwangsarbeiter im Sterbebuch der Stadtpfarre Waidhofen/Ybbs. Insgesamt scheinen die Namen von 29 Verstorbenen auf, davon acht Frauen. Das Durchschnittsalter beträgt ungefähr 30 Jahre. Die Eintragungen ins Sterbebuch geben weiters Auskunft über Nationalität der Zwangsarbeiter, Arbeitsplatz und Todesursachen: 

Nationalität: Bulgarien 1, Frankreich 1, Griechenland 2, Italien 2, Kroatien 1, Polen 7, Russland 4, Slovakei 1, Ukraine 8, Ungarn 1, keine Angabe 1.
Arbeitsplatz: - Arbeitslager der Firma Porr, Böhlerwerk
- Lager Rauscher, Hausmenning
- Privathaushalte
- Russenlager Böhlerwerk
- Unterlaussalager, Weyer a.d. Enns
- Wohnlager Böhlerwerk
- Wohnlager Weißenbach an der Enns

Die im folgenden angeführten Beispiele aus diesem Sterbebuch bestätigen die Aussagen Polizeiinspektor Pitzels über die zum Teil brutale Behandlung der Zwangsarbeiter:

9. Okt. 1940 Jan Malec, Landarbeiter in hies. Landgemeinde, 3. Wirtsrotte 13 „Gries“, geb. 17.9.1898, verh. mit Anna Malec in Walowagora 20, Post Limanowa
Todesart: Beckenbruch durch Unfall, Zerstörung des Harnapparates

8. Juli 1941 Dimitre Panaitov Despotov, Zimmermann in Böhlerwerk, Arbeitslager der Fa. Porr, weiters unbekannt, geb. 10.5.1914 in Isvor, Bulgarien
Todesart: Nierenzerreißung

27. Jänner 1942 Matrona Spryinskyi, Landarbeiterin in Weyer, Obsweyr 5,
verheiratet mit Anton Spryinskyi seit 10.10.1935 eh. Tochter des Danko Kryzaninsky und der Anna, geb. 13.4.1920 Suzok Koryschinyi (Samba)
Todesart: Kohlenoxydgasvergiftung Koma

27. April 1942 Serafin Janak, Forstarbeiter in Weyer a.d. Enns, Schönau, verh. mit Anna (Trauung in Mutne) eh. Sohn des Josef u.d. Anna, geb. Lacek; geb. 1.6.1899 Mutne, Namestova Slovakei, Pfarre Wesde
Todesart: Oberschenkelbruch

6. April 1944 Retz Tscherbanuk, landwirtsch. Ostarbeiter, hier, 1. Riennr. 3 geb. 22.9.1922 Podolsk, Ukraine
Todesart: Überfahren von einem Lastauto, Schädelbruch

1. Mai 1944
Elli Kostopulos, Hilfsarbeiterin,
Wohnlager Sonntagberg-Böhlerwerk; geb. 16.6.1925 Athen, Griechenland
Todesart: Lungentuberk., Erschöpfung

24 .Juni 1944 Rudolf Kwil, Land(Ost=)arbeiter, Ybbsitz, Haselgraben 24; geb. 21.1.1923 Czereza, Jaroslau, Galizien
Todesart: Oberschenkeltrümmerbruch, Embolie

24.Juni 1944 Giuseppe Tacchella, Schlosser, Weyer a.d. E., Unterlaussalager
geb. 2.2.1926 Genna, Italien
Todesart: Verbrennungen 1. -  3. Grades

31 .Juli 1944 Motwa Poleschuk, Ostarbeiterin, Wohnlager Böhlerwerk; geb. 10.9.1923 Kiew, Ukraine
Todesart: paremetran. Abszeß nach Geburt

23. August 1944 Petro Kaltschalko, Landarbeiter (Ost), hier, 2.Pöchlauer 37; geb.15.2.1904, Poltawa, Ukraine
Todesart: Rippenbruch, Haematoperikard., Haematothorose.

1. Oktober 1944
Konstantin Krasowsky, geb. 16.8.1900 Kriminatz, Ukraine,
Hilfsarbeiter, Sonntagberg=Böhlerwerk, Wohnlager
Todesart: Zertrümmerung des linken Gehirnschädels

21. November 1944 Alexander Bresowski, Hilfsarbeiter, Sonntagberg=Böhlerwerk, Wohnlager; geb. 15.4.1896 Gorod, Rußland
Todesart: Lungentuberkulose, Erschöpfung

23. Jänner 1945 Maria Marchol, Melkerin, Gaflenz, Pettendorf 15
geb. 2.3.1903 Tschensi, Kr. Nisko, Polen
Todesursache: Gehirngeschwulst

18. April 1945 Stanislaus Rachwalik, Hilfsarbeiter, Hausmenning, Lager Rauschen; geb. 28.4.1919 Dombluwka, Polen
Todesart: Lungentuberkulose

Weitere Waidhofner Quellen:

Französische Kriegsgefangenenlager im Waidhofner Stadtgebiet sind im Gasthof „Schatzöd“ in Konradsheim, in St. Leonhard am Walde, in Windhag im „örtlichen Gasthaus“ sowie in der Stadt im ehemaligen Gasthaus Aschenbrenner in der Fuchslueg nachweisbar. - Da sich die Franzosen relativ frei bewegen konnten, wird im „Boten“ vom 30.Jänner 1942 darauf hingewiesen, dass der Verkehr mit französischen Kriegsgefangenen verboten ist:
Es wird darauf hingewiesen, dass jeder Verkehr der Bevölkerung mit französischen Kriegsgefangenen nach wie vor verboten bleibt. Gastwirten ist es nicht gestattet, Kriegsgefangenen Zutritt zu Gasthäusern zu gewähren oder ihnen etwas auszuschenken. Ebenso bleibt das Verbot des Besuches von Kirchen, Vergnügungsstätten, Verkaufs- und Friseurläden weiterhin bestehen.” 

In Windhag wurde sogar vorübergehend für französische Kriegsgefangene eine eigene Sonntagsmesse gelesen, da sie am allgemeinen Gottesdienst nicht teilnehmen durften. Diese Messe wurde aber später wieder abgeschafft. (Überlacker, Windhag, S.35)
Laut einem Bericht im Ratsherrnprotokoll vom 26. Juni 1942 werden von der Stadtgemeinde zwei Baracken „zum Zwecke der Unterbringung von auswärtigen Arbeitskräften oder Kriegsgefangener” erworben. Wo diese aufgestellt wurden, ist mangels Quellen nicht nachweisbar. Da es natürlich auch Bevölkerungskreise gab, die diese Arbeitskräfte menschlich behandelten, war es für die NS-Führung immer wieder notwendig, im „Boten“ darauf hinzuweisen, dass der „Feind auch in der Gefangenschaft Feind“ bleibt. - So findet sich am 5. Februar 1943 folgender Artikel Kreisleiter Neumayers im Lokalblatt:
Eine große Zahl von Angehörigen fremder Völker ist gegenwärtig in den deutschen Arbeitsprozeß eingeschaltet und ist die arbeitsmäßige Berührung unvermeidlich. Aber eben deshalb muß die Wahrung der notwendigen inneren Entfernung und, wie dies auf dem Lande bisher nicht immer streng eingehalten wurde, die Tischtrennung unter allen Umständen durchgeführt werden. Es geht nicht an, daß sich da eine gewisse Hausgemeinschaft bildet, die für uns eine große Gefahr bedeutet. Soweit es sich um Gefangene handelt, bleibt der Feind in der Gefangenschaft Feind, auch wenn er ein brauchbarer Arbeiter ist und sich anständig beträgt. Die deutsche Gutmütigkeit darf nirgends die Oberhand gewinnen, und unser Stolz sollte uns hindern, mehr als nur eine kühle Arbeitsgemeinschaft mit den Gefangenen entstehen zu lassen. Ehre, Würde und Selbstachtung sind innere Güter von höchstem Wert, die es unter allen Umständen zu wahren gilt. Aber auch den fremdvölkischen Freiarbeitern gegenüber ist diese klare Einstellung streng zu beachten. Partei und Behörden werden ein besonderes Augenmerk auf die Durchführung der diesbezüglich ergangenen Anordnungen richten und bis zur letzten Arbeitsstelle durchgreifen.“ (Bote, 5.2.1943)

Im April 1945 setzen dann die Elendszüge von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern über St. Leonhard ein. Polizeiinspektor Pitzel erinnert sich:

„Und immer näher kamen die Fronten, wenn von solchen noch gesprochen werden konnte, der engeren Heimat. Es setzten die Abtransporte der Kriegsgefangenen und der beim Ostwallbau beschäftigt gewesenen Zwangsarbeiter ein, deren Elendszüge ihren Weg zu einem Großteil über unser Gebiet nahmen. Eine Route dieser Transporte war über St. Leonhard a.W. nach Seitenstetten. Für Verpflegung war nicht im Geringsten vorgesorgt.” (Pitzel, S.31) 

Zum Abschluss seien noch die Erinnerungen von drei Waidhofner Zeitzeugen angeführt, die damals als Jugendliche mit Zwangsarbeitern in Kontakt gekommen sind:
Karl Pöchlauer (geb.08.09.1930), damals Schüler der Werksschule in Böhlerwerk, berichtet:
Bei uns in der Werksschule war ein russischer Junge in der Werkzeugausgabe. Er hieß Mischa, war ungefähr 15 Jahre alt und konnte sich schon halbwegs in Deutsch mit uns unterhalten. Gegen Kriegsende fragten wir ihn, wie er hergekommen sei. Er erzählte uns, dass in seinem Dorf von den Deutschen viele Leute erschossen und viele Häuser angezündet wurden. Die arbeitsfähigen Menschen wurden in Frauen und Männer getrennt und nach Deutschland deportiert. - Da dachten wir uns: „Wenn es die Russen bei uns nun auch so machen, na danke schön!

Inge Claucig, geb. Zinnert (geb.14.02.1929), erinnert sich:
Im Haus Untere Stadt 23 wohnte damals die mit uns befreundete Familie Höbarth. Dort wurden zwei Personen zur Arbeit zugeteilt, ein Mädchen und ein junger Mann. Das Mädchen war noch sehr jung, zwischen 15 und 17 Jahre alt, mit mongolischen Gesichtszügen. Sie hieß Anuschka und musste im Haushalt helfen. Sie war in die Familie integriert und wie man auf einem Foto aus dieser Zeit sehen kann, auch bei Familienausflügen am Sonntag mit dabei.

Sonntagsausflug in Waidhofen.jpg
Sonntagsausflug in Waidhofen (1943/44?) mit einem russischen Mädchen namens Anuschka (links außen), das einem Waidhofner Haushalt als Arbeitskraft zugeteilt wurde. (Foto Privatbesitz)

Inge Claucig, geb. Zinnert (geb.14.02.1929), erinnert sich:
Im Haus Untere Stadt 23 wohnte damals die mit uns befreundete Familie Höbarth. Dort wurden zwei Personen zur Arbeit zugeteilt, ein Mädchen und ein junger Mann. Das Mädchen war noch sehr jung, zwischen 15 und 17 Jahre alt, mit mongolischen Gesichtszügen. Sie hieß Anuschka und musste im Haushalt helfen. Sie war in die Familie integriert und wie man auf einem Foto aus dieser Zeit sehen kann, auch bei Familienausflügen am Sonntag mit dabei. Der junge Mann war um die 20, groß und blond. Er hieß Vladimir und musste im Betrieb helfen Kohlen einzuschaufeln und mit dem Pferdefuhrwerk auszuführen. Beide wohnten im Haus der Familie Höbarth an der Einmündung des Hohen Marktes in die Untere Stadt.“

Siegfried Kettner (geb. am 17.06.1933) berichtet über einen Zug Kriegsgefangener auf der Straße von Gresten nach Waidhofen:
In den letzten Kriegstagen (April/Mai) waren wir oft in Zulehen (einem Bauernhaus in der Nähe der Grestner Höhe), dem Elternhaus meiner Mutter. Als sich eines Tages meine Mutter an der Hand verletzte, mussten wir mit einem Pferdewagen nach Waidhofen fahren, um sie ins Spital zu bringen. Als wir vom Bauernhaus auf die Hauptstraße (Gresten - Ybbsitz) unterhalb der Grestner Höhe herunterkamen, trafen wir auf einen Zug Gefangener, der von der SS mit aufgepflanzten Bajonetten bewacht wurde. Sie mussten in Richtung Ybbsitz - Waidhofen marschieren. Manche hatten gestreifte Kleidung an, andere nicht. Man hörte immer wieder Schüsse und hie und da sahen wir einen Toten am Straßenrand liegen. Wir überholten die Kolonnen bis Waidhofen. Nachdem meine Mutter im Krankenhaus versorgt worden war, fuhren wir mit dem Gespann wieder in Richtung Ybbsitz - Gresten zurück. Auf der Straße wurden noch immer Gefangene getrieben. Bevor wir zum heutigen Gasthaus Steinmühl kamen, packte der Nachbarsbub Karl, der mit uns mitgefahren war, zwei Jausenbrote aus und gab mir eines davon. Unmittelbar darauf sahen wir einen Gefangenen im Straßengraben liegen. Er konnte nicht mehr weiter. Karl warf ihm sein Brot vom Wagen aus zu und im selben Augenblick stürzten sich fünf oder sechs andere Gefangene auf den im Straßengraben Liegenden und rissen ihm das Brot weg. Durch den dadurch entstehenden Tumult wurde die SS auf uns aufmerksam und wir wurden aufgefordert, sofort weiterzufahren. Der Nachbarsbub nahm aber noch mein Brot und irgendwie gelang es ihm, kurz abzuspringen und es dem am Boden Liegenden zuzustecken. - Auf unserem weiteren Weg in Richtung Grestner Höhe begegneten uns dann immer noch viele Gefangene. Der Zug erstreckte sich sicherlich über mehrere Kilometer. Angeblich sollen die Gefangenen nach Oberösterreich getrieben worden sein.“
Unmittelbar beim Eingang des Waidhofner Friedhofes befindet sich unter den Gräbern der Kriegsopfer eine Grabtafel für sechs unbekannte Tote. Bei diesen Toten könnte es sich um Opfer eines dieser Todesmärsche handeln.

Das Gefangenenlager in Böhlerwerk (am Areal des heutigen Körnerhofes und Sportplatzes) (Norbert Kössler, Böhlerwerk einst und heute, 2.Auflage 2005, S.60.)
Das Gefangenenlager in Böhlerwerk (am Areal des heutigen Körnerhofes und Sportplatzes) (Norbert Kössler, Böhlerwerk einst und heute, 2.Auflage 2005, S.60.) Bild 2

Rohstoffknappheit 

Die zwangsweise Beschränkung des Bezugs von Lebensmitteln, Textilien, Tabak und anderer Waren durch Ausgabe portionierter Berechtigungsscheine wurde bereits 1937 geheim im Reichsverteidigungsrat vorbereitet und setzte am 28.81939, vier Tage vor Kriegsbeginn, für die Bevölkerung überraschend ein. (Benz, 659)

Von der NS-Propaganda wird die Einführung von Bezugsscheinen bereits am 8. September 1939 im „Boten“ als positive Maßnahme zur Sicherung der Versorgung propagiert:
Die Einführung von Bezugsscheinen für eine Reihe wichtiger Lebensmittel und anderer Verbrauchsgüter ist in allen verantwortungsbewussten Kreisen der Bevölkerung. wie die vorliegenden Berichte ergeben, mit einer Ruhe und Disziplin erfolgt, die dem Sinn der getroffenen fürsorglichen Maßnahmen entspricht. ... Denn es handelt sich bei dieser gewiss bedeutsamen Maßnahme keineswegs um eine Entscheidung, die etwa aus einer Notlage heraus entstanden wäre, vielmehr darum, zu dem richtigen Zeitpunkt mit den reichlich oder doch völlig ausreichenden Mengen so haushälterisch zu verfahren, dass jeder Volksgenosse, gleich wer er auch sei, auf dem wichtigen Gebiete der allgemeinen Versorgung zu seinem Rechte kommt bzw. den ihm zufallenden Anteil auch erhält. ...“ (Bote, 8.9.1939)

In einem weiteren Artikel des „Boten“ vom 29. September 1939 wird die Brotkarte sogar zu einer „neuen scharfen Waffe gegen England“ hochstilisiert:
Wenn heute die Brotkarte eingeführt wird, dann ist damit nichts anderes als eine neue scharfe Waffe gegen England geschmiedet worden. Wenn wir mit dem überreich zu Verfügung stehenden Brot in höchster Verantwortung haushälterisch umgehen, dann werden wir umso sicherer jeden feindlichen Schlag in entsprechend harter Weise beantworten können. Das ist der Sinn der Brotkarte, nicht Ausdruck irgendeiner schon begonnenen Katastrophe, wie es im Weltkrieg der Fall war, sondern Ausdruck unseres sozialistischen Wollens und unseres unbezwingbaren Widerstandswillens!” (Bote, 29.9.1939)

Im selben Artikel werden die neuen Karten dann auch vorgestellt:
Lebensmittelkarte (rosa)
Reichsbrotkarte (orange)
Reichsfleischkarte (blau)
Reichsmilchkarte (grün)
Reichsfettkarte (gelb)
Reichskarte für Marmelade und Zucker (weiß)

Da der Krieg enorme Ressourcen verschlingt und mit den zunehmenden militärischen Niederlagen die Rohstoffreserven immer knapper werden, findet man immer dringlichere und mahnendere Aufrufe im „Boten“. Sie richten sich an die Bevölkerung und gipfeln in einem der letzten Aufrufe vom 19.Jänner 1945 in der Aufforderung „ohne Vorbehalt“ alles, was man „nicht täglich, nicht heute braucht, für Wehrmacht und Volkssturm“ zu opfern.

Die nun folgenden Ausschnitte aus Aufrufen im „Boten“ zeigen diesen immer stärker spürbar werdenden Mangel an Energie und Rohstoffen: 

26 .Jänner 1940 - Einschränkung des Reiseverkehrs: „Die Reisenden werden dringendst aufgefordert, nicht unbedingt notwendige Reisen unter allen Umständen zu unterlassen.“

29. März 1940 - Bürgermeister Zinner ruft die Bevölkerung zum Geburtstag des Führers zur Metallspende auf: „Ich fordere die Bevölkerung auf, dem Aufrufe des Generalfeldmarschalls Hermann Göring - zum Geburtstage des Führers Metallsachen zu spenden - in reichem Maße nachzukommen.“

17. Mai 1940 - „Stoffabfälle, Lumpen, Papier und Eisenschrott werden gesammelt. In nächster Zeit werden zur Erfassung der Abfallstoffe in den einzelnen Haushalten Haussammelwarte durch die Blockleiter der Partei bestellt. An alle Bewohner unserer Stadt ergeht die Bitte, die Arbeit der Haussammelwarte zu unterstützen und die genannten Abfälle an den noch zu bestimmenden Tagen zur Abholung bereitzuhalten. Jedermann sehe sich daher in seinem Haushalt um und wird er bestimmt so manches noch finden, was geeignet ist, dieser Sammlung zugeführt zu werden. Jeder, der hier mithilft, trägt mit bei, die Rohstoffreserve der Nation zu stärken und damit den Sieg unserer Waffen zu erleichtern.“

14. Juni 1940 - „Schuhumtauschstelle. Da es höchstes Gebot ist, jetzt mit Schuhen und Leder zu sparen, wird eine Schuhumtauschstelle eingerichtet. Getragene und gebrauchsfähige Schuhe, die fachmännisch geschätzt werden, können gegen andere umgetauscht werden, was besonders bei den leider so schnell zu klein werdenden Kinderschuhen eine wesentliche Ersparnis und bessere Ausnützung der vorhandenen Bestände bedeutet. Solche Schuhe können jeden Freitag von 2 bis 4 Uhr in der NSV.=Hilfsstelle für Mutter und Kind, Hoher Markt, abgegeben werden.“

9. August 1940 - Bürgermeister Zinner gibt bezüglich der Benützung von Fahrrädern während des Krieges folgendes bekannt: „Alle jene, die nicht das Fahrrad zum Erreichen ihres Berufsortes oder in sonstigem Zusammenhang mit ihrer Berufsausübung benötigen, haben keine Aussicht, einen Bezugschein für eine Ersatzdecke oder Ersatzschlauch zu bekommen. - Es wurde deshalb für alle Volksgenossen die sparsamste Benützung von Fahrrädern angeordnet und die strengste Überwachung der Benützung derselben verfügt."

29. November 1940 - Die NS-Führung ist mit den Ergebnissen der Sammlungen für das Winterhilfswerk nicht zufrieden: „Das einmal im Monat am Opfersonntag für das Kriegs=Winterhilfswerk gebrachte Opfer muss von jedem einzelnen auch wirklich als solches empfunden werden. Wenn unsere Soldaten bereit sind, das Höchste, ihr Leben und ihre Gesundheit zu opfern, so muss es für jeden in der Heimat beschämend sein, wenn er nicht tief in seine Tasche greift um ein echtes finanzielles Opfer zu bringen. Der nächste Opfersonntag am 8. Dezember wird zeigen, ob diese Aufklärung und Mahnung bis zu jenen gedrungen ist, deren Opferbereitschaft heute noch zu wünschen übrig lässt.“

21. März 1941 - Die SS fordert die Erfassung von Hunden für Kriegsverwendung:
Zufolge Runderlasses des Reichsführers SS hat die polizeiliche Erfassung aller Rasse= und Mischlingshunde mit 50 bis 70 Zentimeter Schulterhöhe, die entweder noch nicht gemeldet waren oder seit dem 1.4.1939 mindestens ein Jahr alt geworden sind, zu erfolgen.”

6. Juni 1941 - Betreffend die Benützung von Fahrrädern durch Jugendliche und Schulkinder gibt Bürgermeister Zinner folgendes bekannt:
Aus vielen an mich gerichteten Beschwerden und Anzeigen ersehe ich, daß in weiten Kreisen der Bevölkerung noch immer nicht das richtige Verständnis für die Benützung von Fahrrädern während des Krieges aufgebracht wird. Insbesonders muß immer wieder beobachtet werden, daß Jugendliche und Schulkinder mit ihren Rädern häufig unnütze Spazier = und Vergnügungsfahrten, vielfach auf schlechten Fahrwegen machen, wodurch das wertvolle Reifenmaterial unnötig abgenutzt und verbraucht wird. Ich bringe neuerdings in Erinnerung, daß infolge der Verknappung der Bestände an Fahrradbereifung die Zuweisung von Ersatzbereifung für den Zivilbedarf sehr gering ist. ... Ich mache die gesamte Bevölkerung und insbesonders die Eltern darauf aufmerksam, die Bereifung zu schonen und die Fahrräder nur für den dringendsten Bedarf zu benützen, da jeder Fahrradbesitzer mit der vorhandenen Fahrradbereifung auf die Dauer des Krieges auskommen muß. Mit der Ausstellung eines Bezugscheines auf Ersatzbereifung ist nach Vorstehendem nicht zu rechnen.“

12. Dezember 1941 - Rationierung von Weihnachtskerzen: „Unsere Soldaten sind in den ungeheuren Weiten des östlichen Kampfgebietes in den langen Wintern auf die Kerze als einziges Beleuchtungsmittel angewiesen, denn es gibt im Osten keine Stromversorgung und auch kaum Petroleumlampen. Der Bedarf der Wehrmacht an Kerzen ist deshalb in diesem Jahr besonders groß. Deswegen ist es notwendig, dass die Heimat in diesem Jahre den Verbrauch von Kerzen - auch von Weihnachtskerzen - erheblich einschränkt. Aus diesem Grund sind die Weihnachtskerzen in diesem Jahr rationiert worden.”

12. Dezember 1941 - Es wird von der Bevölkerung der Verzicht auf größere Weihnachtseinkäufe gefordert: „Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda teilt mit: Die deutsche Wirtschaft hat jetzt im Kriege so unendlich viele und große Aufgaben zu bewältigen, dass die Produktion von Geschenkartikeln aller Art als zweitrangig dahinter zurücktreten muss. Arbeitskräfte, die früher beispielsweise Kinderspielzeug hergestellt haben, drehen heute Granaten. ... Der Weihnachtstisch kann in diesem Jahre nicht so reich gedeckt sein wie sonst. Viele Volksgenossen haben nur wenige bescheidene oder gar keine Geschenkartikel kaufen können. Es wird deshalb erwartet, dass in diesem Jahre jeder Volksgenosse dieser Sachlage Rechnung trägt und keine größeren Weihnachtseinkäufe durchführt. Der Gedanke an unsere Soldaten im Felde und an die Mühen und Strapazen, die sie für die Sicherheit der Heimat auf sich nehmen, wird jedem Volksgenossen dieses bescheidene Opfer leicht machen.“

30. Dezember 1941 - Aufruf des Gauleiters Dr. Hugo Jury an die Bevölkerung, Winterkleidung für die Front zu spenden: „Während wir im Kreise unserer Familien deutsche Weihnacht feiern, halten unsere Soldaten treue Wacht im eisigen Winter Sowjetrußlands. Dafür wollen wir ihnen danken, und zwar nicht nur durch Worte, sondern auch durch die Tat. Wir wollen ihnen, getreu dem Befehl des Führers, alles schenken, was sie gegen Frost und Kälte an warmen Sachen brauchen. Ich weiß, dass bei manchen Volksgenossen der Vorrat an diesen Sachen nicht groß ist und bei vielen sogar ein gewisser Mangel bestehen mag. Wir wollen aber von dem wenigen möglichst viel geben.”

Jänner 1942 - Abnahme von Kirchenglocken der Stadtpfarrkirche: „Bekanntlich werden gegenwärtig zur Erweiterung unserer Rohstoffreserven überzählige Kirchen – und Rathausglocken der kriegswirtschaftlichen Verwertung zugeführt. Im Zuge dieser Aktion, die bei uns schon einmal während des ersten Weltkrieges durchgeführt wurde, verließen am Freitag den 23.Jänner drei Glocken den Turm der Stadtpfarrkirche.“

Juni 1942 - Aufruf zum sparsamen Umgang mit Schreibwaren: „Briefbogen sind schon knapp, Briefumschläge aber sind ein noch rarerer Artikel geworden. Man findet aber noch immer in den Papierkörben Briefumschläge, die sehr gut noch einmal hätten benutzt werden können. Man soll sich auch davor hüten, einen Brief sogleich in die Maschine zu diktieren. Beim ersten Mal klappt es meistens nicht und für den ersten Entwurf hätte sich ein weniger gutes Papier als viel besser geeignet erwiesen. - In der Praxis ergeben sich aber sicherlich noch viel mehr Möglichkeiten, den neuen Papiereinschränkungsvorschriften Rechnung zu tragen.”

4. Dezember 1942 - Viele Züge werden im Winter nicht mehr geheizt: „Wer daher im Winter reisen muss, tut gut daran, diesen Umstand zu berücksichtigen und sich entsprechend zu kleiden. Aber vorher überlege jeder reiflich, ob sich die Reise nicht überhaupt vermeiden lässt. Der Güterverkehr hat heute den Vorzug. Für ihn gilt die Parole: Räder müssen rollen für den Sieg!

24. Dezember 1942 - Es sollen keine Weihnachts- oder Neujahrswünsche mehr versandt werden: „Auf Grund der Notwendigkeit, die vorhandenen Papiervorräte wichtigeren Zwecken zuzuführen, wird die Bevölkerung aufgefordert, zu den Weihnachtsfeiertagen und zur Jahreswende keine Glückwunschkarten oder =briefe zu versenden.“

5. März 1943 - Das Spielen mit Taschenlampen wird verboten: „So verlockend es für ein Kind ist, einmal und nocheinmal „Knips“ zu machen und so gern ihm die Eltern dieses an sich unschuldige Vergnügen gewiss gönnen, sollten sie es doch vermeiden - jedenfalls in heutiger Zeit - die Taschenlampe als Spielzeug herzugeben. Jeder weiß, dass die Batterien nur in beschränktem Umfang zur Verfügung stehen und in erster Linie den Berufstätigen, die während der Verdunkelung vom Nachtdienst heimkehren, oder Ärzten und Hebammen, die nachts ihrer Pflicht nachgehen, zugutekommen müssen. ... Darum, liebe Eltern, tragt dazu bei, die Kinder nicht zu Verschwendern von Mangelwaren zu machen. Die Taschenlampe gehört in Kriegszeiten nicht in Kinderhand, sondern sie muss wichtigeren Zwecken vorbehalten bleiben.“

11. Juni 1943 - Erfassung von Kupferkesseln: „Gemäß einer Anordnung der Reichsstelle für Eisen und Metalle wurde die Erfassung von Kupferkesseln verfügt. Die Meldung ist bis spätestens Dienstag den 15. ds. beim Stadtamte zu erstatten.“

19. Jänner 1945 - Aufruf zum Volksopfer: „Ein Volk steht auf: das millionenfache Echo im Volkssturm beweist es! Die neuen Volksgrenadierdivisionen haben sich neben die Frontsoldaten gestellt und der Feind hat ihre Schlagkraft zu spüren bekommen! Sie alle müssen sofort aufs beste eingekleidet und ausgerüstet werden! Denke daran: Unsere Frontkämpfer „spenden“ nicht ein Weniges, Entbehrliches von ihrer Kraft - sie opfern Tag und Nacht alles, das Ganze und Letzte, was sie sind und haben, opfern ohne Besinnen sich selbst, für - dich! Denk daran, wenn jetzt von dir ein helfender Beitrag verlangt wird, „spende“ nicht vorsichtig und bedenklich - opfere ohne Vorbehalt alles, was du nicht täglich, nicht heute brauchst, für Wehrmacht und Volkssturm!


Gefallene

Bereits mit Kriegsbeginn im Herbst 1939 wird die Bevölkerung auf das große Sterben vorbereitet. Propagandaartikel wie der folgende aus dem „Boten“ vom 6. Oktober 1939 sollen den Menschen den „Sinn des Heldentodes“ klarmachen. Wie man jemandem etwas „vormacht“ oder „vorzeigt“ sei in diesem Artikel auf die extreme Wortschöpfung des „Vorsterbens“ hingewiesen. Der „Tod fürs Vaterland“ wird als nachahmenswertes Beispiel, als erstrebenswertes Ziel dargestellt:
Es lohnt sich nur zu leben für etwas, wofür sich auch zu sterben lohnt. -  Ein großes Wort, das all jenen vorschwebte, die den Heldentod für Führer und Vaterland in fremder Erde fanden. Sie starben, wie sie zu leben gewohnt waren: Zu jeder Stunde zum schwersten Opfer bereit! Das war ihr Grundsatz, und das ist allen Deutschen das erste Gebot.

Nun kündet manche schlichte Meldung ihren Heldentod. Über dem Namen steht mahnend und auszeichnend das Eiserne Kreuz. Eine Mahnung jenen, die mit dem Schicksal hadern möchten, eine Auszeichnung dem, der uns vorstarb. Was hätte dieses Leben für einen Sinn, wenn man es nicht für eine große Idee opfern könnte? Es wäre nur ein Dasein, das kein Hoffen, keinen Kampf und keinen Sieg kennt. - Unser aller Dienst gilt dem Führer und unserem Vaterland. Dafür zu sterben ist höchster Ruhm. ...“ (Bote, 6.10.1939)

Ein makaberes Detail stellt ein Artikel im „Boten“ vom 13. Oktober 1939 dar. Um den Menschen die Konfrontation mit dem Tod zu „erleichtern“ wird Trauerkleidung trotz bereits einsetzender Rationierungen bezugsscheinfrei abgegeben:
Trauerkleider bezugsscheinfrei. Nach einer neuen Bekanntmachung des Sonderbeauftragten für die Spinnstoffwirtschaft kann für Familienangehörige Trauerkleidung ohne Bezugsschein abgegeben werden. Beim Kauf der Trauerkleidung ist allerdings eine amtliche Urkunde über den Todesfall und den Familienstand vorzulegen. Diese Regelung gilt nur für Familienangehörige des Verstorbenen, also zum Beispiel für Eltern, Ehefrauen, Kinder und Geschwister.“ (Bote, 13.10.1939)

Der erste tote Soldat ist laut „Bote“ Karl Renner, gefallen am 16. April 1940. Aus propagandistischen Zwecken wird aber nicht er, sondern ein am 15. Juni 1940 gefallener SS-Mann, ein Mitglied der SS.=Totenkopfverbände, im „Boten von der Ybbs“, Ausgabe 21. Juni 1940, als erster Kriegstoter angegeben.

Auch die Heimatdichter stellen sich in den Dienst der NS-Kriegspropaganda und verharmlosen das sinnlose Sterben auf dem Schlachtfeld in Reimform. So wie man halt beim Pflücken eines Edelweiß in den Bergen abstürzen kann, so kann einen eben auch im Feld der Tod ereilen. Das gewaltsame Sterben „für d’heilige Sach“ wird nicht als Katastrophe, sondern als normale Alltäglichkeit dargestellt. Eine grauenvolle Realität wird in Reimform banalisiert - die Menschen sollen nicht hinterfragen, sondern sich in ihr Schicksal fügen. So erscheint in der Ausgabe des Boten vom 16. August 1940 das Gedicht „Der Edelweißbua“ von Karl Pschorn:

Da Bert war a kreuzbrava Bua
und wiadawöll schneidi dazua.
A Naagerl, des hätt na nit glockt,
da Bertl hat eahm d’Edelweiß brockt!
Und warn s’ah zhöchst drobnad in Gwänd,
du meingerl, da hat er nix kennt;
koa Handbroat zan Steh oft a so,
halt - abagholt hat er eahm’s do!

Und gaachi is Kriag worn hidan.
Da Bertl, vasteht si, voran!
Wo’s stinkt und wo’s staubt und wo’s kracht,
wo’s neamma an iada damacht,
kann wia- und kann wanndawöll sein,
da beißt eahm da Koglerbua drein.

Halt - just ba de Edelweißstern,
da paßt ah da Sengsnmann gern,
Der findt seini Leut ah in Feld.
Was, - ’s Eiserni?! - Eh’ leicht! A Held!
Und weida für d’heiligi Sach!
Da Anderni gschafti hint nach ... -

Und richti wahr, ’s Lebn sagt eahm auf!
A Hüberl, Stahlhelm obndrauf
und intbei da Koglerbert drein, ... -
A Kreuzl, a hölzers, du mein,
und z’Frankreich sei ewigi Ruah.
Jaa, jaa, so a Edelweißbua!“
(Bote, 16.8.1940)

Da der Großteil der gefallenen Soldaten nicht in Waidhofen, sondern auf Soldatenfriedhöfen in der Nähe der jeweiligen Kriegsschauplätze begraben wird, sehen sich die NS-Stellen veranlasst, den Angehörigen zu erklären, warum sie nicht einmal im Tod ein Recht auf ihre gefallenen Väter, Ehemänner und Söhne haben. - Dies ist ein weiteres Beispiel für den totalitären Anspruch des Regimes auf den einzelnen. In einem Artikel im „Boten“ vom 16. August 1940 werden die Angehörigen auf sogenannte „Ehrenfriedhöfe“ vertröstet, zu denen die späteren Geschlechter „wallfahren“ werden, um ihrer „tapferen Ahnen“ zu gedenken:

"... Gewiß, man versteht es, daß manche Mutter, manche Frau, die ihr Liebstes und Bestes dem Vaterland opferte, den Sohn, den Gatten nun im Tode wieder bei sich in der Heimat haben möchte. Aber hat sie ein Recht, den toten Soldaten aus den Reihen seiner Kameraden zu reißen? Tritt an die Gräber und wie geheimnisvolles Raunen fliegt es dir entgegen: Laß mich hier ausruhen von Kampf und Streit, hier bei meinen Kameraden, mit denen ich antrat, um für euch und uns den Sieg an die Fahnen zu heften.... Das nationalsozialistische Deutschland sieht es als seine heiligste Pflicht an, den Opfern des Krieges die Ehrung zu erweisen, die ihres Einsatzes würdig ist. Darum hat die Wehrmacht selbst die Betreuung der Soldatengräber übernommen. Ehrenfriedhöfe werden errichtet .... Denn das sollen diese Ehrenfriedhöfe mit ihren weit in die Lande ragenden Mahnmalen werden: Wallfahrtsstätten, die spätere Geschlechter heraufrufen zu heiligstem Gedenken.  Enkel und Urenkel werden ihren tapferen Ahnen aufsuchen und an seinem Grabe seines Blutes in sich verpflichtend bewußt werden. Die ganze Nation wird hierher wallfahren, Hitler-Jugend und junge Soldaten. Hier werden sie den Geist spüren, der diese Männer beseelte, den Geist großer Einsatzbereitschaft für Deutschlands Ruhm und Größe, den Geist treuer Kameradschaft, der sie auch noch im Tode umfangen hält. Darum, deutsche Mutter und deutsche Frau, deutscher Sohn und deutsche Tochter, laßt den teuren Toten da ruhen, wo sein Ehrenplatz ist, an der Seite seiner Kameraden. Laßt ihn neben den Männern, mit denen er gemeinsam kämpfte, blutete und siegte!“ (Bote, 16.8.1940)

In Waidhofen plant Bürgermeister Emmerich Zinner, für jeden gefallenen Soldaten ein Helden-Gedenkblatt anzulegen. Die Angehörigen der Gefallenen erhalten folgendes Schreiben zugesandt:„Die Stadt Waidhofen a.d. Ybbs legt für jeden ihrer Söhne, die im jetzigen gewaltigen Ringen ihr Leben für Führer und Volk hingaben, ein Helden-Gedenkblatt an, um deren Opfer für alle Zeiten und als Vorbild festzuhalten. In diesem sollen außer den im beiliegenden Blatte aufscheinenden Angaben auch Mitteilungen über den letzten Einsatz des Gefallenen - Verstorbenen - enthalten sein. Es ergeht daher an Sie die Bitte, dieses Blatt nach Ergänzung der noch fehlenden Angaben samt einer Abschrift der Todesnachricht und womöglichst einem Lichtbilde ehebaldigst beim Stadtamte abgeben zu wollen. Der Bürgermeister:  E. Zinner“ (Stadtarchiv Waidhofen, Karton 15/6.)

Ab April 1940 werden die Todesmeldungen im „Boten von der Ybbs“ immer häufiger. Als Beispiel sei die folgende vom 5. September 1941 angeführt:
Für Deutschland gefallen. Beim Sturm auf die sowjetischen Befestigungen von Luga fiel am 10. August Soldat Edmund Hahn aus Waidhofen a.d. Ybbs im 21. Lebensjahre Sein Oberleutnant schildert, dass er als einer der Besten der Kompagnie während des siegreichen Vormarsches im Osten erneut bewies, was er zu leisten vermochte. Edmund Hahn war als Tischler bei der Firma Höbarth beschäftigt und ob seines bescheidenen Wesens allseits beliebt. Vor seiner Einrückung zur Wehrmacht war er im Altreich als Polizeianwärter eingestellt. Dem mehrfach ausgezeichneten Weltkriegskämpfer Eduard Hahn und seiner Familie wendet sich die Teilnahme aller Volksgenossen zum Verlust seines Sohnes zu. Edmund Hahn hat sein Leben für uns geopfert. Er bleibt uns unvergessen!“ (Bote, 5.9.1941)

Gefallenenehrungen prägen in regelmäßigen Abständen den Alltag in der Stadt. Sie finden beim Kriegerdenkmal vor dem Gymnasium statt und laufen meist nach demselben Schema ab:
In einer schlichten, sehr eindrucksvollen Feier fand am vergangenen Sonntag vormittags beim Kriegerdenkmal vor der Oberschule die Ehrung der gefallenen Helden von Waidhofen a.d. Ybbs statt. Um 10 Uhr vormittags marschierten die Gliederungen der Partei, NSKOV. und NS=Reichskriegerbund in Uniform auf dem Platz auf, der von einer großen Menschenmenge umgeben war. In unmittelbarer Nähe des Kriegerdenkmales standen die Angehörigen der Gefallenen. In seiner Rede gedachte der NSFK.=Sturmführer Weismann der Kämpfer, die ihr Blut und Leben dem Vaterlande weihten. Ausgehend von der Vorgeschichte des gegenwärtigen Krieges, rief er die geschichtlichen Taten unserer ruhmreichen Truppe auf allen Kriegsschauplätzen in lebhafte Erinnerung und schloss zur Ehre der Toten mit dem Bekenntnis: Nie werden wir ihr Vermächtnis vergessen und uns in Treue um den Führer scharen, der dieses Vermächtnis schützen und schirmen wird gegen die Mächte der Finsternis. „Immer werden wir Euer gedenken, Ihr toten Kameraden. Euer Geist soll stets in uns lebendig sein!“ Nach der Kranzniederlegung und den Liedern der Nation marschierten die Abordnungen geschlossen ab. Nach der Feier bei der Oberschule wurden von Abordnungen auch Kränze niedergelegt bei den Kriegerdenkmälern an der Pfarrkirche Waidhofen und in Zell sowie auf den Friedhöfen der Stadt Waidhofen und Zell.“   (Bote, 20. März 1942)

Laut den Inschriften auf den Kriegerdenkmälern der Großgemeinde Waidhofen/Ybbs kommen 633 Waidhofner in den Kriegshandlungen des Zweiten Weltkriegs ums Leben. Neben den gefallenen Soldaten befinden sich darunter auch die Opfer der Bombenangriffe vom Mai und Dezember 1944:

Waidhofen (Klosterkirche):

Unseren Gefallenen und vermissten Söhnen 369

Zell

Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben lässt für seine Freunde.“

Markt                          66

Arzberg                                 15

Konradsheim

Den Opfern beider Weltkriege zum Gedenken.“

Gefallen                                 27

Vermisst                          13

St. Georgen in der Klaus

In ihnen blutete die Heimat.“

Gefallene                         25

Vermisste                         16

Windhag

Gefallene                         35

Vermisste                         20

St.Leonhard am Walde

Gefallene                         34

Vermisste                         13

Gesamtzahl der Gefallenen und Vermissten der Großgemeinde Waidhofen/Ybbs:   633

Während der Dauer des Krieges wird von den NS-Machthabern immer wieder das Sterben auf den Schlachtfeldern verherrlicht und von jedem „Volksgenossen“ wird die Bereitschaft vorausgesetzt, im Ernstfall sein Leben für „Großdeutschland“ zu opfern. Erst gegen Kriegsende, am 2. Mai 1945, stellt sich der Autor der Zeller Schulchronik folgende Frage: „Ob wir das ertragen können, was uns alles droht? Tage voll Unruhe und steter Aufregung, schlaflose Nächte zerren wütend an allen Nerven. Wohin hat uns der Nazismus geführt? Wie lange wird es dauern, bis sich unsere Heimat wieder langsam erholt, bis ihre schweren Wunden heilen? Und unsere vielen, vielen teuren Toten! Wofür und warum mussten sie ferne auf fremder Erde fallen?“ (Zeller Schulchronik)


Kriegsende

Elendszüge von Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen

Wie der Waidhofner Polizeiinspektor Vinzenz Pitzel in seinem 1950 verfassten „Rückblick“  schreibt, kam es mit dem Näherrücken der Front im Osten  zur Auflassung vieler Zwangsarbeiterlager, die für den „Ostwallbau“  errichtet wurden. Die Gefangenen wurden in langen Zügen nach Westen geführt und viele dieser „Todesmärsche“ führten auch über Waidhofner Gemeindegebiet: Und immer näher kamen die Fronten, wenn von solchen noch gesprochen werden konnte, der engeren Heimat. Es setzten die Abtransporte der Kriegsgefangenen und der beim Ostwallbau beschäftigt gewesenen Zwangsarbeiter ein, deren Elendszüge ihren Weg zum Großteil über unser Gebiet nahmen. Eine Route dieser Transporte war über St. Leonhard am Wald nach Seitenstetten. Für Verpflegung war nicht im Geringsten vorgesorgt. Neben diesen Lagern der beim Ostwallbau eingesetzten Zwangsarbeiter wurden aber auch die Nebenlager des Konzentrationslagers Mauthausen östlich der Enns aufgelöst. Drei dieser Elendszüge sind in Waidhofner Quellen bzw. durch Aussagen eines Zeitzeugen belegbar: 


Der Todesmarsch von KZ-Häftlingen über St. Leonhard am Walde

Im April 1945 wurden die Nebenlager  des KZ Mauthausen aufgelöst und die gehfähigen Häftlinge vielfach über das Nebenlager Steyr nach Mauthausen, Gusen oder Ebensee überstellt. Die Gehunfähigen wurden entweder erschossen oder mittels Herzinjektion ermordet.

Einer dieser Evakuierungsmärsche von Mödling-Hinterbrühl nach Mauthausen ist aufgrund eines erhaltenen Berichtes des Häftlingsarztes Dr. Rolf Busch-Waldeck sehr gut dokumentiert. Von den 1884 Häftlingen, die Mödling-Hinterbrühl am 1. April 1944 verlassen, kommen 1624 in Mauthausen an. 56 gelten als vermisst und 204 werden während des Marsches erschossen.

Die Stationen des Todesmarsches:

1.4. Altenmarkt an der Triesting (28km)

2.4. Scheibmühl (31km)

3.4. Kirchberg an der Pielach (20km)

4.4. Scheibbs (31km)

5.4. St.Leonhard am Walde (28km)

6.4. Stadt Haag, Strengberg (40km)

7.4. St.Valentin (10km)

8.4. Hauptlager Mauthausen (19km)

Die Eintragungen des Häftlingsarztes zeigen die Gräuel dieses Marsches:

Abends lagerten wir wieder auf einer Wiese. Es dauerte drei Stunden, bis die letzten Häftlinge - das Totengräberkommando - eintrafen. Einer von ihnen, der Deutsche Schuhmann, der sich seine Blasen an den Füßen behandeln ließ, erzählte mir, daß sie mit dem Verscharren der Leichen nicht nachkommen könnten und die Toten in Bäche oder Gebüsche geworfen hätten. Er befürchtete, daß die SS das Kommando am Ende des Marsches umlegen würde. In der Nacht flüchteten mehrere Kameraden. ... Hauptmann Stier ist die erbärmlichste Kreatur unter den Bewachungsmannschaften. Die SS, sogar die Hundeführer, warten mit dem Erschießen, bis ein Häftling aus der Reihe taumelt und zusammenbricht. Stier fährt die Reihen entlang und holt die hinkenden oder sich mühsam schleppenden Häftlinge aus der Marschkolonne heraus, schlägt sie mit einem Faustschlag ins Gesicht zu Boden und lässt sie dann von den Hundeführern erschießen. Er erschießt die Häftlinge nicht selbst, denn er ist magenkrank und ihm wird immer dabei übel.“ 

Eine Quelle aus St. Leonhard am Walde schildert die Ereignisse folgendermaßen: Am 6. April 1945 wurden Insassen eines Konzentrationslagers durch Leonhard getrieben. Manche schätzen, dass bis zu 2000 durchgetrieben wurden. Bei Kollalehen lagerte eine Gruppe eine Nacht, bewacht von der SS. In der Nacht schoss die Bewachung dauernd Leuchtkugeln. Wenn sich einer bewegte, wurde auf ihn geschossen. 7 KZler wurden dabei umgelegt und bei Kollalehen begraben. Vor Hunger aßen die KZler Gras und Würmer. Nächsten Tag wurde noch einer erschossen im Katzengraben. Angeblich wurden sie nach Oberösterreich weitergetrieben. Auch in der Chronik der Marktgemeinde Allhartsberg wird dieser Todesmarsch erwähnt und am Friedhof in Allhartsberg befindet sich heute noch ein Grab mit der Aufschrift „Ruhestätte von sieben unbekannten KZlern;“. Dabei handelt es sich um jene sieben Häftlinge, die auf diesem Todesmarsch bei Hiesbach von der SS-Begleitmannschaft „niedergeknallt wurden“. 

Flüchtlingsströme und rückflutendes Militär

Die ausführlichsten Schilderungen in den Quellen sind jene, die sich mit der ungeheuren Zahl von Flüchtlingen beschäftigen, die gegen Kriegsende immer mehr wurden. Als Herkunftsorte dieser Flüchtlinge wird vor allem Ungarn, Banat, Wien, Burgenland (Neusiedlersee), Niederösterreich (Grenzorte, Wr. Neustadt) angegeben. An rückflutendem Militär werden ungarische Truppen und deutsche Wehrmachts- sowie SS Einheiten erwähnt. Dabei handelte es sich um Teile der 6. Armee sowie der 6. SS Panzerarmee.

Die wenigen Bilddokumente aus dieser Zeit finden sich in Friedrich Almers Band „Waidhofen an der Ybbs in alten Ansichten, Band 2“. 

Folgende Quellenstellen zeigen die schreckliche Situation der letzten Kriegstage in Waidhofen:
Mit dem unaufhaltsamen Vorrücken der russischen Streitkräfte in Ungarn gegen die österreichische Grenze hatten Massen ungarischer Flüchtlinge ihren Weg nach Westen genommen und zogen bei uns durch. Sie boten ein trauriges Bild. Hatten sie die Flucht mit Pferd und Wagen und reichlich Nahrungsmitteln angetreten, so waren, bis sie in unsere Gegend kamen, die letzteren schon aufgezehrt und die Pferde an Futtermangel entweder zugrunde gegangen oder sie waren ihnen von Truppen weggenommen worden, so dass Männer und Frauen sich vor die Fahrzeuge spannen mussten.
Nicht viel besser ging es den unzähligen ungarischen Soldaten und Feldgendarmen, die sich nach Westen absetzen mussten. Auch sie erhielten nach Verbrauch ihrer mitgenommenen Vorräte keine geregelte Verpflegung. Für ihre Kraftfahrzeuge hatten sie keinen Treibstoff, die besseren Wagen hatten sie abgeben müssen und die Pferde, soweit sie nicht zur Verpflegung geschlachtet wurden, verendeten vor Erschöpfung. Dazu kam, dass die Ungarn als ehemalige Kampfgefährten, die versagt hatten, bei den deutschen Truppen verhasst waren und viele Demütigungen hinnehmen mussten.
Zu den von früherher hier untergebrachten vielen Umquartierten aus dem Ruhrgebiet, den Flüchtlingen aus dem Banat und den Umquartierten aus Wien kamen zahlreiche Burgenländer und Bewohner der Grenzorte Niederösterreichs, die hier Zuflucht suchten, so dass in der Stadt und Umgebung buchstäblich alles vollgepfropft war, als die Massen der Flüchtlinge daherfluteten. Die Unterbringung und Verpflegung dieser Leute war Aufgabe der N.S. Wohlfahrt (NSV) und der Parteieinrichtungen, doch musste nur all zu oft auch die Polizei eingreifen, sicherlich keine angenehme Sache.

Die (Zeller) Schule ist erneut geschlossen, diesmal sicher endgültig. Es sind Flüchtlinge da vom Neusiedlersee. Schwarze Tage über Waidhofen. Die Straßen sind voll flüchtender Autos und Lastwagen, hochbepackt. Auf der Bahn gehen viele Transporte durch; Wiener, Burgenländer, Leute aus dem Viertel unter dem Wienerwald, leider auch viel Pack und Gesindel. Die Panik wächst. Heute baut das Lazarett ab an die Schweizer Grenze. Dafür kommt ein Feldlazarett her. Es fahren auch schon Waidhofner und Zeller ab.

Die Flüchtlingszüge haben seit gestern etwas nachgelassen. Vor dem 10. April war es fürchterlich zu sehen, wie ein Trek nach dem anderen über die Kreilhoferheide hereinzog, - Lastwagen mit einer Plane überspannt, von abgemarterten Pferden gezogen. Personenautos, Lastautos, bis zur Unmöglichkeit vollgestopft mit Leuten, Stoffen, Kissen und Ballen. Teils fuhren sie gleich weiter nach dem scheinbar rettenden Westen, teils blieben sie in der Stadt, um Rast zu halten. Die Eisenbahn brachte aus Ybbsitz und Gaming ungezählte Scharen flüchtigen Zivils und Militärs. Sie wollten auch zum Teil in Waidhofen bleiben; aber welche Mühe es war, sie unterzubringen, das spottet jeder Beschreibung. Und alle hatten Hunger. Die Frauenschaft arbeitete Tag und Nacht in der großen Küche beim Kino, um den Scharen etwas Warmes bieten zu können. Unter den Flüchtlingen waren auch viele Frauen mit Kleinkindern, auch Schwangere waren gekommen, kurz vor der Entbindung.  Eine damals 16-jährige Zeitzeugin berichtet über die Betreuung von Flüchtlingen am Hauptbahnhof der Stadt sowie über die Einquartierung einer Mutter mit fünf Kindern aus Wiener Neustadt:
Alle wollten über die Enns, in die amerikanische Zone. Am Bahnhof kamen ständig Züge an, die mit Flüchtlingen vollgestopft waren. Es waren überwiegend Menschen, die vor der immer näherrückenden Kampflinie flüchteten. Ich kam im Rahmen der NSV oft zum Bahnhof, um dort die Menschen in den Zügen mit warmem Tee und etwas Lebensmitteln zu versorgen. Manchmal mussten wir auch in der Nacht hinaus, um die durchziehenden Flüchtlinge zu betreuen. Einige von ihnen stiegen in Waidhofen aus und wurden von uns in verschiedene Quartiere gebracht. Auch an das Stopfen von Strohsäcken für die Flüchtlinge kann ich mich noch erinnern.
Mein Vater arbeitete im Waidhofner E-Werk und wir hatten eine Dienstwohnung im E-Werksgebäude am Unteren Stadtplatz (Altes Rathaus). Gegen Kriegsende nahmen wir Flüchtlinge vom E-Werk Wiener Neustadt auf. Eine Frau mit 5 Kindern wurde bei uns einquartiert. Ich ging mit den jüngeren Kindern öfters spazieren.
Auch eine etwa 30-jährige Frau aus Estland (Reval) war vorübergehend bei uns untergebracht. Ihr Name war Renate und sie erzählte mir entsetzliche Geschichten von der Grausamkeit der Russen.


Nachdem am 7. Mai um 18.00 Uhr Generaloberst Rendulic in Steyr die Kapitulation der Heeresgruppe Süd unterzeichnet hatte, wurde ihm von den Amerikanern zugesichert, dass seinen Truppen bis zum 9. Mai, 01.00 Uhr, die Überschreitung der amerikanischen Linien gestattet würde. Dies führte zu einem letzten Ansturm von deutschem Militär, von denen viele aus Ybbsitz und St. Leonhard kommend, die rettende Demarkationslinie an der Enns zu erreichen trachteten. Einige versuchten sogar über den Grasberg oder über Atschreith den Weg abzukürzen:
Die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht war abgeschlossen und die Truppenmassen, die unseren Raum durchfluteten, mussten bis um Mitternacht des 8. Mai die Enns passiert haben. Dassß sich dieser Rückzug zu einer Flucht und Hetze um Leben oder Tod verwandelte, war verständlich. Unvorstellbar aber erscheint es heute, dass eine so zusammengeballte Masse mit unzähligen Fahrzeugen durch unsere engen, kurvenreichen Gebirgsstraßen und schwachen Holzbrücken mit den Ungetümen von Panzern, Tanks und Spezialfahrzeugen, überhaupt durchkommen konnten. Was sich da alles an nervenzerreißenden Szenen abgespielt hat, lässt sich nicht beschreiben. Viele Soldaten, die bisher heil durchgekommen waren, fanden knapp vor dem Ende den Tod. Weggerissene Hausecken und Brückengeländer bezeichneten noch lange den Weg, den die Truppen genommen hatten. Aus allen Richtungen, die Masse über Ybbsitz und St. Leonhard, trafen die Kolonnen ein und trachteten auf allen möglichen und unmöglichen Wegen die oberösterreichische Grenze zu erreichen. Das Gros passierte die Weyrerstraße, aber auch über Grasberg und Atschreitsattel suchten manche die Strecke abzukürzen. Das Verweilen auf der Straße war lebensgefährlich. Wegen Treibstoffmangel konnten die motorisierten Fahrzeuge nur zum geringen Teil sich mit eigener Kraft weiterbringen und führten die meisten 4 bis 5 Fahrzeuge im Schlepp mit. Unheimlich, ja gespenstisch, gestaltete sich dieser Rückzug in der letzten Nacht. Wie lebhaft wurde man da an den Ausspruch Hitlers nach Beendigung des Polenfeldzuges erinnert: „Mit Mann und Ross und Wagen, hat sie der Herr geschlagen.“
Über den in den letzten drei Tagen vor dem Einmarsch der Russen noch einmal zunehmenden Flüchtlingsstrom berichtet auch die Chronik des Reichanauerhofes:
Trotzdem aber nun der Krieg ein Ende gefunden hatte, riss der Flüchtlingszug auf der Weyrerstraße Tag und Nacht nicht ab. Im Gegenteil, in den drei Tagen vor der Besetzung bewegte sich auf der Straße nach Oberösterreich ein breiter Strom von Soldaten und Zivilisten mit und ohne Fahrzeug. Die abgehetzten, verwildert aussehenden Soldaten, die Sturmhelm, Tornister u.s.w. längst weggeworfen hatten und die Zivilisten mit geringen Habseligkeiten beladen, oft auch Säuglinge oder Kleinkinder mit sich führend, boten ein Bild der Trostlosigkeit und des Jammers.
Über die Situation im Stadtteil St. Leonhard berichtet die von Josef und Elke Kirchmayr verfasste Chronik, in der Zeitzeugen zur Situation in den letzten Kriegstagen befragt wurden: 

Ab 6. Mai zog Waffen-SS (vielleicht 1 Regiment oder gar eine Division) durch Leonhard durch. Letztes Gefecht war bei Wieselburg gewesen. Der Kommandant der SS wohnte im Schmiedhaus, dort war auch der Regimentsgefechtsstand. Beim Durchziehen des Regiments muß Gift gestreut worden sein, denn alle Hühner wurden hin und bekamen blaue Kämme.

Am 7. Mai ließ der Gefechtskommandeur auf der Wiese vor dem Schmiedhaus seinen Stab antreten und verkündete, dass der Waffenstillstand um 0 Uhr in Kraft treten werde. Der Krieg sei verloren. Zwei Männer fielen in Ohnmacht. Es sei der Auftrag, sich bis Mitternacht ans linksseitige Ennsufer abzusetzen. Wer dann noch am rechtsseitigen Ennsufer sei, wäre in russischer Gefangenschaft, drüben in amerikanischer Gefangenschaft. Durch Leonhard fuhren Panzergeschütze, Flak 8,8, Sturmgeschütze, alle Wehrmachtsgattungen, Nachrichtenabteilungen in Schnelligkeit durch. Wo im Schlieffaugraben der Sprit ausging, wurden die Fahrzeuge in den Bachgraben geworfen. Im Schliefaugraben sammelten sich Geschütze, Panzer, LKW, PKW, Motorboote in Unmenge. Erst Monate später wurden sie von Firmen herausgeholt gegen Bezahlung. Die letzten SS haben nur mehr PKW zusammengestellt und sind damit weggefahren. 

Die Zeller Schulchronik kommentiert den Durchmarsch der 6. Armee durch unser Gebiet in Richtung Westen:
Am 7. und 8. V. marschierte die 6. Armee durch nach Oberdonau. Was da auf dem Wege liegen blieb und gesprengt wurde an Material, ist nicht zu beschreiben. Welche Werte gingen da verloren! Es ist ungeheuerlich wie töricht die Menschheit ist.
Wie die Chronik des Reichenauerhofes berichtet, war die Moral dieser rückflutenden Truppen auf einem Tiefpunkt angelangt:
(Wir erhielten) als neue Einquartierung einige hundert Mann der Heeresgruppe Rendulic samt Kampfwagen. Das Zusammenleben mit ihnen war äußerst unerquicklich, da es sich bei ihnen eigentlich nur mehr um einen disziplinlosen Haufen handelte. Sie betranken sich und zündeten, da sie zum Teil im Freien kampierten, in der Nacht Lagerfeuer an, was für das Heim eine ernste Gefahr bedeutete.
Die Unmengen von Kriegsmaterial, die sich mit der Zeit in der Umgebung der Stadt anhäuften, stellten eine permanente Gefahrenquelle, vor allem für Kinder, dar. Immer wieder kam es zu Unfällen, von denen einige sogar tödlich endeten:
Gestern, Donnerstag den 12. April, nachmittags ereignete sich in der Wirtsrotte ein schwerer Unglücksfall, bei dem ein Knabe getötet und drei weitere zum Teil schwer verletzt wurden. Eine Gruppe von Kindern war aus der Stadt in die Wirtsrotte gewandert und suchte auf einem Lagerplatz, den kurz vorher eine fremde Militäreinheit verlassen hatte, nach liegengebliebenen Gegenständen. Der 8-jährige Walter Wögerer fand hiebei eine Eierhandgranate, an der er anfangs herumhantierte und sie dann in die Tasche steckte. Als die Knaben wieder in die Stadt zurückgehen wollten, explodierte die Handgranate in der Tasche Wögerers und tötete diesen auf der Stelle. Drei andere Knaben, die sich in der Nähe befanden, wurden zum Teil schwer verletzt.
Auch die Zeller Schulchronik berichtet über Kinder, die mit dem von den Soldaten zurückgelassenen Kriegsgerät spielten: Auf den Bänken spielen kleine Buben mit Gewehren, die ihnen abziehende Soldaten geschenkt haben, allerdings ohne Verschluss. Jeder Junge, den man auf der Straße begegnet, trägt einen Stahlhelm oder auch mehrere und Gasmasken. 

Angst vor der russischen Besatzung

Mit dem Fall Wiens am 13. April 1945 und dem Selbstmord Hitlers am 30. April 1945 zeichnete sich das Kriegsende immer deutlicher ab. Wie aus der Zeller Schulchronik hervorgeht, herrschte generelle Ratlosigkeit unter der Bevölkerung und die Devise für viele lautete „Nur zu den Amerikanern, solange es noch geht“:
Die Leute stehen in allen Straßen und Gassen beisammen und halten Rat. Jeder und jede hat die Politik im kleinen Finger. Die einen wußten schon lange, wie es kommen werde, die anderen sind bleich und gehen gesenkten Hauptes dahin. ...
Manche sieht man schon mit Sack und Pack zum Bahnhof eilen. „Nur zu den Amerikanern, solange es noch geht,“ das ist für viele das Losungswort. Heimatfeste sagen dazu, wenn schon gestorben werden müsse, wollten sie es in der Heimat, nicht auf der Flüchtlingsstraße tun. Wieder andere meinen, es werde schon nicht so arg werden, die Russen wären ja auch Menschen. ...
In Waidhofen und Zell ist ein Wirbel ohne Ende. Tag und Nacht ist voll von Lärm durchziehender Truppen. Ob noch Ordnung herrscht beim Militär weiß man nicht. Wir hoffen, es wird alles eingesetzt, um den Russen aufzuhalten. Der Traum vom Dritten Reich ist ausgeträumt. Viele von uns glaubten im Jahr 1938, nun käme für Österreich das Paradies, indes kam die Hölle über uns
.“
Auch die Angst vor Vergeltung für die von den Deutschen begangenen Kriegsverbrechen an der russischen Bevölkerung wird verschiedentlich artikuliert. So berichtet ein Zeitzeuge, damals Schüler der Werksschule in Böhlerwerk, folgendes:
Bei uns in der Werksschule in Böhlerwerk war ein russischer Junge in der Werkzeugausgabe. Er hieß Mischa, war ungefähr 15 Jahre alt und konnte sich schon halbwegs in Deutsch verständigen. Gegen Kriegsende fragten wir ihn, wie er hergekommen sei. Er erzählte uns, dass in seinem Dorf von den Deutschen viele Leute erschossen und viele Häuser angezündet worden waren. Die arbeitsfähigen Menschen wurden nach Frauen und Männern getrennt auf Fahrzeuge verladen und nach Deutschland deportiert. - Da dachten wir uns: „Wenn es die Russen bei uns nun auch so machen, na danke schön!“
Von russischer Seite her wurde versucht, durch das Abwerfen von Flugzetteln die Bevölkerung zu beruhigen. Darauf wurde verlautbart, dass sie „als Befreier kämen und die Bevölkerung nichts zu fürchten hätte
.“
Dass die Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft durch die Sowjetarmee natürlich auch ihre negativen Seiten hatte, ist hinlänglich bekannt:
Freilich die „Befreiung“ hatte ein ganz anderes Gesicht als erwartet: die Befreier befreiten in rohem Zugriff die Bevölkerung von allem was nicht niet und nagelfest war: Autos, Fahrräder, Uhren, Radios, besonders Uhren waren gesucht; das Schlimmste war die Jagd nach Frauen und Mädchen; viele versteckten sich, dennoch fielen nicht wenige der wilden Soldateska zum Opfer. Ganz ausgeliefert waren die alleinstehenden Bauerngehöfte.

Angst vor letzten Wahnsinnstaten des NS Regimes

Die geplante Verteidigung der Stadt
Zum Zeitpunkt der Herausgabe des Führerbefehls “Kernfestung Alpen” - am 28. April 1945 - war die Realisierung durch die sich überstürzenden Ereignisse bereits illusorisch geworden. Sie wäre entlang einer Linie verlaufen, die auch Waidhofen miteingeschlossen hätte: 

Füssen - Allgäuer Alpen - Valuga - Arlberg - Nauders - Stilfser Joch - Ortler – Adamello – Nordende Gardasee – Feltre - Caporetto - Karawanken - Unterdrauburg – „Gunther-Stellung“ - Leoben - Dürrenstein - Waidhofen - Steyr - Salzburg - Tegernsee - Murnau. Eine Vor-Stellung in der Linie Dürrenstein - Amstetten - Donau bis westlich Linz - Hausruck sollte die Industrien von Linz und Steyr schützen

Die „Alpenfestung“ bestand also bloß auf dem Papier, nachdem sie von den Deutschen monatelang als vage Möglichkeit erörtert worden war. Alliierte und neutrale Schweizer Stellen hatten sich wesentlich intensiver mit ihr auseinandergesetzt, als es deutsche Politiker und Militärs je getan hatten.  Obwohl die Errichtung der Kernfestung Alpen (Waidhofen wäre einer der Außenposten gewesen) nie wirklich ernsthaft in Erwägung gezogen wurde, sind dennoch Maßnahmen in Waidhofen nachweisbar, die auf eine Verteidigung der Stadt hinzielten. Bereits am 11. April berichtet der Verfasser der Zeller Schulchronik über ein Gerücht:

Man sagt, Waidhofen soll ein Kernpunkt der Verteidigung des Ybbstales werden. Man sagt überhaupt viel und jede Stunde etwas anderes. Wenn man alles gläubig hinnehmen würde, dann müsste man toll werden. Dieses Gerücht sollte sich aber bewahrheiten, und Polizeiinspektor Pitzel berichtet ausführlich über tatsächlich errichtete Panzersperren und vorbereitete Sprengungen:
Das Vordringen der Russen nach Steiermark, Wien und Niederösterreich war Anlaß, auch unsere Gegend in Verteidigungszustand zu setzen, das heißt Panzersperren und Stützpunkte anzulegen. Eines Tages erschien ein Hauptmann aus Amstetten, der als Abschnittskommandeur die Anlage der Sperren zu organisieren hatte. Unter Führung dieses Hauptmannes fuhren die Ortsgruppenleiter, der Volkssturmkommandant und ich als Polizeichef bei strömendem Regen das ganze Gebiet ab, um jene Stellen zu bestimmen, an denen Verteidigungspunkte zu errichten waren. Es sollte ein äußerer und ein innerer Sperrgürtel hergestellt werden. Im Stadtbereich waren Panzersperren vorgesehen: In der Weyrerstraße oberhalb des Pumpwerkes, Redtenbachstraße bei der Eisenbahnbrücke, Ybbsitzerstraße außerhalb der Sattelgrabenbrücke, bei der Unteren Zellerbrücke, in der Wienerstraße in der Nähe des Gasthauses Rauchegger, im Stadtinneren in der Wienerstraße bei der Schloßbrücke, in Zell bei der Hochbrücke, beim Ybbsturm, am Ende des Unteren Stadtplatzes beim Hotel Inführ und bei der Schwarzbachbrücke am Beginn der Weyrerstraße. Der Volkssturm mußte sofort mit dem Bau der Sperren - Bollwerke aus starken Baumstämmen, beginnen. Der Kreisleiter drängte auf rasche Fertigstellung. Sämtliche Brücken, sowohl Straßen- als Eisenbahnbrücken, darunter auch die strategisch völlig unbedeutende große Ybbstalbahnbrücke, wurden durch Einbau von Minen, bei der Ybbstalbahn und Sattelgrabenbrücke auch von 500kg Sprengbomben, für die Sprengung vorbereitet. Welchen Wert diese Sperren gehabt und ob sie ihren Zweck erfüllt hätten, brauchte glücklicherweise nicht erprobt werden. Die drohende Gefahr, daß die Brücken gesprengt werden sollten, verursachte begreiflicherweise bei den Bewohnern der in der Umgebung der Brücken befindlichen Häuser Angst und Bestürzung. 

Über die Sprengkraft dieser Bomben erfahren wir an anderer Stelle: Entsetzen bemächtigte sich der Bewohner der Häuser in der Umgebung der großen Ybbstalbahnbrücke, als an deren mittlerem Pfeiler eine 500kg Minenbombe angebracht wurde. Der Volkssturm und auch der Stadtkommandant wurden bestürmt, diese Sprengung nicht vornehmen zu lassen und haben sie dann auch verhindert. Was für Folgen die Sprengung der Brücke gehabt hätte wurde 3 Jahre nach Kriegsende, nachdem die große Bombe, die nach Entschärfung am Schwarzbachufer liegengelassen worden war, im Sattelgraben durch den Entminungsdienst gesprengt wurde, (sichtbar). Obwohl alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen und die Sprengung ziemlich weit in dem engen Graben drinnen, vorgenommen wurde, ergoß sich ein wahrer Trümmerregen über den Friedhof, auf dem gerade ein Begräbnis stattfand, und die Umgebung des Krankenhauses. 

Auch der Waidhofner Volkssturm , der am 27. Oktober 1944 seinen ersten Appell am Oberen Stadtplatz (damals „Adolf-Hitler-Platz“)  abhielt, sollte verstärkt als letztes Aufgebot zur Verteidigung der Stadt herangezogen werden: Obwohl sich gezeigt hatte, dass der „Südostwallbau“ der doch nach strategischen Gesichtspunkten und auf Grund von Erfahrungen ausgebaut worden war, sich als völlig zwecklos erwies und den russischen Vormarsch nicht hemmen konnte, wurden trotzdem die Pläne, jeden Ort in Verteidigungszustand zu setzen, nicht aufgegeben und der Volkssturm musste weiter Panzersperren bauen, sowie Vorbereitungen für die Verteidigung der Stadt treffen. Es waren nunmehr auch Waffen für den Volkssturm, hauptsächlich „Panzerfäuste“ hier gestapelt worden.



Die Bevölkerung, deren überwiegende Mehrheit von dem Wahnwitz der Stadtverteidigung überzeugt war, durchlebte bange Wochen. Der Kreisleiter hielt sich fast ständig hier in der „Schulungsburg“  auf, sodass sein Starrsinn besonders bei uns sich fühlbar machen konnte. Er hielt, obwohl es schon klar geworden war, dass das Ende in unmittelbarer Nähe ist, noch Appelle ab, in denen er zum Widerstand aufforderte und denen, die schlapp werden, Vernichtung androhte. Im Lokalblatt „Bote von der Ybbs“ erscheinen am 9. März 1945 Anleitungen zur Bedienung der Panzerfaust: Dass es der Kreisleiter mit seinen Drohungen wirklich ernst meinte, geht auch aus einem „vertraulichen Dienstbefehl“ an die Waidhofner Gendarmeriedienststelle vom 6. April 1945 hervor. Darin wurde die Gendarmerie dem Ortsgruppenleiter unterstellt und Ortsgruppenleiter sowie Volkssturmführer wurden in gewissen Fällen, z.B. bei Widerstand, vom Kreisleiter zum „Erschießen oder Erhängen“ berechtigt. Karl Pöchlauer war als 15-jähriger Schüler damals Zeuge einer der Reden, die der Kreisleiter vom Balkon des Rathauses hielt: An eine Rede des Kreisleiters Neumayer kann ich mich noch genau erinnern. Er sprach vom Balkon des Rathauses zum Volkssturm, um diesen noch zum Widerstand gegen die Russen aufzurufen. Die letzten Worte seiner Rede haben sich bei mir eingeprägt: „Und wer nicht will, der muss!“ 

Auch Otto Hierhammer beschreibt die durch den Kreisleiter verursachte bedrohliche Situation: Auf Befehl des Kreisleiters Neumaier wurden verschiedenfarbige Plakate mit der Aufforderung:„Im Kreis Amstetten wird gestanden und gekämpft“ als nicht misszuverstehende Drohung auf Türen u. Hausmauern geklebt u. jeder wusste, dass pazifistische Anwandlungen oder eine Kritik der ohnehin aussichtslosen Lage, selbst dem besten Freund gegenüber, nicht geäußert werden durften, ...  Ein Aufruf des Gauleiters von Niederdonau, Dr. Hugo Jury, wurde noch in einer der letzten Ausgaben des Lokalblattes „Bote von der Ybbs“ am 11. April 1945 veröffentlicht. Er zeigt ebenfalls, dass die „Führung“ noch immer entschlossen war, den aussichtslosen Kampf weiterzuführen und mit aller Härte durchzugreifen:

Niederdonauer! Ein unerbittlicher Feind ist in unsere schöne Heimat eingebrochen. Wir müssen alles daransetzen, um ihn aufzuhalten und ihn wieder hinauszuwerfen. Eure Führung wird auch diese schwere Lage meistern, wenn ihr alle mithelft. Laßt euch nicht weichmachen! ... Tut eure Pflicht dort, wo ihr hingestellt seid! Verwaltung und Versorgung müssen weiterarbeiten. Dies ist die Voraussetzung für die weiteren Maßnahmen der Führung. Gegen Pflichtverletzung wird scharf durchgegriffen. Es herrscht Standrecht! Wer den Abwehrkampf sabotiert, gleichgültig ob aus Absicht oder Feigheit, hat keine Gnade zu erwarten. ... Seid standhaft, dann wird der Sieg unser sein! 


Die Ermordung des Ehepaares Kunizer

Während es nie zur Verteidigung der Stadt kam (was sicher zu großen Zerstörungen geführt und viele Menschenleben gekostet hätte), spielte sich am 22. April 1945 aber noch eine tatsächliche Tragödie ab. Franz Emanuel Kunizer, der letzte noch in Waidhofen verbliebene Einwohner jüdischer Abstammung, versteckte sich gegen Kriegsende im Bauernhaus Steinbichl / St.Georgen in der Klaus, da er wusste, dass von den Waidhofner Nationalsozialisten eine Aktion gegen ihn geplant war. Am 22. April wurde das Bauernhaus vom Ortsgruppenleiter Waidhofen/Ybbs Land, einem führenden Parteifunktionär dieser Ortsgruppe sowie von einigen SS-Männern umstellt. Als die SS ins Haus eindrang, um Herrn Kunizer zu holen, setzte sich dieser zur Wehr und es kam zu einer Schießerei, in welcher der Parteifunktionär, Herr Kunizer, ein SS-Mann sowie die Tochter des Bauern getötet wurden. Seine Frau Clara Kunizer (geb.Hagens), die sich im Haus Hasleiten aufhielt, wurde von einem SS-Mann durch einen Kopfschuss getötet.

Letzte Aktionen von SS und Feldgendarmerie

Wie aus vielen Quellen der letzten Kriegstage hervorgeht, musste bis zum Schluss mit dem harten Durchgreifen fanatischer Nationalsozialisten gerechnet werden. - So wurde der Stadt Waidhofen die Vernichtung angedroht, da von einzelnen Hausbesitzern schon rot-weiß-rote Fahnen aus Freude über das bevorstehende Ende des Krieges ausgehängt worden waren. - Auch eine Verminung der Redtenbachstraße konnte noch im letzten Moment verhindert werden: Von manchen Häusern waren weiße oder rotweißrote Fahnen ausgehängt worden, was bei den durchziehenden SS Einheiten Gewalttaten auslöste. Einzelne Fahnen wurden in Brand geschossen und es waren Drohungen laut geworden, dass die Stadt vernichtet werde. Darum musste auch die Einziehung solcher Fahnen veranlasst werden. Am letzten Morgen hatte eine Abteilung SS begonnen unterhalb der Eisenbahnbrücke die Redtenbachstraße zu verminen. Die Bewohner der Umgebung machten hievon Mitteilung und es gelang mir mit Unterstützung des „Stadtkommandanten“  die Leute von ihrem Vorhaben abzubringen. 

In St. Leonhard quartierte sich Ende April eine Gruppe Feldgendarmerie  ein, die noch Kontrollen unter den flüchtenden Militärs durchführte. Ein dabei aufgegriffener SS Hauptmann wurde, als er zu flüchten versuchte, erschossen: 14 Tage vor dem Zusammenbruch nahm eine Feldgendarmeriegruppe in Leonhard Quartier: 120 Mann mit Pferden und Wagen. Sie machten Streifendienst, übungsweise Hausdurchsuchungen, Straßenkontrollen und Urlaubsscheinkontrollen. Dabei wurden 2 Männer, der eine in Zivil, der andere in Uniform, aufgegriffen und in die Gemeindekanzlei (Maderthaner) geführt und verhört. Dabei riss der aufgegriffene SS-Hauptmann aus, lief durch die Pichl-Scheune den Graben hinunter und Richtung Steinkellner wieder hinauf. Es wurde ihm dorthin nach geschossen. Einer rühmte sich später: „Ich habe ihn umgelegt“. Bauchschuss. Er wand sich vor Schmerzen am Hang. Auf einem Pferdewagen wurde er nach Waidhofen gefahren, aber er starb auf dem Transport. Der andere wurde nach Waidhofen gebracht und angeblich bei Kriegsende freigelassen. Die Feldgendarmerie wurde abgezogen am 5. Mai 1945. Im April und Mai 1945 wurde in Weyer eine sogenannte „Sperrlinie“ eingerichtet. Diese verlief von Hieflau entlang der Enns bis Weyer und weiter nach Waidhofen. Zur Überwachung dieser Sperrlinie kamen ein Auffangstab, ein Streifenkommando und ein Feldstandgericht nach Weyer. Dieses Standgericht war am Anfang im Pfarrhof von Weyer untergebracht und wurde später ins Bezirksgerichtsgebäude übersiedelt. Von den Offizieren und Soldaten dieser Einheiten wurden alle von der bereits in Auflösung befindlichen Front zurückströmenden Soldaten aufgefangen, verhört und einige vom Standgericht als Deserteure zum Tod verurteilt und erschossen. Schauplatz dieser Erschießungen waren der Glaserergraben, Gasselsgraben und Schafgraben in Weyer. Die Erschießungen fanden in der Regel zwischen 4 und 7 Uhr früh statt. Zeitzeugen berichten, dass die im Schafgraben ermordeten Soldaten auf Karren geladen wurden und durch den Ort zum Friedhof geschafft wurden. Dabei zog sich eine Blutspur durch den Marktplatz. Die Opferzahlen dieses Ereignisses schwanken zwischen 40 und 70 erschossenen Soldaten. 


Hoffnung auf die Amerikaner und Einleitung der Waffenstillstandsverhandlungen mit Generaloberst Rendulic

Waidhofner Quellen

Die Hoffnung, dass Waidhofen doch von den Amerikanern und nicht von den Russen besetzt werden würde, bekam großen Auftrieb, als am 6. Mai amerikanische Jeeps und Panzerfahrzeuge in Waidhofen einfuhren: Und dann kam ein Tag, der die Gemüter ein wenig erhellte. Es war schon bekannt, dass der Abschluss der Kampfhandlungen unmittelbar bevorstehe und die Amerikaner an der nied.öst. Grenze stehen. In Weyer sind amerikanische Truppen und auch in Neustift, wurde glaubwürdig versichert. Sie werden auch zu uns kommen, hofften viele. Und tatsächlich kamen sie. Am 6. Mai verbreitete sich wie ein Lauffeuer die Kunde, dass im Redtenbachtal amerikanische Truppen im Anmarsch sind, und auch die Weyrerstraße wurde von solchen passiert. Wird es zwischen diesen und den der Enns zueilenden deutschen Truppen, fast nur mehr SS Einheiten, zu Kämpfen kommen? Nun, das war nicht der Fall und es wurde beobachtet, dass die Amerikaner den deutschen Soldaten Zigaretten zuwarfen. Die Amerikaner fuhren in das Schloss, wo, wie schon gesagt, der Befehlshaber der Heeresgruppe Süd-Ost, General Rendulic mit seinem Stab sich befand und die Kapitulationsverhandlungen begannen. 

Aus der Sicht eines 15-jährigen Schülers sah dieses Ereignis so aus: Anfang Mai 1945 fuhren amerikanische Jeeps in der Wienerstraße Richtung Amstetten beim Schloss vorbei. Es waren dort in den letzten Wochen aus Baumstämmen Panzersperren errichtet worden, die man jedoch seitlich passieren konnte. Wir standen auf der Fußgängerbrücke zur Pfarrkirche hin und konnten die offenen Jeeps genau sehen. Sie hatten kein Dach und bei einem Wagen war eine lange Antenne im Bogen über das Auto gespannt. Auf der Brücke, auf der wir uns befanden, patrouillierten deutsche Soldaten mit Gewehren und Handgranaten im Koppel. Wir dachten uns, dass es jetzt gleich zu einem Gefecht zwischen Deutschen und Amerikanern kommen würde, aber es geschah nichts. Beide taten so, als ob sie einander nicht wahrgenommen hätten. Soweit ich mich erinnern kann, fuhren die Amerikaner einigemale hin und her, ehe sie wieder in Richtung Weyer abzogen.  Zwei Photos, auf denen amerikanische M-8 Panzerwägen mit Besatzung sowie deutsches Militär im Nellinggraben zu sehen sind, finden sich in dem bereits erwähnten Bildband „Waidhofen an der Ybbs in alten Ansichten“. 

Eine weitere Hoffnung gab es in einigen Kreisen des Militärs, in denen man annahm, dass es zu einem Wechsel der Fronten kommen würde, und die Amerikaner nun mit den Deutschen gemeinsam gegen die Sowjets vorgehen würden. So berichtet die Chronik des Reichenauerhofes, wo Truppenteile der Heeresgruppe Ostmark untergebracht waren, über den 6. Mai 1945 folgendes: Am Sonntag den 6. Mai 1945 fuhren am Nachmittag plötzlich amerikanische Panzer durch die Weyrerstraße nach Waidhofen. Unsere Offiziere, die sonst immer recht gedrückt waren, erklärten freudig, nun wäre alles gut, nun gehe es mit den Amerikanern gegen die Russen. Sie fuhren sofort in die Stadt und nahmen mit den Amerikanern Rücksprache. Ganz deprimiert kamen sie wieder zurück, denn diese hatten ihnen ebenfalls erklärt, daß die Enns die Demarkationslinie werde. Sie hatten ihnen nur den Rat geben können, so rasch als möglich in die zukünftige amerikanische Zone zu ziehen. In höchster Eile wurde nun alles für den Abzug gerüstet und am nächsten Tag verließen sie den Reichenauerhof. 

Auch die Zeller Schulchronik erwähnt das Gerücht, dass „der Krieg gegen die Bolschewiken angeblich weitergehen soll.“ 

Wie Rauchensteiner vermerkt, hat es tatsächlich auf Initiative von Generaloberst Rendulic den Versuch gegeben, über General Gaedcke mit den Amerikanern über ein „reversement des alliances“ - eine „Umkehr der Bündnisse“ zu verhandeln. Dieser Versuch war aber vergeblich und hatte bei den Amerikanern „nur Kopfschütteln hervorgerufen.“ Als nun klar war, dass Waidhofen in die sowjetische Zone fallen würde, versuchten viele, vor allem Militärs und Mitglieder der NSDAP, die amerikanische Zone zu erreichen. Stadtpfarrer Johannes Landlinger beschreibt die Situation wie folgt: Neumayer erschießt sich; am Morgen des nächsten Tages rücken die Russen in die Stadt; SS flüchtet Hals über Kopf; Funktionäre der NSDAP fliehen, obwohl sie Plakate affigieren ließen „Wir Stehen!“, andere nehmen sich das Leben. Was Stiefel hatte, lief, um bei Weyer O.Ö. über die Enns zu kommen und sich in den Schutz der dort eingerückten Amerikaner zu begeben. 

Amerikanische Quellen
Was es tatsächlich mit den amerikanischen Truppen auf sich hatte, die sich vom 6. bis zum 8. Mai 1945 in Waidhofen aufhielten, geht aus einem Internetdokument amerikanischer Veteranen hervor. Major Dominic J. Caraccilo beschreibt darin die “Capitulation of German Army Group South“ . Dieses Dokument macht es uns möglich, die Ereignisse, die sich damals in Waidhofen abspielten, genauer zu durchleuchten. - In der Einleitung beschreibt er die allgemeine Situation in den letzten Kriegstagen aus der Sicht der Amerikaner: In der Umklammerung durch die alliierten Streitkräfte, welche von Osten und Westen her vordrangen, zerfiel Adolf Hitlers 1000-jähriges Reich. Es zeichnete sich schon deutlich ab, dass der Krieg im Frühjahr des Jahres 1945 zu Ende gehen würde. Aber war dies wirklich schon so sicher?
Gerüchte über eine alpine Verteidigungsanlage - eine gebirgige, natürliche Festung im Süden Deutschlands, wo gutbewaffnete Nazis ihren Kampf endlos fortsetzen hätten können - verbreiteten sich unter den alliierten Streitkräften. Obwohl die Truppen Hitlers auf einen immer kleiner werdenden Streifen deutschen Bodens zusammengedrängt wurden, standen dennoch hunderttausende deutsche Soldaten unter Waffen, und die Errichtung einer Alpenfestung lag noch sehr wohl im Bereich des Möglichen.
Die U.S. 71st Infantry Division, die von Maj. Gen. Willard G. Wyman befehligt wurde, hatte bereits Steyr erreicht und am 6. Mai 1945 erhielt die Cavalry Aufklärungstruppe der 71st Division den Befehl, die Enns zu überqueren und Kontakte mit den Sowjets herzustellen.  Die Aufkärungstruppe wurde in zwei Teile geteilt. Ein Teil bestand aus dem 1. Zug, welcher von 1st Lt. Edward W. Samuell befehligt wurde. Ein Zug bestand normalerweise aus drei Panzerwagen und sechs Jeeps. Der 1. Zug, um einen Panzerwagen und zwei Jeeps verringert, musste diesen Einsatz somit mit nur 2/3 seiner vorgesehenen Kampfkraft durchführen. - Der andere Teil bestand aus dem 2. und 3. Zug unter dem Kommando des 1 st Lt. Delno Burns.: Die Einheit von Burns überquerte die Enns gleich nördlich von Steyr, während der 1. Zug unmittelbar südlich von der Stadt den Fluss übersetzte. Unmittelbar nachdem der 1. Zug das andere Ufer erreicht hatte , traf er auf deutsche Soldaten. Sie waren bewaffnet, verhielten sich aber nicht feindlich und bewegten sich westwärts in Richtung auf die amerikanischen Linien zu. Samuell rief ihnen zu, dass der Krieg vorüber sei. Die deutschen Soldaten fragten höflich, wohin sie gehen sollten. Die amerikanischen Soldaten wiesen den neuen Gefangenen den Weg in Richtung Steyr.

Bei Kleinraming vereinigten sich die beiden Truppenteile wieder und bewegten sich gemeinsam in Richtung Maria Neustift weiter: Nachdem die nun wieder vereinigte 71st Reconnaissance Troop Klein Raming passiert hatte, bewegte sie sich durch ein kleines Tal in Richtung Neustift. Dort waren die Straßen mit deutschen Soldaten verstopft. Diese wollten alle in Richtung Westen nach Steyr. All dies geschah unter dem Schutz der SS (Schutzstaffel) welche die Aufgabe hatte, in diesem Gebiet die Ordnung aufrecht zu erhalten. In der Nähe von Neustift trafen die Amerikaner auf eine Gruppe von ca. 400 deutschen Soldaten, die entlang der Straße standen. Alle Fahrzeuge der Einheit von Burns passierten diese, ohne dass es zu einem Zwischenfall gekommen wäre. Als der 1. Zug (Lt. Samuell) vorbeifuhr, rutschte eines der Panzerfahrzeuge in den Straßengraben und blieb in der weichen Erde am Straßenrand stecken. Burns befahl Samuell’s Zug in Richtung Waidhofen weiterzufahren. Als die deutschen Soldaten - sie waren offensichtlich noch nie vorher auf amerikanische Soldaten getroffen - sahen, dass Hilfe benötigt wurde, packten sie an und halfen mit, das Fahrzeug wieder auf die Straße zu bringen. (Vielleicht glaubten die deutschen Soldaten, dass sie schon die sichere amerikanische Zone erreicht hatten. Sie wussten nicht, dass die Amerikaner in der Sowjetzone operierten.) Sobald das Panzerfahrzeug wieder flott war, fuhr der 1. Zug weiter nach Osten. Er bewegte sich dabei nördlich und parallel zu Burns.

Nachdem sich die Amerikaner nun wieder aufgeteilt hatten, zog der 1. Zug unter Lt. Samuell über Predmass  und Grossau ins Nellingtal, wo sie östlich des Bauernhauses Aichen  anhielten, um den Benzinstand zu überprüfen: Bei Predmass wurde der Zug von einer ungarischen Straßenblockade aufgehalten. Zuerst war Samuell etwas beunruhigt. Bei früheren Begegnungen mit Ungarn am Fluss Isar gab es Kämpfe und die Amerikaner hatten noch immer große Abneigung und tiefes Misstrauen gegenüber den Ungarn. Bei der Straßensperre traf Samuell auf zwei ungarische Generäle. Diese wollten mit ihren Divisionen sofort kapitulieren und forderten sicheres Geleit zu den amerikanischen Linien. Samuell sagte den Generälen, dass er nur die Befugnis hätte, mit deutschen Befehlshabern über Kapitulationsangelegenheiten zu verhandeln. Falls sie es aber wünschten, könnten sie sich selbst entwaffnen und auf der Straße in Richtung Steyr weitermarschieren. Dort könnten sie dann mit Amerikanern, die mehr Vollmachten hätten, über ihre Kapitulation verhandeln. 

Die Ungarn marschierten weiter und der amerikanische Zug stieß durch Predmass und Aichen weiter vor. Östlich von Aichen ließ Samuell den 1. Zug anhalten, um den Benzinstand zu überprüfen. Die Fahrer der Panzerfahrzeuge teilten ihm mit, dass, falls sie weiterfahren würden, die Fahrzeuge nicht mehr genügend Benzin für die Rückfahrt nach Steyr haben würden.

Bei der Suche nach Benzin stießen die Amerikaner dann unvermutet auf das Hauptquartier der Heeresgruppe Süd (Heeresgruppe Ostmark), das sich zu diesem Zeitpunkt im Waidhofner Schloss befand: Während Samuell und der Staff Sgt. Lawrence  B.Rhatican , sein Stellvertreter, das Problem diskutierten, kam ein deutscher Motorradkurier mit hoher Geschwindigkeit die Straße entlang. Rhatican versperrte die Straße und der Motorradfahrer blieb stehen. So wie schon oft zuvor ließ Rhatican den Schützen des Panzerfahrzeuges und Funkassistenten Technician 5 Charles Staudinger rufen, um zu übersetzen.  Staudinger stammte nämlich aus diesem Teil Österreichs und sprach fließend Deutsch. Staudinger fragte nun diesen Motorradfahrer freundlich, ob er nicht für den amerikanischen Zug Benzin auftreiben könnte. Der Deutsche antwortete, dass, falls Staudinger mit ihm käme, er in der nächsten Stadt, Waidhofen, Treibstoff auftreiben könnte. Staudinger kletterte auf den Rücksitz des Motorrades und fuhr mit dem deutschen Kurier mit.

Kurz nachdem Staudinger mit dem deutschen Motorradfahrer abgefahren war, kamen einige SS Soldaten, geführt von einem Major und einem Oberfeldwebel , aus dem angrenzenden Wald. Sie verhielten sich nicht feindlich und Samuell und der Major sprachen miteinander, während der SS Oberfeldwebel übersetzte. Der SS Major wollte wissen, ob er irgendwie behilflich sein könnte. Samuell ersuchte ihn um Benzin für die Panzerfahrzeuge. Der SS Major sagte, dass er Benzin auftreiben könnte, aber nur unter der Bedingung, dass die amerikanischen Flugzeuge nicht über die Lage des Treibstoffdepots informiert würden. Samuell versicherte ihm, dass sein Zug die Lage des Depots nicht verraten würde und daraufhin sandte der Major den Feldwebel sowie einige deutsche Soldaten, um Treibstoff zu holen. Als der SS Feldwebel zurückkam, füllten Deutsche und Amerikaner die Tanks der Panzerwägen. Als dies geschehen war, bedankte sich Samuell bei den Deutschen und diese verschwanden wieder im Wald. ... 

In der Zwischenzeit hatten Staudinger und der deutsche Motorradkurier den Stadtrand Waidhofens erreicht. Der deutsche Kurier sagte zu Staudinger, dass er vor dem Amtsgebäude seines Vorgesetzten warten solle. Innerhalb weniger Minuten kam ein SS Major aus dem Haus. Er behandelte Staudinger sehr arrogant, ließ ihm durch den deutschen Motorradkurier die Augen verbinden und setzte ihn in ein Auto. Sie fuhren nur eine kurze Strecke und erreichten bald den Hof des malerischen Schlosses Rothschild, von dem aus man die Ybbs überblicken konnte. Staudinger wurde in das Schloss gebracht. Man entfernte ihm die Augenbinde und er musste vor einer Tür eines Büros warten. Er konnte ein lautes Streitgespräch hinter dieser Türe vernehmen. Als die Stimmen immer lauter wurden, hörte er, wie jemand vorschlug, dass man ihn erschießen sollte. Staudinger erschrak und entschloss sich, den Raum zu betreten. Er riss die Tür auf und ging auf den Tisch zu, an dem einige hohe deutsche Offiziere saßen und schlug mit der Faust energisch auf den Tisch. Zum Erstaunen der deutschen Offiziere ließ er auf Deutsch verlauten, dass er tatsächlich ein U.S. Soldat sei und dass er hier wäre, die Kapitulation in die Wege zu leiten und dass die Offiziere an alle unter ihrem Befehl stehenden Soldaten die Befehle erteilen sollten, ihre Waffen sofort niederzulegen. ...

Die deutschen Offiziere waren über seinen Auftritt verblüfft. Nach einigen Augenblicken totaler Stille erhob sich einer der Offiziere und forderte die anderen auf, im Raum zu bleiben. Dann führte er Staudinger einen Stock höher zu einem anderen Büro. Dort angelangt, musste er wieder vor der Tür warten. Der deutsche Offizier - Staudinger glaubte, dass es ein Oberst war - betrat das Büro und schloss die Tür hinter sich. Nach einigen Minuten öffnete der Deutsche wieder die Tür und deutete ihm, einzutreten. Als er das Zimmer betrat, sah Staudinger den Idealtypus eines deutschen Generals vor sich. Er war sehr groß, trug die traditionelle graue Uniform mit den hellen, roten Markierungen am Kragen sowie hohe schwarze Stiefel.

Der General wiederholte die Forderung, welche Staudinger der Gruppe von Offizieren in dem einen Stock tiefer liegenden Büro gerade zuvor vorgetragen hatte. Staudinger bestätigte dem General, dass er genau dies gesagt habe. Zu Staudingers Überraschung fragte der General daraufhin, ob er die Vollmacht habe, eine Kapitulation anzunehmen. Staudinger überlegte kurz und antwortete, dass er selbst nicht die Vollmacht habe, dass aber sein vorgesetzter Offizier, der sich unmittelbar vor der Stadt nicht weit vom Schloss befände, die Angelegenheit regeln könnte. Der General ließ daraufhin einen Berater rufen, welcher fließend Englisch sprach. Sein Name war Hauptmann Bates. Der General befahl Bates, gemeinsam mit Staudinger dessen vorgesetzten Offizier zu holen und ihn nach Waidhofen zu bringen. Bates führte Staudinger die Stiegen hinunter und verband ihm die Augen. Dann stiegen beide in einen schwarz-glänzenden Mercedes Benz und fuhren aus dem Schloss hinaus, um den 1. Zug zu finden, der sich östlich von Aichen befand.

Dort angelangt, erklärte sich Lt. Samuell bereit, mit Hauptmann Bates mitzufahren, unter der Bedingung, dass er seinen Übersetzer Staudinger mitnehmen dürfe. Dies wurde von den Deutschen akzeptiert und so wurden Samuell und Staudinger mit verbundenen Augen ins Waidhofner Schloss gebracht:

Als sie im Schloss ankamen, entfernte Bates Samuells und Staudingers Augenbinden und führte sie hinauf in das Büro des Generals. Bates stellte die Amerikaner dem General vor. Samuell und Staudinger erfuhren, dass es sich um den deutschen Generalleutnant Heinz von Gyldenfeldt handelte. Später erfuhren sie, dass dieser der Stabschef der deutschen Heeresgruppe Süd war. Gyldenfeldt fragte Samuell, ob er die Vollmacht habe, eine Kapitulation anzunehmen. Samuell verneinte dies, teilte Gyldenfeldt aber mit, dass er in direkter Verbindung mit seiner Division stünde, welche diese Vollmacht hätte.

Gyldenfeldt fragte Samuell weiters, ob er auf seinem Weg nach Osten auf irgendeinen Widerstand gestoßen sei. Als ihm der Amerikaner sagte, dass sie auf keinerlei Widerstand gestoßen wären, teilte ihm der Generalleutnant mit, dass alle deutschen Truppen westlich der Ybbs den Befehl hätten, nicht auf die Amerikaner zu schießen, außer, sie würden von ihnen angegriffen. Diesen Befehl habe man besonders auch den SS Truppen sehr eindringlich übermittelt. Der General fügte hinzu, dass man den SS Einheiten spezielle Verbindungsoffiziere zugeteilt habe, um sich zu vergewissern, dass die SS Einheiten sich an diesen außergwöhnlichen Befehl halten würden. ...

Gyldenfeldt war sehr darauf bedacht, dass weder Samuell noch sonst irgend ein Amerikaner den Ybbsfluss in Richtung Osten überqueren würde. Samuell versicherte ihm, dass  die Männer unter seinem Kommando die Ybbs nicht überqueren würden. Für die anderen amerikanischen Streitkräfte könne er jedoch nicht sprechen.

Während dieses Gesprächs betrat ein anderer General den Raum. Er war so wie Gyldenfeldt gekleidet, aber seine Erscheinung war nicht annähernd so beeindruckend. Dieser andere General, Generaloberst Lothar von Rendulic , der Kommandant der Heeresgruppe Süd, schaltete sich in die Diskussion ein und erklärte den Grund, warum die Amerikaner westlich des Ybbsflusses bleiben sollten. Die Deutschen Streitkräfte könnten nämlich versehentlich auf sie schießen. Samuell hatte auch den Eindruck, dass, falls amerikanische Streitkräfte im Rücken der Deutschen aufgetaucht wären, dies zu Panik innerhalb der deutschen Streitkräfte, die ja gegen die Sowjets kämpften, geführt hätte.

Am Beginn des Gespräches, das Samuell mit Gyldenfeldt führte, wollte der General wissen, was Samuell in dieser Gegend verloren habe und machte ihm Vorwürfe, dass er sich nicht an die militärischen Formen der Höflichkeit gehalten habe, nach denen er ihm hätte mitteilen müssen, dass er sich auf seinem Gebiet aufhalte. Aber er brach seine Ermahnung ab als ihm klar wurde, dass er ja nicht zu einem Verbündeten, sondern zu einem Feind sprach. Samuell dachte nun, dass es an der Zeit wäre, den Deutschen zu sagen, dass die Alliierten an beiden Fronten bemüht waren, sich zusammenzuschließen, dass er beauftragt sei, die Sowjets zu finden und dass diese Tatsache die Deutschen zur Kapitulation zwingen würde. ...

Gyldenfeldt fragte nun Samuell, ob er wisse, wo die Rote Armee zur Zeit stünde? Samuell antwortete, dass er nur wisse, dass sie westlich von Wien wären, er sei aber nicht informiert darüber, wo sich deren Spitzen zur Zeit befänden. Gyldenfeldt informierte daraufhin Samuell, dass die vordersten sowjetischen Linien zur Zeit in St.Pölten wären, ungefähr 80km Ost-Nordost von Waidhofen.

Am Ende dieser ersten Unterredung mit Gyldenfeldt erklärte sich Samuell bereit, das Hauptquartier der 71st Division über die Bereitschaft Gyldenfeldts zur Kapitulation zu informieren und zu ersuchen, dass ein mit genügend Vollmachten ausgestatteter amerikanischer Offizier nach Waidhofen kommen würde, um die Kapitulation anzunehmen. Rendulic ließ den Amerikanern durch Gyldenfeldt mitteilen, dass es sein Wunsch wäre, dass Samuells vorgesetzter General nach Waidhofen kommen würde. Samuell teilte den deutschen Generälen aber mit, dass es sehr unwahrscheinlich sei, dass dieser kommen würde.

Auf Samuells Bitte hin ließ Gyldenfeldt nun die amerikanischen cavalry Soldaten von Aichen ins Schloss kommen. Samuell fuhr nun zu seinen Männern nach Aichen, klärte sie über die Ereignisse in Waidhofen auf und kehrte mit ihnen ins Schloss zurück. Im Verlaufe dieser Aktion traf Samuell seinen Kollegen Burns in der Nähe der Ybbsbrücke und informierte ihn über die jüngsten Ereignisse. Dies geschah um ca. 18.30 am 6. Mai 1945.

Am Abend des 6. Mai 1945 befand sich somit der gesamte 1. Zug unter dem Kommando von Lt. Samuell im Waidhofner Schloss. Nachdem die Amerikaner mit ihrem Divisionshauptquartier in Steyr Kontakt aufgenommen hatten, wurde beschlossen, die deutschen Generäle zur Kapitulation nach Steyr zu bringen. Da es aber langsam finster wurde und zu befürchten war, dass deutsche Einheiten die amerikanischen Wägen auf dem Rückweg nach Steyr in der Nacht beschießen könnten, wurde beschlossen, bis zum folgenden Tag zu warten:

Nachdem die Amerikaner eine Nacht im deutschen Hauptquartier verbracht hatten, war ihnen klar, dass diese Heeresgruppe noch ohne weiteres im Stande gewesen wäre, sich nach Südwesten in Richtung Berchtesgaden zurückzuziehen und dort eine Festung in der Gebirgsregion zu errichten. Die deutschen Truppen schienen das Know-how, die Moral, die Ausrüstung sowie die notwendigen Vorräte zu haben, um den Kampf in ernsthafter Weise fortführen zu können. Dies hätte noch das Leben vieler Amerikaner kosten können. Es war daher äußerst wichtig, die beiden deutschen Generäle zur Kapitulation nach Steyr zu bringen, bevor es sich diese vielleicht noch anders überlegten. Später gestand Rendulic, dass er in der Nacht zuvor eine Einheit aufstellen ließ, um den amerikanischen Zug anzugreifen. Er entschied sich aber dann in letzter Minute doch anders.

Samuell gewährte Gyldenfeldt eine direkte Funkverbindung mit seinem Stab. Rhatican’s Abteilung, mit einem Panzerfahrzeug, blieb im Schloss zurück. Er hatte direkte Verbindung mit dem Einsatzoffizier des Generals. Die Fahrzeugkolonne mit den deutschen Generälen verließ Waidhofen kurz nach Mittag. Als sie in Steyr ankamen, hatte die 71st Division eine sehr formelle Kapitulationszeremonie vorbereitet. Der Divisionskommandant Maj. Gen. W.G. Wyman erschien, um Rendulic zu treffen. Von Steyr fuhren die Generäle in ihrem eigenen Stabswagen mit einer Militärpolizei-Eskorte nach Reith , um dort General Walton Walker, den Kommandanten des U.S. XX Corps zu treffen. Dieser hatte sein Hauptquartier dort aufgeschlagen. Rendulic unterzeichnete das Dokument der bedingungslosen Kapitulation am 7. Mai 1945 um 6 Uhr abends. Die Kapitulation sollte eine Minute nach Mitternacht am 8. Mai 1945 in Kraft treten. 

Nachdem die Kapitulation unterzeichnet worden war, kehrte Samuell nach Waidhofen zurück, wo der Rest seines Zuges verblieben war. Sie erhielten wiederum ein Abendessen aus der deutschen Offiziersmesse. Danach traf sich Samuell mit dem deutschen Armeestab. Samuell informierte sie über das, was sich in der Zwischenzeit in Steyr ereignet hatte. Der Einsatzoffizier Gyldenfeldts erwähnte, dass er von Gyldenfeldt selbst über den amerikanischen Funk auch die Nachricht von der Kapitulation erhalten hätte. Er informierte Samuell, dass alle Vorkehrungen getroffen worden waren, um möglichst viele Soldaten der Heeresgruppe noch vor Mitternacht des 8. Mai über den Fluss bei Steyr zu bringen.

Am nächsten Tag wurde Rhaticans Abteilung im Schloss von Gyldenfeldt aus ihrer Kommunikationsfunktion entlassen. Samuell erhielt am 8. Mai den Befehl, mit dem Rest seines Zuges nach Steyr zurückzukehren. Während der Zeit vom 6. bis zum 8. Mai 1945, in der sich der 1. Zug unter Lt. Samuell im Waidhofner Schloss aufhielt, kam es auch zu Kontakten der Bevölkerung mit den amerikanischen Soldaten. Pitzel beurteilt diese Form der „Völkerversöhnung“ jedoch sehr kritisch: Da der Schlosshof nicht abgesperrt wurde, strömten bald viele Menschen hin, um die Amerikaner zu sehen. Ein junger Offizier, ein ehemaliger Wiener, sprach deutsch und es bahnte sich in gewissem Sinne zwischen Waidhofens junger Weiblichkeit und den Soldaten eine Völkerversöhnung an. Manchen mißfiel dies und es wurden Ausdrücke der Entrüstung über soviel Würdelosigkeit deutscher Frauen laut, aber in der Folge zeigte sich, dass die Moral noch tiefer sinken konnte. 

Und nun zurück zum 2. und 3. Zug unter dem Kommando von Lt. Delno Burns. Diese Gruppe bewegte sich am 6. Mai 1945, nachdem sie sich in der Gegend von Neustift vom 1. Zug getrennt hatten, über das Redtenbachtal sowie über die Weyrerstraße nach Waidhofen weiter: Sie erreichten den Stadtrand um ca. 3 Uhr nachmittags. Burns traf auf starken deutschen Militärverkehr. Wie Samuell, suchte er nach Sowjets, aber er traf nur auf enorme Massen deutscher Soldaten.
Die Einheit von Burns erreichte schließlich die Ybbsbrücke in Waidhofen.  Aber die Deutschen ließen den Verkehr nur in einer Richtung passieren, nämlich von Osten nach Westen. SS Truppen hatten die Funktion der Militärpolizei auf der Brücke übernommen und sie ließen keine Deutschen die Brücke in Richtung Osten überqueren. Als Burns mit seinen Soldaten versuchte, die Brücke in Richtung Osten zu überqueren, wurde er von der SS daran gehindert. Als er sah, dass sie hart blieben, gab er nach. Bei einer Auseinandersetzung wäre die SS sicherlich von den Wehrmachtssoldaten unterstützt worden, die sich ja zu Tausenden in der unmittelbaren Umgebung befanden. Burns beschloss daraufhin, nach Steyr zurückzufahren. Er sah dies als die beste Entscheidung an, da er ja die selben Benzinprobleme wie Samuell hatte. 

Ein weiters Internetdokument  schildert die Ereignisse von der Warte eines US Soldaten des 3. Zuges dieser amerikanischen Einheit. Sein Name ist Mason Hardin Dorsey. Er gelangte mit seinem Zug am 6. Mai durch das Redtenbachtal nach Waidhofen: Als wir die Brücke in Steyr überquert hatten, gabelte sich die Straße auf der östlichen Seite und wir nahmen die rechte Abzweigung. Der Tag war hell, sonnig und warm. Sehr bald wurde die Gegend bergig und bewaldet. Nach vier oder fünf Meilen trafen wir auf eine lange Kolonne deutscher Soldaten, - Kavallerie, Fahrzeuge und Infantrie. Zuvor hatten wir den Befehl erhalten, nicht zu schießen, außer es würde auf uns geschossen. Wir alle schrien „Das Krieg ist fertig - das Krieg ist fertig“, und gaben ihnen unsere Zigarettenvorräte. Die Deutschen waren auf dem Weg nach Steyr, und als wir die Kolonne passiert hatten, führten wir unsere Mission weiterKurz danach passierten wir noch weitere Kolonnen. Während eines Stops blickten wir auf den Bergrücken zu unserer Rechten. Eine ansehnliche Zahl deutscher Soldaten, ausgerüstet mit Tiger Panzern, Kavallerie, 88 Artilleriegeschützen und Infantrie schauten durch ihre Feldstecher auf uns herab. Falls sich aus Versehen ein Schuss gelöst hätte, wäre unser Zug innerhalb von 10 Minuten komplett vernichtet worden, dessen bin ich mir sicher. Glücklicherweise passierte nichts und wir konnten in Richtung Waidhofen weiterfahren. Als wir in die Stadt einfuhren, blieben wir in der Nähe einer Eisenbahnunterführung stehen. Ein deutscher Offizier stand auf der Straße. Marvin Eiland und ich stiegen aus unserem Fahrzeug, gingen auf ihn zu und verlangten seine Pistole. Er blickte uns verwundert an und sagte „Nein“. Ich sagte daraufhin: „Das Krieg ist fertig - Pistola bitte.“ - Langsam und zögernd zog er sie aus dem Halfter und gab sie mir. Als wir zu unserem M-8 zurückgingen lief Sgt. Fisher auf uns zu und sagte: „Ihr wahnsinnigen ##***##***, macht das nicht nocheinmal. Ihr bringt es noch so weit, dass sie uns alle töten!“ Wir fuhren unter der Eisenbahnunterführung weiter, kamen an eine Kreuzung und fuhren links. Die Straße ging über einen Berg, und wir blieben auf halbem Weg stehen.  Wir wussten es damals noch nicht, aber zur selben Zeit waren der 1. Zug unter Lt. Samuell auf einer anderen Route bereits in die Stadt und ins Rothschild Schloss gelangt. Er führte dort Gespräche über eine Kapitulation mit General Lothar v. Rendulic. ... Während wir warteten, sprach ich mit „Ankeles“, einem Kameraden aus Boston, der die Minimalgröße für einen GI  nur um 1/2 Zoll  übertraf. Kurz darauf kam ein riesiger SS Bulle in seiner schwarzen Uniform auf uns zu und begann zu reden. (Er war mindestens 6ft.4).  Er sprach wunderbares, perfektes Englisch mit typisch britischem Akzent. Ich fragte ihn, wo er so perfekt Englisch gelernt hätte. Er antwortete: „In Oxford - ich bin ein Absolvent von Oxford.“ Während wir über die verschiedensten Dinge sprachen ... öffnete Ankeles eine Schachtel, nahm ein Milky Way heraus, wickelte einen Teil aus und biss ab. Der SSler schaute auf Ankeles hinunter, nahm ihm das Milky Way aus der Hand und während er abbiss, sagte er: „Ein Wahnsinn - ihr Amerikaner habt alles - Süßigkeiten, Zigaretten - wirklich alles.“

Mir fehlen die Worte, um das Gesicht von Ankeles zu beschreiben, wie er den SSler ansah, während dieser sein Milky Way aß. Es war eine Mischung aus Bestürzung, Zorn, Verwunderung, Verlegenheit, etc. Er riss den Mund auf und seine Kinnlade fiel nach unten - er war völlig sprachlos. Da lachte ich laut, und der SSler begann ebenfalls zu lachen.

Auch dieser Teil der Einheit begab sich, nachdem sie bis zur Ybbsbrücke (Untere Zellerbrücke) vorgestoßen waren, wieder nach Steyr zurück.  In amerikanischen Veteranenkreisen wird diese Aufklärungstruppe bis heute als “the farthest east 71st“ - die „am weitesten nach Osten vorgedrungene Einheit der 71st Division“ bezeichnet. Sie sind vor allem stolz darauf, den Krieg hier in unserem Gebiet mit der Gefangennahme von Generaloberst Rendulic beendet zu haben.

Die Übernahme der Exekutivmacht durch ein Aktionskomitee und der Einmarsch der russischen Truppen

Wie sich die Übernahme der Exekutivmacht von den nationalsozialistischen Machthabern hin zu einem Aktionskomitee, das aus ehemaligen Gegnern des NS-Regimes bestand, abspielte, schildert Polizeiinspektor Pitzel sehr genau in seinem „Rückblick“: Am Vormittag des 8. Mai hatte sich vor dem Rathaus eine große Menge besorgter Menschen versammelt, die ihrer Befürchtung über das Schicksal der Stadt Ausdruck gaben, wenn sie, wie der Kreisleiter noch immer verlangte, verteidigt werden sollte. Es hatten sich im Geheimen schon eine Anzahl Männer der demokratischen Parteien zusammengefunden, die ein Aktionskomitee bildeten, und gewillt waren, die Geschicke der Stadt in die Hand zu nehmen. Die im Rathaus als Polizeiverstärkung Bereitschaft haltenden SA und Stoßtruppen waren abgezogen. Bürgermeister Zinner, der, wie schon gesagt, von seinem Vetrtreter Mayerhofer die Amtsgeschäfte wieder übernommen hatte, befand sich in der Bürgermeisterkanzlei, wo Stadtsekretär Schausberger, ich und der Meldeamtsleiter Trojan ihn über die Stimmung in der Bevölkerung informierten und ihm nahelegten, Maßnahmen anzuordnen, welche die Bevölkerung beruhigen sollten, vor allem den Einfluss des Kreisleiters auszuschalten, damit dieser die Stadt nicht ins Unglück stürzen kann. Wir setzten auseinander, dass es notwendig sei, sofort Vertrauensmänner der Bevölkerung zuzuziehen. Es hatten sich inzwischen auch zwei Vertreter der Geschäftsleute in der Bürgermeisterkanzlei eingefunden, welche die gleichen Vorschläge machten. Der Bürgermeister ging auch sogleich auf sie ein und Trojan sowie die beiden Gewerbetreibenden übernahmen es, die vor dem Rathaus versammelten entsprechend zu informieren. Der Abordnung, welche daraufhin zum Bürgermeister ging, gehörten prominente Mandatare der Gegenparteien der NS an, darunter der Altbürgermeister Lindenhofer  und von den Linksparteien Max Sulzbacher und Erich Meyer , (der dann Bürgermeister wurde) die dem Bürgermeister Zinner heftige Vorhalte machten. Der Bürgermeister erklärte, dass er alles getan hat, um Beruhigung zu schaffen und sowohl er als auch die anderen Verantwortlichen nicht daran denken, die Stadt gegen die Russen verteidigen zu lassen. Er habe auch diesbetreffende Maßnahmen getroffen.Da bekannt geworden war, dass sich der Kreisleiter in der Parteikanzlei, die sich im Hause Oberer Stadtplatz 14, also gegenüber dem Rathaus, befinde, wurde er zu der Besprechung geholt. Er kam in Begleitung des Ortsgruppenleiters Kienast und erregten die Beiden, da sie noch die politischen Leiter-Uniformen trugen, Empörung. Es wurde dem Kreisleiter dann auch in scharfen Worten sein Sündenregister vorgehalten. Der Kreisleiter versuchte die Vorwürfe zu widerlegen und seinen Standpunkt klarzumachen. Mit dieser denkwürdigen Besprechung hatte das Aktionskomitee faktisch die Exekutivmacht übernommen und dem Kreisleiter wurde erklärt, dass er sich zur Verfügung des Aktionskomitees zu halten habe und in der Bürgermeisterkanzlei verbleiben müsse, wo er dann auch allein gelassen wurde. Im Vorraum, beim Ausgang der Bürgermeisterkanzlei wurden zwei Männer als Bewachung postiert. Die aufgestellte Sonderpolizei richtete sich in den Diensträumen des Unterkammeramtes ein. Vom Vorsitzenden des Aktionskomitees (Erich Meyer) wurde eine Sitzung im Rathaussal einberufen, in der über die weiteren Schritte beraten, und beschlossen wurde, außer dem Kreisleiter, den Ortsgruppenleiter Kienast, den Volkssturmführer Weismann und den Ortskommandanten Würnschimmel in Verwahrung zu nehmen. Der Ortsgruppenleiter Robl der Ortsgruppe Waidhofen (Vorstadt Leithen) und Zell, hatte sich und zwei seiner Kinder erschossen. Der Kreisleiter war, wie schon ausgeführt, in der Bürgermeisterkanzlei festgehalten worden und befand sich allein in derselben. Die Sekretärin des Bürgermeisters war im Vorzimmer verblieben. Sie hatte gehört, dass der Kreisleiter ununterbrochen im Zimmer auf und ab ging. Als dann längere Zeit seine Schritte nicht zu hören war, öffnete sie die Türe zur Bürgermeisterkanzlei und sah den Kreisleiter am Boden liegen. Durch das Haustelefon setzte sie mich von dem Vorfalle in Kenntnis und ich fand Neumayer auf dem Teppich in einer großen Blutlache liegend, mit einem Kopfschuss tot auf. Die Pistole lag neben ihm. Er hatte sich selbst gerichtet! Merkwürdig war, dassdie Detonation des Schusses weder von der Sekretärin noch von den beiden Posten gehört worden war.

Der Ortsgruppenleiter Kienast und die anderen vorerwähnten Männer, zu denen dann noch der Ortsgruppenleiter von Böhlerwerk-Sonntagberg, Kaufmann , und einige andere kamen, wurden in Haft genommen und am nächsten Tag, nach dem Einmarsch der Roten Armee, vom Aktionskomitee der Besatzungsmacht übergeben.  Über das Verhalten des Kreisleiters vor seiner Festnahme berichtet Hierhammer in seinem „Situationsbericht eines städt. Beamten“: Kreisleiter Hermann Neumaier kommt mit seinem Wagen aus Amstetten. Am oberen Stadtplatz hatte sich eine erregte Menschenmenge angesammelt. Der Kreisleiter stieg mit einer Maschinenpistole bewaffnet aus u. drohte rückwärtsgehend: „Wer mich anrührt, den schieße ich über den Haufen!“ Neumaier musste inzwischen doch daran glauben, dassseine Zeit um war, denn die eben aufgestellte Hilfspolizei der Kommunistischen Partei entwaffnete ihn und sperrte den einstigen Kreisgewaltigen in eine Kanzlei des Rathauses ein. 

Aus späterer Zeit stammt eine Beurteilung dieser Ereignisse aus der Sicht des kommunistischen Bürgermeisters der Stadt, Erich Meyer. - Folgender Ausschnitt stammt aus einer Rede, die er am 17. Juni 1945 in Waidhofen hielt:

Als der völlige Zusammenbruch in den ersten Maitagen knapp bevorstand, gab es in Waidhofen noch immer einige, die an „Verteidigung“ dachten. Gegen diese Verbrecher und Narren mußte vorgegangen werden. Verantwortungsbewußte Männer der Stadt bildeten ein „Aktionskomitee“  und führten Besprechungen mit den Naziführern Kienast, Robl, Weismann und anderen. Mit den Amerikanern konnten wir nicht verhandeln, weil sie vorher wieder zurückfuhren. Unsere Handlungsfreiheit war beschränkt durch die zurückflutenden SS.-Verbände und durch das Auftauchen des Herrn Neumayer, des größten Verbrechers des Ybbstales. Noch in den Tagen des Zusammenbruchs und trotz seiner Versicherung, hier in Waidhofen nicht in Tätigkeit zu treten, richtete er in der Schulungsburg einen Geheimsender ein und versuchte die SS.-Verbände für eine Verteidigung der Stadt zu gewinnen. Um von diesen Zerstörern unserer Heimat frei zu sein, verhafteten wir ihn und seine Spießgesellen. An jenem Tage mußten wir auch die Fahnen mit den österreichischen Farben wieder einziehen, weil die SS. drohte, die Stadt zu vernichten.  Aus einer weiteren kommunistischen Kundgebung geht hervor, dass das Aktionskomitee, obwohl es „völlig unbewaffnet“ war, dennoch die Verhaftung der führenden Waidhofner Nationalsozialisten durchsetzen konnte. 

Am 9. Mai 1945 fuhr dann um 9.15 der erste russische Panzer in Waidhofen ein: Am 9. Mai um 9.15 Uhr fuhr der erste russische Panzer in der Wienerstraße ein, kehrte aber beim Schloß wieder um. Um 10.30Uhr begann dann die Besetzung der Stadt durch die Rote Armee. Der Kommandant einer Truppenabteilung wurde vor dem Rathaus am Freisingerberg vom Aktionskomitee, dem auch der Bürgermeister sich angeschlossen hatte, begrüßt. Er gab den Befehl, daß weitergearbeitet werden solle“ 

Weitere russische Besatzungstruppen mit Pferdegspannen kamen durch die Ybbsitzerstraße und den Ybbsturm:
Den Einmarsch der Russen erlebte ich an der Mauer beim Abgang zur Fuchslueg kauernd. Gemeinsam mit einigen Freunden konnten wir die vom Ybbstor her kommenden russischen Truppen sehen. Die ersten Russen waren Reiter, gefolgt von Pferdewägen mit Kisten und Ausrüstungsgegenständen darauf. Danach kamen einige Schützenpanzer. Sie fuhren auf den Oberen Stadtplatz und stellten sich bei der Mariensäule auf. 

Laut Pitzel fielen die letzten Schüsse des Zweiten Weltkrieges auf österreichischem Boden auf dem Gemeindegebiet von Waidhofen an der Ybbs
In der Straßenenge zwischen Pfingstmannmauer und Kanzel kam es zu einem Feuerwechsel zwischen Nachzüglern der SS und russischen Soldaten. Dort fielen die letzten Schüsse auf österreichischem Boden! 

Dieses Gefecht wird auch in der Chronik des Landeserziehungsheimes Reichenauerhof erwähnt:
Am Mittwoch (9.Mai) in der Früh waren die Russen noch nicht da. Am Vormittag gingen zwei Zöglinge des Heimes in Begleitung von Lehrerin Markgraf um die Milch. Es ging dies nur sehr langsam von statten, da sie sich gegen den Flüchtlingsstrom bewegen mussten. Da erscholl plötzlich der Ruf: Die Russen kommen. Er pflanzte sich auf der Straße von Mund zu Mund fort und alles begann zu laufen. In wenigen Minuten war die menschenüberfüllte Straße leer und mäuschenstill geworden. Auch Lehrerin Markgraf begab sich mit den Buben sofort nach Hause und bald darauf war eine heftige Schießerei zu hören, weshalb sich alle Heimbewohner in die Waschküche begaben, da dies der sicherste Ort des Hauses war. Die Schießerei dauert ungefähr zwei Stunden. Es handelte sich hiebei, wie wir später erfuhren, um einen Kampf zwischen SS und den Russen.  

Das „Stoffarchiv des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt“ entgeht knapp der Zerstörung

Der am 25. Mai 1900 in Waidhofen geborene Wilhelm Hanzer lernte bei seinem Vater das Tapezier- und Dekorationshandwerk. Nach Aufenthalten in Wien, Graz, Traunstein in Bayern und München legt er 1927/28 in Köln seine Meisterprüfung ab. 1935 geht er als Leiter der Textilhandelsabteilung der Vereinigten Werkstätten für Kunst und Handwerk nach München, wo er mit der Ausstattung von Hochseeschiffen und Staatsbauten betraut wird. Bei diesen Arbeiten lernt er Albert Speer kennen, der ihn am 16. September 1941 mit dem Aufbau eines „Stoffarchivs des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt“ beauftragt. Hanzers Aufgabenbereich wird von Speer folgendermaßen beschrieben:
In diesem Stoffarchiv sollen wertvolle alte und neue Stoffe gesammelt werden, die wegen ihrer künstlerischen Formgebung oder ihrer Gewebeart für die vielgestaltigen innenarchitektonischen Aufgaben im Zuge der Neugestaltung der Reichshauptstadt (GERMANIA) von Wert sein können. Die Bestände dieses Stoffarchivs werden in erster Linie aus günstigen Einkäufen im Ausland, vor allem in Italien und Frankreich, anzulegen sein.“
Dieses ursprünglich in Berlin untergebrachte Stoffarchiv wird im März 1943 wegen der zunehmenden Bombardements aus Berlin wegverlegt. Hanzer schlägt seinen Geburtsort Waidhofen an der Ybbs als bombensicheren Auslagerungsort vor und im März 1943 kommt es dann zur Übersiedlung. Unterbringungsort wird die damals vom Reichsarbeitsdienst verwaltete Winkler-Villa in der Weyrerstraße 78 (später in Seebachgasse 2 umbenannt). 

Sieben Räume und eine geschlossene Veranda in der oberen Etage sowie ein Kellerraum werden von Hanzer für die Unterbringung des Stoffarchives angemietet. Beim Einmarsch der Russen am 9. Mai 1945 kommt es noch (wie oben erwähnt) im Bereich der Winkler-Villa, Kanzel und Pfingstmannmauer zu letzten Kampfhandlungen zwischen abziehenden SS-Einheiten und der russischen Armee. Hanzer schildert in einem Brief an einen früheren GBI  Mitarbeiter die Situation folgendermaßen: „Das Kriegsende haben wir hier einigermaßen gut überstanden, weil zu unserem Glück das Feuer der russischen Batterien in unserem Park nicht mehr erwidert wurde. Wir hatten von Anfang an eine sehr anständige Besatzung, so dass ich das Archiv vollständig erhalten konnte. Am 27.4.46 wurde dasselbe jedoch von der alliierten Kontrollkommission übernommen und nach Wien überführt.“
Die Sammlung umfasst zu diesem Zeitpunkt 2186 Arbeiten vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhunderts sowie 1500 neue Gewebearbeiten des XX. Jhdt., vorwiegend der zwei letzten Jahrzehnte.  (insgesamt ca. über 3600)
Die Sammlung wird von Wien in die Sowjetunion überführt und 1959 an die DDR zurückgegeben. Heute befinden sich die Textilien im Kunstgewerbemuseum Berlin-Tiergarten. Die Textilsammlung umfasst knapp 2300 Gewebe und Kostümfragmente. Wilhelm Hanzer arbeitet nach dem Krieg als Innenarchitekt in Bad Godesberg. Er stirbt am 15.08.1991. 

Chronologie der Ereignisse

Hier sind nur jene Ereignisse festgehalten, die zeitlich eindeutig zugeordnet werden können.

29. März Erste sowjetische Einheiten überschreiten bei Klostermarienberg die österreichische Grenze
5./6.April Todesmarsch von KZ-Häftlingen über St. Leonhard am Wald
11. April Kriegsgefangene lagern in Gstadt, Die Verhängung des „Standrechts“ wird im „Boten von der Ybbs“ bekanntgemacht
13. April Wien ist in den Händen der Sowjets
22. April Ermordung des Ehepaares Kunizer
28. April Herausgabe des Führerbefehls „Kernfestung Alpen“
30. April Selbstmord Hitlers
6. Mai         (SO) - Amerikanische Aufklärungseinheiten starten von Steyr und erreichen Waidhofen, wo sie im Schloss mit General Rendulic Kontakt aufnehmen         
                        Eine Fliegerbombe wird am Viadukt der Ybbstalbahn angebracht
7. Mai         (MO) - Die Amerikaner verbringen die Nacht vom 6. auf den 7. Mai im Schloss

        - Waffen SS und sonstige Truppen ziehen durch St. Leonhard;           
                        - General Rendulic wird nach Steyr gebracht, wo er um 18 Uhr die Kapitulation der Heeresgruppe Süd (Ostmark) unterzeichnet            
                        - Ein Teil der Amerikaner bleibt im Schloss zurück und verbringt auch noch die folgende Nacht in Waidhofen

8. Mai          (DI) - 1 Minute nach Mitternacht tritt die Kapitulation in Kraft,        
                        - Die letzten Amerikaner verlassen das Schloss und ziehen nach Steyr ab
                        - Die 6. Armee marschiert durch unser Gebiet    
                        - Ein „Aktionskomitee“, das aus ehemaligen Gegnern des NS-Regimes besteht, übernimmt die Exekutivgewalt in Waidhofen
                        - Selbstmord des Kreisleiters Hermann Neumayer
9. Mai          (MI) - Bis 1 Uhr früh dürfen deutsche Truppen noch die amerikanischen Linien überschreiten    
                        - Ab 9.15 Einmarsch sowjetischer Truppen in der Stadt
                        - Am Vormittag findet noch ein letztes Gefecht zwischen SS Einheiten und sowjetischen Truppen bei der Pfingstmannmauer (Weyrerstraße) statt